Ibn Rushd (Averroes): Bidayat al-Mudjtahid

Verfasser: Ibn Rushd (Averroes) (geb. 1126  gest. 1198)

(Auszug aus: Bidayat al-Mudjtahid, in: Rudolph Peters, „Jihad in Mediaeval and Modern Islam“, Leiden, Brill, 1977, Seiten 9 bis 25)

Bidayat al-Mudjtahid heißt wörtlich übersetzt „Elementarbuch des Rechtsgelehrten“ und ist eine Gesamtdarstellung des islamischen Rechts. Ibn Rushd war ein Universalgelehrter und hat entsprechend der in der islamischen Rechtsfindung vorgegebenen Grundlage, der Trilogie und den legalen Vorgehensweisen (Analogieschluß: qiyas und Übereinkunft/Konsens: ijma) ein umfassendes Gesetzeswerk geschaffen, das auch heute noch als grundlegend geschätzt wird.

Ibn Rushd (Averroes)
Die Grundlagen der scharia
http://www.bysiness.co.uk/excerpts/excerptbidayapreface.htm

Dabei zitiert er natürlich auch die Werke der Gründer der vier islamischen Rechtsschulen.

  • Schafiiten (Gründer: Idris as-Safi’i)
  • Hanbaliten (Gründer: Ahmad bin Hanbal)
  • Malikiten (Gründer: Malik bin Abbas)
  • Hanefiten (Gründer: Abu Hanifah)

Wir haben das Kapitel über den jihad übersetzt. Wann immer möglich haben wir, in Ergänzung zum englischen Originaltext, die zitierten Stellen aus dem Koran und den ahadith vollständig wiedergegeben und mit Numerierung versehen. Ferner haben wir diverse Erläuterungen und interne ► Links eingefügt.

__________________________________________________________________________

DER JIHAD

Die wichtigsten Regeln zu diesem Thema werden in zwei Kapiteln abgehandelt. Das erste beinhaltet die grundlegenden Bestimmungen zur Kriegsführung, das zweite enthält die Vorschriften betreffend dem Eigentum des von den Muslimen gefangen genommenen Feindes (ist nicht Teil der vorliegenden Übersetzung).

Das erste Kapitel besteht aus sieben Paragraphen:

  • – Die rechtlichen Voraussetzungen (dogmatischen Grundlagen – hukm) zum „Heiligen Krieg“ und die Personen, die daran teilnehmen müssen
  • – Der Feind
  • – Der Schaden, der den verschiedenen Kategorien von Feinden zugefügt werden darf
  • – Die Voraussetzungen für einen Krieg
  • – Die größte Anzahl von Feinden, gegen die man Widerstand leisten muß
  • – Der Waffenstillstand (hudna)
  • – Die Ziele des „Heiligen Krieges“

1. Die rechtlichen Voraussetzungen (dogmatischen Grundlagen – hukm) zum Krieg und die Personen, die daran teilnehmen müssen

Die Rechtsgelehrten sind sich darüber einig, daß der jihad eine kollektive und keine persönliche Verpflichtung ist … Entsprechend der Mehrzahl der Rechtsgelehrten ist die zwingende Natur des jihad in folgendem Koranvers festgeschrieben:

Sure 2,  Vers 216: Vorgeschrieben ist euch der Kampf, doch ist er euch ein Abscheu. Aber vielleicht verabscheut ihr ein Ding, das gut für euch ist, und vielleicht liebt ihr ein Ding, das schlecht für euch ist; und Allah weiß, ihr aber wisset nicht.

Der jihad ist eine kollektive, nicht eine persönliche Verpflichtung, das heißt, wenn sie von einer beschränkten Anzahl von Individuen richtig (korrekt) ausgeführt werden kann, entfällt sie für den Rest der Muslime:

Sure 9, Vers 122: Und nicht sollen die Gläubigen insgesamt ausziehen. Von jeder Schar von ihnen soll eine Abteilung nicht ausziehen, um einander in der Religion zu belehren und um ihr Volk, wenn es zu ihnen heimkehrt, zu warnen, auf der Hut zu sein.

