Leben in der Minorität

Der Artikel beschreibt die mißliche Lage von jungen einheimischen Norwegern, die in den kulturell stark fremdbelasteten Gebieten vor Oslo leben (müssen). Das Gebiet, von dem der folgenden Artikel handelt ist das Tal von Grorud: Groruddalen

Vermögendere Einheimische ziehen weg in sichere, angenehme weiße Enklaven, wo ihre Kinder mit ihresgleichen zur Schule gehen.

Ärmere Norweger hingegen haben diese Begünstigung nicht und sind gezwungen, Degradierung sowie Demütigung vom multikulturellen Verhaltensausguß hinzunehmen der ihnen von der politischen Elite auferlegt wird.

Anmerkung: Finansavisen welche den Artikel ursprünglich publizierte ist eine der wenigen norwegischen Zeitungen, welche keine Pressesubventionen erhält.

Der Artikel erschien on-line original in Norwegisch auf: http://www.hegnar.no/okonomi/article727633.ece
Übersetzung durch: www.derprophet.info
Eine bearbeitete Version erschien in Englisch auf: http://gatesofvienna.net/2013/05/everything-you-have-learned-in-school-is-wrong/


Leben in der Minorität

Dies ist die Geschichte von zwei Norwegern, denen dies keinen Spaß macht.

Die Zugfahrt von Smestad nach Stovner dauert 35 Minuten. Lehnen Sie sich also zurück und lassen Sie sich vom rhythmischen Schaukeln des Wagens in eine Art Schlummerzustand versetzen.

Wir hören bald die Stimme eines Jungen, den wir Andreas nennen:

Vor wenigen Wochen”, sagt er “gehe ich in den Schulhof hinaus. Eine Gruppe geht auf Lars los. Sie sind immer in Gruppen. Sie sind wie Hunde, sie jagen als Rudel. Sie verprügeln ihn. Ich trete dazwischen und schlage auf einen ein. Dann kommt jemand dazu und zieht uns auseinander und ich werde wieder ins Büro des Rektors geführt. Und bekomme wieder zu hören, daß nur weil sie uns schlagen, das noch lange nicht heißt, daß wir sie auch schlagen dürfen. Wissen Sie wie wahnsinnig provozierend das ist?

Es ist jetzt das dritte Mal, daß wir uns mit Andreas treffen. Er ist sechzehn. Er ist wütend. Er hat Angst. Er ist mutig. Er ist traurig. Er will erzählen.

Er hat das Gesicht eines Teenagers, die Augen eines Mannes.

Hätte ich keine kleinen Geschwister, würde ich mit meinem vollen Namen an die Öffentlichkeit treten. Die Leute müssen erfahren wie es ist, hier aufzuwachsen”, erklärt er.

Er wohnt in Groruddalen. Dort ist er aufgewachsen. Jeweils eine Woche bei seiner Mutter und eine bei seinem Vater. Sein Stiefvater ist super, sein Vater ist topp, seine Mutter ist topp, aber naiv.

Das ist alles nicht das Problem. Das Problem ist dieser Ort.

Meine Mutter hat gesagt es würde mir gut tun hier aufzuwachsen. Ich würde das neue Norwegen erleben und viele verschiedene Kulturen kennenlernen”.

Auf der anderen Seite des Tisches sitzt Marius Sörvik. Wir treffen ihn zum zweiten Mal. Er ist neunzehn. Er ist artikuliert. Er ist mutig. Er hat Angst. Er hat Erfolg. Er hat die Schule verlassen. Er trägt einen Bart aber ist eigentlich zu jung dafür. Er sieht gut aus – so wie es die jungen Mädchen hier in der Regel gerne haben. Er ist erst neunzehn, hat aber schon vier Filme gedreht. Er verdient Geld und ist gerade wieder zu seiner Mutter gezogen.

Als er ein Jahr alt war, zog er von Frederikstad nach Groruddalen. Bald zieht er wieder zurück.

Andreas und Marius gehören beide einer Spezies von Lebewesen an, die immer seltener in Groruddalen vorkommt. Sie verhalten sich wie alle Tiere: sie sind auf der Suche nach Überlebensstrategien. Sie wollen einen Weg finden, ihre Federn in ihrer vollen Pracht zu zeigen. Sie verstecken sich, wenn die Übermacht auftaucht. Das Menschliche: Träumen von Rache, Revanche, einmal werden sie vielleicht die Stärkeren sein, die Mehrheit bilden. Und dann.

