Prädestination und freier Wille

Vollkommene Freiheit ist das Einzige, was im menschlichen Dasein von Bedeutung ist. Freiheit setzt große Demut, angeborene innere Disziplin und Arbeit voraus. Soll Freiheit unser Ziel sein, so muss man in Freiheit beginnen, weil Anfang und Ende eins sind. Selbsterkenntnis und Einsicht können nur entstehen, wenn vom ersten Anfang an Freiheit herrscht.                                         Krishnamurti

 

Zusammenfassung

Die Frage der Vorherbestimmung und Eigenverantwortlichkeit des Menschen hat im Koran vor allem im Zusammenhang mit der Frage des Glaubens und Unglaubens Relevanz. Wie in den Kapiteln

Prädestination in der sunna
Prädestination im Koran 
Textanalyse

herausgearbeitet wurde, hat der Allmächtige die Gläubigen gläubig und die Ungläubigen ungläubig erschaffen. Damit sich die von Ihm verfügte Prädestination korrekt manifestiert, greift Er lenkend ein – wie zum Beispiel durch die Irreleitung.

Das zentralste Konzept der islamischen Theologie, die Allmacht und Souveränität Allahs, Seine vollständige Entscheidungsfreiheit, ebenso unangetastet und unantastbar von Seinen Gläubigen wie für sie auch unerforschlich, ist also die Grundlage des Dogmas der Prädestination. Allah entläßt nichts aus Seiner Wirk- und Bestimmungsmacht:

Allahs Allmacht

Darüber hinaus hat Allah den ganzen Weltenverlauf seit Anbeginn bis ans Ende der Zeit auf der immerwährenden Tafel (den himmlischen Büchern / der Urschrift) in seiner Totalität festgeschrieben – bevor Er diese Seine Welt überhaupt erschaffen hat. Dies setzt jeder Erörterung über den freien menschlichen Willen eigentlich ein definitives Ende:

Die materielle Wirklichkeit der Urschrift

Im Kapitel ► Freier Wille werden wir mit koranischen Aussagen konfrontiert, welche in der Tat einer von Allah unbeeinflußten Verantwortung der Menschen das Wort reden. Allerdings wird uns in weiteren mekkanischen Versen versichert daß „alle Dinge, die sie tun stehn in den Büchern“ und „alles kleine und große ist niedergeschrieben“ womit der freie Wille zugunsten der Prädestination umgehend wieder aufgehoben wird.

► Allah als Zwingherr über Seine Diener

Auf den Punkt gebracht wird die Inkonsistenz der dogmatischen Aussagen zur Prädestination von A. Guillaume: „Es gibt Texte, die eindeutig feststellen, daß der Mensch für sein Handeln verantwortlich ist, obgleich der größte Anteil der Schriften definitiv aussagt, daß alles vorherbeschlossen ist. Die Mutaziliten (eine frühislamische Sekte) befaßten sich mit diesen Stellen und schwächten die Aussagen über die Prädestination ab. Dennoch kann nicht geleugnet werden, daß die Orthodoxie den Koran auf ihrer Seite hatte, wenn sie geltend machte, daß die Prädestination durch Allah absolut sei. Diese Ansicht über die Prädestination wird von allen Kapiteln in den Büchern der kanonischen Tradition (Sunna) getragen. Nicht eine einzige Aussage von Muhammad wird dort erwähnt, die dem Menschen Handlungsfreiheiten einräumen würde. Alles ist von Anbeginn vorherbestimmt, und das Schicksal eines Menschen steht fest, ehe er geboren wird … Die orthodoxe Reaktion auf die Lehre vom freien Willen des Menschen war seltsam. Die Mutaziliten wurden Dualisten genannt, weil sie durch ihr Postulat, daß der Mensch Macht über sein eigenes Handeln hat, diesen gleichsam zum Schöpfer seiner Werke erklärten und somit die Allmacht Gottes beschränkten.“ (A. Guillaume, Islam, Penguin, USA, 1954, Seite 131)

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Die völlige Inkompatibilität von selbstbestimmtem menschlichen Handeln mit Allahs Allmacht und Seinem souveränen und alleinherrlichen Schöpfungswillen wird auch im folgenden Kapitel über Vorauswissen und Vorherbestimmung auf der islamischen Internetplattform Islam-Pedia klar herausgearbeitet. Allerdings sicher unbeabsichtigt:

Al-qadhaa (Vorauswissen) und Al-qadar (Vorherbestimmung) Allahs

Die islamische Internetseite Islam-Pedia beleuchtet das Thema Vorauswissen und Vorherbestimmung ausführlich.   (Quelle)

kuffar = Ungläubige
iman = Glaube

Hier die Zusammenfassung:


Zuerst einmal wird, wie auf den meisten islamischen Internetseiten mit exegetischem Inhalt darauf hingewiesen, daß die kuffar mit ihrem beschränkten Vokabular die Erhabenheit der islamischen Heilslehre nicht akkurat abbilden können.

Bei der Definition der Begriffe wird dann versucht, Vorauswissen und Vorherbestimmung auseinanderzuhalten, wobei Vorherbestimmung definiert wird als: „die Verwirklichung von Al-qadaa durch Allahs Allmacht entsprechend Seinem Willen“.

In den folgenden Abschnitten wird, trotz dieser eigentlich schon klaren Aussage, der „freie Wille“ des Menschen stipuliert. Der wird dann allerdings unter „Die iman-Inhalte von al-qadar“ bei Punkt 2 definitiv zertrümmert:

Der iman an den Willen Allahs, den Er definitiv, unvermeidlich und absolut autonom durchsetzt, und der Iman an Seine absolute Allmacht. Dies beinhaltet:

 dass durch den Willen Allahs alles, was Er will, aufgrund Seiner Allmacht unausweichlich geschieht und geschehen wird,
 dass absolut nichts geschehen kann und wird, das nicht Seinem Willen entspricht
.“

Eindeutiger kann man das Vorauswissen Allahs nicht mehr in Seiner vollständigen Prädestination aufgehen lassen und kommt dementsprechend am Ende der Argumentationskette zur Aussage aus einem hadith von Bukhari:

“Allah hat jedes Geschöpf sowie dessen Taten geschaffen”

Aufschlussreich ist auf dieser Seite noch der Hinweis auf das Verbot an die muslime, die ganze Thematik der Vorherbestimmung verstehen oder gar hinterfragen zu wollen:

„Allah selbst vermittelte den Menschen durch die Gesandten einige begrenzte Kenntnisse von Al-qadar. Diese begrenzten Kenntnisse reichen für das Diesseits aus. Weitere, tiefergehende Kenntnisse über Al-qadar sind von Allah für den Menschen im Diesseits nicht vorgesehen. Aus diesem Grund ist es untersagt, nach den nicht geoffenbarten, verborgenen Dingen von Al-qadar zu forschen, Spekulationen darüber anzustellen und Vermutungen dazu zu äußern“.

Damit muß ein muslim sich wohl begnügen.

Dafür wird in diesem Traktat noch eine andere Frage geklärt. Die Frage des Umfangs von Allahs Vorauswissen. Die Kenntnis der Seele eines jeden Seiner Knechte ist absolut und detailliert. Diese Information ist natürlich die Konsequenz von Allahs Allwissen:

Allah kennt z. B. alle Angelegenheiten der Geschöpfe: – Zeitpunkt von Geburt und Tod und die Zeitspanne ihres Lebens, – alle Geschehnisse, die Entscheidungen erfordern, – alle Umstände, die Entscheidungen beeinflussen, – alle Entscheidungsfindungsprozesse, – alle bewusst und unbewusst gefällten Entscheidungen, – alle daraus resultierenden Handlungen und ihre Auswirkungen, – alle weiteren Entscheidungen aufgrund dieser Handlungen, usw.

Allah spielt auf dieser innerpsychischen Klaviatur entsprechend Seinem absoluten Willen, Seiner Allmacht und Seiner Vorherbestimmung.

1. Einleitung

In diesem Kapitel geht es um eine Frage, die in vielen Religionen diskutiert wird: ist das Leben eines Menschen durch göttliche Setzung vorherbestimmt, oder ist es von einer solchen Determinierung frei? Dazu ist es sicher sinnvoll, die gebrauchten Begriffe genauer zu definieren.

Begriffsdefinitionen zur Prädestination
► Einführung in die islamische Prädestinationslehre
 Allahs Allmacht und Seine umfassende Prädestination: die dogmatischen Konsquenzen

Koran und sunna beinhalten zu diesem Themenbereich umfangreiche Aussagen. Dabei zeigt sich ein Dilemma, das in den islamischen Schriften selbst steckt: Wie wir in diesem Kapitel darlegen, machen unzählige Stellen eindeutige Aussagen darüber, daß Allah das Leben eines jeden Menschen vorprogrammiert hat. Dies insbesondere in Bezug auf das zentrale Thema der islamischen Heilslehre: den Glauben beziehungsweise Unglauben der Menschen.

Andererseits kann man aus dem dringenden koranischen Mahnruf, den vielen rituellen und schariatischen Geboten nachzukommen folgern, daß Allah von Seinen Knechten erwartet, daß sie sich Seiner Rechtleitung immer wieder willentlich unterstellen.

