Kampf gegen Gläubige, die „sich vergehen“

Zusammenfassung

Wie ist mit muslimen umzugehen, welche über gesellschaftliche Fragen anders denken als ihre Herrscher – und diesen Missmut mittels Rebellion auch zum Ausdruck bringen, d.h. „sich vergehen“? Die politische Dimension des islamischen Dogmas ist umfassend und beinhaltet auch Fragen des Staatsschutzes, der Legitimation von Revolte und des Umgangs mit Aufständischen. Es ist von der muslimischen Rechtsauffassung her logisch und zwingend, daß auch Zwist und/oder Aufruhr innerhalb der islamischen umma entsprechend Allahs Willen anzugehen sind. Es muß also in der Trilogie der islamischen Schriften nach Grundlagen gesucht werden, aus welchen ein Gesetzesreglementarium für den Umgang mit Divergenz hergeleitet werden kann.

Die von der ► ulema erarbeiteten Gesetzesgrundlagen sind im Koran mit Vers 9 aus Sure 49 (der sich zudem auf eine Lappalie bezieht) allerdings recht dürftig unterlegt.

Dies ist einer der Gründe, weshalb die Bestimmungen zur Regelung innerislamischer Querelen sehr komplex, inkonsistent und widersprüchlich sind. Wer ist denn nun ein Rebell und wer ein unrechtmäßiger Herrscher? Wie die Ausführungen von Maududi sichtbar machen, ist die islamische Rechtswissenschaft betreffend einzelnen Vorgehensweisen weit entfernt, eine einhellige Meinung zu haben.

Entsprechend der Dualität der islamischen Heilslehre ist das Kriegsrecht gegen Ungläubige ein anderes als dasjenige innerhalb des Islam: es gibt keine Kriegsbeute, keine Versklavung, keine Kriegsgefangenen und keine Unterwerfung. Zudem wird der jihad gegen muslimische Rebellen moralisch höher bewertet als derjenige gegen Ungläubige.

Auch im Falle von gravierenden Meinungsverschiedenheiten zwischen einzelnen muslimischen Gruppierungen erfolgt die Wahrheitsfindung (wenn keine friedliche Einigung möglich ist) mittels Gewaltanwendung.

Der Sieger einer Auseinandersetzung hat damit automatisch auch die Legitimation Allahs errungen. Letztlich setzt also die Anwendung von Gewalt ideologische Wahrheit.

 

1. Einführung

Das islamische Gewaltkonzept beeinträchtigt nicht nur die Welt der Ungläubigen. Jede muslimischePartei„, die sich „gegen eine andere vergeht“ muss – wenn sie nicht einsichtig ist – mittels Gewalt belehrt werden.

Der Kampf gegen die Rebellen
Mohammeds Handlungen sind von Allah göttlich legitimiert

Sure 49, Vers 9: Und wenn zwei Parteien der Gläubigen miteinander streiten, so stiftet Frieden unter ihnen; und wenn sich die eine gegen die andere vergeht, so kämpfet gegen die, welche sich verging, bis sie zu Allahs Befehl zurückkehrt. Und wenn sie zurückkehrt, so stiftet Frieden unter ihnen in Billigkeit und übt Gerechtigkeit. Siehe, Allah liebt die Gerechtigkeit Übenden.

Sure 49, Vers 9: Und wenn zwei Gruppen von den Gläubigen einander bekämpfen, dann stiftet Frieden zwischen ihnen! Wenn dann aber die eine der anderen (immer noch) Gewalt antut, dann kämpft gegen diejenige, die gewalttätig ist, bis sie wieder einlenkt und sich der Entscheidung Gottes fügt! Wenn sie dann wieder einlenkt, dann stiftet zwischen den beiden (endgültig) Frieden, wie es recht und billig ist, und laßt Gerechtigkeit walten! Gott liebt die, die gerecht handeln.
(Übersetzung nach R. Paret)

Die Formulierung ist sehr offen gehalten. Wer soll Frieden stiften? Welche Partei ist im Besitze der durch Koran und scharia gesetzten Wahrheit? Wer ist legitimiert zu Gewaltanwendung bis der Gegner zu Allahs Befehl zurückkehrt? Auch unter muslimen selbst sollen Zwistigkeiten also mittels Kampf geregelt werden, wenn kein Friedensschluß möglich ist.