Gegen sie. Die anderen. Die Fremden mit norwegischem Paß. In der Grundschule hat man uns immer gesagt, daß wir Rücksicht auf sie nehmen müßten. Unsere Gruppe hat zur Zeit keine offizielle Bezeichnung. Bis eine bessere auftaucht, werden wir diejenige verwenden, welche Marius selbst benutzt: „junger, ethnisch norwegischer Mann“.

Alle Lehrer haben es uns gesagt. Der Rektor hat es gesagt, wenn du mit ihnen in einen Streit geraten bist: Wir müßten verstehen wie schwer sie es haben, und daß sie aus einem Kriegsgebiet gekommen sind. Ich dachte der spinnt. Es waren ja deren Großeltern die aus Pakistan hierher gekommen sind.

Wenn ich jemanden geschlagen hätte, dürfte mich dann auch niemand schimpfen, nur weil mein Opa in der Widerstandsbewegung gekämpft hat?  – Aber ich habe ihm geglaubt.

Die Grundschule hat für beide gut angefangen. Sie haben die Lieder gesungen, sie haben an die Lieder geglaubt und sie gelebt. Dann klangen sie plötzlich falsch, die Kindheit ist vorbei, fünfte Klasse.

Dann bekommst du mit, wer du bist”, sagt Andreas.

Menschen sind verschieden, und alles was du in der Schule gelernt hast ist falsch”, sagt Marius.

Es gibt die ethnisch norwegischen Jungs und dann gibt es die anderen. Auf diese Weise herausgefordert wählen die beiden jungen Männer zwei verschiedene Strategien.

Die Strategie von Marius: Er duckt sich nicht. Er läßt sich nichts gefallen. Er gibt zurück. Er ist, wie er ist. Aber es bedeutet nichts.

Es liegt nicht daran, daß sie hinter ihm her sind.

Ein Herbstabend; Marius ist in der siebten Klasse. Er spielt Tennis. Als er hinter das Spielfeld geht um ein paar Bälle aufzusammeln, kommen sie. Es sind sieben oder acht Somalier. Sie schlagen ihn total zusammen. Danach bekommt er Zähne aus Plastik. Marius läßt sich aber nicht zum Schweigen bringen. Er nennt ein Zigeunermädchen “Zigeuner”. Das ist nicht beliebt. Als ihre Brüder und Cousins hinter ihm herlaufen um ihn zu verprügeln, muß er sich im Büro des Rektors verstecken. Es hat angefangen.

Die Strategie von Andreas: Er gibt nach, er will so sein wie sie. Reden wie sie. Er wechselt seine Sprache, beschränkt seinen Wortschatz und macht mit Absicht Schreibfehler – “ein Schule” – spricht Kebab-norwegisch, kauft ein Softgun, will so sein wie die älteren, coolen, harten pakistanischen Jungs mit einem Auto, Geld und keinem Job. Warum nicht Muslim werden; ein “Bruder” sein.

Er möchte so sein wie sie, aber es klappt nicht. Etwas in ihm wehrt sich. Grob gesagt: die schlechten Noten, die schlechten Freunde, der Islam. Er merkt, wie sie Frauen als bloße Gegenstände behandeln. Wie sie sich verhalten, wenn er versucht über den Islam zu sprechen, wie sie ständig von “Respekt” reden aber keinen Respekt zeigen. Wie sie Norweger als “Scheiß–norsking”, “Weißling”, “Kartoffel” beschimpfen. Etwas in ihm ist dies zuwider. Er zieht sich zurück. Und sie merken daß er sich zurückzieht, und da hat es angefangen.

Was Marius ertragen muß. Er geht eine Stunde vor Beginn zur Schule. Er geht vor Schulschluß nach Hause. Immer mehr Auseinandersetzungen,  immer mehr Bedrohungen. Furcht, die sich nicht auf Einzelfälle bezieht, sondern einen kontinuierlichen Fluß bildet.

In der zehnten Klasse geht er zum Arzt und lügt. Er sagt, er hat “Sozial-Angst” und bekommt ein Attest, damit er so wenig wie möglich in der Schule sein muß.

Er hat Angst; er sagt, daß sie immer in Rudeln auftauchen. Er sagt, daß sie ihn immer anstarren wenn er ihnen im Zug begegnet und sie dort zu Zwanzigst herumstehen. Wie sie ihm nachrufen, wenn er mit einer Freundin vorbeiläuft.

Hast du eine Freundin, Marius?” – Es sind nicht die Wörter an sich, aber wie sie drohend gesprochen werden, verstehst du? Wie sie dich anschauen und dann deine Freundin plötzlich anfängt zu weinen, verstehst du?