Diese Glaubensanstrengung erfolgt im Hinblick auf das wichtigste Ereignis im Leben eines gläubigen muslim: das Endgericht. Dann werden alle Rechenschaft für ihre Handlungen ablegen müssen.

Das Jüngste Gericht

Dies macht jedoch nur Sinn, wenn dem Menschen Entscheidungsfreiheit und damit Verantwortung zugestanden werden. „Ohne die Freiheit zur Wahl seiner Handlungen wäre die Verantwortung des Menschen für sein Verhalten am Tage des Jüngsten Gerichts bedeutungslos.“ (Encyclopaedia of the Qur’an, Brill, Leiden + Boston, 2006, Seite 522) Selbstverantwortung und Vorherbestimmung des Lebens schließen sich gegenseitig logischerweise aus.

Ein Versuch, die beiden vollkommen konträren Konzepte – Vorherbestimmung und Selbstverantwortung – kompatibel zu machen besteht darin, daß wir annehmen, daß Allah den Glauben der Gläubigen und den Unglauben der Ungläubigen vorherbestimmt hat. Und genau diese Aussage machen Koran und sunna. Unter dieser Prämisse ist die Aburteilung der Ungläubigen beim Endgericht – mindestens von der menschlichen Vernunft und dem menschlichen Gerechtigkeitssinn her gesehen – unsinnig und willkürlich denn: „Wozu dies alles, wo doch, nehmen wir diese Lehren beim Wort, selbst die Andersgläubigen auf der ihnen von Allah vorgezeichneten „geraden Straße“ wandeln?“ ( T. Nagel, Angst vor Allah?, Duncker & Humbolt, Berlin, 2014, Seite 100)

Die Forderung nach genauer Einhaltung der fünf Säulen des Islam (siehe unten) sowie aller schariatischen Bestimmungen macht nur Sinn, wenn sich der Gläubige bei allen auftauchenden Lebensproblemen immer wieder darum bemühen kann, die Anforderungen des Dogmas zu erfüllen. Entsprechend den in diesem Kapitel vorgestellten Belegen ist eben diese Fähigkeit und Bereitschaft offenbar von Allah bewirkt worden. Sie ist damit letztlich vorherbestimmt.

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Diese Konsequenz aus der islamischen Heilslehre folgert sich nicht nur aus den hier noch vorzustellenden Zeugnissen aus Koran und sunna sondern letztlich aus der Vorstellung der „immerwährenden Tafel hoch über dem siebten Himmel“. Diese „Mutter des Buches“ (umm al-kitab) beinhaltet „die Beschreibung aller vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Ereignisse und ist die Quelle der Offenbarung …“ (Encyclopaedia of the Qur’an, Brill, Leiden + Boston, 2006, Seite 412) Wir haben die himmlischen Bücher in einem separaten Kapitel vorgestellt:

Die himmlischen Bücher

Für die Ungläubigen stellt sich, wie erwähnt, die Situation sehr unbefriedigend dar. Dies nicht nur, weil Allah ihren Unglauben vorherbestimmt hat. Vielmehr müssen die sehr zahlreichen Verse im Koran zum Los der Ungläubigen dahingehend verstanden werden, daß sich der Allmächtige auch noch permanent um die Erhaltung ihres Unglaubens kümmert. Das wiederum wäre logischerweise ja eigentlich überflüssig.

► Irreleitung
Allahs Allmacht
Allah bestimmt, wer überhaupt gläubig werden kann
► Prädestination im Koran

Die Vorherbestimmung ist ein unabdingbarer Teil des islamischen Dogmas. Sie ist der sechste Punkt der Glaubensvorschriften, die im nächsten Kapitel vorgestellt werden.

2. Die 6 Glaubensvorschriften

Wir haben die fünf Säulen des Islam schon kennen gelernt

  • 1. Glaubensbekenntnis (schahada)
  • 2. Gebet (salat)
  • 3. Almosen (zakat)
  • 4. Fasten (saum)
  • 5. Pilgerfahrt nach Mekka (haddsch)

Darüber hinaus sind noch sechs Glaubensvorschriften oder Glaubensinhalte ausformuliert worden, die für das Dogma ebenso grundlegend sind und die in sich eine unzertrennliche Einheit bilden. (http://www.islamreligion.com/de/category/50/) Leugnet ein muslim nur eine davon, verwirft er auch die anderen. Die Vorschriften umfassen den Glauben:

  • 1. an Gott
  • 2. an Seine Engel
  • 3. an die Heilige Schrift
  • 4. an Seine Apostel
  • 5. an die Wiederauferstehung und den Tag des Jüngsten Gerichtes
  • 6. an Gottes Vorherbestimmung

Die sechs Glaubensvorschriften sind direkt aus der sunna abgeleitet. Der Engel Gabriel hat die Richtigkeit dieses Dogmas bezeugt:

Muslim B001 N0001 erzählt von Yahya b. Ya’mur: … Er schwor dann bei Allah und sagte: „Wenn irgendeiner von denen, welche nicht an das Göttliche Dekret glauben einen Goldhaufen in der Größe vom Berge Uhud hätte, würde Allah diese Goldmasse nicht akzeptieren, außer er würde seinen Glauben in das Göttliche Dekret (wieder) herstellen.“ Er führte weiter aus, daß sein Vater, Umar ibn al-Khattab ihm folgendes erzählt habe: „Eines Tages, als wir mit Allahs Gesandten herumsaßen, erschien ein Mann, der ganz in weiß gekleidet war, jedoch pechschwarzes Haar hatte. Er sah nicht aus als ob er gereist sei und niemand von uns erkannte ihn. Schlußendlich kniete er sich vor Mohammed hin, legte die Hände auf seine Oberschenkel und sagte: ‚Mohammed, informiere mich über den Islam.’ Dieser erklärte: ‚Islam meint, daß man bezeugt, es gäbe keinen Gott außer Allah, daß Mohammed Sein Gesandter ist, daß man regelmäßig betet, Zakat (Almosen) entrichtet, während des Ramadan fastet und eine Pilgerfahrt nach Mekka unternimmt, falls man es sich leisten kann.’ Der Besucher entgegnete: ‚Du hast die Wahrheit gesprochen.’ Umar ibn al-Khattab sagte, daß sie erstaunt gewesen wären weil der Fremde erst eine Frage gestellt und dann die Antwort verifiziert habe. Er hätte aber nochmals gefragt: ‚Informiere mich über den Glauben.’ Worauf der heilige Prophet geantwortet hätte: ‚Du bekräftigst deinen Glauben an Allah, Seine Engel, Seine Bücher, Seine Apostel, an das Jüngste Gericht und du bekräftigst deinen Glauben an das Göttliche Dekret(al-Qadar)betreffend Gut und Böse.’ Worauf der Fragesteller wiederum gesagt hätte: ‚Du hast die Wahrheit gesprochen.’ … Ich blieb dann für eine lange Weile bei Mohammed, nachdem sich der Fremde wieder davon gemacht hatte. Schließlich fragte mich der Prophet: ‚Weißt du wer das war?’ Ich erwiderte, daß Allah und Sein Gesandter es am besten wüßten. Er verriet: ‚Es war der Engel Gabriel. Er kam zu dir um dich in Sachen Religion zu unterrichten.’

Thomas Patrick Hughes schreibt dazu: „taqdir, das absolute Dekret von Gut und Böse ist der sechste Artikel des mohammedanischen Glaubensbekenntnisses. Der orthodoxe Glaube setzt fest, daß was immer sich auf dieser Welt ereignet hat oder ereignen wird aus dem Göttlichen Willen hervorgeht, ob es nun gut oder schlecht sei. Alles wurde unwiderruflich von der Schreibfeder des Schicksals auf der immerwährenden Tafel aufgeschrieben und fixiert. Diese Doktrin formuliert sehr wichtige Charakterzüge innerhalb des muslimischen Glaubenssystems und wird dementsprechend im Koran gelehrt.“ (Thomas Patrick Hughes, A Dictionary of Islam, W.H. Allen & CO, 1895)

Das Inventar der Schöpfung – das Buch des Schicksals

3. Prädestination in der sunna

Die Setzung des Schicksals durch Allah wird unter anderen in folgenden hadith-Belegen beschrieben:

Bukhari V8 B77 N594 berichtet von Anas bin Malik: Der Prophet hat folgendes gesagt: „Allah macht einen Engel für den Uterus verantwortlich, welcher dann berichtet: ‚Oh Herr, wir haben es mit Samen zu tun! – Oh Herr, nun sehe ich einen Blutklumpen! – Oh Herr, nun ist er zu einem Stück Fleisch geworden.’ Wenn Allah später wünscht, Seine Schöpfung zu vollenden, fragt der Engel: ‚Oh Herr, wird es nun ein Junge oder ein Mädchen? Ein Bösewicht oder ein guter Mensch? Wie viel wird er verdienen? Wie alt wird er werden?’ All dies wird nämlich aufgeschrieben während das Geschöpf noch im Mutterleib weilt.“

Bukhari V8 B77 N595 berichtet von Imran bin Husain: Ein Mann hat den Gesandten Allahs folgendes gefragt: „Können die Paradiesanwärter von den Höllenanwärtern unterschieden werden?“ Der Prophet bejahte dies. Der Mann fragte weiter: „Warum versuchen Menschen gute Taten zu vollbringen?“ Der Prophet antwortete darauf: „Jeder wird diejenigen Taten vollbringen, für die er erschaffen wurde oder er wird dasjenige tun, welches ihm leicht von der Hand läuft.“ Dies bedeutet, daß jedermann es als ein leichtes empfindet, dasjenige zu tun, welches ihn zu seinem schon vorher bestimmten Platz führt, für den er erschaffen wurde.