Bei welcher Gelegenheit wurde dieser Vers offenbart? Die Exegese nach dem Tafsir al-Jalalayn gibt Auskunft:

Tafsir al-Jalalayn 49,9: Und wenn zwei Parteien von Gläubigen beginnen sollten, miteinander zu streiten, schließe Frieden zwischen ihnen. Und wenn eine Gruppe sich an der anderen vergreift, so bekämpfe die Angreifer bis sie zu Allahs Befehl zurückkehren, zur Wahrheit. Wenn sie dann zurückkehren, stifte auf faire und gerechte Weise Friede zwischen ihnen. Wahrlich Allah liebt die Gerechten.

Dieser Vers wurde im Zusammenhang mit einer bestimmten Episode offenbart, in welcher der Prophet auf einem Esel an Ibn Ubei vorbeiritt. In dem Augenblick geschah es, daß der Esel urinierte. Ibn Ubei hielt sich die Nase zu worauf Abd Allah Ibn Rawaha ihm folgendes sagte: “Bei Allah, der Geruch des Urins ist gewiß süßer als dein Moschusparfüm.“ Darauf begannen die beiden Clans mit Fäusten, Sandalen und Palmwedeln aufeinander loszugehen.

Einen hervorragenden Einblick in dualistisches ethisches Denken gibt folgende ausführliche Exegese von Maududi zu diesem Vers des Korans, der aufgrund der nach-mohammedanischen Expansion der islamischen Gemeinde eine große dogmatische Bedeutung erlangt hat.

Der jihad gegen die Rebellen

Der vollständige englische Text ist im Internet abgelegt unter: Quelle

Bedenken wir die Nichtigkeit des Anlasses: ein lächerlicher und unbedeutender Zwist zwischen den beiden verfeindeten Stämmen der Aus und Hazrag und ihres Anführers Abd Allah Ibn Ubei, ► Mohammed und Abd Allah Ibn Ubei dann greifen die folgenden exegetischen Betrachtungen Maududis doch sehr weit. Es kommt darin zum Ausdruck, daß Vers 49 aus Sure 9 der einzige koranische Beleg war (und ist), nach welchem Streitigkeiten innerhalb der umma scharia-konform gehandhabt werden konnten:

2. Der Kommentar Maududis zu Sure 49, Vers 9

Lesehilfe: Hervorhebungen, ► Links und Untertitel wurden durch die Übersetzer eingefügt.

Ahkam al-Qur’an sind ausführliche Werke der schariatischen Rechtswissenschaft. Im folgenden Artikel werden Werke verschiedener Autoren zitiert, wie z.B.

  • Abu Bakr Al-Jassas, Ahkam al-Qur’an
    Abu Bakr Ibn al-Arabi, Ahkam al-Qur’an
    etc.

hadrat ist ein Ehrentitel, hadrat Ali ist einer der engen Gefährten des Propheten

*12. … Von der Wortwahl „wenn zwei Parteien von Gläubigen beginnen sollten, zu streiten …“ kann gefolgert werden, daß ein sich gegenseitiges Bekämpfen unter Muslimen weder üblich ist, noch sein sollte. Man erwartet nicht, daß unter ihnen, eben weil sie Gläubige sind, Streit ausbricht. Falls jedoch ein solcher Fall eintreten sollte, muß das in der Folge beschriebene Vorgehen angewendet werden. …

*13. Der Befehl des Allmächtigen, Frieden zu stiften, richtet sich an all jene Muslime, welche nicht Teilnehmer einer der beiden streitenden Gruppen sind. Allah mag es also nicht, wenn unbeteiligte Muslime nur rumsitzen und das Aufeinanderprallen anderer Mitglieder ihrer Gemeinde lediglich beobachten. Wenn sich aber eine solcherart traurige Situation ereignen sollte, so müssen die besorgten Gläubigen alles in ihrer Macht stehende tun, um Frieden und Wiedergutmachung zwischen den streitbaren Mitbürgern herzustellen. Erstere sollen Letztere davon überzeugen, daß sie vom Streiten absehen sollen und ihnen Gottesfurcht einflößen. Einflußreiche Leute sollen mit den Verantwortlichen beider Seiten reden um herauszufinden, was der Grund für die Auseinandersetzung ist und alles Menschenmögliche versuchen, Versöhnung herzustellen.

