Das koranische Konzept von Krieg

„In der universellen Botschaft des Islam als allumfassender Glaubensauftrag ist jedem muslim die fortgesetzte Anstrengung zum Krieg – und zwar nicht nur strikt militärisch sondern auch psychologisch und politisch – aufgetragen. Dementsprechend definiert sich die jihad-Doktrin nicht als ununterbrochenes Kämpfen sondern als permanenter Kriegszustand…“   (Majid Khadduri, War and Peace in the Law of Islam, Seite 64)

 

Einleitung

Die vorliegende Schrift, verfasst vom pakistanischen Brigadier S.K. Malik erschien erstmals 1979 in Lahore; das vorliegende Reprint stammt aus Indien und datiert von 1992.

Quelle: http://wolfpangloss.files.wordpress.com/2008/02/malik-quranic-concept-of-war.pdf

concept

Das Manual steht in einer Reihe mit Sayyid Qutb’s „Meilensteine auf dem Weg“ und Muhammad_Abd_al-Salam_Faradsch’s „Die vernachlässigte Pflicht“. Es hat in der islamischen Welt große Verbreitung gefunden und genießt schon deshalb herausragende Bedeutung, weil es mit einem Vorwort des damaligen Generals und späteren pakistanischen Staatspräsidenten Zia-ul-Haq, sowie einer umfangreichen Vorrede des pakistanischen Generalstaatsanwaltes Allah Bukhsh K. Brohi geehrt wurde. Das versah Maliks Reflexionen über „jihad, Krieg und Strategie“ mit offizieller staatlicher Unterstützung.

K. Brohi definiert in seiner Vorrede: „Das ruhmreichste Wort im Wörterbuch des Islam ist jihad, ein Wort, das nicht ins Englische übersetzt werden kann aber allgemein gesagt „streben“, „sich abmühen“, „versuchen, die göttlichen Belange und Forderungen voranzutreiben“ bedeutet.“ (Vorrede)

► jihad
► Definition jihad

K. Brohi umschreibt die in der koranischen Botschaft immanente Aufgabe des Menschen: Er ist von Allah aufgerufen, die Kräfte des Bösen zu bekämpfen; er soll die Mächte, welche der von Allah ursprünglich beabsichtigten Harmonie und dem eigentlichen Lebenszweck entgegenstehen überwinden. Dies kann nur durch die vollkommene Unterwerfung aller Menschen unter das islamische Gesetz (scharia) erreicht werden. Der muslim soll das Mandat, welches Allah Seinem Propheten offenbart hat erfüllen: die ganze Menschheit zum Islam zu rufen (da’wa), um den ungehinderten weltweiten Triumph desselben sicherzustellen. Folgerichtig teilt K. Brohi die Welt in die beiden globalen Hemisphären:

  • – dar al-islam
    – dar al-harb

ein und zitiert u.a. folgenden Vers:

Sure 47, Vers 4: Und wenn ihr die Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt; dann schnüret die Bande. Und dann entweder Gnade hernach oder Loskauf, bis der Krieg seine Lasten niedergelegt hat. Solches! Und hätte Allah gewollt, wahrlich, Er hätte selber Rache an ihnen genommen; jedoch wollte Er die einen von euch durch die anderen prüfen. Und diejenigen, die in Allahs Weg getötet werden, nimmer leitet Er ihre Werke irre.

An die Adresse der Ungläubigen richtet K. Brohi folgende Rechtfertigung: „Viele westliche Gelehrte haben mit ihren Fingern auf solche Verse im Koran gezeigt und angeklagt, daß sich der Islam in einem permanenten Krieg gegen die Nicht-Muslime befände. Folgende Antwort soll ihnen genügen: Die Mißachtung von Allahs Autorität durch einen Seiner Sklaven macht diesen zu einem Verräter. Als solcher wird er wie ein Krebsgeschwür behandelt werden welches im Organismus der Menschheit wächst. Dieser Organismus ist ein unteilbares Ganzes: kanafsin wahidatin. Es wird also notwendig sein, dieses Krebsgeschwür zu entfernen – auch mit chirurgischen Methoden (wenn es auf andere Mittel nicht anspricht) – um den Rest der Menschheit zu retten.“ (Vorrede)

► Die Heuchler

Zur Beurteilung des eigentlichen Manuals reicht es, seinen Titel ernst zu nehmen:

The Quranic Concept of War Das koranische Konzept von Krieg

Der Koran wird als Verbaloffenbarung angesehen, welche der gesamten Menschheit von Mohammed  überbracht wurde. Folgen wir Malik, beansprucht die Doktrin und Theorie vom Krieg im Koran einen moralisch höheren Stellenwert als die von Menschen westlicher Prägung definierten kriegsstrategischen Überlegungen. Letztere rezipiert er in seinem Traktat quasi als Gegenpart auf umfangreiche Weise. Im Gegensatz dazu ist der jihad erhaben und per definitionem gerecht – weil von Allah angeordnet. Er offenbarte Seinem Propheten im Zusammenhang mit Seinem gegen den Unglauben befohlenen Krieg alle praktisch anzuwendenden und strategisch sinnvollen Anweisungen.

