IV) Das Leben Mohammeds und die Entwicklung des islamischen Gewaltkonzeptes

(Fortsetzung)

1. Die Zeit in Mekka

Mohammed wurde im Jahre 570 in Mekka geboren und lebte dort, bis er 622 nach Medina auszog. Er war ein Mitglied der Sippe der Hasim, die wiederum nebst anderen Sippen zum Stamm der Quraisch gehörte.

► hijra

Er war nicht der einzige Gottessucher seiner Zeit, der vom Konzept des Monotheismus angezogen und überzeugt war. Schon einige Zeit vor seinem Wirken waren solche Menschen auf der Arabischen Halbinsel bekannt. Sie bezeichneten sich als Hanifen (Rechtgläubige). Einige von ihnen beschäftigten sich ernsthaft mit den Lehren der Christen und Juden. Ali Dashti berichtet: „Ummayya Ibn Abussalat, Einwohner von Taif, ein Zeitgenosse Mohammeds, war ein berühmter Hanif und Verfechter des Monotheismus. Er reiste sehr oft nach Syrien, wo er lange Gespräche mit christlichen Mönchen und gebildeten Juden führte und die Kunde von der Sendung Mohammeds vernahm. Obwohl er, wie gesagt wird, mit Mohammed zusammentraf, wurde er kein Muslim. Er ging zurück nach Taif und soll zu seinen Anhängern gesagt haben: „Ich weiss mehr über die Heiligen Schriften und über religiöse Berichte von anderen Völkern als Mohammed. Ausserdem spreche ich Aramäisch und Hebräisch. Ich bin ihm überlegen und habe deshalb ein grösseres Recht darauf, mich als Prophet zu erklären.“ (Ali Dashti: 23 Jahre, Seite 45, Alibri-Verlag, 2003)

Ein anderer Hanif war Waraka Ibn Naufal von dem Ibn Ishaq erzählt: Einst waren die Quraisch an einem Festtage um einen ihrer Götzen versammelt, den sie verehrten, dem sie Opfer brachten, bei dem sie sich aufhielten und mit dem sie Prozessionen hielten … Vier Männer blieben aber zurück und schlossen ein geheimes Freundschaftsbündnis miteinander … Einer sagte zum anderen: „Ihr wisset bei Gott, daß euer Volk nicht den rechten Glauben hat … wie sollen wir einen Stein umkreisen, der nicht hört und nicht sieht, der weder nützen noch schaden kann? Suchet euch einen anderen Glauben, denn der eurige taugt nichts.“ (Gustav Weil: Das Leben Mohammeds, 1. Band, Seite 107 f, Verlag J.B. Metzler,1864)

Waraka Ibn Naufal war einer dieser vier Männer, die sich in oben beschriebener Episode gegen den Götzenglauben der Quraisch wendeten. Er war ein Cousin von Hadija, der ersten Frau von Mohammed und bestärkte diesen in seinem Sendungsbewusstsein als Prophet, nahm selbst den Islam aber nie an.

Eine detaillierte Zusammenstellung von grundlegenden islamischen theologischen Konzepten, so wie sie Mohammeds, in Mekka entwickelte findet sich in:

► Allah als Zwingherr über Seine Diener

Seine ersten Offenbarungen, so heisst es, empfing Mohammed um das Jahr 610, im Alter von ungefähr 40 Jahren, in einer Zeit, als er als Kaufmann in Mekka lebte. „Mit grosser Wahrscheinlichkeit hat Mohammed seine Offenbarungen zunächst seiner engsten Familie mitgeteilt … Seine Frau Hadija wird die erste Person gewesen sein, die sich zur neuen Religion, dem Islam bekannte. Sie war es auch, die ihn bei seiner ersten Offenbarung in seiner Sendung bestärkte und ihn überzeugen konnte, nicht lediglich ein besessener Wahrsager zu sein.“ (Ch. Schirrmacher: Der Islam, Band 1, Seite 60, Verlag Hänssler, Holzgerlingen, 2003) Sie lauteten zum Beispiel:

Sure 21, Vers 2: Die jüngste Ermahnung, die zu ihnen kam von ihrem Herrn, hören sie nur spottend an,
Sure 21, Vers 3: Spassend in ihrem Herzen. Und die Frevler sprechen insgeheim: „Ist dieser mehr als ein Mensch wie wir? Wollt ihr etwa der Zauberei, wo ihr sie erkennt, nahe treten?“
Sure 21, Vers 4: Sprich: „Mein Herr kennt, was im Himmel und auf Erden gesprochen wird. Er ist der Hörende, der Wissende.“
Sure 21, Vers 5: Sie hingegen sprechen: „Es sind wirre Träume. Ja er hat ihn
(den Koran) erdichtet, er ist ja ein Dichter. Er bringe uns ein Zeichen, wo wie die früheren entsandt wurden.“
Sure 21, Vers 6: Nicht glaubte vor ihnen irgendeine Stadt, die Wir zerstörten; würden sie denn glauben?

Weder der Hinweis an die ungläubigen Mekkaner, daß :

  • Mein Herr kennt, was im Himmel und auf Erden gesprochen wird.“

noch die auch andernorts ausgesprochenen Androhungen, daß die von Ungläubigen bewohnten Städte vom Allmächtigen zerstört werden, fruchteten viel. Trotzdem gebot Allah seinem Propheten noch, wie die im Folgenden zitierten Verse der zweitältesten Sure belegen, den Unglauben geduldig zu ertragen. Die Bestrafung derjenigen, welche die Botschaft ableugnen behält Er sich selber vor:

Sure 73, Vers 8: Gedenke nun des Namens deines Herrn und wende dich von ganzem Herzen ihm zu!
Sure 73, Vers 9: Er ist der Herr des Ostens und des Westens. Es gibt keinen Gott außer ihm. Darum nimm ihn dir zum Sachwalter,
Sure 73, Vers 10: Ertrage geduldig, was die Ungläubigen sagen, und halte dich ohne grob und verletzend zu werden vor ihnen zurück!
Sure 73, Vers 11: Überlass das nun mir, was mit denen geschehen soll, die die göttliche Botschaft für Lüge erklären und sich des Wohllebens erfreuen, und gewähre ihnen noch eine kurze Frist!
Sure 73, Vers 12: Bei uns sind Fesseln und ein Höllenbrand für sie bereit,
Sure 73, Vers 13: und Speise, die einem vor Ekel im Hals stecken bleibt, kurzum eine schmerzhafte Strafe.      
(Übersetzung nach R. Paret)

Die von Allah gewährte „kurze Frist“ dauerte etwa 12 Jahre – bis zur Eroberung Mekkas. Man muss auf Grund der obigen Offenbarung annehmen, daß Mohammed, sich seiner göttlichen Sendung bewusst, kaum gezögert hätte, seine sündige Vaterstadt zu zerstören:

Sure 47, Vers 13: Und wie viele Städte, stärker an Kraft als deine Stadt, welche dich ausgestoßen hat, vertilgen Wir, und sie hatten keine Helfer!

Das wurde nur vermieden, weil sich die ungläubigen Mekkaner im Jahre 630, angesichts der zur Wahl gestellten Alternative „Tod oder Glauben“ „freiwillig“ zum neuen Glauben bekannten.

Ein wichtiger Grund der Eroberung Mekkas war Allahs Wunsch, die Kaaba, dieses ursprünglich von Abraham errichtete Heiligtum wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zuzuführen.

Abrahamlegende

Sure 8, Vers 34: Nichts aber steht dem im Wege, daß Allah sie dafür straft, wenn sie die Gläubigen von der heiligen Moschee abhalten, ohne deren Beschützer zu sein. Siehe, ihre Beschützer sind allein die Gottesfürchtigen. Jedoch weiß es die Mehrzahl von ihnen nicht.

Mohammeds Predigten galten nicht nur den Ungläubigen sondern auch den „Schriftbesitzern“, den Christen und Juden. Allah weist hier einmal mehr darauf hin, daß die Ankunft Mohammeds in der Tora und im Evangelium vorhergesagt ist

Sure 7, Vers 157: Die da folgen dem Gesandten, dem ungelehrten Propheten, von dem sie geschrieben finden bei sich in der Tora und im Evangelium. Gebieten wird er ihnen, was Rechtens ist und verbieten das Ungerechte, und wird ihnen gewähren die guten Speisen und verwehren die schlechten; und abnehmen wird er ihnen ihre Last und die Joche, die auf ihnen waren. Und jene, die an ihn glauben und ihn stärken und ihm helfen und dem Licht folgen, das mit ihm hinabgesandt ward, ihnen wird’s wohl ergehen.

► Ankündigung Mohammeds in der Bibel

Mohammed stiess mit der Lehre des ► Einen Gottes ausserhalb seiner engsten Familienmitgliedern und seiner Sippe auf deutliche Ablehnung und immer entschlosseneren Widerstand der Stammesführer der Quraisch. Nur der Umstand, daß er zur Sippe der Hasim gehörte und dass sein Onkel Abu Talib als Vorstand dieser Sippe seine Hand schützend über ihn hielt, verhinderte Schlimmes. Der Prophet wurde von der überwiegenden Mehrzahl der Mekkaner verspottet und als Zauberer abgelehnt:

Sure 34, Vers 43: Und wenn ihnen Unsere deutlichen Zeichen verlesen werden, sprechen sie: „Dies ist nichts als eine erdichtete Lüge.“ Und die Ungläubigen sprechen von der Wahrheit, nachdem sie zu ihnen gekommen: „Dies ist nichts als offenkundige Zauberei.“
Sure 34, Vers 44: Und wir gaben ihnen nicht Bücher zu studieren und entsandten zu ihnen keinen Warner vor dir
.

In Anlehnung an biblische Inhalte lässt der Koran zu dieser, für den Propheten unerfreulichen Situation Allah folgenden Vers offenbaren:

Sure 70, Vers 40: Siehe, diejenigen, die Unsere Zeichen der Lüge zeihen und sich hoffärtig von ihnen abwenden, nicht werden ihnen geöffnet die Tore des Himmels, und nicht gehen sie ein ins Paradies, ehe denn ein Kamel durch ein Nadelöhr geht; und also belohnen Wir die Missetäter.

