Die Mütter der Monster

von Urs Schoettli  /  Basler Zeitung 21. Januar 2016

Interfamiliäre Hintergründe und der Söhnchenkult können das Heranwachsen eines Terroristen bestärken

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Ägyptische Traupaare feiern ihre Hochzeit am Ufer des Nils in Kairo

Kairo. Hochzeiten werden in orienta­lischen Gesellschaften üppig und aus­giebig gefeiert. Es kommen da nicht nur zwei Menschen zu einem Paar zusam­men, sondern es vereinigen sich zwei Clans. Viel steht auf dem Spiel, an Ehre, Reichtum und sozialem Ansehen. Entsprechend sorgfältig will der Anlass vor­ bereitet sein.

Die Tatsache, dass praktisch alle tra­ditionellen Heiraten arrangiert sind, soll gewährleisten, dass die Verbindung der Clans reibungslos verläuft und von Dauer ist. Während im Westen die Ehe in der Regel auf dem Höhepunkt von Emotionen und häufig ohne voran­ gehende Einwilligung der Elternseiten geschlossen wird, ist sie im Orient ein Verbund, der auf der Basis von Vernunft und Berechnung geschlossen wird. Es braucht selbstverständlich nicht dabei zu bleiben, und noch häufiger als im Westen kann aus der Heirat eine Lebensgemeinschaft erwachsen, die von gros­ser Dauer ist und von profunder Liebe getragen wird.

Verwöhnte Söhne
Wir sind zu einer Hochzeit in Kairo eingeladen, da wir die Eltern der Braut seit Langem kennen. Am Vorabend der ersten (offiziellen) Begegnung des Paares herrscht im Haus der Braut das wahre Chaos. Ein endloser Reigen von Verwandten will begrüsst und mit Süs­sigkeiten und Erfrischungen abgespie­sen werden. Tanten und Cousinen geben ihren Senf zum Brautkleid. Der Brautvater hat sich wohlweislich in seinem Büro verbarrikadiert, derweil der ältere Bruder der Brautmutter, der viel auf seine Rolle als Zeremonienmeister hält, das Zepter führt. Alle sind geschäf­tig, nur die Braut wird praktisch als Quantité négligeable behandelt. Um sie geht es ja in diesen letzten hektischen Stunden auch gar nicht, sondern um die angemessene Willkommensheissung des Clans des Bräutigams.

Unsere liebe Aisha kennt ihren Zukünftigen, doch vor ihren aufgereg­ten Cousinen und Nichten gibt sie sich als züchtige Braut, die am nächsten Tag ihrem Angetrauten zum ersten Mal in die Augen blicken wird. Meine Frau und ich bekommen eine unerwartete Rolle zugewiesen. Aisha serviert uns einen arabischen Kaffee nach dem andern. Schliesslich gesteht sie uns, dass sie sich auf eine schwere Probe vorbereite. Es gilt als fein, dass man den Kaffee so auf­giessen kann, dass sich in der Tasse ein ungebrochener Schaum bildet. So will Aisha ihren ersten Kaffee der Schwie­germutter servieren und vor ihr in Würde bestehen.

Es ist dies natürlich nur eine kleine, symbolische Geste, doch steht sie für die Tradition, dass, sobald die junge Frau nach der Heirat ihre Loyalität voll­ständig von der eigenen Familie auf den Clan des Ehegatten transferiert, sie im permanenten Wettbewerb mit der Schwiegermutter steht. Diese und nur allzu häufig auch der Angetraute wer­den ihr bei mancher Gelegenheit zu ver­stehen geben, dass Mama halt doch alles besser kann und dass sie vor allem beim Sohn in höherer Achtung steht als die junge Frau. Die Ehe beginnt für diese als Ochsentour und in der traditionellen Familienhierarchie wird die Eingeheiratete erst dann aufsteigen, wenn sie einen Stammhalter geboren hat, den sie nun ihrerseits bis zum Geht­nichtmehr verwöhnen und verhät­ scheln kann.

Familienrecht oder die Scharia bilden die Institutionalisierung der Zweitrangigkeit der Frau
Es ist inzwischen hinreichend be­kannt, dass konservative orientalische Gesellschaften grosse Schwierigkeiten mit der Adaption an die modernen Prinzipien der Gleichberechtigung von Mann und Frau haben. Dies gilt insbe­sondere für den Islam und den Hinduis­mus. Unverkennbar stehen hinter der Beibehaltung der Benachteiligung der Frau gegenüber dem Mann handfeste ökonomische Interessen. Es manifestiert sich dies von der Mitgift bis zum Erb­- und Scheidungsrecht.

Ein brutaler Paternalismus, der die Frauen, handle es sich um Tochter oder Gattin, unter einem rigiden männlichen Verfügungsrecht stehend sieht, bedient sich der Religion, um jede Aufweichung der herrschenden Ordnung durch west­liche Einflüsse zu verhindern. Die Scharia oder auch das hinduistische Famili­enrecht bilden die rechtliche Inkarnation und Institutionalisierung der Zweitrangigkeit der Frau.