Das ergibt sich auch aus der Tatsache, daß der Prophet nie in eine Schlacht auszog, ohne einige Gläubige zurückzulassen. Aus all dem folgt, daß der jihad eine kollektive Verpflichtung ist. Die Verpflichtung, für den jihad ins Feld zu ziehen hat für alle die freien Männer Gültigkeit, welche über die nötige Ausrüstung verfügen und gesund sind, d.h. nicht an chronischen Gebrechen leiden. Darüber herrscht entsprechend den folgenden Koranversen Einhelligkeit:

Sure 9, Vers 91: Nicht versündigen sich die Schwachen und die Kranken und die, welche nichts zum Ausgeben finden, daß sie zu Hause bleiben, so sie es nur mit Allah und Seinem Gesandten treu meinen. Gegen die Rechtschaffenen gibt es keinen Weg; und Allah ist verzeihend und gütig.

Sure 48, Vers 17: Nicht ist’s ein Verbrechen auf dem Blinden oder dem Lahmen oder dem Kranken, wenn er zu Hause bleibt. Wer aber Allah gehorcht und Seinem Gesandten, den führt Er ein in Gärten, durcheilt von Bächen, und wer den Rücken kehrt, den straft Er mit schmerzlicher Strafe.

Gründe, die von der Pflicht zum jihad befreien

Auch ist mir keine gegenteilige Lehrmeinung zur Regel bekannt, daß die Verpflichtung nur für freie Männer Geltung hat. Nahezu alle Gelehrten stimmen darin überein, daß die Pflicht zum jihad der Zustimmung der Eltern bedarf. Nur wenn die Aufgabe eine persönliche geworden ist, weil sie zum Beispiel von keiner anderen Person ausgeführt werden kann, entfällt die Notwendigkeit der elterlichen Zustimmung. Letztere basiert auf der folgenden authentischen Tradition:

Bukhari V4 B52 N248 berichtet von Abdullah bin ‚Amr: Ein Mann kam zum Propheten und fragte um Erlaubnis, am jihad teilzunehmen. Der Prophet fragte: „Leben deine Eltern noch?“ Er bejahte. Der Prophet sagte zu ihm: „Dann strenge dich an zu ihrem Nutzen.“

Die Gelehrten sind sich darüber nicht einig, ob auch von polytheistischen Eltern die Erlaubnis einzuholen ist. Ferner herrscht noch darüber eine Debatte, ob ein Schuldner seinen Gläubiger um Einwilligung zum jihad anzugehen hat. Ein Argument, welches dafür spricht, ist in folgender Tradition abgelegt:

Muslim C32 B20 N4646:  … „Glaubst Du, daß wenn ich getötet werde, indem ich für die Sache Allahs kämpfe, meine Sünden ausradiert werden?“ Der Prophet Allahs antwortete: „Ja, falls Du geduldig und aufrichtig warst und dem Feind im Kampf offen gegenübergetreten bist und ihm nicht den Rücken zugekehrt hast, so werden Dir alle Deine Vergehen vergeben außer finanzieller Schuld. (Der Engel) Gabriel hat mir dies mitgeteilt.“

Die Mehrheit der Gelehrten erachtet die Zustimmung des Gläubigers allerdings nicht als zwingend, insbesondere dann, wenn der Schuldner genug Mittel für die Begleichung der Schuld zurückläßt.

2. Der Feind

Entsprechend dem folgenden Vers besagt die Lehrmeinung der Exegeten, daß alle Polytheisten bekämpft werden müssen:

Sure 8, Vers 39: Und kämpfet wider sie, bis kein Bürgerkrieg mehr ist und bis alles an Allah glaubt. Stehen sie ab, siehe, so sieht Allah ihr Tun.

Allerdings fügt Malik an, daß die Äthiopier und die Türken nicht angegriffen werden dürfen; dies entsprechend der Tradition:

  • „Laßt die Äthiopier in Ruhe so lange sie euch in Ruhe lassen.“

Über die Verläßlichkeit dieser Tradition befragt, konnte Malik sie nicht anerkennen. Er sagte aber: „Die Leute vermeiden es noch immer, die Äthiopier anzugreifen.“

3. Der Schaden, der den verschiedenen Kategorien von Feinden zugefügt
darf

Der Schaden, welcher den Feinden zugefügt wird, kann aus einer Beschädigung ihres  Besitzes, der Verletzung von Personen oder dem Eingriff in ihre Freiheit bestehen. Das heißt, sie werden zu Sklaven und damit Eigentum des neuen Herrn.