Bukhari V9 B93 N641 erzählt von Imran: Ich fragte: „Gesandter Allahs, wieso sollen Menschen gute Taten vollbringen?“ Er antwortete: „Es wird jedermann leicht fallen, solche Taten zu vollbringen weil ihn diese zu seinem vorausbestimmten Platz für welchen er geschaffen wurde bringen.“

Muslim B033 N6436 erzählt von A’isha, der Mutter aller Gläubigen: Der Gesandte Allahs wurde zum Begräbnisgebet eines Ansari Kindes gerufen. Ich sagte zu ihm: „Glück hat dieses Kind denn es ist eines der Paradiesvögel, es hat weder gesündigt noch jenes Alter erreicht von dem an man überhaupt sündigen kann.“ Er erwiderte: „A’isha, es ist sozusagen verkehrt herum; denn Allah schuf für das Paradies jene welche schon in den Lenden ihrer Väter dafür geeignet waren und für die Hölle jene die dafür vorbestimmt sind. Er schuf sie für die Hölle, als sie noch in den Lenden ihrer Väter schlummerten.“

Nun stellt sich die Frage, wie detailliert der Allmächtige das Schicksal des Einzelnen festgelegt hat, das heißt wie eng die Leitplanken des Lebensvollzugs gesetzt sind. Die oben erwähnten Berichte geben nur das grobe – aber um so zentralere –  Raster vor. Gibt es eine mehr oder weniger große Restmenge von Freiheit? Wenn zum Beispiel einem Menschen von Allah vorherbestimmt ist, reich zu werden, dann wäre damit noch nicht festgelegt, auf welche Weise dies stattfinden wird? Auch die Ursache des Todes wäre nicht vorherbestimmt, sondern lediglich der Zeitpunkt?

Noch früher als erst im Mutterleib festgelegt (in Übereinstimmung mit dem Konzept der immerwährenden Steintafel über den sieben Himmeln) beschreibt der folgende Beleg die Vorherbestimmung. Die Taten von Adam wurden ihm nicht nur von Allah in sein Lebensbuch geschrieben. Vielmehr weiß Adam, daß sie die Folge der Verfügung Allahs (al-qadar) sind, diebereits vor meiner Erschaffung in meinem Schicksal festgelegt war.

Bukhari V4 B55 N 621 berichtet von Abu Huraira: Allahs Prophet sagte: „Adam und Moses stritten miteinander. Moses sagte zu Adam: ‚Du bist Adam, deine Fehler haben dich das Paradies gekostet.’ Adam antwortete: ‚Du bist Moses, welcher Allah als Seinen Propheten gewählt hat. Er hat persönlich mit dir gesprochen, doch du bezichtigst mich für etwas, was bereits vor meiner Erschaffung in meinem Schicksal festgelegt war?’“ Allahs Prophet sagte zweimal: „So siegte Adam im Streitgespräch mit Moses.“

Die Exegese zu folgendem Vers, in welchem Allah darauf hinweist, daß Er gewisse Menschen wissentlich irreführt“ erklärt, weshalb Er eine bedeutende Zahl von Menschen und dschinn in die Hölle schicken wird: Der Allmächtige muß dies tun, denn Er hat das Schicksal eines solchen Menschen schon vorherbestimmt: Er erkannte ihn schon bevor er erschaffen wurde als einen, welcher der Irreleitung folgen würde“. 

Sure 45, Vers 23: Was meinst du wohl? Wer zum Gott sein Gelüst annimmt und wen Allah wissentlich irreführt, und ihm Ohr und Herz versiegelte und auf seinen Blick eine Hülle legte – wer wird ihn leiten außer Allah? Lassen sie sich denn nicht ermahnen?

Tafsir al-Jalalayn 45, 23: Sag mir, falls du denjenigen triffst, der als seinen Gott seine eigenen Gelüste genommen hat, der also zum Beispiel nach einem neuen Edelstein trachtet, sich einen neuen wünscht von dem er annimmt, daß er noch besser als der alte ist. Allah, der Erhabene hat diesen Menschen seinerseits willentlich irregeleitet, denn Er erkannte ihn schon bevor er erschaffen wurde als einen, welcher der Irreleitung folgen würde. Also versiegelte Er seine Ohren und sein Herz, damit er die Worte der Rechtleitung weder hören noch verstehen kann. Er band ihm zudem eine Binde um die Augen damit er die göttliche Führung gar nicht wahrnehmen kann. Wer außer Allah wird ihn recht leiten, nachdem Er ihn in die Irre geführt hat? Mit anderen Worten: er wird niemals Rechtleitung finden. Wirst du dich denn nicht erinnern und ermahnen lassen?

Die Festschreibung des Schicksals im Mutterleib, so wie sie im eingangs erwähnten hadith-Beleg beschrieben wird, ist also tatsächlich lediglich die Fixierung der schon vorliegenden unwiderruflichen Vorherbestimmung durch Allah. Jetzt kann man auch die Unterhaltung von Adam mit Moses im Himmel besser verstehen, von welcher Mohammed anscheinend Kenntnis hatte. Adam weist ja darauf hin, daß man ihn nicht für etwas belangen kann, „was bereits vor meiner Erschaffung in meinem Schicksal festgelegt war.

Allah erschafft Gut und Böse, Glauben und Unglauben

4. Prädestination im Koran

Auf welche Aussagen im Koran berufen sich die islamischen Theologen, wenn sie die Vorherbestimmung des menschlichen Lebens durch Allah zu einem unabdingbaren Teil des Dogmas erklären?

Den deutlichsten Hinweis auf die Prädestination macht der Koran in folgenden Versen. Dort wird den Gläubigen versichert, daß sie nur das durchleben müssen, was Allah für sie verzeichnet hat beziehungsweise das nicht in einem Buch stünde, bevor Wir es geschehen ließen“:

Sure 9, Vers 51: Sprich: „Nimmer trifft uns ein anderes als was Allah uns verzeichnet. Er ist unser Beschützer, und auf Allah sollen alle Gläubigen vertrauen.“

Sure 57, Vers 22: Kein Unheil geschieht auf Erden oder euch, das nicht in einem Buch stünde, bevor Wir es geschehen ließen. Siehe, solches ist Allah leicht.

Sure 54, Vers 49: Siehe, alle Dinge erschufen Wir nach einem Ratschluss,

Tafsir al-Jalalayn 54,49: Wahrlich haben wir alles nach Maß, nach Verordnung erschaffen, mit anderen Worten in Vorherbestimmung.

Sure 50, Vers 4: Wir wissen wohl, was die Erde von ihnen verzehrt, und bei uns ins ein Buch, das achtgibt.

Tafsir al-Jalalayn 50,4: Wir wissen, was die Erde von ihnen (den Toten, die zu Staub zerfallen) zurücknimmt und bei Uns ist ein Buch, namentlich die wohlverwahrte Tafel, die alles enthält, was vorherbestimmt wurde.

Im weiteren hat eine bedeutende Anzahl von Versen im Koran zum Inhalt, daß Allah den Unglauben und die Irreleitung der Menschen verfügt:

  • – Allah bestimmt, wer gläubig werden kann
  • – Allah schafft den Unglauben
  • – Allah leitet irre

Alle diese Verse haben einen deutlich deterministischen Charakter. Bevor sie im Detail untersucht werden ist es hilfreich, ihre Genesis zu beleuchten.

4.1. Entstehung der Verse über den vorherbestimmten Unglauben und die Irreleitung

Verlassen wir einmal die dogmatischen Betrachtungen und fragen, wie die in diesem Kapitel noch vorzustellenden Verse zur Verweigerung der Glaubensannahme und der Irreleitung überhaupt entstanden sind. Wie kommt es, daß so zahlreiche Offenbarungen mit weitgehend identischem Inhalt im Koran stehen? Würde es nicht reichen, wenn Allah Seine Versicherung der Irreleitung von Ungläubigen einmal kund getan hätte?

► Allah als Zwingherr über Seine Diener

Diese Redundanz hat ihren Grund wohl in der Geschichtlichkeit der koranischen Botschaft. Mohammed hatte in Mekka mit der Unbelehrbarkeit der Quraisch und in Medina mit der Halsstarrigkeit der dortigen Juden zu kämpfen. Bei jeder Auseinandersetzung, bei jedem Disput übermittelte Gabriel dem Gesandten die nötigen Botschaften. Weil seine Belehrungen nichts fruchteten waren auch die Offenbarungen immer gleichen Inhalts.

