Ibrahim Al-Buleihi – Eine Selbstdarstellung

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Ein weiteres ausführliches Interview auf Englisch finden Sie auf MEMRI

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Es fehlt uns nichts. Wir sind Menschen wie andere auch und wir haben eine hochstehende Religion welche und aufruft, uns zu engagieren, zu arbeiten und welche den individuellen Menschen mahnt, mehr für den Staat als für sich selbst dazusein. Ich möchte mich mit anderen daran beteiligen, die islamische Gemeinde aufzuwecken damit sie ihre innewohnende Kraft gebrauche welche bis jetzt nur destruktiv eingesetzt wurde.“

So faßt Ibrahim Al-Buleihi, ein liberaler saudischer Autor und Denker, die Vision für sein gesellschaftliches Engagement zusammen.

Er sieht keinen Widerspruch zwischen „muslimisch“ und „liberal“. „Ich bin zuerst Muslim und zweitens liberal. Ich bin betreffend Prinzipien ein Muslim, und im Handeln ein Liberaler. Ich glaube, daß der Islam nur dann erfolgreich sein kann, wenn durch seine Handlungen und Mechanismen die Anwendung von Gerechtigkeit unter die Menschen gebracht werden kann.“

Al-Buleihi hatte verschiedenen Regierungsposten in Saudi Arabien inne, bevor er von seinem Amt als exekutiver Direktor der Provinz Qassim zurücktrat. Er war dann Mitglied der saudischen schura (der nationale Rat, deren Mitglieder den König und die Minister beraten) sowie anderer Organisationen und Institutionen. Seine beruflichen Aktivitäten haben ihn jedoch nie davon abgehalten, seinen intellektuellen Interessen auf passionierte Weise nachzugehen.

Schon lange hat ihn der Verfall des Zustandes von Arabien interessiert und besorgt. Dieses Anliegen ließ ihn über das hinwegschreiten, was von der dominanten saudischen Kultur als erlaubt gilt. Darüber sagt er folgendes: „ … die Situation in der arabischen Welt ist traurig und beschämend. Aus dieser Erkenntnis heraus ist es notwendig, sich nicht nur Sorgen zu machen, sondern auch ein tiefes Unbehagen zu empfinden. Ich habe schon früh in meinem Leben erfahren, daß ein schrecklicher Mangel dem Leben von Arabern und Muslimen innewohnt, dessen Gründe ich aber erst einmal nicht erkannte. Mein starkes Unwohlsein verlangte von mir, daß ich Geschichte und Kultur vertieft studierte um die Quelle dieses Mangels herauszufinden. Ich sah mich auch veranlaßt, der erfolgreichen westlichen Zivilisation meine Aufmerksamkeit zu widmen, mit dem griechischen philosophischen Gedankengut beginnend, studierte ich die politischen, sozialen, wissenschaftlichen, anthropologischen sowie andere brillante Errungenschaften des Westens. Ich überzeugte mich davon, daß die westliche Zivilisation außergewöhnlich und bahnbrechend und nicht lediglich als Weiterführung vorangegangener Zivilisationen zu betrachten ist. Vielmehr ist sie Zivilisation par excellence. Die Vorzüglichkeit des Westens liegt jedoch nicht in seinen Errungenschaften in Wissenschaft, Kunst und Technologie; diese Leistungen sind lediglich das Resultat des Respekts für das menschliche Wesen, die Anerkennung seiner Individualität, die Freiheit, welche ihm gewährt wird und die Schaffung einer Regierung im Dienste der Bürger – die Regierung gehört den Menschen und nicht umgekehrt. Dies ist eine qualitative Veränderung, noch nie dagewesen in der Geschichte der Menschheit; die Quelle von allem, was der Mensch von den erstaunlichen Veränderungen aller Lebensaspekte erfährt.“