Sklaven im Koran

Das kann, entsprechend dem Konsens (ijma) allen Polytheisten widerfahren: Männern und Frauen, jung und alt, bedeutend oder unbedeutend.

Sexueller Mißbrauch von Sklavinnen und weiblichen ungläubigen Kriegsgefangenen

Nur in Bezug auf Mönche sind die Meinungen geteilt. Einige Gelehrte postulieren, man solle sie in Ruhe lassen und sie weder gefangen nehmen noch versklaven; sie sollen vielmehr unverletzt bleiben. Um diese Ansicht zu stützen, zitieren sie einerseits die Worte des Propheten:

  • „Laßt sie und ihre Verpflichtungen in Frieden.“

sowie auch die Praxis von Abu Bakr. Die meisten Gelehrten stimmen darin überein, daß dem imam in der Behandlung von Gefangenen mehrere Möglichkeiten offenstehen. Er kann sie begnadigen, umbringen, sie gegen Lösegeld freilassen oder zu dhimmis machen. In letzterem Fall muß der Gefangene Schutzgeld (giziya) zahlen. Einige Gelehrte vertreten die Meinung, daß Gefangene nie umgebracht werden dürfen. Gemäß al-Hasan Ibn Muhammad al-Tamini war das sogar der Konsens der sahaba (Mohammeds Gefährten).

Diese Kontroverse ist deshalb entstanden, weil

  • erstens diese Koranverse sich gegenseitig widersprechen
  • zweitens die Praxis des Propheten inkonsistent war
  • drittens die Koranverse etwas anderes fordern, als die Handlungen des Propheten belegen.

Die offensichtliche Interpretation von:

Sure 47, Vers 4: Und wenn ihr die Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt; dann schnüret die Bande. Und dann entweder Gnade hernach oder Loskauf, bis der Krieg seine Lasten niedergelegt hat. Solches! Und hätte Allah gewollt, wahrlich, Er hätte selber Rache an ihnen genommen; jedoch wollte Er die einen von euch durch die anderen prüfen. Und diejenigen, die in Allahs Weg getötet werden, nimmer leitet Er ihre Werke irre.

besagt, daß der imam die Gefangenen entweder begnadigen oder sie gegen Lösegeld freilassen soll. Andererseits gehen:

Sure 8, Vers 67: Noch vermochte kein Prophet Gefangene zu machen, ehe er nicht auf Erden gemetzelt. Ihr wollt die Güter dieser Welt, Allah aber das Jenseits, und Allah ist mächtig und weise.

wie auch der Zeitpunkt (das Offenbarungsereignis) seiner Verkündigung (Schlacht von Badr) Schlacht von Badr dahin, daß es besser ist, die Gefangenen umzubringen statt sie zu versklaven. Der Prophet selber hat in einigen Fällen Gefangene außerhalb des Schlachtfeldes, d.h. nach dem Kampf umgebracht, in anderen Fällen hat er sie begnadigt. Frauen wurden immer versklavt. Abu Ubayd berichtete, daß der Prophet nie männliche Araber versklavt hat. Nach seinem Tode gelangte die sahaba einstimmig zur Ansicht, daß die Leute der Schrift, die Männer und die Frauen, zu versklaven sind. Diejenigen, welche der Ansicht sind, daß Vers 4 aus Sure 47, welcher es verbietet, Gefangene zu erschlagen das Vorbild des Propheten abrogiert, unterstützen die Ansicht, daß Gefangene nicht umzubringen sind.

Wieder andere vertreten die Meinung, daß dieser Vers eigentlich nichts über das Gemetzel an Gefangenen aussagt und daß er keinesfalls mögliche Maßnahmen in der Behandlung von Gefangenen einschränkt. Im Gegenteil, der Umstand, daß der Prophet selber Gefangene erschlagen hat, fügt eine zusätzliche Regel zu den im fraglichen Vers 4 aus Sure 47 aufgezählten Möglichkeiten der Behandlung von Gefangenen hinzu. Er beseitigt somit den an den Propheten gerichteten Vorwurf, daß dieser es vermieden hätte, alle Gefangenen von Badr zu erschlagen. Deshalb versichern diese Gelehrten, daß das Erschlagen von Gefangenen (als zusätzliche Option) erlaubt ist.

