Die Aneignungsdoktrin (kasb)

Wer jedoch mit diesen Spekulationen konfrontiert wurde, und das waren viele sunnitische Gelehrte jener Jahrhunderte, konnte an ihnen irre werden.
(Tilman Nagel, Angst vor Allah, Duncker und Humbolt, Berlin, 2014, Seite 94)

Die dogmatischen Setzungen der ► Aschariten sind für den heutigen Islam grundlegend und haben eine vergleichbare Stellung wie diejenigen von Thomas von Aquin für die christliche Dogmatik. Um die Funktionsweise der menschlichen Handlungen zu erklären haben sie die „Aneignungsdoktrin“ entwickelt. Diese versucht, den dramatischen Graben einzuebnen, der sich durch das koranische Dogma von Allahs Allmacht und Seiner Prädestination des ganzen Weltenverlaufs einerseits und der Autonomie des Menschen andererseits aufgetan hat.

Dabei lehnten sie sich nahtlos an die im Koran überbrachten Gottesvorstellungen Mohammeds an: „Indem diese Gottesidee – Allah als der souveräne Schöpfer und Lenker des Diesseits – Macht über den Gesandten Allahs gewinnt, schließt sich gleichsam die Tür zu allen theologischen Konzeptionen, in denen dem Kosmos – und mit ihm dem Menschen – ein gewisses Maß an Autonomie, eigener Seinsmächtigkeit und persönlicher Heilsverantwortlichkeit zugestanden wird.“ (ebenda, Seite 76) Vielmehr ist der Mensch eine Anhäufung von Substanzpartikeln welchen Allah im Moment der Handlung die Fähigkeit zu eben dieser Handlung verleiht. Der Mensch wird entsprechend der Allmacht Allahs nicht mehr als selbständiger Organismus gesehen. Er ist vollständig auf Seine permanente Schöpfungstätigkeit angewiesen. Es findet eine „radikale Entmächtigung des Geschaffenen, in Sonderheit des Menschen“ statt. (ebenda, Seite 94)

T. Nagel führt zu dieser „Aneignungsdoktrin“ (kasb oder iktisab) aus, daß „der Mensch zwar beobachte, wie von ihm selber Handlungen ausgingen; gleichwohl sei er nicht deren Urheber, denn die Fähigkeit, eine Handlung zu vollziehen, schaffe Allah genau in dem Augenblick, in dem diese vollzogen werde. Wäre diese Fähigkeit schon vorher in dem betreffendnen Menschen vorhanden, dann spräche das für ein wenn auch noch so geringes Maß eigenständiger Seinsmacht. Über eigenständige Seinsmacht verfüge aber ausschließlich Allah. So dürfe man nur sagen, daß der Mensch als Geschöpf die durch Allah an ihm gewirkte Handlung im Augenblick ihres Geschehens ‚erwerbe’, dergestalt nämlich, daß sie an dem Konglomerat von Substanzpartikeln in Erscheinung trete, das der Handelnde gemäß Allahs unerforschlichem Ratschluß gerade sei.“ (T. Nagel, Allahs Liebling, Oldenbourg, München, 2008, Seite 404 f)

Oder von Max Horten umschrieben: „Die Lehre von der „Aneignung der Handlungen“ (kasb, iktisab) will das Verhältnis der menschlichen Handlung zur Gottheit bestimmen und die richtige Mitte treffen zwischen der alles umfassenden Kausalität und Prädestination Gottes und der Freiheit der Menschen. Sie besagt: jede menschliche Handlung ist wie jedes Geschehnis in der physischen Welt durch den ewigen Willen Gottes bestimmt. Der Mensch muß sie also vollbringen. Die Handlung ist ihm durch eine höhere Macht aufgezwungen (vgl. dazu die inhaltlich identische Lehre der Stoa). Seine Freiheit besteht nur darin, daß er dieser Handlung zustimmt, sie gleichsam ‚annimmt‘.
(Max Horten, Die Philosophischen Systeme der Spekulativen Theologen im Islam, 1912, Reprint London, Seite 524)   Quelle:  https://archive.org/details/diephilosophisch00hortuoft

H. Stieglecker erläutert die Aneignungsdoktrin noch im Detail. Die Lektüre lohnt sich schon deshalb, weil sie ein Paradebeispiel dafür ist, zu welch absurden (und letztlich hilflosen) Argumentationsketten Apologeten beim Versuch greifen, eklatante dogmatische Widersprüche zu überbrücken:

Zur Vermeidung jeder Unklarheit in dieser schwer verständlichen Lehre sei noch ein Wort über