Dazu R. Paret: „Mohammed muß schwer darunter gelitten haben, daß die Mehrzahl der Mekkaner … von seiner Botschaft nichts wissen wollten … Die Ergebnislosigkeit seiner Bemühungen und die Erfahrung, daß er tauben Ohren predigte, konnte nicht spurlos an ihm vorübergehen … Unter dem Eindruck dieser bitteren Erfahrung meldeten sich auch in seiner Verkündigung die Stimmen der Resignation und des Pessimismus zu Wort. Auf die Dauer mußte er sich eben mit den Tatsachen abfinden. Ja mehr noch, er mußte versuchen, die Halsstarrigkeit und Unbelehrbarkeit seiner Gegner mit der göttlichen Weltordnung und der Heilsgeschichte in Einklang zu bringen.

In Anbetracht der Tatsache, daß der Koran als ganze Sammlung wie auch innerhalb der einzelnen Suren einer chronologischen Anordnung entbehrt, ist es natürlich nicht möglich, die Linien des hier angedeuteten Entwicklungsprozesses genau nachzuzeichnen. Wir müssen zudem damit rechnen, daß Abschnitte, die uns für die Gesamtentwicklung, oder für das Endergebnis charakteristisch erscheinen, erst in der Zeit nach der Hijra ihre letzte Prägung erhalten haben, denn auch bei seiner Auseinandersetzung mit den Juden von Medina ist der Prophet auf hartnäckigen Widerstand gestoßen … Der Unglaube der Mekkaner hat Mohammed zu einer grundsätzlichen Stellungnahme gezwungen. Daher ist es wohl angebracht, einige der wichtigsten koranischen Belege gleich hier im Zusammenhang anzuführen. Sie haben, um es vorwegzunehmen, eine ausgesprochen deterministische Tendenz.

Hie und da stellt Mohammed die bloße Tatsache fest, daß sein Bemühen, die Ungläubigen zum Glauben zu bringen, vergeblich ist … Meistens geht aber der Prophet noch weiter, indem er die Halsstarrigkeit der Ungläubigen auf den Willen Gottes zurückführt. Das bedeutet gleichzeitig eine Entlastung für ihn selber.

Der deterministische Charakter von Mohammeds Urteil über die Halsstarrigkeit seiner Gegner tritt besonders deutlich an den Stellen in Erscheinung, an denen er davon spricht, daß Gott die Ungläubigen „irren läßt“. Der dabei verwendete Ausdruck „adalla“ bedeutet nicht bloß zulassen, sondern geradezu veranlassen, daß jemand irre geht … Gott scheint sich von vornherein auf die Prädestination festgelegt zu haben, und zwar in malam partem (im schlechten Sinn, zu ungunsten). So spricht er in einer eschatologischen Szene zu den in die Hölle Verdammten:

Sure 32, Vers 13: Wenn wir gewollt hätten, hätten wir einem jeden seine Rechtleitung zukommen lassen. Aber mein Wort ist in Erfüllung gegangen: „Ich werde die Hölle mit lauter Dschinn und Menschen anfüllen.“

Sure 11, Vers 119: ausgenommen diejenigen, derer dein Herr sich erbarmt hat. Dazu, damit sie uneins seien und von der Wahrheit abirren hat er die Menschen geschaffen. Und das Wort deines Herrn ist in Erfüllung gegangen (das besagt): „Ich werde wahrlich die Hölle mit lauter Dschinn und Menschen anfüllen.“

Vereinzelt klingt wohl einmal der Gedanke auf, daß der Teufel als der typische Verführer mit am Werk ist. Die entscheidende Aktivität geht aber immer von Gott aus. Er bestimmt, wer von seinen Dienern dereinst in die Seligkeit, und wer von ihnen in die Verdammnis eingehen soll. Kein Wunder, daß sich nachmals in der islamischen Theologie der Determinismus gegenüber der Lehre von der Entscheidungsfreiheit des Menschen durchgesetzt hat. (R. Paret, Mohammed und der Koran, Seite 108 ff, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 1980)

Im folgenden wird versucht, die von R. Paret erwähnten Verse in Unterkapiteln aussagekräftig zu strukturieren. Wie hier angedeutet, erschließt sich ihr Sinn leichter, wenn die historischen Umstände ihrer Entstehung berücksichtigt werden.

4.2. Allah bestimmt, wer gläubig werden kann

Zahlreiche koranische Belege weisen auf die Allmacht Allahs hin. Demnach ist es Sein ausdrücklicher Wille, daß nicht „alle auf der Erde insgesamt gläubig werden“. Außerdem überlagert Sein Wille den Willen der Menschen. Ein Mensch kann nur gläubig werden, wenn Allah es will Doch werdet ihr nicht wollen, es sei denn, daß Allah will“.

Sure 10, Vers 99: Und wenn dein Herr gewollt hätte, so würden alle auf der Erde insgesamt gläubig werden. Willst du etwa die Leute zwingen, gläubig zu werden?
Sure 10, Vers 100: Und keine Seele kann gläubig werden ohne Allahs Erlaubnis; und Seinen Zorn wird Er über die senden, welche nicht begreifen.

Tafsir al-Jalalayn 10, 99: Und wenn euer Herr gewollt hätte so würden alle Menschen auf dieser Erde zusammen gläubig sein. Würdest du nun Leute zwingen, das zu machen, was Allah nicht will, nämlich gläubig zu werden? Nein!

Tafsir al-Jalalayn 10, 100: Und keine Seele kann gläubig sein ohne daß Allah es ihr willentlich erlaubt. Er wird Abscheuliches veranlassen und züchtigend über diejenigen herfallen, welche kein Verständnis dafür haben, Allahs Zeichen zu reflektieren.

Sure 16, Vers 93: Und so Allah es gewollt, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht; jedoch führt Er irre, wen Er will, und leitet recht, wen Er will; und wahrlich zur Rechenschaft gezogen werdet ihr für euer Tun.

Sure 5, Vers 48: … und so Allah es wollte, wahrlich, Er machte euch zu einer einzigen Gemeinde; doch will Er euch prüfen in dem, was Er euch gegeben …

Sure 81, Vers 28: Siehe, es ist nur eine Ermahnung für alle Welt,
Sure 81, Vers 29: Doch werdet ihr nicht wollen, es sei denn, daß Allah will, der Herr der Welten.

Sure 6, Vers 125: Und wen Allah leiten will, dem weitet Er seine Brust für den Islam, und wen Er irreführen will, dem macht Er die Brust knapp und eng, als wollte er den Himmel erklimmen. Also straft Allah die Ungläubigen.

Tafsir al-Jalalayn 6,125: Wen immer Allah recht leiten will, dem weitet Er die Brust damit für den Islam Platz geschaffen werde. Er sendet Licht in das Herz (des Gläubigen), um es auszuweiten, damit es (den Glauben) annehme, sowie dies in den Schriften steht. Und wen immer Allah irrezuleiten wünscht, dem verengt es dessen Brust so daß sie in ihrer argen Verengung den Glauben nicht anzunehmen vermag. Gleichsam wie wenn er (der Ungläubige) – wenn von ihm die Glaubensverpflichtungen abverlangt werden – im Begriff wäre, in den Himmel aufzusteigen, was für ihn äußerst beschwerlich ist. Genauso wie diese Brustverengung wirft Allah auch Schande und Züchtigung (in die Herzen der Ungläubigen), oder Er gibt Satan Macht über diejenigen, welche nicht glauben.

Sure 13, Vers 31: Und gäbe es auch einen Koran, mit dem die Berge versetzt oder die Erde zerrissen oder mit den Toten geredet werden könnte … sie glaubten doch nicht. Aber Allahs ist der Befehl allzumal. Und wissen denn etwa die Gläubigen nicht, daß wenn Allah wollte, Er die Menschen allzumal recht leitete?

Sure 10, Vers 25: Und Allah ladet ein zur Wohnung des Friedens und leitet, wen Er will auf einem rechten Pfad.

Sure 76, Vers 29: Siehe, dies ist eine Ermahnung, und wer da will, der nimmt zu seinem Herrn einen Weg.
Sure 76, Vers 30: Doch könnt ihr nicht wollen, es sei denn, daß Allah will. Siehe, Allah ist wissend und weise.
Sure 76, Vers 31: Er führt, wen Er will, in Seine Barmherzigkeit, und für die Ungerechten hat Er schmerzliche Strafe bereitet.

Sure 74, Vers 55: Und wer da will, gedenkt des Korans.
Sure 74, Vers 56: Doch es gedenken seiner nur diejenigen, die Allah belieben. Ihm gebührt Gottesfurcht und Ihm gebührt die Verzeihung.

Der Rechtleitung teilhaftig zu werden ist ohne den Willen des Herrn der Welten also nicht möglich. „Zusätzlich zur Fähigkeit, Seine Kreaturen zu bestrafen, zu prüfen und zu beschützen hat auch nur Er die Macht, sie mit der Rechtleitung zu versorgen.“ (Encyclopaedia of the Qur’an, Brill, Leiden + Boston, 2006, Seite 211)

Zwar findet sich in diesen Versen kein Hinweis darauf, ob die Entscheidung Allahs zugunsten oder zuungunsten der Glaubensannahme Seiner Geschöpfe entsprechend dem schon vor der Geburt festgelegten Dekret (al-qadar) erfolgt ist, das heißt es wird nicht auf das ursprüngliche Buch hingewiesen.