In der Tat: Der Koran ist ein eigentliches Kriegsmanual:

Allah

– regelt den Umgang mit Kriegsgefangenen
Allahs Bestimmungen über die Kriegsgefangenen

– regelt die Verteilung von Kriegsbeute
► razzia und Kriegsbeute

– legt Sonderregelungen fest für die Verrichtung des Gebetes während Kampfhandlungen
► Sonderregelungen für das Gebet während Kampfhandlungen

– fordert von den muslimen, Ungläubige anzulügen und sie zu täuschen
taqiyya

– reserviert den mujahidun (Plural von mujahid) im Paradies die besten Plätze
► Die Gewißheit, im Paradies eine bevorzugte Stellung zu erhalten

– deklariert den “Heiligen Krieg” als Pflicht und Prüfung für die Gläubigen und bestmögliche Tat
► Der „Heilige Krieg“ als Pflicht und Prüfung und bestmögliche Tat

– verurteilt die Leute “in deren Herzen Krankheit ist
► Die Heuchler

– bestimmt diejenigen Gläubigen, die nicht am Kampf teilnehmen müssen
► Gründe, die von der Pflicht zum jihad befreien

– legt das Konzept der Schutzgelderpressung (giziya) fest
► dhimmitude und Schutzgelderpressung

– legitimiert den sexuellen Mißbrauch von weiblichen ungläubigen Kriegsgefangenen
► Sexueller Mißbrauch von weiblichen ungläubigen Kriegsgefangenen

– erklärt den jihad als immerwährende Pflicht
► Ziel des “Heiligen Krieges”

Gemäß Malik’s Erkenntnis gipfelt der globale Expansionsauftrag Allahs zur Unterwerfung der ganzen Welt unter Seine Regentschaft in Seiner Forderung:

„in Schrecken zu setzen Allahs Feind und euern Feind“

Malik untersucht eben diesen göttlichen Auftrag anhand von Mohammeds beispielhaftem Vorbild. Wir haben das diesbezügliche Kapitel

Die Strategie des Krieges (Seite 51 bis 60 des Manuals)

mit den von Allah im Koran angestoßenen taktischen Überlegungen und Anweisungen übersetzt. Maliks Reflexionen leiten sich

  • – vollumfänglich
    – nahtlos
    – ohne ungebührliche Überdehnung von Begriffen

aus den von Mohammed geschlagenen Schlachten und den fortlaufend dazu offenbarten koranischen Anleitungen ab: „Anweisungen, welche die göttliche Theorie von militärischer Strategie betreffen finden sich in den Offenbarungen zur Schlacht von Badr, Uhud, Tabuk, zu al-Hudaybiya und zum Grabenkrieg.“ (Seite 55)

Sie bilden die eigentliche strategische Essenz des islamischen gerechten Krieges gegen Heidentum, Ungerechtigkeit und die Unfreiheit menschengemachter Systeme. Allah wirft in Seiner Barmherzigkeit – sofern sich die muslime im Kampf an Seine im Koran offenbarten Befehle halten – Schrecken in die Herzen der Feinde des Islam. Durch diese göttliche Fremdbeeinflussung geschwächt werden sie vernichtet werden. Aber nicht nur Allah kann und wird Schrecken in die Herzen der Ungläubigen werfen. Er hat in Sure 8, Verse 59 und 60 nach dem Grabenkrieg den muslimen ganz ausdrücklich befohlen dies selbst zu tun:

Sure 8, Vers 59: Und denke nicht, daß die Ungläubigen gewinnen; sie vermögen Allah nicht zu schwächen.
Sure 8, Vers 60: So rüstet wider sie, was ihr vermögt an Kräften und Rossehaufen, damit in Schrecken zu setzen Allahs Feind und euern Feind und andre außer ihnen, die ihr nicht kennt, Allah aber kennt. Und was ihr auch spendet in Allahs Weg, Er wird es euch wiedergeben, und es soll euch kein Unrecht geschehen.