Interessant ist in diesem Zusammenhang folgender Vers im Koran. Er interpretiert die Weigerung der Mekkaner, die neue Lehre anzunehmen. Sie wird von Allah als Haß gegen sich selber gedeutet und an Intensität nur noch durch Seinen eigenen Haß gegen diese Ungläubigen überboten. Dies wird den Irregeleiteten am Jüngsten Tag verkündet werden:

Sure 40, Vers 10: Siehe, den Ungläubigen wird zugerufen werden: „Wahrlich, Allahs Hass ist größer als euer Hass gegen euch selber, da ihr zum Glauben gerufen wurdet und ungläubig waret.“

Noch drastischer ist die Botschaft, daß die Verfluchten dereinst von ihren eigenen Augen und Ohren und von ihrer Haut zur Rechenschaft gezogen werden:

Sure 41, Vers 19: Und eines Tages werden die Feinde Allahs zum Feuer versammelt werden und vorwärts getrieben:
Sure 41, Vers 20: Bis dass, wenn sie zu ihm gekommen sind, ihre Ohren und Augen und ihre Haut Zeugnis wider sie ablegen für ihr Tun.
Sure 41, Vers 21: Und sprechen werden sie zu ihrer Haut: „Warum zeugst du wider uns?“ Sie wird sprechen: „Rede gab uns Allah, welcher jedem Ding Rede gab. Er hat euch zum ersten Mal erschaffen, und zu ihm müsst ihr zurück.
Sure 41, Vers 22: Und ihr konntet euch nicht verbergen, daß euer Gehör und euer Gesicht und eure Haut nicht Zeugnis wider euch ablegte; jedoch wähntet ihr, daß Allah nicht viel von eurem Tun wüsste.
Sure 41, Vers 23: Und dieses eure Wähnen, das ihr von eurem Herrn wähntet, verdarb euch, und ihr wurdet Verlorene.“
Sure 41, Vers 24: Uns halten sie doch aus, so ist doch das Feuer ihre Wohnung, und wenn sie um Gnade bitten, so sollen sie doch nicht begnadet werden.

Die Verbitterung auf beiden Seiten wuchs immer mehr. “ … und als endlich alle Versuche der Quraisch, Abu Talib und seine Familie zu veranlassen, Mohammed nicht mehr weiter zu schützen, gescheitert waren, verbanden sich endlich alle anderen Geschlechter, und beschlossen, jeden Verkehr mit Mohammeds Familie, den Hasim und den damit eng zusammenhängenden Almuttalib aufzugeben … Die Geächteten, Gläubige wie Ungläubige, zogen sich in ihren Stadtteil in einer Seitenschlucht des Haupttales zurück. Ohne dass ein Tropfen Blut vergossen worden wäre und das furchtbare Gesetz der Blutrache hätte in Wirksamkeit zu treten brauchen, war doch ein für die Ausgeschlossenen äusserst peinlicher Kriegszustand die Folge. Es war den Getreuen um Mohammed kaum möglich, sich die nötigen Lebensmittel zu verschaffen, denn die übrigen Quraisch waren im Besitze des Handels und der Handelswege, und nur zur Zeit des Pilgerfestes war ein freier Verkehr mit den fremden Arabern möglich.“ (Theodor Nöldeke, Das Leben Mohammeds, Seite 42 f, Verlag Carl Rümpler, Hannover, 1863))

Nichts desto trotz ermahnt Mohammed seine Landsleute unbeirrt, die neue Lehre anzunehmen: ► da’wa (rufen, auffordern, einladen).

Ein wesentlicher Wirtschaftszweig der mekkanischen Stämme der Quraisch zu dieser Zeit war die jährliche Wallfahrt der arabischen Stämme zur Kaaba, dem grossen Heiligtum des altarabischen Vielgötterglaubens. Man kann annehmen, daß auch wirtschaftliche Gründe in der Auseinandersetzung zwischen Mohammed und den ungläubigen Mekkanern eine Rolle spielten, wurde doch durch die neue Lehre der blühende Handel (und damit die wichtigste Einnahmequelle der Stadt) mit den Pilgern gefährdet.

T. Nagel erkennt noch einen anderen entscheidenden Punkt für die ablehnende Haltung der Mekkaner: „Der Angriff auf die heidnischen Gottheiten bedeutete nichts weniger, als die gesamte religiös sanktionierte politische Ordnung in Frage zu stellen, auf die sich das Leben der Quraisch gründete … die Quraisch nahmen für die mit ihnen verbundenen Stämme religiöse Aufgaben wahr, denen die Grundlage entzogen wurde, wenn man die betroffenen Gottheiten für unwirksame Popanze erklärte. Wenn man sich diesen Umstand vor Augen hält, ermisst man die Tragweite der Botschaft Mohammeds.“ (T. Nagel: Der Koran, Seite 95 f, Verlag C.H. Beck, München, 2002)

Die Ablehnung der Offenbarungen und die Anfeindungen in Mekka wurden nicht nur unerträglich, sondern sogar lebensbedrohend. „Die Gläubigen aus quraisitischem Blut waren zwar nicht gegen wörtliche und tätliche Beleidigungen geschützt, wohl aber ihres Lebens sicher, da ihre Geschlechter, ob gläubig oder ungläubig, auf ewig für beschimpft angesehen wären, wenn sie das Leben eines der Ihrigen preisgegeben hätten.“ (Nöldeke, Seite 35) Hingegen sind Fälle überliefert, wo mekkanische Sklaven, die den neuen Glauben angenommen hatten, von ihren Besitzern umgebracht wurden. Dafür stellt Allah Strafe in Aussicht:

Sure 16, Vers 88: Und diejenigen die nicht glaubten und von Allahs Weg abwendig machten, sollen von Uns Strafe über Strafe erhalten, dafür, daß sie Verderben stifteten.

Die Gläubigen waren in dieser feindlichen Umgebung einer permanenten Prüfung ihrer Glaubensfestigkeit und einer ständigen Versuchung ausgesetzt, den Glauben zu verlassen.

fitna

Dieser Glaubensabfall war unter den gegebenen Umständen doch recht häufig, wenngleich die Abtrünnigen die Gewissheit verfolgen musste, am Jüngsten Tag zu den Verlierern zu gehören. Allah hat nicht nur Macht über die Gläubigen sondern auch über die Ungläubigen. Dieses Konzept ist nur im islamischen Dogma anzutreffen: Kein Mensch ist sicher, ob er nicht deshalb fehlgeht, weil er durch ungünstige Beeinflussung des Allmächtigen gar nicht anders kann. Trotzdem steht, gleichsam unschuldig erwirkt, ewige Höllenpein an:

Sure 16, Vers 93: Und so Allah es gewollt, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht; jedoch führt Er irre, wen Er will, und leitet recht, wen Er will; und wahrlich, zur Rechenschaft gezogen werdet ihr für euer Tun.

► Göttliche Irreleitung

Nach dem Tod seiner Frau Hadija und seines Onkels Abu Talib bröckelte der Sippenschutz ab und die Situation wurde immer gefährlicher.

Das Vermögen Hadijas mochte durch die Wirren der letzten Zeit schon zerrüttet sein, wenigstens erscheint Mohammed vor der Flucht nach Medina wieder als ziemlich arm. Diese Schläge erschütterten ihn tief. Die Zahl seiner Anhänger hatte sich seit langer Zeit gewiss nicht vermehrt … So machte sich Mohammed immer mehr mit dem Gedanken vertraut, seine ungläubige Heimat ihrem Schicksal zu überlassen und sich einen günstigeren Boden für seine Lehre zu suchen. Der seiner Vaterstadt nächstgelegene Ort ist Taif, östlich von Mekka auf der Grenze des inneren Hochlandes, durch üppige Fruchtbarkeit seiner Gegend reich begünstigt. Die Bewohner Taifs standen in lebhaftem Verkehr mit den Mekkanern, waren aber eifersüchtig auf diese.“ (Nöldeke, Seite 45)

Die Leute von Taif waren der religiösen Oberherrschaft der Mekkaner überdrüssig und wollten ihre Stadt zum Treffpunkt aller Araber machen. Mohammed konnte sich an die Zusage einiger Taifiten erinnern, daß sie sich zum Islam bekehren würden, wenn er Taif zur heiligen Stadt der neuen Religion ernennen würde. Aber um die doch rentablen Geschäftsbeziehungen nicht zu gefährden empfingen sie den Propheten unfreundlich, griffen ihn an und beleidigten ihn. Sie gaben auch seiner Bitte nicht statt, seinen erfolglosen Besuch vor den Quraisch geheim zu halten.

Auf der Rückkehr von Taif soll Mohammed eine Vision gehabt haben, in welcher ihn sieben Dämonen als Propheten anerkannten: „Als der Prophet an den Taifiten verzweifelnd Taif verliess, um wieder nach Mekka zurückzukehren, kam er nach Nachlah und verrichtete daselbst mitten in der Nacht sein Gebet. Da kam eine Anzahl Dschinn an ihm vorüber, von denen im Koran Erwähnung geschieht … und hörten ihm zu, und als er sein Gebet vollendet hatte, kehrten sie zu den Ihrigen zurück, und predigten ihnen, denn sie waren gläubig, und hatten aufgenommen, was sie gehört hatten. Allah erzählte Mohammed diese Begebenheit in folgender Stelle.“ (Weil, 1. Band, Seite 209):

Sure 72, Vers 1: Sprich: Geoffenbart ward mir, daß eine Schar der Dschinn lauschte und sprach: „Siehe wir haben einen wunderbaren Koran gehört;
Sure 72, Vers 2: Der zum rechten Weg leitet; und wir glauben an ihn und stellen nimmer unserem Herrn jemand zur Seite;
Sure 72, Vers 3: Denn Er – erhöht sei die Herrlichkeit unseres Herrn! hat sich keine Genossin genommen und keinen Sohn.“

Mit „Genossin“ ist Maria gemeint, von welcher Mohammed annahm, daß sie von den Christen zu einer eigenständigen Götten gemacht worden sei. Der Hinweis auf den „Sohn“ wendet sich gegen die christliche Lehre der Gottessohnschaft Jesu.

Trinität im Christentum

Diese fehlgeschlagene Reise verschlechterte seine Position in Mekka noch mehr. Mohammed hatte alle Aussicht aufgegeben, die Quraisch zu bekehren und auch die Pilger, die alljährlich nach Mekka kamen, schenkten seiner Lehre keinen Glauben. Aber endlich fand er, was er suchte. Ein paar Pilger aus Medina hörten ihn an. Medina war Jahrhunderte vorher von zwei Stämmen aus dem Süden Arabiens erobert worden, den Aus und den Hazrag. Sie hatten den dort lebenden Juden einen Teil des Landes abgenommen. „Die jüdischen Stämme waren aber immer noch unabhängig und mächtig und hatten in den blutigen Fehden zwischen den beiden eingewanderten Stämmen. zum Teil der einen, zum Teil der anderen Partei beigestanden: Die Banu Quaynuqa waren mittels Schutzvertrag mit den Hazrag verbunden und die Banu Nadir und Banu Qureiza waren Bundesgenossen der Aus. Durch den beständigen Verkehr mit den Juden waren den Medinensern die Begriffe Offenbarung, Prophetie, Wort Gottes usw. die den Mekkanern wie Unsinn vorkamen, geläufig geworden. Sie erinnerten sich auch, daß die Juden, wenn sie einmal in Not gebracht wurden, ihren Feinden mit der Ankunft des Messias gedroht hatten. Der Gedanke, daß Mohammed dieser Messias wäre, lag nicht fern. Mohamed gewann diese Leute, und sie breiteten nach ihrer Rückkehr die Nachricht von dem Propheten und seiner Lehre weiter aus.“ (Nöldeke, Seite 47 f)

Ein Jahr später, wiederum anlässlich der Pilgerreise, nahmen schon zwölf Männer aus den Stämmen der Aus und Hazrag auf der Anhöhe Akaba den Islam an. Mohammed schickte als Religionslehrer und Koranleser einen seiner Getreuen, Mus’ab, mit nach Medina. Als weitere glückliche Fügung entschied sich einer der angesehendsten Männer Medinas, Saad Ibn Muad und damit seine ganze Familie den neuen Glauben anzunehmen.

