Irreleitung

Vergleiche:

 Prädestination im Koran
 Allahs Allmacht und Seine umfassende Prädestination: Die dogmatischen Konsequenzen

Die Irreleitung der Ungläubigen, veranlaßt durch Allahs aktives und bestimmendes Eingreifen in das Seelenleben ausgesuchter Individuen ist ein wichtiges Thema in der koranischen Botschaft. Eine vollständige Zusammenstellung aller Verse finden Sie unter:

► Irreleitung im Koran

Lesen wir die koranischen Verse über die Irreleitung, ergibt sich die Erkenntnis, daß Allah dieses Mittel göttlicher Einflußnahme ausschließlich im Zusammenhang mit dem Sakrileg des Unglaubens ergreift. Einmal mehr nehmen Ungläubige im islamischen Dogma eine herausragende Stellung ein. Es erstaunt nicht, daß sie negativ besetzt ist.

1. Begriffsdefinition

Den Begriff der „Irreleitung“ erklärt R. Paret folgendermaßen: „Der deterministische Charakter von Mohammeds Urteil über die Halsstarrigkeit seiner Gegner tritt besonders deutlich an den Stellen in Erscheinung, an denen er davon spricht, daß Gott die Ungläubigen „irren läßt“. Der dabei verwendete Ausdruck „adalla“ bedeutet nicht bloß zulassen, sondern geradezu veranlassen, daß jemand irre geht.“ (R. Paret, Mohammed und der Koran, Seite 109, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 1980)

H. Stieglecker präzisiert „adalla“ wie folgt: „Und wenn die Mutaziliten sagen: „Gott führt irre“ heiße soviel als „Gott nennt den Betreffenden einen Irrenden“ so ist das schon sprachlich durchaus verfehlt, denn adalla (er führt irre) hat im Arabischen nie die Bedeutung „irrend nennen“, „als einen Irrenden bezeichnen“, sondern immer nur: „in den Irrtum hineinführen“, „zum Irrtum verleiten“. Die Bedeutung „als Irrenden bezeichnen“ hat eine andere abgeleitete Form dieses Zeitwortes, nämlich: dallala.“ (Hermann Stieglecker, Die Glaubenslehren des Islam, Seite 117, F. Schöningh, München, 1959)

Es handelt sich bei der Irreleitung also zweifelsfrei um eine Verfügung Allahs. In diesem Sinne sind auch weitere, dem gleichen Zweck dienende Interventionen zu verstehen:

  • – Allah verhüllt Augen (18,101; 45,23; 7,179; 18,101)
    – Allah legt Decken über Herzen (17,46; 18,57)
    – Allah versiegelt Ohren und Herzen (6,25; 6,46; 10,74; 16,108; 30,59; 42,24; 45,23; 63,3; 7,100)
    – Allah verhärtet Herzen (39,22)
    – Allah reinigt Herzen nicht (5,41)
    – Allah verführt zum Unglauben (5,41)

2. Der Eingriff

Einige Verse aus der mekkanischen Periode sprechen nicht von Allahs Irreleitung, sondern davon, daß die Menschen „irregehen“. So vermerkt Vers 108 aus Sure 10 lakonisch: wer irregeht, der geht nur zu seinem eigenen Schaden irre“:

Sure 10, Vers 108: Sprich: „O ihr Menschen, nunmehr kam zu euch die Wahrheit von eurem Herrn. Und wer da geleitet ist, der ist nur zu seinem Besten geleitet; und wer irregeht, der geht nur zu seinem eigenen Schaden irre. Und ich bin nicht euer Hüter.

Sure 17, Vers 15: Wer rechtgeleitet ist, der ist nur rechtgeleitet zu seinem eigenen Besten, und wer irregeht, der geht irre allein zu seinem eigenen Schaden; und nicht soll tragen eine beladene Seele noch eine andre Last. Und Wir strafen nicht eher, als Wir einen Gesandten schickten.

Sure 34, Vers 50: Sprich: „Wenn ich irre, irre ich nur wider mich selber; und wenn ich geleitet bin, so ist’s durch das, was mein Herr mir offenbart; siehe, Er ist hörend und nahe.“

Sure 39, Vers 41: Siehe, hinabgesandt haben Wir auf dich das Buch für die Menschen in Wahrheit, und wer geleitet ist, der ist es zu seinem eigenen Besten, und wer irregeht, der geht irre wider sein eigenes Bestes, und du bist nicht der Schützer.

Sure 45, Vers 15: Wer das Rechte tut, der tut es für sich, und wer Böses tut, der tut es wider sich; alsdann kehrt ihr zu eurem Herrn zurück.

Hier wird dem Menschen scheinbar ein freier Wille zur Glaubensverweigerung zugestanden. Die Strafe Allahs ist gewiß, aber immerhin haben die Irregeleiteten nicht mit Retorsionen Seines Gesandten zu rechnen. Wir haben Verse mit gleicher Aussage unter dem Aspekt des freien Willens zusammengestellt und diskutiert: Sie sind deshalb als abrogiert (aufgehoben) anzusehen, weil Allah in Medina den Befehl zur gewalttätigen Glaubensverbreitung erlassen hat und damit die Glaubensannahme zwingend wurde.