Das ist der eigentlich zentrale Koranvers über die Aufgabe eines mujahids in seiner Auseinandersetzung mit den kuffar, denn er geht über Allahs Fremdbeeinflussung hinaus und überträgt die Ausübung von Terror den muslimen insgesamt. Damit kann sich jeder mujahid als göttliches Werkzeug betrachten und er ist – welche Verheißung! – Teil göttlicher Machtausübung.

 Das Gewaltmonopol im Koran

Diese göttliche Legitimation ist für den pakistanischen Brigadier die Grundlage für umfangreiche Studien über jihad im Allgemeinen und islamische Kriegsführung im Besonderen. Er legt dabei den jihad, diesen mit größtmöglichem Eifer und größtmöglicher Hingabe von jedem muslim geforderte Einsatz für Allah als unabdingbare geistige Voraussetzung und Bereitschaft jeglicher kriegerischen Aktion zugrunde.

Die entsprechenden Verse und ihre geschichtliche Einbindung in Maliks Herleitung dieses göttlichen Terroraufrufes finden sich auch in diesem Kapitel:

► Schrecken in die Herzen werfen

Die umstrittenste und sicherlich beachtenswerteste Behauptung des Autors ist seine Einstufung von „Terror“ als „Ziel“ aller Anstrengungen des jihad und nicht nur als „Mittel“ um eine Auseinandersetzung zu beenden. Die Seele des Feindes soll durch permanenten Terror zermürbt werden: Schrecken in die Herzen der Feinde zu werfen ist nicht nur ein Mittel, es ist das Ziel aller Anstrengung. Wenn einmal der Zustand des Schreckens in den Herzen der Gegner erreicht ist, muß eigentlich nicht mehr viel gemacht werden. Es ist der Punkt, wo sich die Mittel und das Ziel verbinden. Terror hat nicht zum Ziel den Feind zu zwingen eine Entscheidung zu treffen, wir wollen ihm vielmehr die Entscheidung aufzwingen. (Seite 59)

Malik geht in seiner Schrift nicht direkt auf die anzuwendenden Methoden zur Verbreitung von Schrecken ein. Das islamische Dogma stellt allerdings genügend Legitimation zur Ausübung von Gewalt zur Verfügung – Gewalt welche genau das bewirkt, was Allah offenbar will: Terror verbreiten. Wir fügen zwei Beispiele an:

1. Eine Möglichkeit ist die Liquidierung von Systemgegnern – ein Damoklesschwert das über allen Islam-Kritikern hängt.

Auftragsmorde an politischen Gegnern

Die Sira berichtet über den Auftragsmord an Kaab Ibn Al-aschraf. Diese Begebenheit half nachhaltig, in Medina Terror auszulösen:

Die Ermordung von Ibn Al-aschraf

2. Eine weitere Möglichkeit ist Wirtschafts-jihad:

39 Möglichkeiten den jihad zu unterstützen

Das eigentlich Bemerkenswerte an den Ausführungen von Brigadier S.K. Malik ist sicher die Tatsache, daß er eine vollständige Kriegsstrategie – welche sich im Übrigen mit entsprechenden Reflexionen westlicher Strategen weitgehend deckt – aus dem heiligen Buch einer Religion destilliert. Und da es sich beim Koran um die einzig gültige göttliche Verbaloffenbarung handelt muß Malik sehr eng am Text interpretieren. Er erfüllt seine Aufgabe genau und überzeugend.

Auch Bukhari überbringt eine Tradition über die Wichtigkeit des Einsatzes von Terror:

Bukhari V4 B52 N220 berichtet von Abu Huraira: Der Prophet Allahs sagte: “Ich wurde ausgesandt mit den knappsten Worten welche die weitreichendste Botschaft enthalten und ich wurde siegreich gemacht durch Schrecken die ich in die Herzen der Feinde werfe. Während ich schlief wurden die Schätze der Welt zu mir gebracht und mir in die Hände gelegt.” Der Prophet Allahs hat die Welt verlassen und nun, ihr Gläubigen, bringt diese Schätze heraus.


Das koranische Konzept von Krieg

von Brigadier S.K. Malik

Hinweis: Wir haben alle Koranverse im ganzen Wortlaut zitiert und einige Textstellen hervorgehoben.