*14. Auch sollten es die friedliebenden Muslime nicht soweit kommen lassen, daß die Angreifer das Opfer (d.h. die schwächere Gruppe) weiterhin angreifen sondern es in Ruhe lassen. Oder, was noch schlimmer wäre, wenn sie in Versuchung kommen sollten, sich mit den Angreifern zu verbünden. Wenn sämtliche Wiedergutmachungsbemühungen fehlschlagen, so sollen die „Friedensstifter“ herausfinden, wer im Recht und wer im Unrecht ist. Dann sollen sie sich auf die Seite der Rechtschaffenen schlagen und die Angreifer bekämpfen. Weil diese Art Kampf von Allah sanktioniert wurde, fällt er in die Kategorie „jihad“ und ist somit obligatorisch. … Es ist damit nicht ► fitna (Unfrieden stiften) gemeint, sondern es wird die Ausführung eines Befehls von Allah gefordert. Sämtliche Juristen sowie alle Gefährten Mohammeds sind sich einig, daß dieser Kampf eine Verpflichtung ist. (Al-Jassas, Ahkam al-Qur’an)

Manche Rechtsgelehrte erachten diese Art Kampf sogar noch wertvoller als den „Heiligen Krieg“. Der Grund dafür ist die Tatsache, daß hadrat Ali die gesamte Zeitspanne seines Kalifates dafür einsetzen mußte, gegen Rebellen zu kämpfen anstatt sich dem jihad widmen zu können.

Wenn jemand behaupten würde, daß es nicht verpflichtend war, sich hadrat Alis Bemühungen anzuschließen, nur weil sich ein paar Gefährten ebenfalls nicht beteiligt hatten, so liegt er falsch. Ibn ’Umar selbst sagte: „Ich habe noch nie etwas so betrauert wie die Tatsache, daß ich bezüglich dieses Verses (49,9) der ja von Allah sanktioniert wurde versagt habe und die Rebellen nicht bekämpft habe.“

Der Befehl gegen die Aggressoren vorzugehen bedeutet nicht zwingend, daß sie mit Waffen bekämpft und getötet werden sollen. Es versteht sich jedoch von selbst, daß Gewalt gegen sie angewendet werden soll, deren wahres Ziel es ist, die Aggression zu beseitigen. Es soll lediglich soviel davon angewendet werden wie nötig ist, um die Aggression zu entschärfen, nicht mehr und nicht weniger.

Der Befehl Allahs richtet sich also an diejenigen, welche genug Macht haben den Angriff durch einen Kräfteeinsatz zurückschlagen zu können.

*15. Diese Art des Abwehrkampfes zeigt deutlich, daß es nicht darum geht, den Rebellen für seinen Widerstand zu bestrafen, sondern ihn wieder unter Allahs Oberbefehl zurückzuführen. Dies bedeutet, daß die Rebellen sich dem unterstellen, was laut Allahs Buch und der sunnah des Propheten rechtens ist und deshalb aufgrund dieses Kriteriums der Wahrheit ihre Verhaltensweise, welche zu Aggression geführt hat aufgeben sollen. Sobald die Rebellen (wieder) bereit sind, diesem Oberbefehl zu gehorchen, soll jegliche Gewalt gegen sie eingestellt werden. Wenn jemand in einer solchen Situation nicht aufhören kann, Gewalt auszuüben, wird er selbst zum Angreifer. Um in einer derartigen Auseinandersetzung herauszufinden, wer im Recht ist, müssen unweigerlich diejenigen Mitglieder der „umma“, welche aufgrund ihres Wissens und ihrer Einsicht die Fähigkeit haben eine solche Analyse vorzunehmen, das Zepter in die Hand nehmen.

*16. Der Befehl lautet nicht nur, Frieden zu schließen, sondern dies mit Gerechtigkeit und Billigkeit zu tun. Laut Allahs Standpunkt ist es nicht empfehlenswert, Friede und Wiedergutmachung herzustellen, ohne zwischen Recht und Falschheit unterschieden zu haben oder gar auf die Partei, welche sich im Recht befindet Druck auszuüben damit sie sich mit dem Angreifer einige. Wahrer Friede basiert auf Gerechtigkeit. Nur so können Katastrophen und Aufruhr vermieden werden. …

*17. Obiger Vers ist die eigentliche Basis des islamischen Gesetzes betreffend kämpferischen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen. In der Biographie Mohammeds findet sich keine Erklärung dafür und es gibt nur eine hadith-Stelle, welche weiter unten besprochen wird. Zu Lebzeiten Mohammeds gab es keine Kriege zwischen Muslimen. … Während des Kalifates von hadrat ’Ali fanden dann kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Muslimen statt. Weil eine stattliche Anzahl von Mohammeds Gefährten noch immer lebte war es möglich, aufgrund ihrer Praktiken und Äußerungen eine authentische Auslegung dieses Gesetzes zu erstellen. Somit wurde ein detaillierter Kodex dieses Aspektes der islamischen Gesetzgebung zusammengetragen. Insbesondere entpuppte sich das persönliche Exempel von hadrat als wahre Quelle von Information für die Juristen.

