Wer war der Prophet Mohammed?

von Daniel Pipes
Jerusalem Post
12. Mai 2000

http://de.danielpipes.org/1192/wer-war-der-prophet-mohammed

Englischer Originaltext: Who was the Prophet Muhammad?

In einer berühmten und oft wiederholten Erklärung schrieb der französische Gelehrte Ernest Renan 1851, daß – anders als die übrigen Gründer der großen Religionen – der Prophet Mohammed „im vollen Licht der Geschichte geboren wurde“.

Tatsächlich: Wenn man den Begriff Mohammed in einem Lexikon nachschlägt, dann findet man seine Lebensdaten überzeugend aufgelistet: geboren 570 in Mekka, Karriere als erfolgreicher Geschäftsmann, erste Offenbarung 610, Flucht nach Medina 622, triumphale Rückkehr nach Mekka 630, gestorben 632.

Noch besser: Lesen Sie das 610 Seiten starke englischsprachige Standardwerk über Mohammeds Leben von W. Montgomery Watt und Sie finden eine reichhaltig detaillierte Biographie.

Es gibt aber zwei größere Probleme mit dieser Standard-Biographie, wie in einer faszinierenden neuen Studie erklärt wird: „The Quest for the Historical Muhammad“ (Die Suche nach dem historischen Mohammed), herausgegeben von Ibn Warraq (Prometheus Books).

Erstens wird jede ausführliche Dokumentation über Mohammed immer aus schriftlichen arabischen Quellen abgeleitet – Biographien, Sammlungen der Aussprüche und Taten des Propheten usw. – deren früheste eineinhalb Jahrhunderte nach seinem Tod verfasst wurde.

Nicht nur dieser lange zeitliche Verzug wirft Zweifel bezüglich der Genauigkeit dieser Werke auf; auch internes Beweismaterial weist stark darauf hin, daß die arabischen Quellen im Kontext heftiger partisaner Streitereien über die Fakten von Mohammeds Leben zusammengestellt wurden.

Um eine Analogie zu Amerika zu ziehen: Es ist so, als ob die ersten Berichte über die Verfassung gebende Versammlung der USA von 1787 erst kürzlich aufgeschrieben worden wären – und zwar im Kontext polemischer Debatten über die Interpretation der Verfassung.

Zweitens widersprechen die heute noch vorhandenen früheren Quellen über das Leben des Propheten der Standardbiographie dramatisch. Zum einen Teil sind dies literarische, nicht arabische Quellen in Sprachen wie z.B. Armenisch, Griechisch oder Syrisch; zum andern handelt es sich um materielle Überreste wie Papyri, Inschriften und Münzen.

Obwohl die Unzuverlässigkeit der arabischen Literaturquellen seit einem Jahrhundert bekannt ist, haben Gelehrte erst kürzlich begonnen die vollen Auswirkungen zu erforschen, größtenteils Dank der bahnbrechenden Arbeit des britischen Akademikers John Wansbrough. Nach dem Motto „interessant, falls es stimmt“ betrachten sie die schriftlichen arabischen Quellen mit Skepsis und kommen zum Schluß, daß diese eine Form von „Heilsgeschichte“ sind – unzuverlässige Berichte zum Selbstzweck der Gläubigen.

Die riesige Menge an Details beurteilen revisionistische Forscher als fast komplett gefälscht. Die Revisionisten betrachten den traditionellen Bericht vielmehr als so unzuverlässig, daß Patricia Crone unvergeßlich geschrieben hat: „Man könnte wenn man dies wolle, den größten Teil von Montgomery Watts Biographie von Mohammed in umgekehrter Reihenfolge darstellen.“

Eine Inschrift und ein griechischer Bericht führt z.B. Lawrence Conrad dazu, Mohammeds Geburt im Jahr 552 anstatt 570 anzusetzen. Frau Crone befindet, daß Mohammeds Karriere nicht in Mekka, sondern Hunderte von Kilometern weiter nördlich stattgefunden habe. Yehuda Nevo und Judith Koren sind der Meinung, daß die klassische arabische Sprache nicht im heutigen Saudi Arabien, sondern in der Levante entwickelt wurde und Arabien erst durch die Kolonisierungsversuche eines der frühen Kalifen erreichte.

Daraus ergeben sich verblüffende Schlußfolgerungen. Die arabischen Stämme, die im siebten Jahrhundert große Landstreifen eroberten, waren nicht Muslime, sondern eventuell Heiden. Der Koran ist weder „ein Produkt von Mohammed, noch ist er arabisch“, sondern eine Sammlung frühen jüdisch-christlichen liturgischen Materials, zusammengeschustert um die Bedürfnisse eines späteren Zeitalters zu bedienen.

Ganz grob gesagt: „Es gab keinen Islam, wie wir ihn heute kennen“ bis zwei- oder dreihundert Jahre nach der Zeit, welche die traditionelle Version angibt (also eher im Jahr 830 statt 630); er entwickelte sich nicht in den fernen Wüsten Arabiens, sondern durch die Interaktion arabischer Eroberer mit den von ihnen unterworfenen zivilisierteren Völkern. Ein paar Forscher gehen noch weiter und zweifeln sogar die Existenz Mohammeds an.

Obwohl die Forschung rein wissenschaftlich unternommen wurde, werfen die durch die „Suche nach dem historischen Mohammed“ zur Verfügung gestellten Ergebnisse grundlegende Fragen für Muslime bezüglich der Rolle des Propheten als moralischem Vorbild auf; bezüglich der Quellen des islamischen Gesetzes und der Gott gegebenen Natur des Koran. Trotzdem überrascht es nicht, daß fromme Muslime es vorziehen diese Fragen zu vermeiden.

Ihre Hauptstrategie bisher war die der Vernachlässigung – in der Hoffnung, daß der Revisionismus, wie Zahnschmerzen, einfach vorbei gehen wird.

Aber Zahnschmerzen verschwinden – genausowenig wie der Revisionismus – nicht spontan. Wahrscheinlich werden die Muslime eines Tages vom Bemühen auf diese Herausforderungen einzugehen überwältigt sein; wie es auch den Juden und Christen im 19. Jahrhundert erging, als sie sich mit vergleichbaren wissenschaftlichen Nachforschungen konfrontiert sahen. Letztere beiden Religionen überlebten diese Erfahrung – wenn sie sich auch in dem Prozess tiefgreifend verändert haben – und so wird es auch mit dem Islam sein.

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