Bevor sich Malik mit der westlichen und koranischen Kriegsstrategie selber beschäftigt skizziert er in seiner Schrift die hinlänglich bekannte Entwicklung des islamischen Gewaltdogmas anhand der drei Stufen:

  • 1. Verfolgung in Mekka
    2. Allahs Erlaubnis zu kriegerischen Verteidigungsanstrengungen
    3. Generalisierung des jihad als religiöse Verpflichtung für alle muslime zur weltweiten Etablierung des Islam

Die auf die muslimische Auswanderung nach Medina folgenden Ereignisse und Entscheidungen waren von weitreichender Bedeutung und Konsequenz für die Muslime. In Mekka waren sie weder eine Gemeinschaft (umma) noch wurde ihnen erlaubt, gegen ihre Feinde zu den Waffen zu greifen. In Medina wurden sie durch eine Offenbarung Allahs zur umma und erhielten die Erlaubnis, ihre Unterdrücker zu bekämpfen. Diese Bewilligung wurde kurze Zeit später in eine generalisierte umgewandelt und Krieg wurde zu einer religiösen Verpflichtung für alle Gläubigen“ (Seite 11)

► Das Dilemma der jihad-Doktrin


Die Strategie des Krieges

(Seite 51 bis 60 des Manuals)

Um das koranische Strategiekonzept studieren zu können ist es ist unerläßlich, zuerst eine trennscharfe Analyse der Evolution des Begriffes „Kriegsstrategie“ wie auch der geschichtlichen Etappen seiner Entwicklung zu erstellen. In einem diesbezüglichen Artikel vertritt Harry L. Coles die Ansicht, daß strategisches Denkens in zwei Geschichtsperioden eingeteilt werden kann: die Vor-1945-Zeit, die sich durch einen Mangel an strategischem Denken auszeichnet und die Nach-1945-Zeit, die am Gegenteil leidet: einer zu intensiven Beschäftigung mit diesem Thema. Der Höhepunkt der Vor-1945-Zeit war die Entdeckung, daß die Entscheidung im Bereich der psychologischen Kriegsführung herbeigeführt werden sollte. Mit dem Auftreten der Atombombe in der Nach-1945-Zeit veränderten sich die Strategieüberlegungen graduell in Richtung „Abschreckung“.

Im frühen 19. Jahrhundert definierte Clausewitz Strategie als „die Lehre vom Gebrauch der einzelnen Kampfgefechte zum Zweck des Krieges“.

Diesem Strategiekonzept haben sich Moltke, Schlieffen, Foch und Ludendorff streng verpflichtet gefühlt. …

Entgegen dem „blut-roten Wein des clausewitzschen Denkens“ warb Liddell Hart für einen „blutlosen Sieg“ und definierte dies als „perfekte Strategie“. Als Beispiele zählte er auf: Cäsars Illerda Zug, Cromwells Priston Kampagne, Napoleon vor Ulm, Moltke in Sedan 1870, Allenby’s Samaria Zug 1918 und den deutschen Blitzsieg gegen Frankreich 1940.

Liddell Harts Definition von Strategie ist „die Kunst, militärische Mittel so einzusetzen, daß das politische Ziel erreicht wird“. Er sieht das Ziel von Strategie darin, eine so vorteilhafte taktische Situation zu schaffen, daß selbst wenn sie nicht schon als solche die Entscheidung herbeiführt dies jedoch sicherlich durch die Weiterführung des Kampfes erreicht wird. Er sieht also das wichtigste strategische Ziel darin, durch Irritation des Feindes eine direkte Entscheidung herbeiführen. „Wenn das nicht möglich ist“, räumt er ein, „sollte eine physische  Irritation der Schlacht vorausgehen, um Kampfhandlungen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren“.

Die zentrale Aussage von Liddell Hart’s Strategie besagt, daß sich die Störung des Feindes durch logistische physische Eingriffe ergeben soll. Er baut diese Thesis weiter aus: Im physischen Bereich wird Demoralisierung und Destabilisierung durch Behinderung der Organisation, Abschneiden von Nachschub, Bedrohung der Nachhut sowie Unterbrechung der Kommunikation erreicht. Diese physischen Interventionen führen auch im psychologischen Bereich zu einer moralischen Zerrüttung des Feindes.