Hier folgt eine kurze Zusammenfassung dieses Kodex:

Rebell oder nicht Rebell …

(1) Es gibt verschiedene Formen von intra-muslimischen Kämpfen und jede hat ihre eigenen Verfügungen:

(a) Falls die Mitglieder beider kämpferischer Gruppen Staatsangehörige eines muslimischen Landes sind, so ist es die Pflicht der entsprechenden Regierung, Frieden zu stiften oder zu entscheiden, wer der Angreifer ist und ihn mit Gewalt zu zwingen, zur Wahrheit zurückzufinden.

(b) Falls die beiden Parteien zwei mächtige Gruppen sind oder gar zwei verschiedene muslimische Regierungen und sie beide um der (Welt)herrschaft willen kämpfen, so sollen die Gläubigen unbedingt davon absehen, sich an dieser „fitna“ zu beteiligen. Sie sollen vielmehr die beiden Parteien ermahnen, Gottesfurcht an den Tag zu legen und mit dem Kämpfen aufzuhören.

(c) Wenn eine unter (b) erwähnten kriegerischen Parteien im Recht ist und die anderen die Aggressoren sind welche weder Bereitschaft zeigen auf Ermahnungen zu hören noch Frieden zu schließen, so haben sich die Gläubigen auf die Seite der Gerechten zu stellen.

(d) Die Partei, welche gegen die muslimische Regierung revoltiert wird von den Juristen „baghi“ (Rebell) genannt.

(2) Rebellen, welche sich gegen die Regierung vergehen haben verschiedene Beweggründe:

(a) Gegen solche die nur Chaos und Verwirrung stiften wollen, ohne daß sie gesetzliche Beweggründe für ihre Revolte hätten, gibt es den legalen Konsensus der erlaubt, daß die Regierung gegen sie Krieg führen kann und die Gläubigen sich am Kampf beteiligen müssen, egal ob es eine gerechte Regierung ist oder nicht.

(b) Dann gibt es solche, die eine Revolte gegen eine Regierung inszenieren um letztere zu beseitigen, obwohl sie keine gesetzliche Basis für ihre Aktion haben und sogar ungerecht oder übel sein können. Falls die Regierung eine gerechte ist, ist man verpflichtet, sie ohne Hinterfragung zu unterstützen. Sogar wenn die Regierung ungerecht ist, ist man trotzdem verpflichtet, sie gegen die Rebellen zu unterstützen denn es herrschte ja bis anhin Friede und Ordnung im Land.

(c) Weiter gibt es solche, die gegen eine Regierung revoltieren und eine legale Basis dafür haben. Es könnte jedoch sein, daß diese Basis eine falsche ist sowie ihr Glaubenssystem brutal und pervers, wie z.B. im Falle der khawarij. In dem Moment hat eine muslimische Regierung – ob gerecht oder nicht – das Recht, diese Aufwiegler zu bekämpfen und man ist verpflichtet, erstere dabei zu unterstützen.

(d) Wenn eine Revolte gegen eine gerechte Regierung, dessen Oberhaupt gesetzesmäßig an die Macht gelangt ist stattfindet, so muß die Regierung gegen die Rebellen – ob sie nun eine legale Basis für ihre Aufwiegelung haben oder nicht – vorgehen und man muß sie dabei unterstützen.

(e) Für den Fall, daß scheinbar rechtgeleitete Rebellen gegen eine ungerechte Regierung, die sich durch Zwang an die Macht gedrängt hat und deren Führer bösartig sein könnte, vorgehen; weil sie sich also erhoben haben, um Gerechtigkeit einzuführen und dem Göttlichen Gesetz wieder Geltung zu verschaffen, gibt es äußerst verschiedene juristische Lehrmeinungen. Sollen diese Rebellen nun als Sünder bezeichnet werden und ist es verpflichtend sie zu bekämpfen oder nicht?

