Das Glaubensbekenntnis des al-Aschari

(Maqalat al islamijin wahtilaf al-musallin ed. Ritter, Bd. I, Konstantinopel 1929, 290 ff.)

(zitiert aus: Josef Schacht, Der Islam, Verlag J.C.B. Mohr, Tübingen 1931, Seiten 56 ff)

Quellen:

https://ia902605.us.archive.org/2/items/MN40189ucmf_1/MN40189ucmf_1.pdf
https://archive.org/stream/MN40189ucmf_1#page/n71/mode/2up

Abu l-Hasan al-Asch’ari 


Die Grundzüge der Ansicht der Traditionsgläubigen und sunnatreuen sind folgende: sie bekennen sich zu Allah, seinen Engeln, seinen (heiligen) Schriften, seinen Propheten, dem, was von Allah (als Offenbarung) gekommen ist (Sure 2, Vers 285 und Sure 4, Vers 136), und dem, was zuverlässige (Gewährsmänner) vom Propheten überliefert haben, ohne irgend etwas davon zurückzuweisen. Sie bekennen, daß Allah ein einziger, ewiger Gott ist, neben dem es keinen Gott gibt und der sich weder eine Gefährtin noch Kinder genommen hat, daß Muhammad sein Diener und Prophet ist, daß das Paradies Wahrheit ist und die Hölle Wahrheit ist, daß die Stunde zweifellos kommt und daß Allah die Insassen der Gräber auferwecken wird.

Sie bekennen, daß Allah auf seinem Throne sitzt, wie er gesagt hat: „Der Rahman sitzt auf dem Throne“ (Sure 20, Vers 5; etc.), daß er zwei Hände hat, ohne (dabei) nach dem Wie zu fragen, wie er gesagt hat : „Ich habe mit meinen beiden Händen geschaffen“ (Sure 38, Vers 75) und: „Vielmehr sind seine beiden Hände ausgebreitet“ (Sure 5, Vers 64), daß er zwei Augen hat, ohne (dabei) nach dem Wie zu fragen, wie er gesagt hat: „Das unter unsern Augen segelte“ (Sure 54, Vers 14), und daß er ein Gesicht hat, wie er gesagt hat: „Und es bleibt das erhabene und gepriesene Gesicht deines Herrn“ (Sure 55, Vers 27).

Sie bekennen, daß man von den Namen Allahs nicht sagen darf, daß sie etwas anderes seien als Allah, wie die Mu’taziliten und die Harigiten behauptet haben, und bekennen, daß Allah Wissen hat, wie er gesagt hat: „Er hat ihn (den Koran) in seinem Wissen offenbart“ (Sure 4, Vers 166) und: „Und kein weibliches Wesen wird schwanger oder gebiert außer mit seinem Wissen“ (Sure 35, Vers 11).

Sie halten am Hören und Sehen fest und sprechen es Allah nicht ab, wie es die Mu’tazilten tun, und halten daran fest, daß Allah Kraft hat, wie er gesagt hat: „Haben sie denn nicht gesehen, daß Allah, der sie geschaffen hat, mehr Kraft hat als sie?“ (Sure 41, Vers 15).

Sie behaupten, daß es auf der Erde nichts Gutes und nichts Schlechtes gibt außer was Allah will, und daß die Dinge nach dem Willen Allahs geschehen, wie er gesagt hat: „Und ihr wollt nicht, außer Allah will“ (Sure 81, Vers 29) und wie die Muslime zu sagen pflegen: „Was Allah will, geschieht, und was er nicht will, geschieht nicht.“

Sie behaupten, daß niemand imstande ist irgend etwas zu tun, bevor er es (wirklich) tut, oder daß er vermöchte, sich dem Wissen Allahs zu entziehen oder etwas zu tun, von dem Allah weiß, daß er es nicht tun wird. Sie bekennen ferner, daß es keinen Schöpfer außer Allah gibt, daß Allah die schlechten Taten der Menschen schafft, daß Allah (überhaupt) die Handlungen der Menschen schafft und daß die Menschen nicht vermögen, irgend etwas zu schaffen.