Beaufre, der berühmte französische Stratege teilte Liddell Hart’s Theorie der psychologischen Irritation durch Destabilisierung des Feindes war aber mit deren Definition nicht einverstanden. Nach Beaufre unterscheidet sich Liddell Hart’s Konzept „kaum von derjenigen von Clausewitz“. Beaufre erkannte Strategie als „Interaktion von entgegengesetzten Willenskräften die aufeinanderprallen“. „In dieser dialektischen Auseinandersetzung wird eine Entscheidung herbeigeführt, wenn beim Feind ein bestimmter psychologischer Effekt erreicht wird“. Das zielführende Prinzip dieser Dialektik von entgegengesetzten Willenskräften sollte darin liegen „durch das Erschaffen und anschließende Ausnützen einer moralischen Destabilisierung den Feind dazu zu bringen, die gewünschten Bedingungen widerstandslos anzunehmen“. Vladimir Lenin hat einige Zeit vorher ebenfalls den Akzent auf den moralischen Faktor gelegt, allerdings in einem anderen Kontext und hervorgehoben, daß „die effizienteste Kriegsstrategie darin liegt, Kampfhandlungen so lange hinauszuschieben bis die moralische Auflösung des Feindes den tödlichen Schlag auf einfachste Weise möglich macht“.

Admiral Eccles dachte, daß das korrekte Verständnis von Strategie überlebenswichtig ist, denn es betrifft den Kern jedes militärischen Problems. Er stieß eine Entwicklung an mit dem Ziel, ein einheitliches und kohärentes Konzept in der Vielzahl der Ideen zu diesem Thema herauszuarbeiten. Er fand dieses Konzept in den Ideen von Liddell Hart und Herbert Rosinki. Rosinki bezeichnete Strategie als „die umfassende Richtung von Macht“ und fügte an, daß der Einsatz von Strategie nicht nur eine Richtung haben soll sondern auch mögliche Gegenoperationen in Betracht ziehen muß. Damit wurde Strategie das Mittel zur Kontrolle – was nach seiner Meinung ihre eigentliche Essenz ist. Zu dieser Definition von Rosinki fügte Eccles hinzu: „Strategie ist die Kunst der umfassenden Ausrichtung von Macht, um ausgesuchte Situationen und Gebiete so zu kontrollieren, daß bestimmte Ziele erreicht werden können.“ Wie Beaufre versteht auch Eccles den Einsatz von Gewalt nur als eines der möglichen Mittel zur Erreichung von Kontrolle.

Mit der Erfindung der Atomwaffen trat zwischen 1945 und 1955 eine neue Gruppe von Strategen auf, welche die Atombombe als die „absolute“ Kriegswaffe betrachtete. Dementsprechend definierten sie die Theorie von Strategie als Gleichgewicht des Schreckens. Dies kann am besten beschrieben werden mit der Situation von „zwei Skorpionen in einer Glasflasche“ – eine Metapher von J. Robert Oppenheimer. Mit der weiteren Entwicklung der Atombombe und größerem Wissen ihrer Auswirkungen kamen 1954 Dulle’s Theorie der massiven atomaren Vergeltungsmaßnahme und Robert_McNamara’s kombinierter Abschreckungsschlag zum Tragen. Später folgten noch weitere Schulen, die zwischen gestufter Abschreckung und Zweitschlagfähigkeit oszillieren. …

Wir untersuchen im Folgenden das koranische Konzept der Kriegsstrategie. Der erste Schritt besteht darin, den Unterschied zwischen totaler Strategie, d.h. jihad und militärischer Strategie zu verstehen. Der Begriff jihad, welcher so oft mit militärischer Strategie verwechselt wird entspricht weitgehend totaler, erhabener Strategie oder mit anderen Worten Politik in Aktion. jihad hat die umfassende Richtung und Anwendung von geballter Kraft zur Folge während militärische Strategie lediglich Vorbereitung und Anwendung von Gewalt abdeckt. jihad ist eine fortgesetzte und nie endende Anstrengung, welche an allen Fronten geführt wird, darin eingeschlossen politische, ökonomische, soziale, psychologische, häusliche, moralische und religiöse – um das Ziel der Politik zu erreichen. Er ist ausgerichtet auf die universelle Mission, welche dem islamischen Staat übertragen wurde und militärische Strategie ist ein Mittel hierfür. Er wird sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene – sowohl an der inneren als auch an der äußeren Front – ausgetragen.

In seinem wahren Geist ausgeführt und mit den vielgestaltigen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln ausgerüstet hat das islamische Konzept der totalen Strategie die Kapazität zu direkten Resultaten. Auf der anderen Seite erstellt jihad Bedingungen, welche die militärische Strategie befähigen ihre Ziele schnell und ökonomisch zu erreichen. Militärische Operationen nehmen demnach die totale und umfassende  Strategie des jihad in Anspruch um erfolgreich angewendet werden zu können. Jegliche Schwäche oder Stärke in der Formulierung, Stoßrichtung und Anwendung der totalen Strategie des jihad betrifft folgerichtig auch jede militärische Operation. Durch Abwesenheit von jihad wäre die Vorbereitung und Anwendung von „Gewalt“ als Volltreffer eher eine Ausnahme als die Regel. Andersherum ist die optimale Vorbereitung und Anwendung des militärischen Instrumentes integrierter Teil von jihad.

