Warum junge Muslime sich radikalisieren

Eine explosive Studie / Quelle

Von Alex Jost.

Zusammenfassung

Kurz vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich veröffentlichten zwei Soziologen des Centre national de la recherche scientifique (CNRS) am 20. März die vorläufigen Ergebnisse einer Studie, die fast 7.000 französische Jugendliche nach ihren Ansichten bezüglich des Verhältnisses zwischen Religion und Gesellschaft fragte.

Die Studie „bereinigt“ zu einem großen Teil den Effekt von Opferstatus, Chancenungleichheit, sozialer Ausgrenzung und anderen materiellen Faktoren. Am Ende bleibt der Islam – als Religion, als Weltanschauung, als Wertesystem – als unabhängige und starke – wenn nicht die stärkste – radikalisierende Kraft stehen. Der Beginn des Radikalisierungs- und Abschottungsprozesses kann somit, zu einem signifikanten Grad, nach offizieller Regierungsstatistik in der Familie und in der Erziehung lokalisiert werden. Diskriminierung und Chancenungleichheit betreffen viele gesellschaftliche und religiöse Gruppen die eine weit schwächere Tendenz hin zum Fundamentalismus aufzeigen. Nicht eine strukturelle Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft, sondern eine in der Familie übertragene Mentalität der kulturellen Abgrenzung, eine Selbstisolation basierend auf religiösem Konflikt, ist für die muslimischen Parallelgesellschaften Frankreichs verantwortlich.

vergleiche:
Der Islam als soziales System

Das Ziel der beiden Soziologen Anne Muxel und Olivier Galland war es, die Dynamik der politischen und religiösen Radikalisierung unter französischen Jugendlichen besser zu verstehen. Ihre vorläufigen quantitativen Auswertungen (qualitative Auswertungen basierend auf ,,Focus Groups“ folgen in den nächsten Monaten noch) bestätigen die schon von einer langen Reihe von anderen Studien etablierte Tatsache, dass muslimische Jugendliche weit häufiger als nicht-muslimische Gleichaltrige zu einer religiös-fundamentalistischen Weltansicht tendieren.

Wirklich interessant sind aber die Erkenntnisse der Studie mit Blick auf die kausale Dynamik die hinter der verstärkten Identifizierung mit einem von religiösem Konservatismus, sozialer Abgrenzung und kultureller Konfrontation mit der Mehrheitsgesellschaft dominierten Weltbildes steht.

Bis jetzt ist es eine der wenigen offiziellen Studien die konkret auf die relative Signifikanz von Erziehung und Familienleben in der Identitätsentwicklung eingehen – konträr zum Standardnarrativ einer politisch-religiösen Radikalisierung die als vorgeschobenes Äußerungsmedium für eine von Diskriminierung, Rassismus und Bildungs- und Chancenungleichheit getriebenen Frustration dient. Zum Glück für die Anti-Le-Pen-Koalition erscheint die Studie in ihrer Gesamtheit erst nach den Präsidentschaftswahlen, so dass dem Zweifel der Rechtspopulisten am materialistischen Opfernarrativ nicht noch unnötige wissenschaftliche Legitimität verliehen wird. Le Monde kommentierte sogar, dass die beiden Soziologen sich nicht voll bewusst sind, dass sie womöglich die ,,Büchse der Pandora“ mit ihrer Studie öffnen könnten.

Ein auffälliger „religiöser Effekt“
Die Studie befragte zwischen Oktober 2016 und März 2017 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 in 21 französischen Bildungseinrichtungen. Die Umfrage ist absichtlich nicht repräsentativ der Meinungen aller französischen Jugendlichen in diesem Alter. Es wurde sich auf die Zone urbaine sensible konzentriert: Jugendliche aus Arbeitervierteln, mit Migrationshintergrund und mit muslimischen Glauben sind überrepräsentiert. Andere demographische Faktoren wie Geschlecht, Art der Ausbildung und die geographische Lage der Bildungseinrichtung (also ob sie in städtischem oder ländlichen Gebiet ist), hat man versucht gleichmäßig einzubeziehen. Dieser Ansatz führt zu gewissen Verzerrungen in der Extrapolation eines wahrscheinlichen Meinungsbildes der gesamten muslimischen Bevölkerung Frankreichs. Muxel und Gallands Stichprobe repräsentiert ausschließlich muslimische Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren (25 Prozent aller Befragten), was natürlich die oft konservativeren Ansichten älterer Familienmitglieder außer Acht lässt. Dennoch ergeben sich interessante Kontraste zwischen den Dynamiken der jugendlichen Identitätsentwicklung im muslimischen und nicht-muslimischen Milieu.

In einem auf der Webseite des CNRS veröffentlichten Interview bestätigen Muxel und Galland einen besonderen „religiösen Effekt“ unter den muslimischen Befragten entdeckt zu haben. Die muslimischen Jugendlichen tendierten dreimal häufiger zu einem ,,absolutistischen“ Glauben als ihre nicht-muslimischen Altersgenossen.