Der Großteil der Juristen sowie die Ashab al-hadith sind der Ansicht, daß es ungesetzlich ist, gegen ein Oberhaupt, dessen Regierung vor langer Zeit eingerichtet wurde und in dessen Land Friede und Ordnung herrscht zu revoltieren, ob er nun gerecht ist oder nicht. Es kommt nicht darauf an, wie er an die Macht gelangte, solange er sich nicht öffentlich des Unglaubens schuldig macht.

Imam Sarakhsi schreibt: “Wenn Muslime sich auf ein Oberhaupt geeinigt haben, wenn Friede im Land herrscht und die Strassen sicher sind, dann ist jeder der es vermag verpflichtet, gegen eine Gruppe von aufständischen Muslimen vorzugehen, den Herrscher zu unterstützen und die Rebellen zu bekämpfen.” (Al-Mabsut, Bab al-Kwarij)

Imam Al-Nawawi schreibt in seinem Kommentar zu den Sahih Muslim Sammlungen folgendes: “Es ist verboten zu revoltieren und gegen die Imame zu kämpfen, auch wenn diese bösartig und ungerecht sind.” Obwohl Imam Nawawi behauptete, daß ein Konsensus (“ijma”) über das eben gesagte herrsche, stimmt dies nicht.

Die Grundlagen der scharia

Eine beträchtliche Gruppe muslimischer Juristen – unter ihnen auch manche berühmte Schriftgelehrte – erklären, daß Rebellen nur dann als Rebellen zu bezeichnen sind, wenn sie sich gegen einen gerechten Herrscher erheben. Eine Revolte wird dann in koranischer Terminologie nicht als Rebellion bezeichnet, wenn rechtgeleitete Aufständische gegen ungerechte und bösartige Führer kämpfen. Das Zurückschlagen dieser Rebellen wird ebenfalls nicht als verpflichtend betrachtet. …

Abu Bakr al Jassas sagt in seinem Werk “Ahkam al-Quran” auf deutliche Weise, daß ein Imam ein solches Revoltieren nicht nur erlauben, sondern unter gewissen Umständen sogar als verpflichtend erachten soll. (Vol. I, Seite 81; Vol. II, Seite 39)

Während der Revolte unter Zaid bin ‘Ali gegen die Umayyaden unterstützte Abu Bakr ersteren nicht nur finanziell, sondern forderte auch andere auf, es ihm gleichzutun. (Al-Jassas, Vol. I, Seite 81) Während des Aufstandes der von Nafs al-Zakiyah angeführt wurde und der sich gegen Mansur richtete, unterstützte Abu Bakr die Rebellen in ernster Absicht und erklärte überdies diesen Krieg im Vergleich zu jihad (Krieg gegen die Ungläubigen) als ranghöher. (Al-Jassas, Vol.I, Seite 81; Al-Kardari, Manaqib Abi Hanifah, Vol. II, Seite 71/72)

Ibn Humam schreibt in seinem Kommentar der Hedaya “Fath al-Qadir”: “In der Sprache der Juristen werden Rebellen, welche ihre Loyalität in den Wind schlagen und gegen eine ungerechte Regierung kämpfen als mit dem Gesetz im Einklang betrachtet. Als Beispiel sei die Revolte von Hadrat Husain erwähnt.” (Al-Infaf, Vol.-X, Bab Qital Ahl al-Baghyi)

Imam Shafe’i hingegen schreibt in “Kitab al-Um”, daß jemand als ein Rebell bezeichnet wird, (auch) wenn er gegen eine gerechte Regierung kämpft. (Vol. IV, Seite 135)

Imam Maliks Meinung steht in “Al-Mudawwanah”: “Wenn Rebellen aufständisch werden und gegen einen gerechten Herrscher kämpfen, muß man sie mit aller Macht zurückschlagen.” (Vol. I, Seite 407)

Abu Bakr Ibn al-Arabi schreibt im “Ahkam al-Qur’an” folgendes: “Wenn eine Person aufständisch wird und eine Revolte gegen einen gerechten Herrscher wie z.B. ‘Umar bin Abdul Aziz anzettelt, so ist man verpflichtet, ihm zu widerstehen und ihn zurückzuschlagen. Betreffend einem anderen (nicht gerechten) Herrscher gilt folgendes: Man soll ihn in Ruhe lassen. Allah wird ihn mit Hilfe einer anderen ungerechten Person bestrafen und beide zusammen werden dann von einer eben solchen dritten Person ins Visier genommen.”