Was ist denn nun das koranische Konzept von militärischer Strategie? Anweisungen, welche die göttliche Theorie von militärischer Strategie betreffen finden sich in den Offenbarungen zur Schlacht von Badr, Uhud, Tabuk, zu al-Hudaybiya und zum Grabenkrieg. Rufen wir uns die Situation von Badr ins Gedächtnis wo der heilige Koran den Propheten des Islam folgendermaßen mahnte:

Sure 8, Vers 9: Als ihr zu eurem Herrn um Hilfe schriet, und Er euch antwortete: “Siehe, Ich helfe euch mit tausend Engeln, einer hinter dem anderen.
Sure 8, Vers 10: Und Allah tat dies nur als Freudenbotschaft, und um damit eure Herzen zu beruhigen, denn nur bei Allah ist die Hilfe; siehe, Allah ist mächtig und weise.

Das Buch geht noch weiter und fügt an:

Sure 8, Vers 11: Gedenke, als euch Schlaf überkam als eine Sicherheit von Ihm und als Er vom Himmel Wasser auf euch hinabsandte, um euch damit zu reinigen und euch vor der Befleckung des Satans zu befreien und eure Herzen zu gürten und die Füße damit zu festigen;

Betreffend Uhud offenbart der Koran:

Sure 3, Vers 124: Als du zu den Gläubigen sprachst: “Genügt es euch denn nicht, daß euer Herr euch mit dreitausend herniedergesendeten Engeln hilft?”
Sure 3, Vers 125: Ja, wenn ihr standhaft und gottesfürchtig seid und sie über euch kommen in wilder Hast, wird euer Herr euch helfen mit fünftausend gezeichneten Engeln.
Sure 3, Vers 126: Und dies machte Allah allein als Freudenbotschaft für euch, und auf daß eure Herzen in Ruhe wären – denn nur von Allah, dem Mächtigen, dem Weisen, kommt der Sieg.

In dieser Schlacht ereilte die Muslime eine militärische Niederlage. Da offenbarte der barmherzige Allah:

Sure 3, Vers 153: Als ihr hinaufstieget und auf niemanden sahet, während der Prophet hinter euch her rief, da belohnte Er euch mit Kummer über Kummer damit ihr nicht über die euch verloren gegangene Beute bekümmert und über das, was euch befiel. Und Allah kennt euer Tun.

Nach dieser Aufregung und Verzweiflung ruft der Koran ins Gedächtnis:

Sure 3, Vers 154: Alsdann sandte Er auf euch nach dem Kummer Sicherheit nieder. Müdigkeit überkam einen Teil von euch; ein anderer Teil aber – ihre Seelen regten sie auf, ungerecht von Allah zu denken in heidnischem Denken.

Noch einmal anläßlich der Schlacht von Hunain wurden die Muslime anfänglich zurückgedrängt und sahen sich einer Situation ähnlich derjenigen bei Uhud gegenüber. Dann allerdings konnten sie sich neu gruppieren und am Ende einen großen Sieg erringen. Darüber berichtet der Koran:

Sure 9, Vers 25: Wahrlich, schon half euch Allah auf vielen Kampfgefilden und am Tag von Hunain, als ihr stolz waret auf eure Menge. Doch sie frommte euch nichts; und eng ward euch die Erde bei ihrer Weite; alsdann kehrtet ihr den Rücken zur Flucht.
Sure 9, Vers 26: Alsdann sandte Allah Seine Gegenwart (sakina) auf Seinen Gesandten und auf die Gläubigen nieder und sandte Heerscharen hernieder, die ihr nicht sahet, und strafte die Ungläubigen. Und das ist der Lohn der Ungläubigen.

Auf die Situation bei al-Hudaybiya bezieht sich:

Sure 48, Vers 4: Er ist’s welcher hinabgesandt hat Ruhe in die Herzen der Gläubigen, damit sie zunehmen an Glauben zu ihrem Glauben – und Allah sind die Heere der Himmel und der Erden, und Allah ist wissend und weise,

Zum Treueeid, den die Muslime dort unter sehr schwierigen Umständen schworen erzählt der Koran:

Sure 48, Vers 18: Wahrlich, Allah hatte Wohlgefallen an den Gläubigen, als sie unter den Baume den Treueid schworen; und Er wußte, was in ihren Herzen war und Er sandte die Ruhe auf sie hinab und belohnte sie mit nahem Sieg.