Ein Glaube ist absolutistisch, so die Soziologen, wenn er sich als einzig wahren Glauben sieht und die Religion als bessere Erklärung der Welt angesehen wird als die Wissenschaft. 11 Prozent aller Befragten folgten somit einem absolutistischem Religionsbild – eine Zahl die bei den muslimischen Befragten auf 32 Prozent ansteigt (gegenüber 6 Prozent unter Christen). 33 Prozent der muslimischen Befragten „akzeptierten“ Gewalt und delinquentes Verhalten als legitime Lebensentwürfe. Der Anteil der muslimischen Befragten, die beiden Kategorien positiv zugeneigt sind, liegt laut den vorläufigen Ergebnissen bei 12 Prozent. Auf eine Anfrage der katholischen Zeitung La Croix antwortete Gallands: ,,9 Prozent der christlichen Gymnasiasten und 20 Prozent der muslimischen Gymnasiasten glauben, dass es manchmal legitim ist, für ihre Religion zu kämpfen.“ Muxel und Galland präsentieren ähnliche Statistiken über die Bereitschaft muslimischer und nicht-muslimischer Jugendlicher, die Terrorattacken auf Charlie Hebdo und das Bataclan zu kritisieren.

Starker Bezug zum Islam korreliert mit der Bereitschaft zur Radikalisierung
Doch viel interessanter als ihre Einblicke in die Symptome des besonderen „religiösen Effekts“ unter muslimischen Jugendlichen ist Muxel und Gallands Interpretation seiner Entstehung. Im Interview auf der CNRS-Seite meint Muxel, dass sie ,,erstaunt war“ von ,,der Bedeutung der religiösen Sozialisierung im Familienkreis“ für die Entwicklung muslimischer Jugendlicher:

,,Die Hypothese der Abwendung von einem atheistischen oder ungläubigen Milieu, oder die einer Religion, die nur als Legitimierung für die Radikalisierung aus anderen Gründen, sind nicht überzeugend. Im Gegenteil, diese jungen Leute erhalten eine religiöse Erziehung/Ausbildung die einen hohen Stellenwert in ihrem täglichen Leben und in ihrer Familie hat.“

Durch den qualitativen Teil der Studie wollen die Soziologen die Verbindung zwischen einem starken persönlichen Bezug zum Islam und der Wahrscheinlichkeit der Radikalisierung – eine Verbindung die den vorläufigen Ergebnissen zufolge existiert – noch intensiver erforschen.

Des weiteren meint Galland, dass ,,eine rein ökonomische Erklärung nicht stichhaltig erscheint.“ Innerhalb der ZUS sind muslimische Jugendliche nicht wesentlich pessimistischer mit Blick auf ihre Aufstiegschancen als ihre nicht-muslimischen Altersgenossen. Zwar meint Galland die Studie zeige auch, dass ,,Wahrnehmungen der Diskriminierung“ unter muslimischen Jugendlichen ,,doppelt so stark sind“, und es einer nuancierten Analyse des Zusammenspiels zwischen Identität und dem Gefühl der gesellschaftlichen Benachteiligung bedarf.

Beginn der Radikalisierung in der Familie und der Erziehung
Aber Muxel qualifiziert diese Aussage ihres Kollegen. Die Studie zeige, dass individuelle Frustration mit einer wahrgenommenen Diskriminierung den ,,religiösen Effekt“ im Radikalisierungsprozess nur moderieren kann. Unter den Befragten tendieren ,,junge Muslime, die sich diskriminiert fühlen, eher zu radikalen Ideen als Muslime, die sich nicht diskriminiert fühlten. Aber ob sie sich diskriminiert fühlen oder nicht, junge Muslime scheinen im Durchschnitt eine stärkere Verbindung zu radikalen religiösen Ideen zu haben als andere junge Menschen.“

Somit ,,bereinigt“ die Studie zu einem großen Teil den Effekt von Opferstatus, Chancenungleichheit, sozialer Ausgrenzung und anderen materiellen Faktoren. Am Ende bleibt der Islam – als Religion, als Weltanschauung, als Wertesystem – als unabhängige und starke – wenn nicht die stärkste – radikalisierende Kraft stehen. Der Beginn des Radikalisierungs- und Abschottungsprozesses kann somit, zu einem signifikanten Grad, nach offizieller Regierungsstatistik in der Familie und in der Erziehung lokalisiert werden. Diskriminierung und Chancenungleichheit betreffen viele gesellschaftliche und religiöse Gruppen die eine weit schwächere Tendenz hin zum Fundamentalismus aufzeigen. Nicht eine strukturelle Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft, sondern eine in der Familie übertragene Mentalität der kulturellen Abgrenzung, eine Selbstisolation basierend auf religiösem Konflikt, ist für die muslimischen Parallelgesellschaften Frankreichs verantwortlich.

Alex Jost stammt aus Dresden und studiert momentan Politikwissenschaft und Geschichte in Oxford

 

 

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