„Mu’sab leitete die öffentlichen Gebete, dies musste er schon deshalb tun, da keiner von den beiden aufeinander eifersüchtigen Stämme es ertragen hätte, beim Gebet einem Mitglied des feindlichen Stammes als Vorbeter zu folgen.

Bei der nächsten Pilgerfahrt, ein weiteres Jahr später, schloss Mohammed mit dreiundsiebzig Männern und zwei Frauen, wiederum auf der Anhöhe von Akaba, einen Vertrag, durch den sie sich verpflichteten, ihn wie einen der Ihrigen zu schützen, wenn er zu ihnen käme. Mohammed ernannte zwölf Vorsteher, von denen neun dem zahlreicheren Stamme der Hazrag, drei dem Stamme der Aus angehörten.“ (Nöldeke, Seite 47 f)

„Mohammed habe zu den Häuptern gesagt: „Ihr seid die Sachwalter eures Volkes, wie es die Jünger Christi waren, und ich bin der Sachwalter meines Volkes.“ Abbas (der Onkel Mohammeds, der auch zugegen war) fragte die Medinenser: „Wisset ihr auch, was ihr diesem Mann zuschwöret?“ Sie antworteten: „Jawohl.“ „Ihr verpflichtet euch,“ sagte er, „die Schwarzen und die Roten zu bekriegen, glaubt ihr, daß wenn eure Güter zu Grunde gehen, und eure Edlen getötet werden, ihr ihn ausliefert, so ladet ihr euch Schmach in diesem und jenem Leben auf, glaubt ihr aber, daß ihr bei dem, wozu er euch aufgerufen hat, beharren werdet, wenn auch euer Gut und das Leben eurer Edlen verloren geht, so nehmet ihn auf, es wird euch in diesem und in jenem Leben Glück bringen.“ Sie fragten dann, welchen Lohn sie für ihre Treue erhalten würden. Er antwortete: „Das Paradies“ Da sagten sie: Strecke deine Hand aus! Er streckte seine Hand aus und sie huldigten ihm.“ (Weil, 1. Band, Seite 222)

In dieser Zeit fand unter den Häuptern der Quraisch ein Stammesrat statt, in dem beschlossen wurde, daß junge Männer aus allen Clans Muhammad töten sollten. Auf dieses Ereignis bezieht sich folgende Offenbarung, in welcher Allah, der bessere Listenschmied, seinem Gesandten nachträglich versichert, daß er in guten Händen war:

Sure 8, Vers 30: Und gedenke, als die Ungläubigen wider dich Listen schmiedeten, um dich festzunehmen oder dich zu ermorden oder dich zu vertreiben. Und Listen schmiedeten sie, und Allah schmiedete Listen; und Allah ist der beste der Listenschmiede.

Gemäß Ibn Ishaq erhält Mohammed noch in Mekka die göttliche Erlaubnis, Krieg zu führen. Am Anfang der Installation des islamischen Gewaltdogmas billigt Allah Gewalt, ohne sie direkt zu fordern: „Vor der Huldigung aus der Anhöhe hatte Mohammed nicht die Erlaubnis, Krieg zu führen und Blut zu vergiessen, er sollte nur zu Gott aufrufen, die Beleidigungen mit Geduld ertragen, und dem Unwissenden verzeihen … Als nun die Quraisch sich von Allah abwendeten, und die von Gott ihnen zugedachte Gnade zurückwiesen, den Propheten einen Lügner nannten und die, welche Allah allein anbeteten und an Mohammed glaubten und an seinem Glauben festhielten, peinigten und verbannten, da erlaubte Allah Mohammed, Krieg zu führen und sich gegen die, welche den Seinigen Gewalt antun, zu verteidigen. Wie mir von Urwa Ibn Zubeir und anderen berichtet worden ist, waren folgende Verse die ersten, in welchen ihm der Krieg gegen die, welche gegen die Gläubigen Gewalt brauchten, erlaubt wurde.“ (Weil, 1. Band, Seite 230):

Sure 22, Vers 39: Gewähr ist denen gegeben, die bekämpft wurden, dieweil ihnen Gewalt angetan ward; und siehe, wahrlich, Allah hat Macht, ihnen beizustehen:
Sure 22, Vers 40: Jene, die schuldlos aus ihren Wohnungen vertrieben wurden, nur weil sie sprechen: „Unser Herr ist Allah.“ Und wofern nicht Allah den einen Menschen durch die anderen wehrte, wahrlich, so wären Klöster, Kirchen, Bethäuser und Moscheen, in denen Allahs Name so häufig genannt wird, zerstört. Und wem Allah helfen will, dem hilft Er wahrlich. Siehe Allah ist stark und mächtig.
Sure 22, Vers 41: Denen hilft Er, die, wenn Wir ihnen im Lande Wohnung gegeben haben, das Gebet verrichten und die Armenspende entrichten und das Rechte gebieten und das Unrechte untersagen. Und Allah ist der Ausgang der Dinge.

Als einzige Lösung blieb allerdings vorerst nur der Auszug ► hijra nach Medina. Für die Biographie des Propheten Muhammad bedeutet dieses Ereignis einen tiefen Einschnitt. Es gelang ihm, die Stadt rechtzeitig zu verlassen und nach Medina zu emigrieren.

2. Zeit in Medina

Alle Bestimmungen des Korans zum „Heiligen Krieg“, stammen aus der medinensischen Periode Mohammeds, also der Zeit zwischen 622 und 632. Erst jetzt wird die „Anstrengung für den Glauben mit dem ganzen Einsatz an Gut und Blut“ ins islamische Lehrgebäude aufgenommen.

Gesamteinsatz zur Erlangung des Heils

„Nachdem Mohammed noch in Mekka, wie dargelegt, mittels Unterstützungsvertrag die Aus und die Hazrag auf seine Seite gebracht hatte, erfolgte der Auszug (hijra) in mehreren kleinen Trupps. Es sind gesamthaft ungefähr 100 Gläubige, die den Weg unter die Füsse nehmen. Sie werden als Emigranten (Muhagirun) bezeichnet. „Ausser den mit Gewalt Zurückgehaltenen blieben übrigens noch Einige in Mekka, die zwar halb und halb gläubig waren, aber doch ihr Eigentum nicht im Stich lassen wollten. Die Ausgewanderten, von denen nur wenige ein Vermögen von Bedeutung mitbrachten, wurden von den Bewohnern Medinas freudig aufgenommen.“ (Nöldeke, Seite 51 f)

Die Medinenser werden im Koran als „Helfer“ oder „Helfer der Sache Allahs“ (ansar) erwähnt. Allah ermahnt sie zum richtigen Glauben, da Er sie durch seine Gnade zu Muslimen gemacht hat und sie ihren ewigen Zwist dadurch überwinden konnten:

Sure 3, Vers 102: O ihr, die ihr glaubt, fürchtet Allah in geziemender Furcht und sterbet nicht anders denn als Muslime.
Sure 3, Vers 103: Und haltet fest an Allahs Seil insgesamt und zerfallet nicht und gedenket der Gnaden Allahs gegen euch, da ihr Feinde waret und Er eure Herzen so zusammenschloss, daß ihr durch Seine Gnade Brüder wurdet.

Im Oasengebiet Medinas und seiner näheren Umgebung siedelten, wie erwähnt, die judaisierten arabischen Stämme der Banu Qaynuqa, der Banu Nadir und der Banu Quraiza. Christen waren in Medina eine unbedeutende Minderheit, die Juden aber bildeten eine einflussreiche Kolonie, die innerhalb Medinas oder in der Umgebung in befestigten Siedlungen lebte.

Am Anfang versuchte Mohammed, die Juden für seine Sache zu gewinnen. Die Offenbarungen über die Juden (und Christen) sind dementsprechend noch durchaus positiv:

Sure 2, Vers 62: Siehe sie, die da glauben und die Juden und die Nazarener und die Sabäer – wer immer an Allah glaubt und an den Jüngsten Tag und das Rechte tut, die haben ihren Lohn bei ihrem Herrn, und Furcht kommt nicht über sie, und nicht werden sie traurig sein.

„Vorzüglich aber strebte Mohammed eine enge Verbindung mit den Juden an. Er setzte grosse Hoffnungen auf sie, da es ihm schien, daß ihr Glaube vom Islam nicht wesentlich verschieden wäre, und dass sie deshalb den Verkünder desselben als Propheten anerkennen müssten. Um sie sicherer zu gewinnen, nahm er von ihnen einige religiöse Einrichtungen an, z.B. das Fasten am Versöhnungsfest und die Richtung des Gesichtes beim Gebet (Qibla) nach Jerusalem, während er in Mekka beim Gebet nach der Kaaba hingeblickt hatte.“ (Nöldeke, Seite 59)

Für diese Neuerungen sandte Allah die nötigen Offenbarungen hernieder:

Sure 2, Vers 176: Dies, dieweil Allah herniedersandte das Buch mit der Wahrheit; und siehe, wer uneins ist über das Buch, wahrlich, die sind in grosser Abtrünnigkeit. Sure 2, Vers 177: Nicht besteht die Frömmigkeit darin, daß ihr eure Angesichter gen Westen oder Osten kehret; vielmehr ist fromm, wer da glaubt an Allah und den Jüngsten Tag und die Engel und die Schrift und die Propheten, und wer sein Geld aus Liebe zu Ihm ausgibt für seine Angehörigen und die Waisen und die Armen und den Sohn des Weges und die Bettler und die Gefangenen; und wer das Gebet verrichtet und die Armensteuer zahlt; und die, welche ihre Verpflichtungen halten, wenn sie sich verpflichtet haben, und standhaft sind in Unglück, Not und Drangsalzeit; sie sind es, die da lauter sind, und sie, sie sind die Gottesfürchtigen.