Imam Malik wird anderswo folgendermaßen zitiert: “Wenn man Loyalität gegenüber einem gerechten Herrscher geschworen hat, aber man dann quasi wie gegen seinen eigenen Bruder revoltiert, so muß man bekämpft werden. Wenn man jedoch gezwungen wird, Loyalität zu schwören, so gilt diese nicht als verpflichtend.”

Abschließend hier nochmals ein Zitat von Abu Bakr Ibn al-Arabi: “Wir werden nicht kämpfen außer an der Seite des gerechten Herrschers, welchen die Wahrheit liebenden Leute aus freiem Willen heraus zu ihrem Oberhaupt gemacht haben.”

Bestrafung von Rebellen

(3) Wenn die Zahl der Rebellen gering ist und sie weder eine größere Verstärkung als Rückendeckung noch substantielle Waffen haben, tritt das “Rebellengesetz” nicht gegen sie in Kraft, sondern sie werden unter dem gewöhnlichen Gesetz gerichtet. Das heißt, falls sie getötet haben, fällt dies unter das Gesetz der Vergeltung und falls sie Besitz zerstörten, müssen sie die entsprechende Busse bezahlen. Das Rebellengesetz tritt nur gegen diejenigen Aufwiegler in Kraft, welche große Macht haben und viele Mitstreiter auf sich vereinen sowie ein großes Waffenarsenal besitzen.

(4) Wenn die Rebellen lediglich ihren falschen und perversen Glauben oder ihre feindlichen und aufwieglerischen Ideen gegenüber der Regierung oder deren Oberhaupt propagieren, so können sie nicht getötet oder gefangen genommen werden. Es kann gegen sie nur Krieg geführt werden, wenn sie tatsächlich einen bewaffneten Widerstand anzetteln der schlußendlich in einem Blutbad mündet. (Al Mabsut, Bab al-Khwarij, Fath al-Qadir, Bab al-Bighat, al-Jassas, Ahkam al-Qu’ran)

(5) Bevor man gegen Rebellen Krieg führt, muß man sie erst laut koranischen Verlautbarungen einladen, ihre aufständische Unart aufzugeben und den Weg der Gerechtigkeit anzunehmen. Falls sie jedoch Zweifel oder Einwände hegen, so soll man sich bemühen diese zu beseitigen. Wenn sie aber nicht hinhören und trotzdem mit dem Kämpfen beginnen, so muß Gewalt gegen sie angewendet werden. (Abu Bakr al-Jassas, Ahkam al-Qu’ran)

(6) Der Kodex, welcher im Krieg mit Rebellen angewendet werden muß, basiert auf folgendem Befehl des heiligen Propheten: (dies wird von Hakim, Bazzar und al-Jassas bezugnehmend auf die Autorität von hadrat ‘Abdullah bin ‘Umar berichtet):

“Der heilige Prophet fragte hadrat ‘Abdullah bin Mas’ud: ‘Weißt du, wie Allahs Befehl bezüglich der Rebellen unserer Gemeinde (umma) lautet?’ Dieser antwortete: ‘Allah und Sein Gesandter wissen es am besten.’ Da sagte der heilige Prophet: ‘Ihre Verwundeten werden in Ruhe gelassen und ihre Gefangenen nicht getötet. Und diejenigen, welche fliehen werden weder verfolgt noch wird ihr Hab und Gut als Beute verteilt.’”

Die zweite von den Juristen als vertrauenswürdig erachtete Quelle dieses Kodex beinhaltet die Worte und Taten von hadrat ‘Ali. Nachdem er bei der “Kamelschlacht” (Battle of Bassorah) siegreich hervortrat, ließ er verlauten: “Verfolge nicht diejenigen, welche fliehen, greife weder die Verwundeten an noch töte die Gefangenen. Gewähre den Kapitulierenden Schutz und dringe nicht gewaltsam in ihre Häuser ein. Hole nicht zum Schlage aus gegen die Frauen auch wenn sie dich beschimpfen und verfluchen.” Als er hörte, wie manche seiner Krieger verlangten, die Gegner sowie deren Familienangehörige gefangen zu nehmen und als Sklaven zu verteilen, wurde er wütend und sagte: “Wer von euch wird Aischa, die Mutter aller Gläubigen als seinen Anteil nehmen?”