Sie bekennen, daß Allah den Gläubigen hilft, ihm zu gehorchen, aber sich von den Ungläubigen zurückzieht, den Gläubigen gnädig ist, über sie wacht, sie rechtschaffen macht und sie recht leitet, aber den Ungläubigen nicht gnädig ist, sie nicht rechtschaffen macht und sie nicht recht leitet; denn wenn er sie rechtschaffen machte, so wären sie rechtschaffen, und wenn er sie recht leitete, so wären sie auf dem rechten Wege. Sie bekennen, daß Allah imstande ist, die Ungläubigen rechtschaffen zu machen und ihnen gnädig zu sein, so daß sie gläubig wären, daß er aber die Ungläubigen nicht rechtschaffen machen und ihnen nicht gnädig sein will, so daß sie gläubig wären sondern daß er will, daß sie ungläubig seien, wie er weiß (daß sie ungläubig sein werden), sich von ihnen zurückzieht, sie in die Irre gehen läßt und ihre Herzen verhärtet. Sie bekennen, daß das Gute und das Schlechte nach dem Ratschluß und der Bestimmung Allahs geschieht, glauben an Allahs Ratschluß und Bestimmung zum Guten und zum Schlechten, zum Angenehmen und zum Bitteren, glauben, daß sie nicht die Fähigkeit besitzen, sich selbst zu nützen und zu schaden, außer soweit Allah will, wie er gesagt hat, stellen ihre Sache Allah anheim und halten daran fest, daß man Allah zu jeder Zeit braucht und Allahs unter allen Verhältnissen bedarf.

Sie behaupten, daß der Koran das Wort Allahs und unerschaffen ist, und (ihre) Ansicht über die Lehre der Waqfiten und der Lafziten (diejenigen, die sich über die Frage, ob der Koran erschaffen oder nicht, des Urteils enthalten) ist (folgende): Wer die Lehre der Lafziten oder der Waqfiten vertritt, gilt ihnen als Neuerer; man sagt weder, daß das Aussprechen des Korans erschaffen noch daß es unerschaffen sei.

Sie behaupten, daß Allah am jüngsten Tage mit den Augen gesehen wird, wie man den Mond in der Vollmondsnacht sieht, und zwar sehen ihn die Gläubigen, aber die Ungläubigen sehen ihn nicht, weil sie von Allah ferngehalten sind, (denn) Allah hat gesagt: „Gewiß sind sie von ihrem Herrn an jenem Tage ferngehalten“ (Sure 83, Vers 15). Ferner behaupten sie, daß Moses Allah gebeten hat, ihn in dieser Welt sehen zu dürfen, und daß Allah sich dem Berge offenbart und ihn (dadurch) zu Staub gemacht hat (Sure 7, Vers 143) wodurch er (Moses) wissen ließ, daß er ihn nicht in dieser Welt, sondern im Jenseits sehen würde.

Sie erklären niemand von denen, die sich nach der qibla wenden (d.h. sich dadurch als Muslime bekennen) für ungläubig wegen einer Sünde, die er begeht, wie Unzucht, Diebstahl und ähnlicher schwerer Sünden, sondern sie sind (nach ihrer Ansicht) durch den

Glauben, den sie besitzen, Gläubige, auch wenn sie schwere Sünden begehen. Der Glaube besteht nach ihrer Ansicht in dem Glauben an Allah, seine Engel, seine (heiligen) Schriften, seine Propheten, an die Vorherbestimmung zum Guten und zum Schlechten, zum Angenehmen und zum Bitteren und daran, daß das, was ihnen entging, sie nicht treffen könnte und das, was sie traf, ihnen nicht entgehen könnte, und der Islam besteht (nach ihrer Ansicht) darin, daß man bezeugt, daß es keinen Gott gibt außer Allah und daß Muhammad der Gesandte Allahs ist, wie es in der Tradition heißt, und der Islam ist nach ihrer Ansicht etwas anderes als der Glaube.

Sie bekennen ferner, daß Allah der Wandler der Herzen ist.