Das Inventar der Schöpfung – das Buch des Schicksals

Man könnte diese Verse somit in dem Sinne lesen, daß eine spontane, situationsbedingte Entscheidung Allahs vorliegt. Da aber die ganze Menschheitsgeschichte im Inventar der Schöpfung abgebildet ist, müssen sie als Bestätigung der vollkommenen Prädestination gelesen werden.

4.3. Allah erschafft den Unglauben und die Ungläubigen

Die folgenden Verse machen zum selben Thema der Befähigung zur Glaubensannahme eine noch weitergehende Aussage. Demnach ist es nicht nur Allahs Entscheidung, welche Seiner Diener Er zum Glauben kommen läßt. Vielmehr weist der Koran hier deutlich darauf hin, daß Allah diejenige Instanz ist, die Glauben oder Unglauben erschafft und zwar ausschließlich entsprechend Seinem Willen und Seinem Belieben.

Allah erschafft Gut und Böse, Glauben und Unglauben

In der Tat hat Allah, gemäß Seiner Allmacht, alles geschaffen, und damit auch den Unglauben und die Ungläubigen damit sie uneins seien und von der Wahrheit abirren hat er die Menschen geschaffen.

Sure 11, Vers 118: Und wenn dein Herr gewollt hätte, hätte Er die Menschen zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Aber sie sind immer noch uneins,
Sure 11, Vers 119: ausgenommen diejenigen, derer dein Herr sich erbarmt hat. Dazu, damit sie uneins seien und von der Wahrheit abirren hat er die Menschen geschaffen. Und das Wort deines Herrn ist in Erfüllung gegangen (das besagt): „Ich werde wahrlich die Hölle mit lauter Dschinn und Menschen anfüllen.“ (Übersetzung nach R. Paret)

Tafsir al-Jalalayn 11, 119: außer diejenigen, derer sich dein Herr erbarmt und für welche Er sich Gutes wünscht und die sich nicht unterscheiden, das heißt die gläubig sind. Die Ungläubigen hat Er so geschaffen, daß sie sich unterscheiden, das heißt, daß sie nicht gläubig sind. Das ist der Grund, weshalb Er sie so erschaffen hat. Und diejenigen, die Gnade verdienen hat Er so erschaffen, daß sie Gnade bekommen. Und das Wort deines Herrn hat sich folgendermaßen erfüllt: „Wahrlich, Ich werde Menschen und Geister (Dschinn) zusammen in die Hölle stopfen.“

Deutlicher könnte der Koran Allahs Weltenplan nicht mehr skizzieren. Er hat die Ungläubigen ungläubig erschaffen, und sie sind nicht diejenigen, „derer dein Herr sich erbarmt.“

In weiteren Versen wird im Koran ausdrücklich betont, daß Allah viele Menschen und dschinn nur dafür geschaffen hat, um dereinst in der Hölle zu schmoren: „Wir erschufen für Dschahannam viele der Dschinn und Menschen Das Leben dieser Unglücklichen wurde also zum Zwecke der ewigen Verdammnis geschaffen:

Sure 7, Vers 178: Wen Allah leitet, der ist der Geleitete, und wen Er irreführt, das sind die Verlorenen.
Sure 7, Vers 179: Und wahrlich, Wir erschufen für Dschahannam viele der Dschinn und Menschen. Herzen haben sie, mit denen sie nicht verstehen, Augen haben sie, mit denen sie nicht sehen, und Ohren haben sie, mit denen sie nicht hören; sie sind wie das Vieh, ja gehen noch mehr irre; sie sind die Achtlosen.

Die dschinn

Im nächsten Vers bezieht sich Allah auf Seine eigene obenstehende Offenbarung. Er gibt den Grund an, warum Er einzelnen Menschen und dschinn Seine Rechtleitung verwehrt: Das Wort von Mir soll in Erfüllung gehen. Es handelt sich bei der bewußten Erschaffung Ungläubiger tatsächlich um einen Plan des Herrn der Welten:

Sure 32, Vers 13: Und hätten Wir gewollt, wahrlich, Wir hätten jeder Seele eine Leitung gegeben; jedoch soll das Wort von Mir wahr werden: „Wahrlich erfüllen will Ich Dschahannam mit Dschinn und Menschen allzumal.“

Man muß folgern, daß Allah gewissen Individuen und Völkern bewußt die Rechtleitung versagt; Er hat dies für sie schon in der Vor-Ewigkeit verfügt.

4.4 Die Irreleitung

Auch Allahs Irreleitung des Menschen ist ein deutlicher Beleg für Seine Allmacht. Sie betrifft ausschließlich die verweigerte Option zum Glauben und beinhaltet eine ähnliche Aussage wie sie in den beiden vorangehenden Kapiteln gemacht wurde: Allah leitet zum Glauben wen Er will und führt irre, wen Er will. Allah veranlaßt diese Beeinflussung entweder selber oder delegiert sie an die Satane, welche wankelmütige Menschen in die Irre, das heißt in den Unglauben leiten.

Satane im Islam

Die Irreleitung ist ein komplexes Konzept und verdient genauere Betrachtung. Einerseits ist das Leben der Menschen vorherbestimmt, andererseits zeugen unzählige Verse im Koran davon, daß „Allah tut, was Er will“. Zu dieser scheinbar willkürlichen Machtausübung gehört auch Seine Irreleitung der „Ungerechten“.

Sure 14, Vers 27: Festigen wird Allah die Gläubigen durch das festigende Wort im irdischen Leben und im Jenseits; und Allah führt die Ungerechten irre; siehe, Allah tut, was Er will.

Bei der hier erwähnten Irreleitung scheint es sich also um eine spontane Bestrafung von glaubensrenitenten Menschen zu handeln. Wie auch in den beiden vorangehenden Kapiteln (4.2. und 4.3.) herausgearbeitet wurde, ist diese Bestrafung aber als Bestätigung Seiner Vorherbestimmung zu lesen. Allah tut also mitnichten „was Er will“ vielmehr muß Er ununterbrochen dafür sorgen, daß die von Ihm gesetzte Vorherbestimmung korrekt abläuft.

Irreleitung

4.5. Textanalyse

Im Kapitel ► Prädestination in der sunna haben wir erfahren, daß der Allmächtige alles vorherbestimmt hat; also nicht nur den Glauben, sondern auch den Unglauben Seiner Kreaturen.

Die Verse des Korans zu diesem Thema, wie sie in diesem Kapitel vorgestellt werden, gehen sinngemäß in die gleiche Richtung. Würdigt man alle Aussagen von sunna und Koran als gleichwertige dogmatische Grundlagen, dann ergibt sich:

Allah hat die Gläubigen gläubig geschaffen und die Ungläubigen ungläubig.

Diese Aussage wird auch im Glaubensbekenntnis des al-Ash’ari detailliert ausformuliert – wenn man es denn seinem Sinn gemäß liest.

Das Glaubensbekenntnis des al-Asch’ari

Abul l-Hasan al-Aschʿarī war in der sunnitischen Tradition verankert und gehörte offenbar einer Gruppe von Theologen an, die er in seinen Schriften mehrfach als „unsere (gleichgesinnten) Freunde“ (aṣḥābunā) nennt. In seinem Werk Maqālāt al-islāmiyyīn fasst al-Asch’ari das Glaubensbekenntnis aqida / ‏ عقيدة‎ / ʿaqīda / ‚Credo, Symbolum‘ die theologische Lehre dieser Gruppe folgendermaßen zusammen:

„Die Grundzüge der Ansicht der Traditionsgläubigen und Sunnatreuen sind folgende:

  1. —Sie bekennen sich zu Allah, seinen Engeln, seinen (heiligen) Schriften, seinen Propheten, dem was von Allah (als Offenbarung) gekommen ist und dem, was zuverlässige (Gewährsmänner) vom Propheten überliefert haben …
  2. Sie bekennen, daß Allah ein einziger, ewiger Gott ist … daß Muhammad sein Diener und Prophet ist, daß das Paradies Wahrheit ist und die Hölle Wahrheit ist …
  3. —Sie bekennen,daß Allah auf seinem Throne sitzt, wie er es gesagt hat: „Der Raḥmān sitzt auf dem Throne“…
  4. Sie behaupten, daß es auf der Erde nichts Gutes und nichts Schlechtes gibt außer was Allah will, und daß die Dinge nach dem Willen Allah geschehen …
  5. —Sie bekennen ferner, daß es keinen Schöpfer außer Allah gibt, daß Allah die schlechten Taten der Menschen schafft, daß Allah die Handlungen der Menschen schafft und daß die Menschen nicht vermögen, irgend etwas zu schaffen …
  6. —Sie behaupten, daß der Qor’ān das Wort Allahs und unerschaffen ist …
  7. —Sie behaupten, daß Allah am jüngsten Tage mit den Augen gesehen wird …
  8. —Sie bekennen ferner, daß der Glaube aus Wort und Tat besteht und zunehmen und abnehmen kann und sie behaupten weder, daß er geschaffen noch daß er unerschaffen ist.
  9. —Sie meinen, daß man am Fest, am Freitag und in Gemeinschaft hinter jedem Imam beten dürfe, sei er fromm oder sündhaft …; sie anerkennen die Verpflichtung zum Ǧihād (jihad) gegen die Ungläubigen, seit Allah seinen Propheten sandte bis zur letzten Schar, die gegen den Daǧǧāl (Anti-Christ) kämpft, und (noch) weiter …“