Für Marius hat sich das Grauen vermindert:

Es ist drei Jahre her seit er die Schule verlassen hat. Er hat immer noch einen Schreck, wenn er einer Gruppe im Zug begegnet aber er läßt sich nicht davon beeinflussen. Er hat vier Filme gemacht, er sagt was er meint. Er ist so wie er ist. Groruddalen ist wie es ist. Er hat Zeitungsartikel über Groruddalen geschrieben für VG und Dagsavisen und er ist bloß 19 Jahre alt, hat aber schon einen Herzinfarkt gehabt. Er wurde zweimal von Elisabeth Brun, der Produzentin von “Unser Tal” interviewt um zu erfahren, ob seine Geschichte in einer Dokumentarserie über Groruddalen wohl Platz hätte.

Hatte sie aber nicht.

Deine Ansichten passen nicht in unser Regiekonzept”, hat sie gesagt. Diese Serie ist einfach staatsfinanzierte Propaganda. Eine Doku in der die Perspektive von vorneherein diktiert wurde, ist gar keine Doku. Es ist eine Art “Mockumentary”, in der die Produzenten die Erzählung völlig unter Kontrolle halten. Wenn du erzählen willst, wie großartig es in Groruddalen ist, dann kannst du nicht mit all den jungen ethnischen Norwegern sprechen, denn die werden dir erzählen welch furchtbarer Ort dies ist.

So hat sich die Lage für Andreas verschlimmert:

Er hat sich zurückgezogen, blieb aber immer noch mit einem Muslim befreundet, der aus einer strenggläubigen Familie kommt. Wir nennen ihn “Omar”. Er versucht Andreas zu überzeugen, daß er Muslim werden soll. Er erzählt ihm von der Hölle und dem Jüngsten Gericht das ihn erwartet, wenn er sich nicht rechtzeitig dem Islam unterwirft. Er erklärt, daß man nicht für dieses Leben, sondern für das nächste leben soll. Aber Andreas sagt, daß er skeptisch gegenüber dem Islam ist und darüber hinaus noch, daß er den Islam nicht leiden kann. Die Strenge, die Rachsucht, die Frauenunterdrückung, das ganze Gerede um die Ehre der Frauen; den hijab den sie tragen, nicht weil sie es selbst wollen, sondern weil sie es müssen.

Sie diskutieren darüber und durch die Diskussionen entstehen Konflikte. “Er hat gesagt, er werde mich töten. Ich habe ihm auch gedroht.” Um sich zu schützen, knüpft Andreas Kontakte mit ethnischen Norwegern aus der Biker Szene.

Hätte ich die nicht gekannt, hätte er mich getötet.

Er fürchtet sich immer noch: Trainiert mit Gewichten um stärker zu werden, überlegt ob er  sich mit Messern bewaffnen soll, will aber nicht erwischt werden bei den Polizeikontrollen. Er hat mit seinen Freunden abgemacht, daß sie zusammen halten sollen. Sie machen auch Muskeltraining und üben Kampfsport.

Muslime kämpfen nicht Eins gegen Eins. Wenn du sie alleine triffst sind sie feige. Wenn ich Omar alleine treffe geht er mir aus dem Weg, aber wenn ich ihn in einer Gruppe treffe, kriege ich im besten Fall nur Prügel.

Marius schaut hoch. Er kann jetzt anfangen das Ganze zu analysieren. Es gibt eine Hierarchie in welcher die ethnisch norwegischen Jungs zuunterst stehen. Wenn sie sich nicht unterwerfen und sich nicht in norwegische Migranten verwandeln, werden sie schikaniert. Wenn ein norwegischer Junge sich in einen Streit verwickelt, verfügt er meistens nur über eine ganz kleine Familie und Netzwerk. Ein pakistanischer oder somalischer Junge hingegen hat einen ganzen Klan von Brüdern, Cousins und Onkel, die bei jedem Konflikt anstürmen. Ein Norweger hat häufig nur eine alleinerziehende Mutter. Er hat das Gefühl, daß die norwegische Kultur aus dem Feld geschlagen wird.