                  „die Kraft“

gesagt, die nach ascharitischer Anschauung beim Zustandekommen der menschlichen Werke von Gott im Menschen erschaffen wird. Diese Kraft … ist eben die Kraft, durch welche die Werke der Menschen zustande kommen, mit deren Hilfe z.B. ein Schlag geführt wird. Nach unserer Vorstellung steht diese Kraft dem Menschen unter gewöhnlichen Umständen immer zur Verfügung, und er benutzt sie, wann er will. Diese Auffassung ist für den Aschariten gänzlich unannehmbar, denn wenn sie der Mensch jederzeit nach Belieben gebrauchen könnte, dann wäre er ja in diesem Stück von Gott unabhängig, wäre bei seinem Handeln auf den Schöpfer nicht angewiesen; das ist in den Augen dieser Theologen ein ganz ungeheuerlicher Gedanke, eine wenigstens teilweise Gleichsetzung des Menschen mit Gott, ein teilweises Anteilnehmen an rein göttlichen Rechten und nur Gott zukommenden Machtbefugnissen. Denn aus eigener Macht Werke schaffen kommt nur Gott zu. Die göttliche Machtfülle, die sich aus seinem Wesen ergibt, läßt nicht anderes zu als das, daß der Mensch von Gott ganz und in jeder Beziehung abhängig und Schritt auf Schritt auf ihn angewiesen sei. Daher erklären die Aschariten: Die in Rede stehende Kraft steht dem Menschen nur im Augenblick der Tat zur Verfügung, d.h. nur für den Augenblick, in welchem nach dem ewigen Willen Gottes das menschliche Werk, z.B. der Glaube oder Unglaube, das Almosen oder der Mord in ihm erschaffen werden, nicht vorher und nicht nachher.

Und damit auch beim Werk selber die unmittelbare göttliche Allwirksamkeit nicht geschmälert werde, lehren sie, wie schon gesagt, daß die Wirksamkeit dieser Kraft überhaupt nur Schein ist, denn durch diese nur im Augenblick der Handlung vorhandene Kraft wird die Tat gar nicht hervorgebracht, sondern der einzige wirkliche Schöpfer des Werkes ist Gott so wie überall in der Natur … So viele Werke der Menschen, so viele besondere Schöpfungen.“

Man hält den Aschariten folgende Schwierigkeit vor Augen: nach ihrer Lehre kommt die Verantwortlichkeit des Menschen für das Werk durch die Aneignung (kasb) zustande, dadurch, daß er sich mit dem Werk einverstanden erklärt. Wie entsteht nun die Aneignung, die Zustimmung des Willens? Ist sie ein Werk Gottes oder ein Werk des Menschen? Wenn sie ein Werk Gottes ist, welches er dem Menschen anerschafft, also ein Werk, das nur scheinbar Menschenwerk ist, dann kann von einer freien Willensentscheidung keine Rede sein, dann ist die Aneignung ein von Gott erzwungenes Werk, demnach ist der Mensch für sein Werk nicht verantwortlich und kann dafür weder belohnt noch bestraft werden.

Ist aber die Willenszuwendung, die Aneignung wirklich ein Werk des Menschen, dann haben wir hier ein Werk vor uns, das der Mensch mit freier Willensentscheidung geschaffen hat; das ist aber eine Einschränkung des göttlichen Machtbereiches, gerade das, was die Aschariten mit ihrer Lehre ausschalten wollen“.

So geht es weiter in den endlosen Argumentationsschleifen welche eines der Hauptprobleme der islamischen Heilslehre – die völlige Inkompatibliltät von Allahs unumschränkter Allmacht mit der feien Willensentscheidung des Menschen – lösen soll:

„Manche antworten darauf: Gott erschafft nicht die Zuwendung des Willens, sondern er erschafft den Willen selber; aber zum Wesen des Willens gehört es, sich für das eine von zwei Werken zu entscheiden, wenn etwas da ist, was diese Entscheidung, dieses ‚Überwiegen’ des einen über das andere hervorruft. Ein solcher Faktor ist z.B. die Kenntnis davon, daß das Gebet Pflicht ist; dieses Wissen um die Verpflichtung zum Gebet kann den Entschluß dazu herbeiführen. So bleibt die Freiheit der menschlichen Willensentscheidung gewahrt, weil die Zuwendung des Willens zum Werk von Gott nicht erschaffen, also dem Menschen nicht aufgezwungen wird.

Diese Ausflucht wird aber mit der Feststellung abgetan: dann hat der Mensch erst recht keinen freien Willen, denn Gott erschafft den Willen und als wesenhaft zum Willen gehörig die Entscheidung für ein bestimmtes Werk und für die Unterlassung des anderen; das ist aber offensichtlicher Zwang, weil ja der Entschluß zum Werk nicht durch die freie Willensentscheidung das Menschen erfolgt, sondern dem von Gott anerschaffenen Willen naturhaft zu eigen ist.“
(Hermann Stieglecker, Die Glaubenslehren des Islam, F. Schöningh-Verlag, München, 1959, Seite 105ff)

 

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