Sehr bald aber mußte Mohammed erkennen, daß die von ihm eingeführten Angleichungen an den jüdischen Kultus nicht zur gewünschten Anerkennung seiner Prophetschaft und zur Annahme des Islam geführt hatten. Deshalb hob Allah diese wieder auf. An Stelle des jüdischen Fastens trat nun das Gebot des Fastens im Monat Ramadan und die Gebetsrichtung (qibla) wurde von Jerusalem wieder nach der Kaaba in Mekka verlegt. Von Gläubigen geäußerte Unverständnis für diese neuen Regelungen wurden mit folgenden Offenbarungen zerstreut. Es galt jetzt, sich von den Juden, die an ihren andersartigen religiösen Vorstellungen festhielten, abzusetzen:

Sure 2, Vers 142: Sprechen werden die Toren unter dem Volk: „Was wendet er sie ab von ihrer Qibla, die sie früher hatten?“ Sprich: „Allahs ist der Westen und der Osten; Er leitet, wen Er will auf dem rechten Pfad.
Sure 2, Vers 143: Und so machten Wir euch zu einem Volk in der Mitte, auf dass ihr Zeugen seid in betreff der Menschen; und der Gesandte wird in betreff eurer Zeuge sein. Und Wir setzten die Qibla ein, die du früher hattest, allein um zu wissen, wer dem Gesandten folgte und wer sich auf seiner Ferse umkehrt. Wahrlich, ein schweres Ding ist’s, doch nicht für die, welche Allah geleitet hat. Und nicht lässt Allah euren Glauben verloren gehen. Siehe, Allah ist wahrlich gütig und barmherzig gegen die Menschen.
Sure 2, Vers 144: Wir sahen dich dein Antlitz in den Himmel kehren, aber wir wollten dich zu einer Qibla wenden, die dir gefallen soll. Wende dein Angesicht nach der Richtung der heiligen Moschee, und wo immer ihr seid, wendet eure Angesichter nach der Richtung zu ihr; und siehe jene, denen das Buch gegeben ward, wissen wahrlich, daß dies die Wahrheit von ihrem Herrn ist. Und Allah ist nicht achtlos ihres Tuns.
Sure 2, Vers 145: Brächtest du denen, welchen die Schrift gegeben ward, jegliches Zeichen, so würden sie doch deiner Qibla nicht folgen; und auch du sollst ihrer Qibla nicht folgen; die einen von ihnen folgen nicht der Qibla der andern. Und wahrlich, folgtest du ihren Gelüsten nach dem, was dir von der Kenntnis zuteil ward, siehe, wahrlich dann wärest du einer der Ungerechten.

Sure 2, Vers 148: Und jeder hat eine Richtung, nach der er sich kehrt; wetteifert daher nach dem Guten; wo immer ihr seid, Allah wird euch zusammenbringen; siehe, Allah hat Macht über alle Dinge.

Die kultische Neuorientierung war sinnvoll und identitätsstiftend. Die Kaaba in Mekka wurde nun endgültig zum zentralen islamischen Heiligtum erklärt. Schon früher waren Offenbarungen herniedergekommen, in denen Mohammed belehrt wird, daß Abraham selbst die Kaaba gebaut hat. Dazu R. Paret: „Zum Kaaba-Kult und den Wallfahrtszeremonien muss er von jeher ein inneres Verhältnis gehabt haben … Nach dem Bruch mit den Juden wurde die Kaaba geradezu zum Kultzentrum der neuen islamischen Religion erhoben, wobei die Abrahamlegende wertvolle Dienste leistete.“ (R. Paret, Mohammed und der Koran, Seite 130, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 1980)

Und weiter: „Die Umorientierung von Jerusalem nach Mekka, von der heiligen Stadt der Juden nach dem altarabischen Heiligtum, bedurfte einer sachlichen Begründung und Rechtfertigung, wenn sie nicht als Rückfall in das Heidentum missverstanden werden sollte. Mohammed hat sich zu diesem Zweck einer Geschichtskonstruktion bedient, die man kurz als ► Abrahamlegende bezeichnen kann.“ (ebenda, Seite 119 f)

Die Juden in ihrer Weigerung, die von Mohammed verkündete Ergänzung ihres Glaubens anzunehmen werden jetzt von Allah verflucht. Alle positiven Verlautbarungen über die Juden sind somit abrogiert:

Sure 2, Vers 159: Siehe, sie die etwas verbergen von dem, was Wir herabsandten an deutlichen Zeichen und Leitung, nach dem, was wir deutlich kundtaten den Menschen in der Schrift, verfluchen wird sie Allah, und verfluchen werden sie die Fluchenden.

Eine Sichtweise der gesellschaftlichen Dynamik in Medina finden wir bei A. Dashti: „Die Juden waren sowohl in der Landwirtschaft als auch in Handel und Handwerk erfolgreich, und dank ihres religiösen Unterrichtes und der relativ guten Schreibkenntnisse hatten sie ein höheres kulturelles Niveau erreicht als die beiden anderen in Medina ansässigen Stämme, die Aus und Hazrag, von denen viele bei den Juden als Arbeiter in der Landwirtschaft oder als Wächter in Geschäften und Warenhäusern angestellt waren. Logischerweise fühlten sie sich den Juden gegenüber minderwertig und waren neidisch auf sie … bestand der Hauptgrund für die Aus und Hazrag, mit Mohammed zu kooperieren und den Pakt von Akaba mit ihm zu schliessen, darin, daß sie die Dominanz der Juden beenden und so ihren Minderwertigkeitskomplex loswerden wollten. Am Anfang, als Mohammed in Medina angekommen war, hielt er sich in wohlbedachter Taktik zurück. Er vermied jeden Streit mit den Juden, die genauso reich wie mächtig waren, und schloss mit ihnen eine Art Nichtangriffspakt, den Ahd al-Modaa, in dem die Zusammenarbeit unter bestimmten Umständen vereinbart wurde. Demnach konnten die Muslime und Juden an ihrem eigenen Glauben festhalten, aber im Falle eines Angriffs der Quraisch oder eines anderen Stammes sollten die Muslime und die Juden gemeinsam ihre Stadt Medina verteidigen, wobei jeder seine eigenen Kosten für die Kämpfe gegen die feindlichen Stämme übernehmen musste.“ (Ali Dashti: Seite 144)

Die Verpflichtungen dieser „Gemeindeordnung von Medina“ ist für die Juden zu einem Debakel geworden, denn durch die Aggressionspolitik Mohammeds gegen seine Vaterstadt Mekka und alle Beduinen des Umlandes wurden sie während der kommenden Jahre in Händel hineingezogen, für deren Ursache sie nicht verantwortlich waren.

Die in der näheren und weiteren Umgebung Medinas lebenden nomadisierenden Beduinenstämme bekannten sich, wenn überhaupt, nur in unverbindlicher Art zum neuen Glauben und mussten als unzuverlässige Kampfgefährten angesehen werden. Sie verbündeten sich mit Mohammed nur deshalb, weil Kriegsbeute zu erwarten war. ► Beduinen werden im Koran als „Steppenaraber“ und „Araber“ vielfach erwähnt und fallen meist unter die Kategorie der „Heuchler“,„Frevler“ oder „Dahintengebliebenen“. ► Heuchler und Frevler rekrutieren sich aber nicht nur aus den Reihen der Beduinen. Alle wankelmütigen und mutlosen Gläubigen werden bei Bedarf als solche bezeichnet, denn „in ihren Herzen ist Krankheit“.

„Nachdem die inneren Angelegenheiten einigermassen geordnet waren, ging Mohammed mit Nachdruck an die äusseren. Der Hauptzweck war die Züchtigung und Unterwerfung der Mekkaner und die Eroberung der Kaaba für die Gläubigen. Da er aber nicht über ein Heer gebot, das einen regelmässigen Krieg … gegen die Mekkaner hätte führen können, so musste er versuchen, diese möglichst zu schädigen, um sie dadurch zur Unterwerfung zu drängen. Der ausgebreitete Handel der Quraisch gab ihm dazu die erwünschte Gelegenheit. Jeder Karawane, die nach Syrien ging oder von dort zurückkam, wurde aufgelauert, und die Quraisch sahen sich bald gezwungen, ihre Züge mit schwerer Bewachung abzusenden.“ (Nöldeke, Seite 61 f)

Entsprechend dem im Koran vom Allmächtigen selbst definierten Prinzip der ► Abrogation wurden Verse geoffenbart, welche die bisher gültigen friedlichen Bestimmungen aufheben, die Gläubigen umstimmen und mit der neuen Doktrin vertraut machen sollten. Jetzt kommen deutlichere Offenbarungen hernieder, welche den Kampf nicht nur billigen, sondern fordern:

Sure 4, Vers 74: Und so soll kämpfen in Allahs Weg, wer das irdische Leben verkauft für das Jenseits. Und wer da kämpft in Allahs Weg, falle er oder siege er, wahrlich dem geben wir gewaltigen Lohn.
Sure 4, Vers 75: Und was ist euch, daß ihr nicht kämpfet in Allahs Weg und für die schwachen unter den Männern und die Weiber und die Kinder, die da sprechen: „Unser Herr, führe uns hinaus aus dieser Stadt voll tyrannischer Bewohner, und gib uns von Dir her einen Beschützer, und gib uns von Dir her einen Helfer?“
Sure 4, Vers 76: Wer da glaubt, kämpft in Allahs Weg, und wer da nicht glaubt, kämpft im Weg des Tagut. So bekämpfet des Satans Freunde. Siehe, des Satans List ist schwach.
Sure 4, Vers 77: Sahst du nicht auf die, zu denen gesprochen ward: „Hemmt eure Hände vom Kampf und verrichtet das Gebet und zahlet die Armenspende?“ Doch wenn ihnen der Kampf vorgeschrieben wird, dann fürchtet ein Teil von ihnen die Menschen, wie sie Allah fürchten, ja noch mehr, und sprechen: „Unser Herr, warum schreibst Du uns den Kampf vor und verziehst nicht mit uns bis zum nahen Termin?“ Sprich: „Der Niesbrauch der Welt ist winzig und das Jenseits ist besser für die Gottesfürchtigen; und nicht sollt ihr um eines Dattelkerns Fädchen Unrecht erleiden.“

Sure 4, Vers 78
: Wo immer ihr seid, einholen wird euch der Tod, auch wenn ihr wäret in ragenden Türmen. Und so ihnen ein Gutes widerfährt, sprechen sie: „Dieses ist von Allah.“ Und so ihnen ein Übles widerfährt, sprechen sie: „Dieses ist von dir“ Sprich: „Alles ist von Allah.“ Was aber ist diesem Volk, daß sie kaum ein Wort verstehen?“
Sure 4, Vers 79: Was immer Gutes dir widerfährt, ist von Allah, und was immer Böses dir widerfährt ist von dir selber. Und Wir entsandten dich zu den Menschen als einen Gesandten, und Allah genügt als Zeuge.
Sure 4, Vers 80: Wer dem Gesandten gehorcht, der gehorcht Allah, und wer den Rücken kehrt … so haben wir dich nicht entsandt zum Hüter über sie.

Sure 4, Vers 84: So kämpf in Allahs Weg; nur du sollst dazu gezwungen werden; und sporne die Gläubigen an. Vielleicht hemmt Allah die Kühnheit der Ungläubigen, denn Allah ist gewaltiger an Kühnheit und gewaltiger an Züchtigen.

Sure 4, Vers 89: Sie wünschen, daß ihr ungläubig werdet, wie sie ungläubig sind, und dass ihr ihnen gleich seid. Nehmet aber keinen von ihnen zum Freund, ehe sie nicht auswanderten in Allahs Weg. Und so sie den Rücken kehren, so ergreifet sie und schlagt sie tot, wo immer ihr sie findet; und nehmet keinen von ihnen zum Freund oder Helfer.

Sure 2, Vers 216: Vorgeschrieben ist euch der Kampf, doch ist er euch ein Abscheu. Aber vielleicht verabscheut ihr ein Ding, das gut für euch ist, und vielleicht liebt ihr ein Ding, das schlecht für euch ist; und Allah weiß, ihr aber wisset nicht.