Al-Buleihi behauptet, daß der Individualismus das hauptsächliche Fundament der modernen Zivilisation ist. Dagegen fördert die arabische Kultur die „Auflösung“ des Individuums in der Gesamtheit. „Menschen sind ursprünglich Individuen, aber Kulturen wie die arabische lösen das Individuum in der Sippe, der Sekte oder dem Staat auf. Der individuelle Mensch war so nicht mehr in der Lage, seine eigene Identität zu erkennen, beziehungsweise wieder zu entdecken. Nur durch die Verbreitung philosophischer Ideen aus Griechenland ist dies möglich,  wo im fünften Jahrhundert v.Chr. zum erstenmal in der Weltgeschichte die Philosophie erhebende Ideen zum menschlichen Wesen per se entwickelte. Sie erklärte den Menschen zum Individuum. Mit diesem untrennbar verbundenen ist ein ihm innewohnenden Wert. Die Entwicklung dieses Individuums wurde das letztendliche Ziel – der Mensch soll nicht nur Mittel und Zweck für die Interessen anderer sein.“

Betreffend der heutigen Situation der Araber und Muslime sagt er: „Ich glaube, es ist eine sehr schlechte Situation. Der Grund dafür ist die abgeschlossene Kultur, ihre Unfähigkeit, moderne Zivilisation zu absorbieren und sich ihrer eigenen Unzulänglichkeiten sowie der Verdienste anderer Kulturen bewußt zu sein.“

Denjenigen, welchen seine Rezepte zu harsch erscheinen und die behaupten, daß potentielle Empfänger frustriert damit wären, sagt er folgendes: „Meine Ansichten sind nicht frustrierend … die eigentliche Frustration hingegen ist, daß wir uns preisen während wir in einer schrecklichen Situation sind. Die Araber und Muslime sind zu Witzfiguren für den Rest der Welt geworden. Ich meine, wir sind ein Witz und niemand ist besorgt um uns. Und nun kündigen wir an, daß wir das köpfen, töten und bombardieren als Neuerung verkaufen – das ist das Ausmaß unserer Innovation. Dies ist ein großes Problem. Ich meine, daß wir nicht nur eine Bürde für uns selber, sondern für die ganze Welt sind. Ich bin der Ansicht, daß die ganze Welt wegen unseren Handlungen Rückschritte macht. Zum Beispiel haben westlich-demokratische Länder wie Amerika, England und andere ihre Gesetze dergestalt geändert, daß sie nun in ihrer Freiheit eingeschränkt sind. Sogar das Reisen wurde beschwerlich, weil … Menschen für einen Sicherheitscheck in einer langen Schlange stehen müssen, bevor sie abfliegen können, etwas, was es frührer nicht gab. Wie schon erwähnt, wir sind eine Bürde für uns und die ganze Welt geworden.

Er meint, daß die arabische Gesellschaft nicht Fortschritte machen kann, außer die Araber engagieren sich in kritischem Denken. „Die Geschichte und die Erfahrungen der gegenwärtigen Menschen zeigen, daß aufgeklärtes kritisches Denken eine wichtige Rolle für den Fortschritt und Wohlstand spielt und daß eine Gesellschaft ohne sie nicht florieren kann. Erstens sind Gesellschaften Geiseln herrschender Ideologien, Rollen und Handlungsweisen und sie können aus diesem Hamsterrad nicht ohne kritisches Denken aussteigen. Sie können nur durch Denker, welche Komponenten ihrer eigenen Kultur sowie die qualitativen Veränderungen in der menschlichen Zivilisation absorbiert haben, zu Erneuerung angeregt werden. Ich habe von den hauptsächlichen Mitteln wie Schreiben, Vortragstätigkeit und TV Diskussionsrunden Gebrauch gemacht, so wie sie mir gerade über den Weg liefen. Wir Araber sind noch immer eine Kultur der mündlichen Überlieferung.

Schließlich behauptet Ibrahim Al-Buleihi, daß die Lösung der arabischen Tragödie innerhalb des Systems zu finden sei. „Die erste Pflicht arabischer Intellektueller ist die arabische Kultur Revue passieren zu lassen, die einzelnen Komponenten zu analysieren um dann die kulturellen Barrieren aufzudecken, welche uns daran hindern, Wohlstand zu erreichen. … Der Versuch, andere für unseren Mißerfolg verantwortlich zu machen, bedeutet vor der Wahrheit zu flüchten, ist eine Verfälschung der Realität, meint die Irreleitung der Bürger und hält die üblen Bedingungen des Status quo aufrecht.“

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