In den oben dargestellten Gegebenheiten können wir erkennen: wenn immer der barmherzige Allah die Planung Seiner Feinde vereiteln und zerstören will, macht Er es, indem Er die Herzen der Gläubigen stärkt und auf sie Ruhe und Besonnenheit (sakina) herabsendet.

Demnach können wir folgern, daß in unseren Reihen ein Zustand von Ruhe, Besonnenheit, Hoffnung und gutem Mut (sakina) beibehalten werden sollte wenn wir verhindern wollen, daß der Feind uns im Krieg seinen Willen aufzwingt. Was aber sollen wir tun, um dem Feind unseren Willen aufzuzwingen? Um diese Frage zu beantworten machen wir eine weitere Tour ins Buch.

Bei Badr spricht der Koran den Propheten des Islam direkt an:

Sure 8, Vers 12: Als Dein Herr den Engeln offenbarte: „Ich bin mit euch, festigt drum die Gläubigen. Wahrlich in die Herzen der Ungläubigen werfe ich Schrecken. So haut ein auf ihre Hälse und haut ihnen jeden Finger ab.“

Noch einmal zeigt der Koran bei Uhud den Grund für die Niederlage der Muslime auf und stellt ihnen für zukünftige Unternehmungen göttliche Hilfe in Aussicht. Sollten die Muslime die göttlichen Anweisungen, die ihnen vorgeschrieben wurden einhalten macht das Buch eine Versprechung:

Sure 3, Vers 151: Wahrlich, Wir werden in die Herzen der Ungläubigen Schrecken werfen, darum daß sie neben Allah Götter setzten, wozu Er keine Ermächtnis niedersandte; und ihre und ihre Wohnstätte wird sein das Feuer, und schlimm ist die Herberge der Ungerechten.

Betreffend „Schrecken in die Herzen der Ungläubigen werfen“ finden wir in Sure 33 eine Referenz: “diejenigen vom Volk der Schrift, die ihnen halfen“ bezieht sich auf den Verrat der Banu Quraiza:

Sure 33, Vers 26: Und Er veranlaßte diejenigen vom Volke der Schrift, die ihnen halfen, von ihren Kastellen herabzusteigen, und warf Schrecken in ihre Herzen. Einen Teil erschlugt ihr und einen Teil nahmt ihr gefangen.
Sure 33, Vers 27: Und Er gab euch zum Erbe ihr Land und ihre Wohnungen und ihr Gut, und ein Land, das ihr nie betratet. Und Allah hat Macht über alle Dinge.

Wir sehen: Allah zwingt Seinen Gegnern anläßlich all dieser Ereignisse Seinen Willen auf indem Er Schrecken in ihre Herzen wirft. Aber welche Strategie schreibt Er seinen Gläubigen vor, um ihre Entscheidungen den Feinden aufzuzwingen? Allah weist uns sehr klar an:

Sure 8, Vers 59: Und denke nicht, daß die Ungläubigen gewinnen; sie vermögen Allah nicht zu schwächen.
Sure 8, Vers 60: So rüstet wider sie, was ihr vermögt an Kräften und Rossehaufen, damit in Schrecken zu setzen Allahs Feind und euern Feind und andre außer ihnen, die ihr nicht kennt, Allah aber kennt. Und was ihr auch spendet in Allahs Weg, Er wird es euch wiedergeben, und es soll euch kein Unrecht geschehen.

Die koranische Strategie schreibt demnach vor, uns aufs Äußerste auf den Krieg vorzubereiten damit wir Schrecken in die Herzen der Feinde werfen können – seien sie uns bekannt oder nicht – und uns gleichzeitig vor deren Terror zu schützen. In dieser Strategie ist das sich schützen vor Terror die „Basis“; die äußerst sorgfältige Kriegsvorbereitung ist die „Sache“ und Schrecken in die Herzen der Feinde zu werfen die „Folge“.

Die ganze Philosophie kreist ums menschliche Herz, um seine Seele, seinen Geist und seinen Glauben. Im Krieg ist unser Hauptziel des Gegners Herz und Seele, die wichtigste Angriffswaffe für dieses Ziel ist die Stärke unserer Seele. Um einen solchen Angriff ausführen zu können müssen wir Terror von uns fernhalten.