Nach dem von Allah offenbarten ersten Kampfbefehl war, mindestens bei einer Anzahl von Gläubigen, die Verunsicherung groß. Anfänglich kamen viele Gläubige den Aufforderungen zum Kampf und zur Vergeltung offenbar nur zögerlich nach. Es musste für die Mitglieder der jungen Gemeinde befremdlich gewesen sein, daß jetzt kriegerische Aktionen als Glaubenspflicht eingeführt wurden, beinhaltete der angenommene Glaube bisher doch friedliche Gebote:

  • – die Verrichtung des Gebetes
  • – die Bezahlung der Armensteuer
  • – das Fasten

Unter den in Medina von Mohammed angezettelten Feldzügen muss man sich, mindestens bei den ersten Unternehmungen, kleine Aktionen mit 50 bis 80 Reitern vorstellen. Da das vorwiegende Ziel der Aggressionen die Mekkaner waren, ergab sich die eigenartige und beklemmende Situation, daß oft Verwandte gegeneinander, ein Vater gegen den eigenen Sohn kämpfte. Diese recht häufige Konstellation lag dann vor, wenn sich ein Teil einer Sippe zum Islam bekannt hatte, und nach Medina ausgezogen war. Daraus folgt auch der ungewöhnliche Umstand, daß sich alle Kämpfer gegenseitig kannten. Dies mag ein Grund dafür gewesen sein, daß der Kampfeswille der Mekkaner oft gehemmt war.

3. Zeittafel

623 Die ersten 4 Kriegszüge

Schon ein Jahr nach seiner Ankunft in Medina zog Mohammed in einem ersten Kriegszug gegen die Quraisch und einen mit ihnen befreundeten Beduinenstamm. Mit diesem schloss er Frieden und kehrte nach Medina zurück, ohne auf den Feind gestossen zu sein. Die drei folgenden kriegerischen Unternehmungen endeten ebenfalls ergebnislos. Nach diesen ersten vier Razzien folgte die

624 Nahla-Expedition

Auch dieser Zug war als Beutezug geplant, Mohammed beauftragte 8 Getreue, nach Nahla zu ziehen und dort den Quraisch, das heisst einer ihrer Karawanen, aufzulauern und ihm dann Bescheid zu geben. In der Tat trafen sie auch auf eine solche und … die Mekkaner fürchteten sich vor den Muslimen, welche sich in ihrer Nähe niedergelassen hatten. Ukkascha Ibn Mihssan, der sein Haupthaar abrasiert hatte, näherte sich ihnen, und sie beruhigten sich und sagten untereinander: „Es sind Pilger, wir haben nichts zu befürchten.“ Es war der letzte Tag vom heiligen Monat Radjab. Die Muslime hielten nun Rat und sagten: „Bei Gott, lassen wir die Karawane diese Nacht ziehen, so wird sie in das heilige Gebiet eintreten, und darin Schutz gegen euch finden, greifen wir sie aber jetzt an, so begeht ihr eine Mordtat im heiligen Monat. Die Leute wurden ängstlich und scheuten sich, anzugreifen, dann ermannten sie sich und beschlossen, so viel sie vermochten von ihr zu töten und die Waren wegzunehmen.“ (Weil, 1. Band, Seite 316) Einer der Getöteten war Amr ibn Alhadrami, ein Schützling einer angesehenen mekkanischen Familie deren Oberhaupt Otba war. Dieses Detail wird in der Schlacht von Badr von Gewicht sein. Es wurden auch zwei Quraisch gefangen genommen. Gemäss Ibn Ishaq weigerte sich Mohammed, von der Beute etwas anzunehmen, nachdem er erfahren hatte, daß der Angriff im heiligen Monat stattgefunden habe. Die sich ihrer Schuld bewusst werdenden Kämpfer waren untröstlich. Erst die einige Tage später eintreffende Offenbarung Allahs konnte den Bann brechen:

Sure 2, Vers 217: Sie werden dich befragen nach dem Kampf im heiligen Monat. Sprich: “Kämpfen in ihm ist schlimm; aber Abwendigmachen von Allahs Weg und Ihn und die heilige Moschee verleugnen und sein Volk daraus vertreiben, ist schlimmer bei Allah; und Verführung ist schlimmer als Totschlag.“ Und sie werden nicht eher aufhören, euch zu bekämpfen, als bis sie euch von eurem Glauben abtrünnig machten, so sie dies vermögen. Wer sich aber von euch von seinem Glauben abtrünnig machen lässt und als Ungläubiger stirbt, deren Werke sind verderblich hienieden und im jenseits, und des Feuers Gefährten sind sie und verweilen ewig darinnen.

Sehr deutlich erlaubt Allah den Kampf mit der Waffe gegen die Mekkaner weil das „Abwendigmachen“ ► fitna schlimmer ist als Totschlag. Auch die Behinderung des Zutritts zur Kaaba rechtfertigt die Verletzung des heiligen Monats durch eine Kriegshandlung. Generell wird die Razzia als berechtigte Kriegshandlung eingestuft. Es fällt in diesem Vers ausser Betracht, daß nicht die Mekkaner in den Krieg gezogen sind, um die Muslime „vom Glauben abtrünnig zu machen„, sondern dass die Eröffnung der Aggression von den Muslimen ausging und zwar zum Zwecke der Erlangung von Beute. Wie schon dargelegt wurde, wirkt die erlebte Verfolgung in Mekka in dem Sinne nach, daß sie jegliche spätere Aggression rechtfertigt.

In der Folge teilte Mohammed die Beute und behielt den fünften Teil für sich.

razzia und Kriegsbeute

Die Mekkaner sandten einen Boten zu Mohammed, „um die beiden Gefangenen auszulösen, Mohammed sagte aber: „Ich gebe sie nicht eher frei, bis meine beiden Gefährten, nämlich Saad Ibn Muad und Otba zurückkommen, um die wir besorgt sind, tötet ihr diese, dann töten wir auch die Gefangenen“. Als Saad Ibn Muad und Otba zurückkehrten, nahm Mohammed das Lösegeld an, und schenkte ihnen die Freiheit. Als nun die Gefährten Mohammeds durch obige Koranverse von ihrem Kummer über die Verfehlung befreit waren, sehnten sie sich nach lohnwürdigen Taten und fragten Mohammed, ob sie nicht wünschen dürften, durch einen anderen Kriegszug den Lohn der Glaubenskämpfer zu ernten? Da offenbarte Allah:

Sure 2, Vers 218: Siehe sie, die da glauben und auswandern und streiten in Allahs Weg, sie mögen hoffen auf Allahs Barmherzigkeit, denn Allah ist verzeihend und barmherzig.

wodurch ihnen Gott die schönste Hoffnung eröffnet hat.“ (Weil, 1. Band, Seite 317)

624 Schlacht von Badr

Diese durch die erwähnte Offenbarung in Aussicht gestellte Möglichkeit zu weiteren Taten zeigte sich bald. Mohammed vernahm, daß eine reich bepackte mekkanische Karawane von Syrien zurückkommen würde, angeführt von Abu Sofian und begleitet von 30 bis 40 Männern. Er rief die Gläubigen zusammen und sagte: „Hier kommt eine Karawane der Quraisch mit ihren Gütern beladen, zieht ihr entgegen! Vielleicht wird sie euch Allah als Beute schenken.“ Die Leute sammelten sich, manche kamen rasch herbei, andere säumten, weil sie nicht glaubten, daß es Mohammed zum Krieg kommen lassen werde.“ (Weil, 1. Band, Seite 318) Nicht alle kampffähigen Gefährten mochten offenbar dem Aufruf folgen. Von diesem Wankelmut und dem Unwillen zum Kampf handelt der Koranvers:

Sure 47, Vers 20: Und es sprechen die Gläubigen: „Warum wird keine Sure herabgesendet?“ Aber wenn eine unverbrüchliche Sure herabgesendet und in ihr der Kampf verkündet wird, siehst du die, in deren Herzen Krankheit ist, dich anschauen mit dem Blick eines vom Tod Überschatteten. Besser für sie aber wären Gehorsam und geziemende Worte.

Folgender Vers bezieht sich auf die vergeblichen Bekehrungsversuche Mohammeds an den Mekkanern. Allah wird sie jetzt für ihre Renitenz bestrafen:

Sure 47, Vers 9: Solches, dieweil sie Abscheu empfanden gegen das, was Er hinabsandte; und zunichte wird Er ihre Werke machen.

Einmal mehr gebietet der Allmächtige, daß ihm absoluter Gehorsam entgegenzubringen ist und unterstreicht Seine Forderung mit dem Hinweis auf das leide Geschick der unbelehrbaren Mekkaner, die, schlimmer als das Vieh nicht hören und deshalb bestraft werden. Allerdings erfahren wir – ganz im Sinne der göttlichen Irreleitung – daß der Charakter der ungläubigen Quraisch derartig verwerflich ist, daß Er sie gar nicht belehren wollte:

Sure 8, Vers 20: O ihr, die ihr glaubt, gehorchet Allah und seinem Gesandten und kehrt euch nicht ab von ihm, wo ihr den Koran höret.
Sure 8, Vers 21: Und seid nicht wie jene, welche sprechen: „Wir hören“, und doch hören sie nicht.
Sure 8, Vers 22: Siehe, schlimmer als das Vieh sind bei Allah die Tauben und Stummen, die nicht begreifen.
Sure 8, Vers 23: Und hätte Allah etwas Gutes in ihnen erkannt, wahrlich, Er hätte sie hören lassen. Aber hätte Er sie auch hören lassen, wahrlich, sie hätten sich abgekehrt und weggewendet.
Sure 8, Vers 24: O ihr, die ihr glaubt, antwortet Allah und Seinem Gesandten, wenn sie euch einladen zu dem, was euch Leben gibt. Und wisset, daß Allah zwischen den Mann und sein Herz kommt und dass ihr zu ihm versammelt werdet.

wenn sie euch einladen, zu dem, was euch Leben gibtheißt, daß die Teilnahme am Krieg das ewige Leben garantiert; wer nicht teilnimmt, muss wissen, daß Allah streng im Strafen ist„.

Absoluter Gehorsam wird gefordert, widrigenfalls strenge Strafe folgen wird. Eine solche scheint gerechtfertigt, denn immerhin hat Allah die Seinen durch den Auszug aus Mekka vor dem sicheren Untergang bewahrt:

Sure 8, Vers 25: Und hütet euch vor Aufruhr; nicht trifft er die Ungerechten unter euch vornehmlich; und wisset, daß Allah streng im Strafen ist.
Sure 8, Vers 26: Und gedenket, da ihr wenige waret und schwach erachtet im Lande und da ihr fürchtetet, von den Leuten hinfortgerafft zu werden. Er aber nahm euch auf und stärkte euch mit Seiner Hilfe und versorgte euch mit guten Dingen; vielleicht seid ihr dankbar.
Sure 8, Vers 27: O ihr, die ihr glaubt, betrügt nicht Allah und den Gesandten und übt nicht Treulosigkeit wider Wissen.
Sure 8, Vers 28: Und wisset, daß euer Gut und eure Kinder nur eine Versuchung sind, und dass bei Allah gewaltiger Lohn ist.
Sure 8, Vers 29: O ihr, die ihr glaubt, so ihr Allah fürchtet, er wird euch Erlösung geben und wird euch eure Missetaten vergeben und euch verzeihen; und Allah ist voll großer Huld.