Niemand will hier Norweger sein. Norwegisch sein heißt schwach sein. Und dies ist ein Gefühl, das hauptsächlich von den Lehrern vermittelt wird. Sie haben Angst. Sie können keine Grenzen setzen. Ihr müßtet mal herausfinden wie viele Rektoren es an der Vestli Schule in den letzten Jahren gegeben hat und sie dann fragen wieso sie gekündigt haben. Sie haben die Kontrolle verloren und tun alles um den muslimischen Schülern zu gefallen. Im Haushaltunterricht müssen alle halal Fleisch zubereiten. Die Migranten müssen kein Neu-Norwegisch lernen, aber ich muß das lernen. Die muslimischen Mädchen müssen nicht am Sportunterricht teilnehmen denn sie können sich natürlich nicht mit den anderen Mädchen zusammen umziehen. Wir müssen uns ihrer Kultur anpassen nicht sie der unsrigen.

Andreas über die Mädchen.

Etwas was mich wahnsinnig macht ist wie sie norwegischen Mädchen hinterherlaufen können. Aber wir nicht den Musliminnen. Das lernt man schon ganz früh. Du versuchst es einfach nicht mit einem pakistanischen Mädchen, aber norwegische Mädchen sind offen gegenüber Migranten Jungs. Die norwegischen Mädchen bevorzugen sie. Ich weiß nicht warum. Vielleicht die braune Haut. Daß sie hart sind, daß sie Geld haben ohne arbeiten zu müssen. Sie sehen, wie sie nur in Rudeln Prügel verteilen und daß sie eigentlich feige sind. Ich habe mal meine beste Freundin gefragt, ob sie mit mir zusammen sein könnte. Sie hat gesagt, daß ich eine gute Persönlichkeit habe, weswegen sie es sich vorstellen könnte. Aber das Problem sei, daß ich Norweger bin. Sie will mit einem Ausländer zusammen sein.

Er glaubt, daß Oslo sich in Oslostan verwandeln wird.

Es wird viele Jahre dauern, aber das ist die Richtung. Es kommen mehr und mehr Muslime von anderen Orten hierher und viele konvertieren. Ich allein kenne fünf Konvertiten. Hier dreht sich alles um den Islam; der Islam ist hier stärker, warum dagegen kämpfen?

Er fühlt sich verlassen. Es ist das erste mal, daß ein Erwachsener ihn frei ausreden läßt, ohne daß er sich zurückhalten, sich selbst zensieren muß. Er will Schauspieler sein. Er will einen Film machen. “Unser Tal“, die Wirklichkeit. Er will Soldat werden, eine Uniform tragen. Er will die Autorität, die eine Uniform bringt. Niemand macht einen Soldaten blöd an.

Wir sagen, daß die Jugendzeit für alle hart sein kann und fragen wie viel es am Ort liegt, und wie viel es einfach das Trauma ist, das alle Jugendlichen erleben: Das anders sein, die Einsamkeit, das ausgegrenzt sein.

Wir fragen ob sie paranoid sind. Ob es wirklich etwas zu fürchten gibt oder ob sie sich nicht einfach isoliert haben und sich alleine ihre Horror-Szenarien ausgemalt haben, bis sie die Wirklichkeit übertrumpft haben.

Sie lachen. Sie lächeln. Die Journalisten haben es nicht kapiert. “Es ist nicht Einbildung, wenn sie mich anschreien, wenn sie mir drohen, wenn sie mich verhauen”, sagt Andreas.

Fürchtet ihr euch, wenn ihr alleine raus geht?” “Ich nicht, nicht mehr zumindest”, sagt Marius. “Es gibt (jedoch) viele Orte, wo ich nicht alleine hingehe, besonders abends”, meint Marius.

Marius begleitet uns zum Bahnhof. “Schau mal”, sagt er und zeigt auf zwei Migranten, “Siehst du wie sie zurückschauen?

Er hat Recht, sie starren uns an. Unser Blick senkt sich zuerst. Die Tiermetaphern in ihrer Sprache kommen wieder zum Vorschein.

Sie sind wie Katzen, Katzen weichen auch nie. Sie fordern dich heraus. Es macht mich wahnsinnig.

Der Zug kommt, wir steigen ein. Ein paar Haltestellen weiter steigt Andreas aus.

Wir lehnen uns zurück und versuchen wieder, uns vom Rhythmus und Schaukeln des Zuges einschläfern zu lassen.  Der Schlaf kommt nicht.

Die Strecke von Stovner nach Smestad dauert 35 Minuten.

Epilog: Nachdem Marius den Artikel durchgelesen hat, ruft er uns zurück: “Daß ich mich alleine nicht fürchte, kannst du wieder streichen.” “Warum?” “Ich wurde gestern zusammengeschlagen, als ich von der Kneipe nach Hause ging.

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