(7) Die Verfügung betreffend des Besitzes der Rebellen wurde vom guten Beispiel hadrat ‘Alis hergeleitet und beinhaltet, daß keinerlei Besitz – ob er nun auf dem Schlachtfeld oder dahinter in den Häusern gefunden wird und ob die Rebellenfeinde noch leben oder nicht – als Beute erklärt werden und unter den Kriegern verteilt werden darf. Es muß jedoch keine Kompensation für allfälligen beschädigten oder zerstörten Besitz bezahlt werden. Wenn der Krieg zu Ende ist und die Rebellion zerschlagen, dann wird ihnen ihr Hab und Gut wieder zurückgegeben. Falls ihre Waffen und Transportmittel während der kriegerischen Auseinandersetzungen beschlagnahmt werden, können diese zwar gegen sie eingesetzt werden ohne jedoch nachher in den Besitz der Sieger überzugehen und als Beute verteilt zu werden. Wenn die Angst vor einer Rebellion völlig getilgt ist, werden diese Objekte an ihre ursprünglichen Besitzer zurückgegeben. …

(8) Die Kriegsgefangenen werden nachdem sie versprochen haben, ihr Rebellendasein für immer und ewig aufzugeben, freigelassen. (Al-Mabsut)

(9) Den getöteten Rebellen die Köpfe abzuschlagen und damit durch die Strassen zu ziehen ist höchst unerwünscht, denn dies ist Leichenschändung, welche der heilige Prophet kategorisch verboten hat.

Auftragsmorde an politischen Gegnern

(10) Was auch immer für Schaden an Leben und Besitz durch die Rebellen verursacht wurde, es wird keine Vergeltung oder Wiedergutmachung von ihnen verlangt wenn der Krieg vorüber ist und Friede im Land herrscht. … So können Chancen für neue Aufwiegelungen vermieden werden. Dasselbe Gesetz galt auch für die Gefährten (Mohammeds), wenn sie untereinander kämpften. (Al-Mabsut, al-Jassas, Ibn al-‘Arabi, Ahkam al-Qur’an)

(11) Nachdem die Regierung die Territorien, welche die Rebellen annektiert hatten, wieder zurückerobert hat, wird sie nicht noch einmal Steuern und Almosen (zakat) von den Bewohnern abverlangen, wenn diese bereits ihre Abgaben an die Rebellen gemacht haben. Falls die Rebellen das gesammelte Geld rechtmäßig ausgegeben haben, so haben auch die Besteuerten in den Augen Allahs ihre Steuern rechtmäßig bezahlt. Fall jedoch die Rebellen das Geld unrechtmäßig ausgegeben haben, dann ist dies die Sache zwischen den Besteuerten und ihrem Gott: wenn sie wollen können sie ihre Steuern nochmals entrichten. (Fath al-Qadir, al-Jassas, Ibn al-‘Arabi, Ahkam al-Qur’an)

(12) Die Entscheidungen der Richter werden beibehalten, denn obwohl sie von Menschen in ihr Amt einberufen wurden, die sich eventuell der Aufwiegelung schuldig gemacht haben, können sie doch gerecht sein, wenn sie ihre Entscheidungen gemäß der scharia fällen. Wenn ihre Schiedsprüche jedoch nicht gemäß der scharia ausfallen und sie vor Gericht erscheinen müssen, nachdem die Rebellion zerschlagen wurde, werden diese Urteile nicht vollstreckt. Zudem werden keine Haftbefehle oder Vorladungen, welche vom Rebellengericht erlassen wurden, vom Gericht der (wieder etablierten) Regierung akzeptiert. (Al-Mabsut, al-Jassas, Ahkam al-Qur’an)

(13) Zeugenaussagen von Rebellen werden an islamischern Gerichten nicht akzeptiert, denn es ist schändlich, gegen die Gerechten zu kämpfen. Imam Muhammad sagt: “Solange die (potentiellen) Rebellen nicht wirklich eine Revolte gegen die gerechten Menschen angezettelt haben, werden ihre Zeugenaussagen akzeptiert. Wenn sie jedoch schon gekämpft haben, werde ich sie nicht anerkennen.” (Al-Jassas, Ahkam al-Qur’an)

Aus diesen Verfügungen wird ersichtlich, was der Unterschied ist zwischen dem Gesetz welches sich mit dem Kampf gegen die Ungläubigen befasst und dem, welches den Kampf gegen muslimische Rebellen regelt.

 

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