„Abu Sofian hatte, sobald er sich dem Hidjaz näherte, Nachrichten eingezogen, und jeden Reiter, dem er begegnete besorgt ausgefragt, bis er endlich erfuhr, daß Mohammed seine Gefährten gegen ihn aufgerufen habe.“ (Weil, 1. Band, Seite 318 f) Er sandte einen Boten nach Mekka um Verstärkung anzufordern. Der Hilferuf wurde aufgenommen und um nicht noch einmal eine Erniedrigung wie bei Nahla zu erleben, sandten die Quraisch ihrer Karawane eine Schutzgruppe entgegen. Sie wurde angeführt von Abu Djahl, einem erbitterten Gegner Mohammeds.

In der Zwischenzeit war auch Mohammed mit ungefähr 300 Leuten Richtung Badr aufgebrochen, da er erwartete, dort auf die Karawane zu treffen. In seiner Gruppe waren neben mekkanischen Emigranten (muhagirun) hauptsächlich medinensische Helfer (ansar). Unterwegs erfuhr er von seinen Spähern, daß die Quraisch ausgezogen waren, um ihre Karawane zu schützen. Das änderte die Situation. Ein guter Teil der Begleiter Mohammeds hatte sich zweifellos nur deshalb dem Unternehmen angeschlossen, weil ein verhältnismäßig unproblematischer Überfall auf eine Karawane angesagt war und nicht eine Schlacht. Sie wären angesichts der veränderten Verhältnisse lieber umgekehrt, wie aus folgendem Vers hervorgeht:

Sure 8, Vers 7: Und als Allah euch verhiess, daß eine der beiden Scharen euer sein solle, und ihr wünschtet, daß es die unbewaffnete wäre. Allah aber wollte die Wahrheit Seiner Worte bestätigen und die Wurzel der Ungläubigen abschneiden.

So war also der Umstand, daß plötzlich ein veritabler Kampf bevorstand, und zwar eben nicht mit der unbewaffneten Schar, eine Fügung Allahs und eine Möglichkeit, um die Wurzel der Ungläubigen abzuschneiden.

Der Prophet war sich der Unterstützung seiner medinensischen Helfer nicht ganz sicher, denn als sie ihm damals bei Akaba den Treueid schwuren, besagte dieser lediglich, daß sie den Propheten innerhalb Medinas gegen Angreifer beschützen: „Wir sind frei von deinem Schutze, bis du in unser Land kommst, dann aber beschützen wir dich, wie unsere Väter und unsere Frauen“. Mohammed fürchtete daher, sie könnten sich nur verpflichtet fühlen, ihn gegen Feinde zu beschützen, die ihn in Medina angreifen würden, daß sie aber nicht bereit wären, auch ausserhalb Medinas mit ihm auszurücken. Der abgehaltene Kriegsrat gab Abu Bakr und Omar die Gelegenheit, ihren unbedingten Gehorsam zu bekräftigen. Auch der Anführer der medinensischen Helfer, bekräftigte dem Propheten die bedingungslose Unterstützung: “ … so folgen wir dir, und kein Mann von uns wird zurückbleiben … wir harren aus im Kriege, und bewähren uns im Kampfe …“ (Weil, 1. Band, Seite 323 f) Die Mannschaft war jetzt also geeint.

Allah beruhigte Seinen Gesandten mit folgender Offenbarung, gefasst in die bevorstehende Auseinandersetzung zu ziehen und den mujahidun zu versichern, daß sie, Kraft ihres Glaubens, eine zehnfache Übermacht besiegen können:

Sure 8, Vers 65: O du Prophet feuere die Gläubigen zum Kampfe an, sind auch nur zwanzig Standhafte unter euch, sie überwinden zweihundert, und so unter euch hundert sind, so überwinden sie tausend der Ungläubigen, dieweil sie ein Volk ohne Einsicht sind.

In späteren Kriegs- und Raubzügen wurde, folgen wir den Angaben aus Vers 66, den Gläubigen als Erleichterung nur noch die doppelte Übermacht des Feindes zugemutet:

Sure 8, Vers 66: Jetzt (aber) hat Gott euch Erleichterung gewährt. Er weiß ja, daß unter euch Schwachheit vorkommt. Wenn nun unter euch hundert sind, die Geduld (und Ausdauer) zeigen, werden sie – mit Gottes Erlaubnis – über zweihundert, und wenn unter euch tausend sind, werden sie über zweitausend siegen. Gott ist mit denen, die geduldig sind.

Mittlerweile war der Führer der Karawane, Abu Sofian auf die nahenden Muslime aufmerksam geworden, änderte seine Route und konnte in Eilmärschen unbeschadet Mekka erreichen. Er sandte einen Boten zur Schutztruppe, um diese dahingehend zu unterrichten und forderte sie auf, nach Mekka zurückzukommen, um unnötiges Blutvergiessen zu vermeiden.

Die Nachricht erreichte die Quraisch auf halbem Wege nach Badr. Ein grosser Teil von ihnen wollte dem Rat von Abu Sofian folgen. Ein Kampf mit den weit kriegsgeübteren Muslimen war keine Kleinigkeit, letztere hatten jedes Band des Blutes zerrissen und würden ohne Gewissensbisse gegen ihre Väter und Brüder kämpfen. Diese Verwandtschaftsbande waren bei den Ungläubigen noch stark und sie konnten sich nur schwer an den Gedanken gewöhnen, daß sie gegen den auf ihrer Seite stehenden Mörder ihres Verwandten, der für Mohammed stritt, nicht die Blutrache ausüben mussten. Diese Gründe wurden vor allem von Otba vorgebracht, aber Abu Djahl schlug vor, trotzdem nach Badr zu ziehen, dort drei Tage fröhlich zu leben und dann umzukehren, das würde ihnen großen Ruhm bei allen Arabern bringen. Dieser Vorschlag ging von der Voraussetzung aus, Mohammed würde es nicht wagen, sie anzugreifen und dies würde diesem wiederum zur Schande gereichen. Dazu Idn Ishaq: „Nachdem die Quraisch erfahren hatten, daß ihre Karawane in Sicherheit war bröckelte ihre Kampfbereitschaft: „Otba sagte zu den Quraisch: „Ihr unternehmt bei Gott, eine ernste Sache, wenn ihr Mohammed und seine Gefährten angreift, schlagt ihr ihn, so wird kein Mann dem anderen mehr gern ins Gesicht sehen, denn Einer wird des Anderen Vetter oder Stammesgenossen getötet haben, darum kehret zurück, und lasset Mohammed mit den übrigen Arabern fertig werden, besiegen sie ihn, so ist ja euer Zweck erreicht, tritt das Gegenteil ein, so habt ihr Nichts zu hoffen, und erlangt doch nicht, was ihr wünschet.“ Hakim ging inzwischen zu Abu Djahl, welcher seinen Panzer zurecht machte, den er mit Leder überzogen hatte, und sagte ihm, was ihm Otba aufgetragen hatte. Abu Djahl sagte: „Bei Gott, beim Anblick Mohammeds und seiner Gefährten ist Otba’s Lunge vor Furcht angeschwollen. Nicht so, wir kehren bei Gott nicht zurück, bis Gott zwischen uns und Mohammed entscheidet. Otba sagt übrigens nicht, was er denkt, er hat gesehen dass Mohammed und seine Leute für uns wie ein geschlachtetes Kamel ein guter Bissen sind, und unter ihnen ist sein Sohn, darum will er euch Furcht einflössen.“ (Weil, 1. Band, Seite 329 f) Die Quraisch zogen also weiter und lagerten bei Badr.

Mohammed war mittlerweile auch bis in die Gegend von Badr gekommen und schlug sein Lager an einer Wasserstelle auf, nur einen Sandberg getrennt von den Mekkanern. Er ließ sich von Spähern über den Feind unterrichten: Wie stark sind sie?“ „Sie sind zahlreich.“ „Wie gross ist ihre Zahl?“ „Das wissen wir nicht.“ „Wie viele Kamele schlachten sie täglich?“ „Neun bis zehn.“ „Dann beträgt ihre Zahl 900 bis 1000, und welche Häupter sind unter ihnen?“ Mohammed erfährt, daß Oberhäupter und Vertreter der besten Familien angetreten sind, um gegen ihn zu kämpfen und kommentiert: „Sehet, Mekka hat euch die besten Teile zugeworfen.“ (Weil, 1. Band, Seite 323 f) Es war eine geschickte Taktik Mohammeds, daß er versuchte, die wichtigsten Häupter Mekkas zu eliminieren, die vorliegende Situation war also als günstig zu bewerten.

Auf der anderen Seite des Hügels kam es bei den Mekkanern noch einmal zu einem verbalen Schlagabtausch über den Sinn des bevorstehenden Aufeinandertreffens. Wiederum versuchte Otba, den Kampf zu verhindern aber Abu Djahl wandte ein Mittel an, dem kein edler Araber widerstehen konnte. Der schon oben erwähnte, bei Nahla getötete Amr ibn Alhadrami war ein Schützling von Otbas Familie. Der Bruder von Amir ibn Alhadrami konnte nach arabischer Sitte verlangen, daß ihm Otba dabei behilflich wäre, für seinen Bruder Blutrache zu nehmen oder das Blutgeld einzutreiben. Otba anerbot sich, an Stelle der Muslime das Blutgeld selber zu zahlen. Dadurch kam er erst recht in die Klemme weil ihm vorgeworfen wurde, dies aus Feigheit zu tun. Das wiederum konnte er nicht auf sich sitzen lassen.

Unterdessen war es Abend geworden und in der Nacht regnete es heftig. Dieser Regen kam den Muslimen zustatten, da er auf ihrer Seite den losen Sand fest machte, die andere Seite des Hügels aber schwerer passierbar. Dazu Allahs Offenbarung:

Sure 8, Vers 11: Gedenke, als euch Schlaf überkam als eine Sicherheit von Ihm und als Er vom Himmel Wasser auf euch hinabsandte, um euch damit zu reinigen und euch vor der Befleckung des Satans zu befreien und eure Herzen zu gürten und die Füße damit zu festigen;

Ebenfalls in dieser Nacht schickte Allah seinem Propheten einen Traum, in welchem er die Feinde als wenige zeigte um keine Zaghaftigkeit aufkommen zu lassen:

Sure 8, Vers 43: Gedenke, als Allah sie dir in einem Traume als wenig zeigte. Und hätte Er sie dir als viele gezeigt, wahrlich, ihr wäret kleinmütig gewesen und hättet über die Sache miteinander gehadert. Allah aber bewahrte euch davor; siehe, Er kennt das Innere der Brüste.