Sie bekennen sich ferner zur Fürbitte des Propheten sowie dazu, daß sie sich (auch) auf diejenigen aus seiner Gemeinde erstreckt, die schwere Sünden begangen haben, ferner zur Grabesstrafe und dazu, daß der Teich (Sure 108: „Der Überfluß) Wahrheit ist und die Brücke (Die nach einer bekannten Tradition über die Hölle gespannt ist) Wahrheit ist und die Auferweckung (Sure 23, Vers 16) nach dem Tode Wahrheit ist und die Abrechnung Allahs mit den Menschen (am Jüngsten Tage) Wahrheit ist und das Stehen vor Allah Wahrheit ist.

Sie bekennen ferner, daß der Glaube aus Wort und Tat besteht und zunehmen und abnehmen kann, und sie behaupten weder, daß er geschaffen noch daß er unerschaffen ist. Ferner behaupten sie: die Namen Allahs sind Allah, und stellen weder irgend jemandem von denen, die schwere Sünden begehen, die Hölle noch irgend jemandem von den Monotheisten das Paradies in Aussicht, so daß Allah (nach ihrer Ansicht) sie dorthin bringt, wohin er will. Ferner behaupten sie: ihr Schicksal liegt bei Allah; wenn er will, bestraft er sie, und wenn er will, verzeiht er ihnen. Ferner glauben sie, daß Allah einen Teil der Monotheisten aus der Hölle herausführen wird, wie die Überlieferungen vom Propheten berichten. Sie tadeln die zänkische Polemik über die Religion, den Streit über die Vorherbestimmung und die Diskussion über die Gegenstände der Religion, worüber die zänkischen Leute diskutieren und kämpfen, indem sie sich auf die zuverlässigen Überlieferungen und den Inhalt der Nachrichten verlassen, die glaubwürdige, unbescholtene Leute voneinander bis hin zum Propheten überliefert haben, und sie fragen nicht „Wie?“ und „Warum?“, denn das ist eine Neuerung.

Sie behaupten ferner, daß Allah das Schlechte nicht befohlen, sondern verboten hat, und daß er das Gute befohlen hat und mit dem Schlechten nicht zufrieden ist, wenngleich er es will.

Sie anerkennen das Recht der Vorfahren, die Allah auserwählt hat, die Genossen seines Propheten zu sein, behaupten ihre Vorzüglichkeit und enthalten sich (eines Urteils) darüber, was zwischen den Kleinen und Großen unter ihnen strittig war. Sie stellen Abu Bakr voran, dann Umar, dann Utman, dann Ali und behaupten, daß sie die rechtwandelnden, rechtgeleiteten Kalifen und die vorzüglichsten unter allen Menschen nach dem Propheten sind. Sie halten auf Grund der Traditionen, die vom Propheten überliefert werden, für wahr, daß Allah zum untersten Himmel hinabsteigt und sagt: „Bittet jemand um meine Verzeihung?“, wie die Tradition vom Propheten berichtet. Sie halten sich an den Koran und die sunna, wie Allah gesagt hat: „Wenn ihr euch über irgend etwas streitet, so bringt es vor Allah und den Propheten“ Sure 4, Vers 62) und meinen, daß man den früheren Imamen der Religion zu folgen hat und daß man keine Neuerungen in der Religion einführen darf, die Allah nicht erlaubt hat.

Sie bekennen, daß Allah am Jüngsten Tage kommen wird, wie er gesagt hat: „Und es kommt dein Herr und die Engel reihenweise“ (Sure 89, Vers 22), und daß Allah sich seinen Geschöpfen nähert, wie er will, wie er gesagt hat: „Und wir sind ihm näher als die Schlagader.“ (Sure 50, Vers 16).