Übersetzung: Joseph Schacht in: Der Islām mit Ausschluss des Qur’āns. In: Alfred Bertholet (Hrsg.): Religionsgeschichtliches Lesebuch, 2. A. Heft 16. Mohr/Siebeck, Tübingen 1931, (1931), S. 56–58     Quelle

Sogar in diesem Glaubensbekenntnis kommt die Zerrissenheit des islamischen Prädestinationsdogmas zum Ausdruck. In Punkt 4. und 5. wird zwar unmißverständlich auf Allah’s Allmacht verwiesen und Seine permanente Fügung und Führung (al-qadar). In Punkt 8. allerdings wird die Möglichkeit in den Raum gestellt, daß Glaube zunehmen oder abnehmen kann und weder geschaffen noch unerschaffen sei. Kein muslim und kein kuffar können jedoch, wie Punkt 4. und 5. bestätigen selbständig irgendetwas bewirken. Auch nichts, was ihren Glauben oder Unglauben verändert. Denn auch das – und gerade das – bewirkt Allah entsprechend dem Drehbuch, das Er für jedes Individuum festgeschrieben hat. Er bewirkt alle Handlungen, auch solche die Glauben oder Unglauben verstärken. Und zwar eben nicht als Antwort auf eine autonome Handlung, denn eine solche ist nicht möglich.

Man kann die Münze drehen wie man will, in dem Moment, wo eigenständiges Handeln des Menschen ins Spiel käme verlöre Allah Seine Bestimmungsmacht und müßte auf die Tat eines Seiner Sklaven/Diener reagieren – eine Option, die der Islam kategorisch ablehnt.

M. Cook schreibt dazu: „Das Überraschende an der Rolle, die Gott in weltlichen Angelegenheiten spielt, ist nicht nur Seine Allgegenwart, sondern auch Seine Ambivalenz. Wie wir gesehen haben, kann Gott Mitleid und Erbarmen zeigen, kann sich einfühlsam denen öffnen, die sich reuevoll an Ihn wenden; Er kann denen, die Ihn verehren, großzügig Leistung und Hilfe angedeihen lassen, vom Lohn im Diesseits und Jenseits ganz zu schweigen – aber er kann auch rachsüchtig und feindselig sein, indem er nicht nur diejenigen bestraft, die sich Seiner Leitung verweigern, sondern sie sogar gezielt in die Irre führt und sie nach dem Tode dem Höllenfeuer überliefert. Doch finden sich im Koran selbst erhellende Verse zu diesem Punkt, die uns wieder zu Gottes Rolle als Schöpfer zurückführen. Er gebietet mit uneingeschränkter Souveränität über Sein Weltall:

Sure 25, Vers 1: Voller Segen ist er, der auf seinen Diener Mohammed die Rettung (den Koran) herabgesandt hat, damit er den Menschen in aller Welt ein Warner sei. Sure 25, Vers 2: Er, der die Herrschaft über Himmel und Erde hat und sich kein Kind zugelegt hat und keinen Teilhaber an der Herrschaft hat und der von sich aus alles was in der Welt ist geschaffen und genau bestimmt hat. (Übersetzung nach R. Paret)

(M. Cook, Der Koran, Reclam, Stuttgart, 2002, Seite 30 f)

Mit diesem Hinweis auf die Souveränität Allahs kann und muß man sich begnügen. Demnach ist es nicht die Aufgabe der Menschen, den Weltenplan Allahs verstehen zu wollen.

Stellt man trotzdem die Frage, warum denn derjenige, der die Herrschaft über Himmel und Erde hatden Glauben der von Ihm geschaffener Kreaturen verunmöglicht, finden wir die Antwort im Koran: Allah haßt die Ungläubigen, Er zürnt ihnen und verflucht sie.

Allah haßt die Ungläubigen er zürnt ihnen und verflucht sie

Die Folge dieses Hasses ist Allahs Rache. M. Cook hat schon darauf hingewiesen: Allah ist „der Herr der Rache“ und rächt sich bei den Ungläubigen für ihren Unglauben – den Er selbst festgelegt hat – und verunmöglicht Ihre Rechtleitung:

Sure 39, Vers 37: Wen aber Allah leitet, der hat keinen, der ihn irreführt. Ist Allah denn nicht mächtig, der Herr der Rache?

4.6. Die Vorherbestimmung des Zeitpunktes des Todes

Vergleiche ► Allah erschafft den Menschen, bestraft und verhängt den Tod

Die „Stunde“, das heißt der Zeitpunkt des Todes eines jeden Menschen ist logischerweise auch vorherbestimmt, und zwar „gemäß dem Termine setzenden Buch“. Wie wir im Zusammenhang mit dem Bekenntnisschwur erfahren haben, ist im islamischen Kosmos jeder Seele nur ein Auftritt auf dieser Welt zugesprochen. Sie entsteht gemäß dem von Allah festgelegten Plan, wird für den Bekenntnisschwur aktiviert, alsdann inaktiviert bis zur Geburt, um dann die ihr vorherbestimmte Lebensspanne in einem menschlichen Körper zu absolvieren, welcher schließlich im Grab zu Staub zerfällt. Diese Reste der leiblichen Hülle werden am Ende der Welt für das große Endgericht wiederhergestellt und mit der dazugehörenden Seele vereint, um dann für alle Ewigkeit entweder im Paradies oder in dschahannam zu verweilen:

Sure 3, Vers 145: Und niemand stirbt ohne Allahs Erlaubnis gemäß dem Termine setzenden Buch

Sure 31, Vers 34: Siehe, Allah – bei Ihm ist das Wissen von der „Stunde“. Und Er sendet den Regen herab, und Er weiß, was in den Mutterschößen ist; und keine Seele weiß, was sie morgen gewinnen wird, und keine Seele weiß, in welchem Land sie sterben wird. Siehe, Allah ist wissend und kundig.

Sure 35, Vers 11: … und kein Alternder altert oder nimmt ab an Alter, ohne daß es in einem Buch steht. Siehe, dieses ist Allah leicht.

Tafsir al-Jalalayn 35,11: … das Leben eines langlebigen Menschen wird weder verlängert noch seine Lebensspanne verkürzt; vielmehr findet es so statt, wie es im Buch, d.h. der immerwährenden Tafel verzeichnet ist. Sicherlich ist das einfach für Allah.

5. Freier Wille

Es folgen einige Verspassagen aus der mekkanischen Periode der Offenbarungstätigkeit Mohammeds. Der Prophet richtet sich an seine Zeitgenossen, die polytheistischen Quraisch. Sie sollen die ihnen durch die koranische Botschaft überbrachte Möglichkeit ergreifen, und sich dem richtigen Glauben ergeben.

Die Zeit in Mekka

Die Verse legen die Möglichkeit der freien Entscheidung im islamischen Dogma nahe. Wer sich abwendet, den soll Mohammed ziehen lassen Und ich bin nicht euer Hüter“.

Sure 7, Vers 29: Sprich: „Mein Herr hat Gerechtigkeit befohlen.“ So wendet euer Angesicht zu jeder Moschee und rufet ihn an in lauterem Glauben. Gleichwie Er euch schuf, kehret ihr zu Ihm zurück.
Sure 7, Vers 30: Einen Teil hat Er geleitet und einen Teil nach Gebühr dem Irrtum übergeben. Siehe, sie haben sich die Satane neben Allah zu Beschützern angenommen und wähnen, sie seien geleitet.

Sure 10, Vers 108: Sprich: „O ihr Menschen, nunmehr kam zu euch die Wahrheit von eurem Herrn. Und wer da geleitet ist, der ist zu seinem eigenen Besten geleitet; und wer irregeht, der geht nur zu seinem eigenen Schaden irre. Und ich bin nicht euer Hüter.
Sure 10, Vers 109: Und folge dem, was dir geoffenbart ward; und harre aus, bis Allah richtet; und Er ist der beste Richter.

Sure 16, Vers 104: Siehe, jene, die nicht an Allahs Zeichen glauben, Allah leitet sie nicht, und ihnen wird schmerzliche Strafe.

Sure 17, Vers 15: Wer rechtgeleitet ist, der ist nur rechtgeleitet zu seinem eigenen Besten, und wer irregeht, der geht irre allein zu seinem eigenen Schaden; und nicht soll tragen eine beladene Seele noch eine andre Last. Und Wir strafen nicht eher, als Wir einen Gesandten schickten.
 
Allah informiert Seinen Gesandten über eine vermeintliche Willensfreiheit: „und wer will, der glaube, und wer nicht will, der glaube nicht„:

Sure 18, Vers 29: Und sprich: „Die Wahrheit ist von eurem Herrn; und wer will, der glaube, und wer nicht will, der glaube nicht … “
Sure 18, Vers 30: Siehe, diejenigen, welche glauben und das Gute tun, – siehe, nicht lassen Wir verlorengehen den Lohn jener, deren Werke gut sind.