Gemäß der Chronik von Ibn Ishaq hatte sich Satan selbst im Vorfeld der Schlacht der Ungläubigen angenommen, welche übermütig aus ihren Wohnungen kamen, um sie in Sicherheit zu wiegen. Sie sind also, ohne es zu merken, bei ihren Entscheidungen letztlich seinem Einfluss erlegen. Im entscheidenden Moment, dann, wenn die beiden Scharen aufeinander treffen werden, wird er sich aber feige zurückziehen und die Ungläubigen ihrem Schicksal überlassen. Dies alles wusste Allah und er wollte es seinem Propheten mitteilen:

Sure 8, Vers 47: Und seid nicht gleich jenen, welche übermütig aus ihren Wohnungen kamen und um von den Leuten gesehen zu werden, und sie machen abwendig von Allahs Weg, und Allah überschaut ihr Tun;
Sure 8, Vers 48: Und als der Satan ihnen ihr Tun verlockend machte und sprach: „Kein Mensch wird euch heute überwinden; und siehe, ich bin euch nahe.“ Als aber die beiden Scharen einander sahen, wich er zurück auf seinen Fersen und sprach: „Siehe ich bin euer los und ledig, und sehe, was ihr nicht sehet; siehe, ich fürchte Allah; und Allah ist streng im Strafen.

Am Morgen schien die Begegnung unausweichlich. Die Gläubigen bauten für Mohammed eine Art Hütte, in welche er sich zum Gebet zurückziehen konnte.

Von einer eigentlichen Schlachtordnung konnte nicht die Rede sein. Die Männer fochten ohne jegliche Taktik. Nur zwischen drei edlen Quraisch und ebenbürtigen Moslems, darunter Ali, wurde ein Zweikampf organisiert, der allerdings mit dem Tode der drei angetretenen Mekkaner endete. Einer der drei Moslems starb an den Folgen des Zweikampfes. „Der Tod von angesehenen Männern musste unter den Quraisch grosse Bestürzung erregen. Mit der Wut des Fanatismus und der Rachsucht wegen der vielen in Mekka erlittenen Kränkungen hieben nun besonders die vertriebenen Mekkaner auf ihre Landsleute ein, von denen viele nur mit halbem Herzen kämpften … Die grosse Masse der mehr an Handelszügen als an Kriegerleben gewöhnten Mekkaner muss sich schlecht geschlagen haben. Aber gerade die angesehendsten Männer zeigten durch ihren Tod eine tapfere Haltung … Während der ganzen Zeit betete Mohammed inbrünstig in seiner Hütte; es war ihm sicher bitterer Ernst, als er Gott anflehte.“ (Nöldeke, Seite 75 f)

„Er sagte unter anderem: „Gott, wenn diese Schar heute zu Grunde geht, so wirst Du nicht mehr angebetet.“ Abu Bakr, der bei ihm war sagte: „O Prophet Gottes! Du hast Deinen Herrn genug angerufen, er wird seine Verheissung erfüllen.“ Als Mohammed in der Hütte war, zitterte er heftig, dann kam er zu sich und sagte zu Abu Bakr: „Empfange frohe Botschaft! Gottes Beistand ist gekommen, Gabriel hat die Zügel des Pferdes ergriffen, der Staub bedeckt schon seine Füsse.“ (Weil, Band 1, Seite 331) Das wird auch der Moment gewesen sein, wo Allah folgende Offenbarungen herabsandte:

Sure 8, Vers 9: Als ihr zu eurem Herrn um Hilfe schriet, und Er euch antwortete: „Siehe, Ich helfe euch mit tausend Engeln, einer hinter dem anderen.
Sure 8, Vers 10: Und Allah tat dies nur als Freudenbotschaft, und um damit eure Herzen zu beruhigen, denn nur bei Allah ist die Hilfe; siehe, Allah ist mächtig und weise.

Allah selbst hatte also Engel aufgeboten, ihnen den Kampfbefehl gegeben und die Muslime aufgefordert, auf die Hälse der Ungläubigen zu hauen und ihnen jeden Finger abzuschlagen. Dies bestätigt er in folgender Offenbarung an seinen Propheten:

Sure 8, Vers 12: Als Dein Herr den Engeln offenbarte: „Ich bin mit euch, festigt drum die Gläubigen. Wahrlich in die Herzen der Ungläubigen werfe ich Schrecken. So haut ein auf ihre Hälse und haut ihnen jeden Finger ab.“
Sure 8, Vers 13: Solches, darum dass sie gegen Allah und Seinen Gesandten widerspenstig waren. Wer aber widerspenstig gegen Allah und Seinen Gesandten ist – siehe, so ist Allah streng im Strafen.

Gemäß Zeugnis des Ibn Ishaq sind die Engel immer mit den Gläubigen, wenn diese kämpfen, aber nur bei der Schlacht von Badr griffen sie auch mit dem Schwert ein: Die Engel trugen als Zeichen am Tage von Badr weisse Turbane, die nach dem Rücken zurückfielen … ein Gelehrter hat mir berichtet, Ali habe gesagt: „Die Turbane sind die Krone der Araber, am Tage von Badr trugen die Engel weisse Turbane, die nach hinten herabfielen und Gabriel allein hatte einen gelben Turban.“ Ein zuverlässiger Mann hat mir berichtet, dieser habe gehört, daß die Engel nur bei Badr in besonderem Abzeichen gekämpft haben, bei anderen Schlachten waren sie nur zur Verstärkung der Zahl da, ohne selbst zu kämpfen.“ (Weil, 1. Band, Seite 335 f)

Es sind also die Engel, angeführt von Gabriel, die den wesentlichen Beitrag zum Sieg geleistet haben sollen:

Sure 8, Vers 17: Und nicht erschlugt ihr sie, sondern Allah erschlug sie; und nicht warfst du, sondern Allah warf. Und prüfen wollte Er die Gläubigen mit einer schönen Prüfung von Ihm. Siehe, Allah ist hörend und wissend.
Sure 8, Vers 18: Solches geschah, damit Allah die List der Ungläubigen schwächte.

Trotz der Gewißheit, daß auch die himmlischen Heerscharen für die gerechte Sache kämpften, feuerte Mohammed seine Streiter noch zusätzlich an, wobei er sich auf folgende Offenbarungen abstützen konnte:

Sure 8, Vers 15: O ihr, die ihr glaubt, so ihr auf die schlachtbereiten Ungläubigen stoßet, so wendet ihnen nicht den Rücken.
Sure 8, Vers 16: Und wer ihnen an jenem Tage den Rücken kehrt, außer, er wende sich ab zum Kampf oder zum Anschluss zu einem Trupp, der hat sich Zorn von Allah zugezogen und seine Herberge ist Dschahannam, und schlimm ist die Fahrt dorthin.

Sure 8, Vers 19: So ihr eine Entscheidung haben wollt, die Entscheidung ist schon zu euch gekommen. Und so ihr abstehet, so ist’s besser für euch. Kehrt ihr jedoch wieder um, so kehren auch Wir um; und nicht soll euch eure Schar etwas frommen, so viel auch ihrer sind,denn Allah ist mit den Gläubigen.

Sure 8, Vers 45: O ihr, die ihr glaubt, so ihr auf eine Schar treffet, stehet fest und gedenket häufig Allahs; vielleicht ergeht es euch wohl.
Sure 8, Vers 46: Und gehorchet Allah und Seinem Gesandten und hadert nicht miteinander, damit ihr nicht kleinmütig werdet und euer Sieg euch verloren geht. Und seid standhaft; siehe, Allah ist mit den Standhaften.

Der Prophet versicherte den Gläubigen einmal mehr, daß alle, die im Kampfe sterben, ins Paradies eingehen werden: Bei dem, in dessen Hand Mohammeds Seele ist, es wird heute Niemand, der dem Feinde entgegentritt, und aus Liebe zu Gott im Kriege ausharrt, erschlagen, der nicht ins Paradies eingehe.“ Omeir Ibn Alhuman … rief: „So liegt also zwischen mir und dem Paradies nur der Tod von der Hand dieser Leute?“ … er ergriff das Schwert und kämpfte, bis er getötet wurde.“ (Weil, 1. Band, Seite 332)

Die Gläubigen wurden von Allah auch direkt unterstützt, indem er einerseits ihre Wahrnehmung dahingehend steuerte, daß sie die Zahl der Feinde unterschätzten. Im gleichen Sinne beeinflusste der Allmächtige die Wahrnehmung der Ungläubigen, indem er sie glauben machte, daß weniger Muslime kämpften als tatsächlich anwesend waren:

Sure 8, Vers 44: Und als Er sie euch beim Zusammentreffen in euren Augen als wenig erscheinen ließ und euch in ihren Augen verkleinerte, damit Allah eine Sache vollendete, die geschehen sollte. Und zu Allah kehren die Dinge zurück.

Sure 8, Vers 18: Solches geschah, damit Allah die List der Ungläubigen schwächte.

Die Schlacht war entschieden und die Mekkaner ergriffen mehr oder weniger ungeordnet die Flucht und wurden dabei von den Muslimen verfolgt. Der Verlust der Sieger belief sich auf vierzehn Tote, der der Besiegten auf gegen 70 Tote. Die geringe Zahl der Gefallenen auf Seite der Muslime ist dadurch zu erklären, daß die meisten Quraisch erst auf der Flucht getötet wurden, während sich in der Schlacht selbst, wenigstens bei den Ungläubigen, noch die arabische Scheu geltend machte, durch zu viele Tote dem Feinde zu viel Anlass zur Blutrache oder zur Forderung hohen Blutgeldes zu geben.“ (Nöldeke, Seite 79)

Bevor die Muslime nach Medina zurückkehrten, mussten noch die Toten beerdigt werden. Während für die Gläubigen Gräber ausgehoben wurden, „liess Mohammed die Erschlagenen in eine Zisterne werfen, nur Omejja Ibn Chalaf wurde unter Erde und Steine begraben, weil er so aufgeschwollen war, dass man ihm den Panzer nicht gleich abnehmen konnte, so blieb er allein übrig, und man liess ihn liegen. Als die Übrigen in der Zisterne waren, stellte sich Mohammed vor dieselbe und rief: „O ihr Männer der Zisterne! Hat die Verheissung eures Herrn sich bestätigt? Ich habe die Verheissung meines Herrn wahr gefunden.“ Seine Gefährten sagten: „O Gesandter Gottes! Es sind ja Leichen!“ Mohammed erwiderte: „Sie wissen doch, daß die Verheissung des Herrn wahr geworden ist.“ (Weil, 1. Band, Seite 338 f)

Anschließend ging es um die Verteilung der ► Kriegsbeute und dabei scheint es zu erheblichen Interessenskonflikten gekommen zu sein: „Mohammed liess dann alles zusammentragen, was die Leute erbeutet hatten, und es entstand ein Wortwechsel darüber. Die, welche Beute gemacht hatten, wollten sie für sich erhalten, die, welche den Feind aufgesucht und bekämpft hatten sagten: „Ohne uns hättet ihr keine Beute gemacht, wir haben die feindlichen Krieger von euch ferngehalten. Diejenigen, welche Mohammed bewacht hatten, aus Furcht vor einem feindlichen Überfall, sagten: „Es gebührt euch nichts mehr als uns, auch wir wollten den Feind bekämpfen, als uns Gott dessen Rücken zeigte, wir wollten dann nach der Beute greifen, die niemand beschützte, aber wir fürchteten einen Überfall auf den Propheten, darum blieben wir bei ihm, wir haben daher nicht weniger anzusprechen als ihr.“ Um Ordnung in die Gier der Gläubigen zu bringen und ihre Ansprüche zu zähmen sandte Allah eine Offenbarung, die die Verteilung der Kriegsbeute regelte.“ (Weil, 1. Band, Seite 338 f):

Sure 8, Vers 41: Und wisset, wenn ihr etwas erbeutet, so gehört der fünfte Teil davon Allah und dem Gesandten und seinen Verwandten und den Waisen und Armen und dem Sohn des Weges, so ihr an Allah glaubt und an das, was Wir auf Unsern Diener hinabsandten am Tag der Entscheidung, dem Tag der Begegnung der beiden Scharen. Und Allah hat Macht über alle Dinge.