Sie meinen, daß man am Fest, am Freitag und in Gemeinschaft hinter jedem Imam beten dürfe, sei er fromm oder sündhaft. Sie anerkennen das Bestreichen der Schuhe (als Ersatz für die rituelle Waschung der Füße) als sunna und halten es bei dauerndem Aufenthalt sowohl wie auf der Reise (für zulässig). Sie anerkennen die Verpflichtung zum jihad gegen die Ungläubigen, seit Allah seinen Propheten sandte bis zur letzten Schar, die gegen den Daggal (Anti-Christ) kämpft, und (noch) weiter.

Sie meinen, daß man für die Imame der muslime um Rechtschaffenheit bitten soll und nicht gegen sie mit dem Schwerte zu Felde ziehen darf, ferner daß man bei der fitna (Bürgerkrieg der muslime) nicht mitkämpfen soll. Sie halten auch das Auftreten des Daggal für wahr und daß Jesus der Sohn der Maria ihn töten wird.

Sie glauben an Munkar und Nakir (Grabesqualen), die Himmelfahrt (des Propheten) (Sure 17, Vers 1 / Sure 53, Verse 1-18), den Traum im Schlafe (die Möglichkeit wahrer Traumerscheinungen) und daran, daß das Gebet für die verstorbenen Muslime und das Almosen (geben) für sie nach ihrem Tode ihnen zugute kommt.

Sie halten für wahr, daß es in dieser Welt Zauberer gibt, daß der Zauberer ungläubig ist, wie Allah gesagt hat, und daß der Zauber in dieser Welt besteht und vorhanden ist.

Sie meinen, daß man für jeden Verstorbenen unter denen, die sich nach der qibla wenden, die (Toten-) Salat verrichten soll, sei er fromm oder sündhaft, und daß man ihn beerbt (während zwischen Muslimen und Ungläubigen keine erbrechtlichen Beziehungen bestehen).

Sie bekennen, daß das Paradies und die Hölle erschaffen sind; daß, wenn jemand stirbt, er zu dem für ihn bestimmten Termin stirbt, und desgleichen, wenn jemand getötet wird, er zu dem für ihn bestimmten Termin getötet wird; daß der Lebensunterhalt von Allah kommt, der damit die Menschen unterhält, sei es erlaubtes oder verbotenes Gut; daß der Satan dem Menschen einflüstert, ihm Zweifel eingibt und ihn schlägt; daß es möglich ist, daß Allah die Rechtschaffenen durch (Wunder)zeichen auszeichnet, die an ihnen erscheinen; daß die sunna nicht durch den Koran aufgehoben wird; daß das Schicksal der ummündigen Kinder bei Allah liegt, der, wenn er will, sie bestrafen kann und, wenn er will, mit ihnen tun kann, was er will; daß Allah weiß, was die Menschen tun und aufgeschrieben hat, daß es eintreten wird, und daß die Dinge in der Hand Allahs stehen.

Sie meinen, daß man bei der Entscheidung Allahs ausharren, sich an den Befehl Allahs halten, sich dessen, was Allah verboten hat, enthalten und mit Tat und Rat aufrichtig für die Muslime wirken soll. Sie üben die Religion, indem sie Allah mit seinen Dienern dienen, die Gemeinschaft der Muslime beraten und sich der schweren Sünden enthalten (besonders) der Unzucht, der Lüge, der Parteilichkeit, der Ruhmsucht, des Stolzes, der Verleumdung und der Eigenliebe.

Sie meinen, daß man sich von jedem, der zu einer Neuerung auffordert, fernhalten und sich mit der Rezitation des Korans, dem Niederschreiben der Traditionsnachrichten und dem Studium des fiqh beschäftigen soll, indem man Demut, Bescheidenheit und Gutartigkeit übt, reichlich Gutes tut, das Schlechte verhindert, Verleumdung aller Art unterlässt und die Gier nach und Trank unterdrückt.

Das sind die Grundzüge dessen, zu dem sie auffordern, das sie anwenden und das sie meinen, und alle ihre Behauptungen, die wir angeführt haben, behaupten und vertreten (auch) wir. Unser Erfolg ist nur bei Allah, er ist unser Genüge und ein guter Sachwalter; zu ihm nehmen wir unsere Zuflucht, auf ihn vertrauen wir und zu ihm führt der Weg.

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