Sure 25, Vers 56: Und Wir haben dich nur als Freudenboten und Warner entsandt.
Sure 25, Vers 57: Sprich: „Nicht verlange ich einen Lohn dafür von euch, es sei denn, daß jeder, der will, den Weg zu seinem Herrn ergreift.“

Sure 34, Vers 50: Sprich: „Wenn ich irre, irre ich nur wider mich selber; und wenn ich geleitet bin, so ist’s durch das, was mein Herr mir offenbart; siehe, Er ist hörend und nahe.“

Sure 39, Vers 41: Siehe, hinabgesandt haben Wir auf dich das Buch für die Menschen in Wahrheit, und wer geleitet ist, der ist es zu seinem eigenen Besten, und wer irregeht, der geht irre wider sein eigenes Bestes, und du bist nicht der Schützer.

Sure 41, Vers 46: Und wer das Rechte tut, der tut es zu seinem Besten, und wer Böses tut, ihm zuwider; und dein Herr ist nicht ungerecht gegen seine Diener.

Sure 45, Vers 15: Wer das Rechte tut, der tut es für sich, und wer Böses tut, der tut es wider sich; alsdann kehrt ihr zu eurem Herrn zurück.

Sure 53, Vers 39: Und daß der Mensch nur empfangen soll, wonach er sich bemüht hat,
Sure 53, Vers 40: und daß sein Bemühen gesehen werden soll,
Sure 53, Vers 41: und daß er alsdann dafür belohnt werden soll mit entsprechendstem Lohn.

Sure 73, Vers 18: Der Himmel wird sich spalten an ihm (dem Jüngsten Tag) – was ihm angedroht wird geschieht.
Sure 73, Vers 19: Siehe, dies ist eine Warnung, und wer da will, der nehme zu seinem Herrn einen Weg.
Sure 73, Vers 20: 
… und was ihr für euch vorausschickt an Gutem, ihr werdet es finden bei Allah. …

Sure 74, Vers 35: Siehe, die Hölle ist wahrlich eine der größten Qualen,
Sure 74, Vers 36: Eine Warnung für die Menschen,
Sure 74, Vers 37: Für den unter euch, der vorwärts schreiten oder dahinten bleiben will.

Sure 78, Vers 39: Dies ist der gewisse Tag. Drum, wer da will, der nehme Einkehr zu seinem Herrn.

Sure 80, Vers 11: Nicht so. Siehe, der Koran ist eine Warnung –
Sure 80, Vers 12: Und wer da will, gedenkt sein – …

Sure 84, Vers 25: Ausser denen, welche glauben und das Rechte tun; ihnen wird unverkürzter Lohn.

Sure 95, Vers 6: Ausser denen, die da glauben und das Rechte tun; ihnen wird ein unverkürzter Lohn.

Die in diesen Versen zum Ausdruck gebrachte Möglichkeit der freiwilligen Glaubensannahme – und damit verbunden rechtgeleiteten Handeln – oder eben der Zurückweisung der koranischen Botschaft widerspricht nur scheinbar der Doktrin der Prädestination. Allah selber hat dies in einer Offenbarung bestätigt. Es handelt sich bei den notorisch verstockten Widersachern Mohammeds den „Götzendienern der Quraisch“ in Mekka um dahingehend vorherbestimmte Menschen: Und alle Dinge, die sie tun, stehn in den Büchern“ „und „alles kleine und große ist niedergeschrieben„:

Muslim B033 N6420 berichtet von Abu Huraira: Die Götzendiener der Quraisch kamen vorbei um mit dem Gesandten Allahs ein Streitgespräch über das Schicksal zu führen. In diesem Zusammenhang wurden folgende Verse offenbart:

Sure 54, Vers 48: eines Tages werden sie ins Feuer auf ihren Angesichtern geschleift: „Schmecket die Berührung des Höllenfeuers.“
Sure 54, Vers 49: Sieh, alle Dinge erschufen Wir nach einem Ratschluß,
Sure 54, Vers 50: Und Unser Befehl ist nur ein Wort, gleich dem Blinzeln des Auges. Sure 54, Vers 51: Und wahrlich, Wir vertilgten ähnliche wie euch; gibt’s aber einen, der sich warnen läßt?
Sure 54, Vers 52: Und alle Dinge, die sie tun, stehn in den Büchern,
Sure 54, Vers 53:Und alles kleine und große ist niedergeschrieben.
Sure 54, Vers 54: Siehe, die Gottesfürchtigen kommen in Gärten mit Bächen,
Sure 54, Vers 55: Im Sitze der Wahrhaftigkeit bei einem mächtigen König.

Im Übrigen sind die oben zitierten Verse in ihrem Kontext zu lesen. Dann erscheinen sie allerdings weniger als Aufforderung zur freien und willentlichen Konversion. Vielmehr sind sie ein deutlicher Hinweis Allahs auf die dramatischen Konsequenzen im Jenseits.

5.1. Abrogation der Verse zur freiwilligen Annahme der Heilsbotschaft

Eigentlich zunichte gemacht wird das den Ungläubigen scheinbar zugestandene Recht zur Verweigerung des Glaubens dann durch das in Medina eingeführte Gewaltkonzept zur Glaubensverbreitung.

Koranverse zum „Heiligen Krieg“ mit Exegese

Die oben aufgeführten Verse müssen demnach als abrogiert (aufgehoben) angesehen werden. Glaubensfreiheit ist in medinensischer Zeit keine Option mehr. Es bleibt allerdings eine unbeantwortete Frage wie die islamische Prädestinationslehre mit der erzwungenen Konversion von Ungläubigen durch jihad in logisch einleuchtender Art in Übereinstimmung gebracht werden kann. 

Abrogation

Im Weiteren sind sie im Zusammenhang mit folgendem Vers zu verstehen, den wir im Kapitel

Islamische Toleranz

schon besprochen haben:

Sure 2, Vers 256: „Es sei kein Zwang im Glauben. Klar ist nunmehr unterschieden das Rechte vom Irrtum; und wer den Tagut (Götzendienst) verleugnet, und an Allah glaubt, der hält sich an der stärksten Handhabe, in der kein Spalt ist; und Allah ist hörend und wissend.“

Zu diesem Vers schreibt R. Paret: „Der Passus soll demnach nicht besagen, daß man niemanden zum Glauben zwingen darf (wie nach der üblichen Deutung), sondern daß man niemand dazu zwingen kann; das heißt, er predigt nicht Toleranz, sondern weist darauf hin, daß der Bekehrungseifer des Propheten infolge der menschlichen Verstocktheit weitgehend zur Erfolglosigkeit verurteilt ist.“(Digitale Bibliothek: R. Paret, Der Koran, Kommentar zu Sure 2, S. 1212, Verlag W. Kohlhammer).

Und diese Verstocktheit ist ja eben vorherbestimmt q.e.d.

5.2. Der Unglaube der Menschen und ganzer Völker

Weitere Verse belehren uns, daß Allah durchaus auf die Taten Seiner Kreaturen reagiert, und daß es die Entscheidung der Menschen ist, ihre Einstellung gegenüber Allah zugunsten der Glaubensannahme zu ändern bevor Er die Initiative ergreift und die Strafe der Früheren sie heimsucht“. In diesem Sinne behandeln die folgenden Verse nicht nur das Schicksal einzelner Menschen, sondern dasjenige ganzer Völker. Sie betonen ihre Verantwortung als zusammengehörende Körperschaft – sowie damit verbunden ihre freie Willensentscheidung – und weisen darauf hin, daß Allahs Entscheidung über ihr Wohl oder Elend davon nicht unabhängig ist. Er fällt Seine Entscheidung souverän und zwar aufgrund der Glaubensverweigerung eines Volkes ehe es nicht seiner Seelen Gedanken verändert“.

Sure 8, Vers 53: Solches, dieweil Allah Seine Gnade nicht ändert, mit der Er ein Volk begnadet, ehe sie nicht ändern, was in ihren Seelen ist. Und siehe, Allah ist hörend und wissend.

Sure 13, Vers 11: Und jeder hat vor sich und hinter sich Engel, die einander ablösen und ihn behüten auf Allahs Geheiß. Siehe, Allah verändert nicht Sein Verhalten zu einem Volk, ehe es nicht seiner Seelen Gedanken verändert; und so Allah Böses mit einem Volke vorhat, so kann es niemand abwehren, und außer Ihm haben sie keine Beschützer.

Tafsir al-Jalalayn: 13, 11: Vor und hinter dem Menschen befinden sich aufgrund von Allahs Befehl je ein Schutzengel als Begleiter um ihn von den Gefahren der Dschinn und anderen (dämonischen Wesen) fernzuhalten. Wahrlich, Allah ändert den Status der Menschen nicht, das heißt, Er enthält ihnen Seine Gnade nicht vor, außer sie selber ändern durch einen Akt des Ungehorsams die gesunde Befindlichkeit ihrer Seele. Und falls Allah Pech und Züchtigung für einen Seiner Geschöpfe wünscht, dann gibt es niemand – ob aus der Schar der Schutzengel oder nicht – der dies verhindern könnte. Und diejenigen, für welche Allah Pech bereithält, haben keinen Beschützer um dieses Unglück von ihnen abzuwenden. Sie haben nur Ihn, Allah.

