Definition jihad

Emile Tyan hat in der Encyclopaedia of Islam die allgemein anerkannte Definition von jihad publiziert. Wir haben das Dokument übersetzt und mit vier internen ► LINKS versehen.

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Quelle: Encyclopaedia of Islam, Edited by B. Lewis, Ch. Pellat and J. Schacht; Assisted by J. Burton-Page, C. Dumont and V. L. Menage; Volume II, C to G,  Fourth Impression,  Leiden, E.J. Brill 1991, pp. 538-39


Entsprechend genereller Doktrin und historischer Tradition wird jihad im islamischen Gesetz aus militärischer Aktion mit dem Ziel der Expansion des Islam und wo nötig seiner Verteidigung definiert. Dieses Prinzip hat seine Legitimierung im universellen Anspruch des Islam: er muß, in Verbindung mit seiner weltlichen Macht die ganze Welt umfassen. Wenn notwendig mit kriegerischen Mitteln.

Dieses Prinzip muß jedoch teilweise kombiniert werden mit der Toleranz von Vertretern der drei Schriftreligionen: Christen, Juden und Zoroastriern innerhalb der islamischen Gemeinschaft. Der jihad gegen sie soll in dem Moment aufhören wo sie Willens sind, sich der politischen Autorität des Islam zu unterwerfen und sowohl die Kopfsteuer (giziya) als auch die Landsteuer (kharadj) zu entrichten.

► dhimmitude und Schutzgelderpressung

Über dieses Vorgehen gab es in der Frühzeit des Islam, als sich diese Frage noch stellte – es lebten noch Christen und Juden auf der arabischen Halbinsel, sie waren noch nicht ganz vertrieben – kontroverse Ansichten. Sie wurde meist abschlägig beantwortet: Christen und Juden mussten die Halbinsel verlassen. Gegenüber den Nicht-Schriftbesitzern, speziell den Götzenanbetern hat gemäß der Mehrheit der Rechtsgelehrten diese Halblösung keine Gültigkeit: Entweder Konversion zum Islam oder Tod oder Versklavung.

► 632 Tod Mohammeds

Der jihad ist eine Pflicht. Dies ist in allen Quellen deutlich niedergelegt. Tatsächlich werden zu diesem Thema im Koran voneinander abweichende und sogar widersprüchliche Texte gefunden. Sie werden in der Doktrin – sehen wir von Detailvarianten ab – in vier aufeinanderfolgende Phasen eingeteilt:

1. Phase, welche Beschimpfungen und Rückweisung des Islam entschuldigen und die Einladung zum Islam mit friedlicher Überredungskunst propagieren.

2. Phase, welche als Verteidigungsanstrengung gedeutet werden.

3. Phase, welche auch einen Angriffskrieg rechtfertigen, vorausgesetzt er findet nicht während den vier heiligen Monaten statt.

4. Phase, welche den Angriffskrieg generell propagieren, absolut zu jeder Zeit und an jedem Ort.

Im geschichtlichen Überblick korrespondieren diese unterschiedlichen Auffassungen des jihad mit der Entwicklung der Ansichten Mohammeds und den spezifischen Umständen zum Zeitpunkt ihrer Offenbarung. In der mekkanischen Periode beschränkte sich Mohammed im Allgemeinen auf moralische und religiöse Unterweisung. In der  medinensischen Periode, nachdem er der Führer einer polit-religiösen Gemeinschaft geworden hingegen war er fähig zu spontanen Unternehmungen gegen diejenigen, welche nicht Willens waren, sich seiner Lehre zu unterwerfen und seine Autorität zu akzeptieren. Die Doktrin streicht heraus, daß die späteren, medinensischen Aufforderungen zum jihad die früheren widersprüchlichen abrogieren (naskh). Dies dahingehend, daß lediglich die unter Punkt 4. offenbarten Verse unbedingt gültig sind. Deshalb kann folgende generelle Regel aufgestellt werden: Der Kampf (jihad) ist eine Aufgabe, selbst wenn ihn nicht die Ungläubigen begonnen haben.

► Das Dilemma der jihad-Doktrin

Da jihad lediglich das Mittel ist, Unterwerfung unter die Vorherrschaft des Islam zu erzwingen müssen die Völker gegen den er ergriffen wird zuerst eingeladen worden sein, den Islam anzunehmen. Es wurden zu diesem Thema innerhalb der islamischen Gemeinschaft Diskussionen darüber geführt, ob eine formelle Einladung an den Feind nötig ist. Die allgemeine Ansicht jedoch besagt: wenn der Islam in der Welt schon genügen Verbreitung gefunden hat geht man davon aus, daß jeder Mensch diese Einladung eigentlich schon erhalten hat. Sie kann trotzdem noch wiederholt werden, es sei denn es steht zu befürchten der Feind könne dadurch Zeit für Verteidigungsanstrengungen gewinnen.

Die Verplichtung zum jhad besteht so lange bis seine universelle die Vorherrschaft gesichert ist. „Bis zum Jüngsten Tag“ und „Bis ans Ende der Zeit“ sagen die entsprechenden Maximen. Friede mit Nicht-Muslimen ist demnach eine provisorische Rechtslage – nur die jeweiligen Umstände können ihn als befristeten Zustand rechtfertigen. Ein eigentlicher Friedensvertrag ist demnach vollständig ausgeschlossen. Nur Waffenstillstände sind erlaubt. Deren Dauer soll aber im Prinzip die Zeitspanne von zehn Jahren nicht überschreiten. Aber selbst solche Vereinbarungen sind instabil, dann nämlich, wenn es sich für die islamische Seite als vorteilhaft erweist sie zu beenden und den Krieg wieder aufzunehmen. Eine solche einseitige Vertragsauflösung sollte der ungläubigen Seite allerdings zur Kenntnis gebracht und es soll ihr eine genügende Zeitspanne einberaumt werden diese neue Sachlage in ihrem Gebiet bekannt zu machen.

► Der Waffenstillstand (hudna)

Im Prinzip hat jihad einen Angriffscharakter aber auch Verteidigungsanstrengungen im Falle einer feindlichen Aggression werden so bezeichnet. Das ist der Zweck des ribat; welcher als Kriegshandlungen von kleinen isolierten Verbänden an der Grenze definiert wird. ribat wird als eine speziell verdienstvolle Tat angesehen.

Schließlich muß noch auf eine zeitgenössische These mit sehr rechtfertigendem Charakter hingewiesen werden. Demnach soll sich der Islam für seine Expansion lediglich auf Verführung, Mission und andere friedliche Mittel abstützen. jihad soll nur im Falle von Verteidigung erlaubt sein oder zur kriegerischen Unterstützung eines bedrängten Bruders oder schutzlosen Verbündeten. Dabei wird sowohl die oben dargelegte Doktrin und historische Tradition völlig außer Acht gelassen als auch die Grundlagentexte von Koran und sunna. Wenn trotzdem behauptet wird sich strikt innerhalb des orthodoxen Dogmas zu bewegen muß darauf hingewiesen werden, daß diese Sichtweise lediglich die Texte unter Punkt 1. berücksichtigt.

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