Die koranische Strategie kommt schon in der vorbereitenden Phase zum Tragen und zielt darauf ab, dem Feind eine direkte Entscheidung aufzuzwingen. Während anderes gleich bleibt ist unsere Kriegsvorbereitung der wahre Gradmesser für den Erfolg während des Kriegsgeschehens. Wir müssen anvisieren, daß der Feind für unsere Sache und unseren Willen, das Ziel zu erreichen einen wirkmächtigen Respekt entwickelt hat lange bevor wir ihm auf dem Schlachtfeld gegenübertreten. Unsere Vorbereitung muß so eifrig, feurig, vollständig und durchdringend sein daß wir den „Krieg der Muskeln“ erst dann beginnen wenn wir den „Krieg des Willens“ schon gewonnen haben. Nur eine Strategie deren Ziel es ist, von Anfang an Schrecken in die Herzen der Feinde zu werfen kann direkte Resultate zeitigen und Liddell Hart’s Traum wahr werden lassen.

Während Friedenszeiten muß unser „Wille“ durch „Vorbereitung“ seinen Ausdruck finden. Die Kriegsvorbereitung während Friedenszeiten ist sogar weit wichtiger als der aktive Krieg. Strategie hat auf dem Exerzierfeld während einer praktischen Übung oder Modelldiskussion eine vergleichbar größere Wirkung als auf der eigentlichen Bühne der kriegerischen Operation. Alles was wir während Friedenszeiten tun oder unterlassen hat auf unsere potentiellen Feinde eine günstige oder ungünstige Auswirkung. …

Vorbereitung muß aufs Äußerste gehen – sowohl qualitativ als quantitativ. Sie muß ein andauernder und nie endender Prozeß sein; jihad bezieht sich nicht nur auf militärische Aktionen. Letztere werden ihre Ziele nur zeitigen, wenn sie Teil einer umfassenden Vorbereitung sind … Je geringer die physischen Ressourcen sind desto mehr muß der geistigen Dimension des Krieges Wichtigkeit gezollt werden. …

Schrecken in die Herzen der Feinde zu werfen ist nicht nur ein Mittel, es ist das Ziel aller Anstrengung. Wenn einmal der Zustand des Schreckens in den Herzen der Gegner erreicht ist, muß eigentlich nicht mehr viel gemacht werden. Es ist der Punkt, wo sich die Mittel und das Ziel verbinden. Terror hat nicht zum Ziel den Feind zu zwingen eine Entscheidung zu treffen, wir wollen ihm vielmehr die Entscheidung aufzwingen.

Psychische und physische Destabilisierung und Zerrüttung sind der Zweck; er kann auf überzeugende Weise erreicht werden, indem „Schrecken in die Herzen der Feinde“ geworfen wird. Dieser Effekt ist jedoch vom physischen und geistigen Stehvermögen des Gegners abhängig und selten permanenter Natur. Eine Armee, welche die koranische Kriegsphilosophie praktiziert ist gegen psychischen Druck immun. Wenn Liddell Hart davon spricht, dem Gegner nur durch psychische Einwirkung eine direkte Entscheidung aufzwingen zu können greift er zu kurz.

„Schrecken in die Herzen des Feindes werfen“ kann nicht einfach erreicht werden, indem man Versorgungslinien kappt oder ihm den Rückzug abschneidet. Das ganze Thema ist grundlegend mit der Stärke respektive Schwäche der menschlichen Seele verbunden. Terror kann dem Feind nur eingeflößt werden, wenn man dessen Glauben zerstört. Psychische Destabilisierung ist temporär, geistige Zerrüttung ist permanent. Psychische Verunsicherung kann durch eine physische Einwirkung erreicht werden aber das garantiert noch nicht die geistige Zerrüttung. Um wirklich effektiv Schrecken in die Herzen des Gegners werfen zu können muß sein Glaube zerstört werden. Ein unzerstörbarer Glaube ist gegenüber Terror unverletzlich. Ein schwacher Geist ist durch Terror angreifbar. Der Glaube welcher uns im Koran gelehrt wird hat die inhärente Stärke, uns vor Terror zu schützen und gleichzeitig den Feind zu terrorisieren. Welche Aktion gegen den Feind auch immer ergriffen wird, sie muß die Eigenschaft haben, den Feind in Schrecken zu versetzen. Eine Strategie die dies vermissen läßt leidet an Rückschlägen und Schwachpunkten. Sie sollte überarbeitet werden. Diese Regel hat für atomare wie auch für konventionelle Kriege absolute Gültigkeit. Sie hat auch in der Strategie der heutigen nuklearen Abschreckung ihre Gültigkeit. Um glaubwürdig und effektiv zu sein muß eine Strategie fähig sein, Schrecken in die Herzen der Feinde zu werfen.

 

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