Sure 18, Vers 55: Und nichts hindert die Menschen, nachdem die Leitung zu ihnen kam, zu glauben und ihren Herrn um Verzeihung zu bitten, es sei denn, sie warten, daß die Strafe der Früheren sie heimsucht oder die Marter öffentlich über sie kommt.

In der 15. Sure wird das dramatische Ende von drei Städten/Völkern beschrieben. Sie alle lebten sündig und lehnten die von Allah gesandten Propheten scheinbar mutwillig ab:

Sure 15, Vers 73: Und da kam über sie der Schrei (Gabriels) am Sonnenaufgang, Sure 15, Vers 74: Und wir kehrten sie (die Städte Sodom und Gomorrha) das Oberste zuunterst und liessen auf sie gebrannte Steine niederregnen.

Sure 15, Vers 75: Siehe, hierin sind wahrlich Zeichen für Einsichtige. …

Sure 15, Vers 78: Und siehe, die Waldbewohner (die Midianiter) waren auch Sünder. Sure 15, Vers 79: Und Wir nahmen Rache an ihnen und wahrlich, beide wurden ein offenkundiges Exempel.
Sure 15, Vers 80: Und wahrlich, auch das Volk von al-Higr (der Stamm der Tamud) zieh die Gesandten der Lüge.
Sure 15, Vers 81: Wir brachten ihnen Unsre Zeichen, doch sie wendeten sich ab von ihnen.
Sure 15, Vers 82: Und sie hölten sich sichere Wohnungen in den Bergen aus,
Sure 15, Vers 83: Und da überkam sie der Schrei am Morgen,
Sure 15, Vers 84: Und all ihr Tun frommte ihnen nichts.

Wie schon mehrfach dargelegt, ist die Konsequenz der frei gewählten Zurückweisung der islamischen Heilslehre, daß „Allah Böses mit einem Volke vorhat“. Aber gerade hier zeigt sich die Widersprüchlichkeit der koranischen Botschaft deutlich, denn der Unglaube dieser Völker muß ja schon im Inventar der Schöpfung vorgezeichnet sein. Damit widersprechen die vorliegenden Verse über die Entscheidungsfreiheit der früheren Völker den deutlichen koranischen Hinweisen zur Vorherbestimmung ganzer Volksgemeinschaften, wie sie im folgenden Kapitel zusammengestellt sind:

3. Die Strafgerichte der Völker – die Straflegenden

6. Schlussbetrachtungen

Die koranische Vorstellung von Prädestination ist mit einer spezifischen gesellschaftlichen Tatsache des arabischen Raumes zur Zeit Mohammeds eng verknüpft – mit dem absolutistischen Herrscherideal des willkürlichen Despoten. Denn anders als willkürlich kann man das islamische Konzept der Prädestination nicht nennen. Das für einen westlich denkenden Menschen schwer nachvollziehbare islamische Konzept eines Gottes, der alles – Gut und Böse – in der vollständigen Totalität zuerst verfügt und dann entstehen läßt wird so verstehbarer.

H. Stieglecker schreibt dazu: „So versteht man auch die Neigung mancher, diese Vorstellung von der Selbstherrlichkeit Gottes bis zu dem Maß zu übersteigern, daß man meinte, sie beziehe sich auch auf die menschlichen Handlungen, es gebe keinen freien Willen des Menschen, der sich für oder gegen eine Tat entscheiden könne, ja, es gebe überhaupt kein menschliches Werk, denn die Willensentscheidung, ob etwas geschehen soll oder nicht, treffe nur Gott und er allein tue alle Werke, auch die der Menschen, alle, die guten und die bösen, und jede Einzelheit im Leben des Menschen und sein ewiges Geschick sei von Gott im vornhinein unabwendbar bestimmt. Denn wäre es anders, gäbe es wirklich Werke der Menschen, die durch ihre völlig freie Willensentscheidung und durch ihre eigene Kraft zustande kommen, ja hätte der Mensch auch nur den geringsten Anteil am Zustandekommen „seiner“ Werke, und geschähen durch ihn Dinge, die Gott von Ewigkeit her nie gewollt und niemals wollen wird, oder geschähen sie zu einer anderen Zeit als zu der sie Gott geplant hat, dann wäre Gott nicht mehr der unbeschränkte Herr, überhaupt nicht mehr Gott, weil er auf gewisse Dinge keinen Einfluß hätte … Neben der stark betonten Alleinherrlichkeit Gottes im Koran hat noch ein zweiter Umstand dazu beigetragen, islamische Theologen nach der deterministischen Richtung hin zu drängen und das war das absolutistische Herrscherideal.

Dieses Ideal färbte ohne Zweifel auf die Ansichten der islamischen Theologen ab und begünstigte den Sieg eines göttlichen Absolutismus, der dem menschlichen freien Willen und Wirken wenig oder gar keinen Raum zugestand. Diese selbstherrliche Stellung Gottes dem Menschen gegenüber kommt im Sinne des absolutistischen Herrscherideals recht bezeichnend auch in der Tatsache zum Ausdruck, daß in theologischen Werken „Mensch“ gefaßt in seinem Verhältnis zu Gott, zunächst nicht mit dem zu Gebote stehenden „insan“ gegeben wird, sondern regelmäßig mit „abd“ Knecht, Sklave: der Mensch ist in erster Linie nicht Kind Gottes sondern: Knecht Gottes, ein Knecht, mit welchem der Herr tun kann, was er will. Von dieser Seite her gesehen ist also diese Gottesvorstellung im Islam nicht Eigengut dieser Religion, sondern entspricht der Denkart verschiedener Völker, die gewisse geschichtliche Entwicklungsstufen hinter sich haben und bei diesem Herrscherbegriff angelangt sind.

Daß das gewöhnliche islamische Volk stark im Banne deterministisch-fatalistischer Vorstellungen steht, ist nach all dem nur begreiflich.“ (Hermann Stieglecker, Die Glaubenslehren des Islam, Seite 98 f, F. Schöningh, München, 1959)

Aber genau diese Souveränität wird durch die Prämisse der von Ihm verfaßten „beschützten Tafel“ zunichte gemacht. So gesehen ist die Konsequenz paradox: Allah kann nichts anderes mehr tun, als Sein eigenes Drehbuch zu erfüllen.

Eine kritische Würdigung des Themas wirft weitere Fragen auf:

Allah hat die ganze Entwicklung der Menschheitsgeschichte nicht nur gewußt, sondern Er hat sie verfügt. Und bei einem solchen Weltenentwurf stellt sich ein grundsätzliches moralisches Problem:

Der Koran hat nicht nur die bewußte Irreleitung bestimmter einzelner Menschen sondern obendrein eine Menschheitsgeschichte festgeschrieben, die zwingend den Unglauben ganzer Völker und das Versagen aller vorangegangenen Propheten beinhaltet. Warum sendet eben dieser Schöpfer als Seinen letzten Gesandten einen Propheten auf die Erde, der die Rechtleitung mit dem Schwert durchsetzen soll? Der Urheber dieses Weltenentwurfs wußte ja schon beim Verfassen Seines Drehbuchs, daß ein solcher Eingriff einmal erfolgen wird, und daß Er, wie wir im Koran lesen, dereinst erfolgreich sein wird:

Sure 58, Vers 21: Geschrieben hat Allah: „Wahrlich, Ich werde obsiegen, Ich und Meine Gesandten.“ Siehe, Allah ist stark und mächtig.

Dieser Vers bekräftigt die Aussage des islamischen Dogmas, daß sowohl Mohammeds Auftritt auf der Weltbühne als auch der weitere Verlauf der Menschheitsgeschichte nach seinem Tode schon vorherbestimmt sind. Haß und Gewalt gegen die Ungläubigen (kafir) wie auch ihre Entrechtung dauern nun doch schon seit 1’400 Jahren an, und es ist kein Ende abzusehen.

Das Bild des Ungläubigen (kafir) im Islam dhimmitude und Schutzgelderpressung

Die hier gestellten Fragen lösen sich auch durch Allahs eigenen Hinweis auf Seine Souveränität: „Allah löscht aus und bestätigt, was Er will“ nicht auf. Sie werden durch die unerforschliche – letztlich aber willkürliche – Freiheit zur Veränderung von Offenbarung und Schöpfung noch pointierter:

Sure 13, Vers 39: Allah löscht aus und bestätigt, was Er will und bei Ihm ist die Mutter der Schrift.

Der Koran ist nicht immer „unerschaffen“

So muß sich ein muslim dann wohl damit abfinden, daß die koranischen Verse, die er nicht versteht – oder die wie im dargelegten Falle der islamischen Prädestinationslehre kontrovers sind – zu den dunklen gehören. Ihre „Deutung weiß jedoch niemand als Allah.

Sure 3, Vers 7: Er ist’s, der auf dich herabsandte das Buch. In ihm sind evidente (beschlossene) Verse, sie, die Mutter des Buches, und andere dunkle (unspezifische). Diejenigen nun, in deren Herzen Neigung zum Irren ist, die folgen dem Dunkeln in ihm, im Trachten nach Spaltung (durch die Eigendeutung) und im Trachten nach seiner Deutung. Seine Deutung weiß jedoch niemand als Allah. Und die Festen im Wissen sprechen: „Wir glauben es; alles ist von unserem Herrn.“ Aber nur die Verständigen beherzigen es.

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