Man mag sich fragen, warum die Frauen nicht machtvoll gegen diese gewaltige Ungerechtigkeit rebellieren. Neben der schlichten Tatsache, dass die Männer uneingeschränkt über die real existierenden staatlichen und gesellschaftlichen Machtmittel verfügen, gilt leider auch, dass viele Frauen nicht nur aus Furcht, sondern auch aus Unkenntnis und Berechnung beim Spiel des Paternalismus mitmachen. Der Einstieg in die Ehe, der Wechsel von der eigenen in die fremde Familie kann brutal und schockierend sein, doch eines Tages winkt die Befreiung in der Form des Stammhalters. Wenn der von allen sehnlichst erhoffte Sohn das Licht der Welt erblickt, dann kann der ganze Teufelskreis von Neuem beginnen.

Rückständige Männerwelt
Es kann keinen Zweifel geben, dass orientalische Gesellschaften in den meisten Bereichen, die wir als Funda­mente einer modernen Zivilisation betrachten, weit hinter dem Westen hinterherhinken. Wo sind in der arabi­schen Welt die grossen Universitäten, die sich mit den Lehr­- und Forschungs­anstalten in Europa und Nordamerika messen können? Wo finden wir im Mittleren Osten ein Silicon Valley? Wie viele Nobelpreisträger haben die arabi­schen Gesellschaften hervorgebracht? Von der Dampfmaschine über Elektri­zität bis zum Internet wurde kaum etwas von dem, was das Leben uns heute angenehm macht, im Orient erfunden.

Nun lassen sich für diesen unerfreu­lichen Sachverhalt allerlei Ausflüchte beibringen, und wir kennen die meis­ten davon zur Genüge. Besonders beliebt ist das Argument, dass letztlich der Westen an der Misere im Mittleren Osten schuld sei. Hier sei zu bedenken gegeben, dass die im Orient vorherrschende Männerwelt die Rückständig­keit bedingt und verewigt. Der Söhn­chenkult, der auch in den niedrigsten sozialen Schichten gepflegt wird, pro­duziert junge Männer, die von Egoma­nie, Selbstüberschätzung, aber auch Minderwertigkeitskomplexen geprägt werden. Solche Schwierigkeiten bei der Sozialisierung können sich gar noch steigern, wenn jemand nicht im eigenen kulturellen Umfeld lebt und arbeitet, sondern beispielsweise in einer französischen Banlieue aufwach­sen muss. Terroristen sind «Losers», das wissen wir, und solche bringt der Söhn­chenkult zuhauf hervor.

Nicht ein Jota an Konzessionen
Der orientalische Paternalismus hat sich über Jahrtausende gehalten; entsprechend schwierig ist es, ihn wirksam zu bekämpfen. In Tat und Wahrheit ist es gar so, dass mit der Ausbreitung des Islamismus er in der letzten Zeit noch Terraingewinne hat machen können.

Sicher am naheliegendsten muss sein, dass im Westen bei allen orientalischen Zuwanderern die Integration mittels der Gleichberechtigung und Gleichstellung von Mann und Frau, Sohn und Tocher ohne Wenn und Aber durchgesetzt wird. Es darf auch nicht ein Jota an Konzessionen gegenüber diesem Paternalismus geben, auf wel­che religiöse Vorschriften und Traditionen er sich auch berufen mag.

Die dramatischen Zeitenläufte mögen manchen Zeitgenossen zu Ver­zweiflung und Pessimismus verleiten. In der Tat sind Entwicklungen, die zur Hoffnung auf eine baldige Besserung Anlass geben, rar. Immerhin sei auf einen Sachverhalt verwiesen, der all­gemein zu wenig Aufmerksamkeit erhält.

In Iran herrschen zwar seit 1979 die Mullahs, doch gibt es in diesem in einer alten Hochkultur verankerten Land eine moderne gesellschaftliche Entwicklung, die von sehr weitreichender Bedeutung ist. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Zahl der Frauen, die eine höhere Schulbildung erhalten haben oder gar an einer Universität studieren und abschliessen, drastisch erhöht. Es ist kein Geheimnis, dass unter den jünge­ren städtischen Mittelschichten die Herrschaft der konservativen Geistli­chen höchst unbeliebt ist.

So nicht ein dramatisches Ereignis dazwischenkommt, dürfte die iranische Gesellschaft in den kommenden Jahrzehnten substanzielle Moderni­sierungen erfahren. Der Gang der Geschichte lehrt, dass kein politisches System auf alle Zeiten fest im Sattel sitzt, auch nicht das von den Ayatollahs errichtete.

Urs Schoettli (68) war Korrespondent für die NZZ in Delhi, Hongkong, Tokio und Peking.

vergleiche:
Gefangen im Unaussprechlichen
Islam und Gewalt gegen Frauen
► Der Islam als soziales System
► Wo sexuelle Belästigung Alltag ist
 muslim-Mütter erziehen ihre Söhne zu Versagern

 

 

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