Gleichsam als Rückblick und Kommentar zur erfolgreich geschlagenen Schlacht ist folgender Vers zu deuten. Er thematisiert noch einmal die Situation, daß die Unternehmung womöglich nicht stattgefunden hätte, wenn die Muslime von Anfang an gewusst hätten, daß es zum Kampfe kommt. Aber eben, sie haben es nicht gewusst, auch das ist eine Fügung des Allmächtigen:

Sure 8, Vers 42: Als ihr auf dem diesseitigen Talrand waret, und sie auf dem jenseitigen und die Karawane unter euch, da würdet ihr, hättet ihr euch auch verabredet, doch uneins über die Verabredung gewesen sein. Aber der Kampf fand statt, damit Allah eine Sache verabschiede, die geschehen sollte; auf dass, wer da umkäme, unter deutlichem Beweis umkäme, und wer da am Leben bliebe, unter deutlichem Beweis am Leben bliebe. Und siehe wahrlich, Allah ist hörend und wissend.

Folgende Begebenheit aus der Chronik von Ibn Ishaq ist noch erwähnenswert: Ukkascha, ein Ansar, kämpfte am Tage von Badr, bis ihm das Schwert in der Hand zerbrach. Da kam er zu Mohammed. Dieser gab ihm ein Stück Holz und sagte: „Kämpfe damit, Ukkascha!“ Ukkascha nahm das Holz und schwenkte es, und es verwandelte sich in ein langes Schwert mit starkem Rücken und er kämpfte damit, bis Gott den Gläubigen den Sieg verliehen hatte …Ukkascha ist derjenige, welcher, als Mohammed einst sagte: „Es werden 70’000 von meinem Volke wie der Vollmond ins Paradies eingehen, ihn bat, Gott anzuflehen, daß er unter ihrer Zahl sein möchte. Mohammed antwortete: „Du bist darunter!“ Einer der Ansar richtete dann dieselbe Bitte an Mohammed, er sagte aber: „Ukkascha ist dir zuvorgekommen, und mein Gebet hat geringeren Wert.“ Mohammed sagte einst, wie mir einer aus seiner Familie berichtet hat: „Zu uns gehört der beste Reiter unter den Arabern.“ und als man ihn fragte, wen er meine, nannte er Ukkascha. Darauf sagte Dhiar ibn Alazwar (ein anderer Ansar): „Dieser ist ja einer der unsrigen.“ Mohammed versetzte aber: „Er geht euch nichts mehr an, er zählt, als unser Schutzgenosse, zu uns.“ (Weil, 1. Band, Seite 337 f)

Die Menschheit bestand für Mohammed nicht nur aus den drei Kasten:

  • – Gläubige
  • – Schriftbesitzer (dhimmis)
  • – Ungläubige

vielmehr waren auch die Gläubigen untereinander nicht gleichwertig sondern hierarchisch gegliedert:

  • – muhagirun (mekkanische Emigranten)
  • – ansar (medinensische Helfer)

Zu den Überlegungen, wie mit den gemachten Gefangenen am sinnvollsten zu verfahren sei, schreibt A. Dashti: „Nach der Schlacht von Badr war der Prophet unschlüssig darüber, was er nun mit den Gefangenen tun sollte. Sollte er sie für ein Lösegeld freilassen, womit er dann die muslimischen Krieger bezahlen könnte? Sollte er sie als Sklaven behalten? Oder sollte er sie einsperren? Sein realistischer und weitsichtiger Gefährte Umar … riet ihm, alle Gefangenen zu töten. Nach seinem Dafürhalten war die Freilassung der Gefangenen gegen ein Lösegeld unklug, weil sich die ehemaligen Gefangenen wieder mit dem Feind zusammentun würden, um danach noch erbitterter zu kämpfen. Sie als Sklaven zu halten oder sie einzusperren, würde viel Geld für die Bewachung verschlingen, weil immer die Gefahr ihrer Flucht bestünde. Aber wenn man sie alle tötete, wären alle Stämme eingeschüchtert, und das kämpferische Ansehen des Islam würde gesteigert. Die Entscheidung kam mit der Offenbarung:

Sure 8, Vers 67: Noch vermochte kein Prophet Gefangene zu machen, ehe er nicht auf Erden gemetzelt. Ihr wollt die Güter dieser Welt, Allah aber will das Jenseits, und Allah ist mächtig und weise.
Sure 8, Vers 68: Wäre nicht eine Schrift von Allah zuvorgekommen, so hätte euch für das, was ihr nahmt, gewaltige Strafe betroffen.
Sure 8, Vers 69: So esset von dem, was ihr erbeutetet, was erlaubt ist und gut. Und fürchtet Allah; siehe, Allah ist nachsichtig und barmherzig.
Sure 8, Vers 70: O du Prophet, sprich zu den Gefangenen in euren Händen: „So Allah Gutes in euren Herzen erkennt, wird Er verzeihen. Denn Allah ist verzeihend und barmherzig.“
Sure 8, Vers 71: Und so sie Verrat an dir üben wollen, so haben sie schon zuvor an Allah Verrat geübt. Er gab sie deshalb in eure Gewalt, und Allah ist wissend und weise.

Unter den in Badr gemachten Gefangenen befanden sich Okba bin Abi Mueit und Al-Nadr bin Alharith. Als der Prophet diese beiden Männer erblickte, erinnerte er sich an ihre Feindschaft und Boshaftigkeit, die sie ihm in Mekka hatten zuteil werden lassen und befahl, sie zu enthaupten. Al-Nadr war der Gefangene von Meqdad, der sehr an einem Lösegeld interessiert war. Meqdad sagte zu dem Propheten: „Das ist mein Gefangener, und ich habe das Recht, ihn als meinen Teil der Beute zu betrachten.“ Darauf fragte der Prophet Meqdad: „Hast du denn vergessen, was dieser schändliche Mann über die Offenbarungen des Korans gesagt hat?“ Es war nämlich Al-Nadr gewesen, der in Mekka gesagt hatte: „Wir haben sie schon gehört, und wenn wir nur wollten, so könnten wir ähnliche Verse hersagen, der Koran enthält ja doch nichts als alte Märchen. Darauf bezieht sich folgende Offenbarung:

Sure 8, Vers 31: Und als ihnen Unsere Zeichen verlesen wurden, sprachen sie: „Wir haben gehört; wollten wir, so sprächen wir das gleiche; siehe, dies sind nichts als die Fabeln der Früheren.

Schliesslich musste Al-Nadr für diese Bemerkung mit seinem Leben zahlen. Meqdad zog seinen Anspruch zurück und Al-Nadr wurde enthauptet. Als nächster wurde Okba vor den Propheten gebracht, und Asem Ibn Sabet erhielt den Befehl, ihn zu töten. Okba schrie laut: „Was wird denn aus meinen Kindern?“ Der Prophet gab zur Antwort: „Zur Hölle!“ (Ali Dashti, Seite 157 f)

Die Ermordung des Al-Nadr bin Alharith
Die Ermordung von Okba bin Abi Mueit

Auch folgende Bestrafungen fanden bei Badr statt. Mekkanische Konvertiten, die nicht mit Mohammed ausgewandert, sondern in Mekka geblieben waren, und in der Schlacht mit den Mekkanern gekämpft hatten, wurden daselbst von den mitstreitenden Engeln erschlagen:

Sure 4, Vers 97: Siehe, diejenigen, welche wider sich gesündigt hatten, nahmen die Engel fort und sprachen zu ihnen: „Wozu gehört ihr?“ Sie sprachen: „Wir sind die Schwachen im Land.“ Sie sprachen: „Ist nicht Allahs Land weit genug, daß ihr hättet auswandern können in dasselbe?“ Und jene, … ihre Behausung ist Dschahannam, und schlimm ist die Fahrt dorthin.

Dazu Ibn Ishaq: „Diese waren nämlich, zur Zeit als Mohammed noch in Mekka war, zum Islam übergetreten, nach dessen Auswanderung aber wurden sie von ihren Leuten zurückgehalten und abtrünnig gemacht, sie zogen dann mit ihren Stammesgenossen in den Krieg und kamen alle um.“ (Weil, 1. Band, Seite 340)

Aufgrund seines Sieges bei Badr stärkte sich die gesellschaftliche und politische Position Mohammeds in Medina umgehend. Deshalb erachtete es Allah als angebracht, die renitenten Juden mit Offenbarungen nicht nur ein weiteres Mal zu kritisieren, sondern ihnen jetzt auch zu drohen. Damit wurde der mit den Juden bestehende Schutzvertrag einseitig durch Mohammed aufgelöst: „Als Allah die Quraisch am Schlachttage von Badr heimgesucht hatte, versammelte Mohammed die Juden auf dem Basar der Banu Quaynuqa, sobald er nach Medina zurückgekehrt war, und sagte Ihnen: „O ihr Juden, bekehrt euch zum Islam, ehe euch Allah wie die Quraisch heimsucht.“ Sie aber sagten: „Laß dich nicht von deiner Einbildung täuschen! Du hast wohl einige Quraisch getötet, die ohne Erfahrung und Kenntnis vom Kriege sind, bei Gott, wenn du uns bekriegst, so wirst du erfahren, daß wir Männer sind, dergleichen du noch nicht getroffen hast. Hierauf offenbarte Allah:“ (Weil, 1. Band Seite 283):

Sure 3, Vers 12: Sprich zu den Ungläubigen: „Ihr sollt übermocht und zu Dschahannam versammelt werden; und schlimm ist der Pfühl!“
Sure 3, Vers 13: Es ward euch ein Zeichen in zwei Haufen, die aufeinander stießen. Ein Haufen kämpft in Allahs Weg, und der andere war ungläubig. Sie sahen sie als zweimal soviel als sie selber mit sehendem Auge. Und Allah stärkt mit seiner Hilfe, wen Er will. Siehe hierin ist wahrlich eine Lehre für die Verständigen.

In der sich auf diesen Vers beziehenden exegetischen Ausführung wird sogar die genaue Kampfesstärke der Muslime bei Badr angegeben: sie zählten 313 Mann und die meisten von ihnen waren Fußsoldaten. Sie besaßen lediglich zwei Pferde, sechs Rüstungen und acht Schwerter.

Koranverse zm „Heiligen Krieg“ mit Exegese

Eingedenk der erheblichen Unterbewaffnung der Muslime scheint die Unterstützung Allahs mit Kampfengeln sinnvoll gewesen zu sein. Trotzdem ist der Sieg gegen die 1000 Mekkaner erstaunlich.

>> Fortsetzung

Comments are closed.