► Freier Wille

Die große Mehrzahl der Verse mit der göttlichen Versicherung auf Irreleitung hat aber eine andere Konnotation. Man muß sich Allas Irreleitung als eine Art Fernsteuerung der Ungläubigen vorstellen und zwar zum Zwecke der Erzeugung von oder der Verharrung im Unglauben. Allah bestraft den Unglauben also schon in Diesseits und zwar dergestalt, daß die Betroffenen der Rechtleitung nie mehr teilhaftig werden können.

M. Cook beschreibt diese Rechtleitung Allahs als „eine lautlose, geistige Macht, die unmerklich in die Herzen der Menschen eindringt.“ (M. Cook, Der Koran, Seite 24, Reclam, Stuttgart, 2002). In der gleichen Art wird die Irreleitung des Allmächtigen auch vom Menschen Besitz ergreifen.

Es ist nicht ganz einfach, sich diese Funktionsweise vorzustellen. Man kommt der Sache näher, wenn man das eigene Leben bedenkt. Im Rückblick ist man über das gewählte Verhalten manchmal erschreckt und sagt sich: „Wie konnte ich nur …“ Man kann im Nachhinein nur schwer nachvollziehen, warum man in einer bestimmten Art gehandelt hat und ist erstaunt über die eigene Blindheit. Allerdings sollte man sich in solchen Fällen an der eigenen Nase nehmen. Bei Allahs Irreleitung ist der Ungläubige jedoch göttlich induzierter Verblendung ausgeliefert und wird obendrein noch mit ewigem Feuer bestraft.

► Allah als Zwingherr über Seine Diener

Entsprechend dem islamischen Verständnis der Vorherbestimmung ist also nicht nur das Leben in seiner Gänze sondern insbesondere auch der Unglaube eines Menschen von Allah determiniert.

Trotzdem spricht der Koran an unzähligen Stellen davon, daß Allah die Ungläubigen irreleitet. Aber nicht nur Allah ist in Sachen Irreleitung aktiv. Auch Iblis mit seiner satanischen Schar – in Zusammenarbeit mit den Ungläubigen – steuert das seine bei, um den Unglauben zu verbreiten.

► Satane im Islam

Weshalb muß Allah (und/oder die Satane) immer wieder zum aufwändigen Mittel der Irreleitung greifen, wenn Er das Leben eines jeden Menschen und seinen Unglauben doch schon vorherbestimmt hat? Handelt es sich bei dem Akt der Irreleitung vielleicht um die notwendige permanente Betreuung Seiner Kreaturen, damit deren spezifisches vorbestimmtes Lebensskript auch planmäßig abläuft?

Sure 6, Vers 125: Und wen Allah leiten will, dem weitet Er seine Brust für den Islam, und wen Er irreführen will, dem macht Er die Brust knapp und eng, als wollte er den Himmel erklimmen. Also straft Gott die Ungläubigen.

Selbstverständlich steht es dem Herrn der Welten zu, aktiv ins Leben der von Ihm erschaffenen Kreatur einzugreifen und zwar so, wie Er es will. In diesem Zusammenhang möchten wir aber doch drei Fragen in den Raum stellen:

1. Wäre es für Allah nicht einfacher gewesen, die Herzen der Ungläubigen nicht derartig zu versteifen, so daß Er auf das Instrument des „Heiligen Krieges“ zu ihrer Bekehrung hätte verzichten können?

2. Wie sollen die Rechtgeleiteten, selbst wenn sie im Rahmen des „Heiligen Krieges“ das Schwert gebrauchen Ungläubige bekehren, wenn diese – kraft der Vorherbestimmung – völlig unbelehrbar sind?

3. Kurz: Wäre es für den Allmächtigen nicht viel beglückender gewesen, eine Welt voll Gläubiger zu schaffen?

Leider sind dies unter islamischen Schriftgelehrten nur schon deshalb keine diskutierbaren Fragen, weil der Koran ja eine Verbalinspiration ist, das unerschaffene ewig gültige Wort, seit Ewigkeit festgeschrieben, buchstabengetreu überbracht von der Urschrift.

► Der Koran als Teil der Urschrift

Also mußten alle Inhalte dieser göttlichen Verfügung, alle zur Offenbarung vorgesehenen Verse dem Gesandten Allahs vom Engel Gabriel überbracht werden. Und da gehört nicht nur die Information über Allahs Irreleitung der Ungläubigen dazu, sondern auch der Befehl zur Verbreitung des Islam mit dem Schwert.

Zur Entstehungsgeschichte der Verse über die Irreleitung siehe:

► Die Entstehung der Verse über den vorherbestimmten Unglauben und die Irreleitung

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