Allahs Bestimmungen über die Kriegsgefangenen

Es ist nur erlaubt, den Feind niederzumetzeln, wenn ihm (vorher) nicht sicheres Geleit (aman) garantiert wurde. Darüber gibt es unter Muslimen keine Unstimmigkeit. Allerdings ist es eine Streitfrage, wer überhaupt berechtigt ist, aman zu gewähren. Alle stimmen darin überein, daß der imam dies tun darf. Die Mehrheit der Muslime vertritt die Ansicht, daß jeder freie männliche Muslim ebenfalls dazu berechtigt ist, jedoch besteht Ibn Madjishun darauf, daß dafür vorgängig die Ermächtigung des imam vorliegen muß. Auch darüber, ob Frauen oder Sklaven aman gewähren dürfen, herrscht ein Disput. Ibn Madjishun und Sahnun meinen, daß auch für Frauen eine Ermächtigung des imam vorliegen muß. Abu Hanifa lehrt, daß der von einem Sklaven gewährte aman nur gültig ist, wenn er selber am jihad teilgenommen hat.

Der Grund für diese Streitfrage ist, daß eine allgemeine Regel mit der analogen Interpretation einer anderen Regel inkompatibel ist. Die allgemeine Regel finden wir in den Prophetenworten:

  • „Das Blutgeld ist für alle Muslime dasselbe. Auch der Geringste bemüht sich um ihren Schutz. Zusammen bilden sie eine Einheit gegen die anderen.“

Diese universell verbindlichen Worte beinhalten, daß das von einem Sklaven garantierte aman  gültig ist. Die diesem Analogieschluß widersprechende Regel besagt, daß man voll gesetzesfähig sein muß, um aman zu gewähren. Nun ist jeder Sklave nur teilweise rechtsfähig aufgrund der einfachen Tatsache, daß er ein Sklave ist. Der Umstand also, daß er ein Sklave ist, macht die Analogie unwirksam und widerspricht der Gültigkeit seines aman – wie sie auch zahlreiche andere gesetzliche Handlungen nicht zuläßt. Somit wird die allgemeine Regel eingeschränkt.

Die Streitfrage über die Gültigkeit von aman, das von einer Frau gewährt wurde, hat seinen Ursprung in zwei unterschiedlichen Lesearten des Prophetenwortes (an eine Frau mit Namen Umm Hani):

  • „Wir gewähren denjenigen aman, denen du aman gewährt hast, Umm Hani.“

wie auch in der Frage, ob Frauen auf derselben Stufe stehen wie Männer. Einige lesen diese Worte so, daß der Prophet damit lediglich das von Umm Hani gewährte aman bestätigt hat. Ohne diese Ermächtigung hätte es keinerlei gesetzliche Kraft gehabt. Folglich halten sie daran fest, daß das aman, welches von einer Frau gewährt wurde der Ermächtigung des imam bedarf. Andere machen geltend, der Prophet habe das aman, welches von Umm Hani garantiert wurde lediglich bestätigt, obschon es schon vorher Gesetzeskraft besaß. Damit sei es nicht erst durch den Propheten validiert worden. Demzufolge spricht sich diese Gruppe dafür aus, daß Frauen ein gültiges aman gewähren können. Diese Sichtweise wird auch von denen unterstützt, welche die Frauen in dieser Angelegenheit auf dieselbe Stufe mit Männern stellen und hier keinen Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern sehen. Andere, welche die Meinung vertreten, daß Frauen dem Manne untergeordnet sind, betrachten das von einer Frau erteilte aman als ungültig. Jedenfalls schützt ein solches aman nicht vor Versklavung, sondern nur vor dem Tode. Die vorliegende Kontroverse kann auch durch die unterschiedlichen Meinungen über den männlichen Plural erklärt werden: Schließt er die Frauen ein oder nicht?

Was die Verletzung von Personen angeht, das heißt das Erschlagen der Feinde, sind sich die Muslime darin einig, daß in Kriegszeiten alle erwachsenen, kriegstauglichen und ungläubigen Männer umgebracht werden dürfen. Über die Frage, ob die Feinde auch getötet werden können, nachdem sie in Gefangenschaft geraten sind, besteht die oben erörterte  Kontroverse. Es gibt keine Meinungsverschiedenheiten über die Regel, daß es verboten ist, Frauen und Kinder zu erschlagen, vorausgesetzt, daß sie nicht kämpfen – dann dürfen Frauen jedenfalls umgebracht werden. Diese Regel basiert auf dem verbürgten Hadith von Rabah Ibn Rabiah, wonach der Prophet das Erschlagen von Frauen und Kindern verboten hat:

„Einmal, als sich Rabah Ibn Rabiah  mit dem Propheten zu einer Razzia aufmachte, kamen sie an einer erschlagenen Frau vorbei. Der Prophet hielt an und sagte: „Sie war keine, die gekämpft hätte.“ Er schaute auf seine Begleiter und sagte zu einem von ihnen: „Geh zu Khalid Ibn al-Walid und sag ihm, daß er keine Kinder, Leibeigenen und Frauen erschlagen soll.“

Ergänzung: In der Hadithsammlung von Muslim finden wir im Buch 19 „Jihad and Expedition“ allerdings folgende Ausnahmeregelung, welche in der vorliegenden Abhandlung von Averroes (Ibn Rushd) nicht berücksichtigt wird:

Kapitel 9:  Handelt von der Erlaubnis, bei nächtlichen Überfällen Frauen und Kinder zu töten, falls dies nicht absichtlich geschieht

Muslim B 19 N 4321: Saib Ibn Jaththama bezeugt, daß der Prophet, als er gefragt wurde, ob es erlaubt sei, die Frauen und Kinder der Polytheisten während eines nächtlichen Raubzuges zu töten, geantwortet habe: „Sie sind den Polytheisten zugehörig.“

vergleiche auch:

Bukhari V4 B52 N256, berichtet von As-Sab bin Jaththama: Als der Prophet in einem Ort namens Al-Abwah oder Waddan gerade an mir vorüber ging, wurde er gefragt, ob es erlaubt sei, die polytheistischen Krieger des Nachts anzugreifen, obwohl dadurch deren Frauen und Kinder einer möglichen Gefahr ausgesetzt wären. Mohammed antwortete: „Sie sind (auch) polytheistisch.“ Ich hörte ihn auch sagen: „Die Einrichtung von hima (arabisch für „unberührte Zone“ – Immunität) gilt nur für Allah und Seinen Gesandten.


Es herrscht Uneinigkeit darüber, ob man Einsiedler, die sich von der Welt zurückgezogen haben, sowie Blinde, Krüppel, Geisteskranke, Bauern, Leibeigene und diejenigen, die alt sind und unfähig zu kämpfen, erschlagen darf. Malik hält dafür, daß weder Blinde, Geisteskranke noch Einsiedler ermordet werden sollen und daß man ihren Besitz nicht gänzlich rauben, sondern ihnen genug zum Überleben übriglassen soll. Auch ist es seine Meinung, die Alten und Krüppel nicht niederzumetzeln. Dies lehrt auch Abu Hanifah und seine Schüler. Thawari und Awzai hingegen postulieren, von den erwähnten Kategorien nur die Alten am Leben zu lassen. Awzai fügt dieser Gruppe auch noch die Bauern hinzu. Entsprechend der sehr maßgebenden Lehrmeinung von Shafi’i sollte man alle Gruppen erschlagen. Der Ursprung dieses Disputes muß in der Tatsache gesehen werden, daß in einer Reihe von ahdith Regeln aufgestellt werden, welche dem hadith:

Bukhari V4 B52 N196 berichtet von Abu Huraira: Der Prophet Allahs sagte: „Mir wurde geboten, die Menschen zu bekämpfen bis sie sagen: ‚Niemand hat das Recht, angebetet zu werden außer Allah‘.“

und dem Koranvers:

Sure 9, Vers 5: Sind aber die heiligen Monate verflossen, so erschlaget die Götzendiener, wo ihr sie findet, und packet sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf. So sie jedoch bereuen und das Gebet verrichten und die Armensteuer zahlen, so laßt sie ihres Weges ziehen. Siehe, Allah ist verzeihend und barmherzig.

Tafsir  al-Jalalayn 9,5: Wenn jedoch die heiligen Monate vorbei sind und die Zeitspanne des Aufschubes somit abgelaufen ist, so schlachtet die Heiden wo immer ihr sie findet, ob dies nun in einer gesetzlich erlaubten oder in einer heiligen Periode stattfindet. Lauert ihnen auf wo immer sie sich zu befinden pflegen, schnappt sie, nehmt sie gefangen und sperrt sie in ihre Burgen und Befestigungen, bis sie keine andere Wahl haben, als getötet zu werden oder den Islam anzunehmen. Wenn sie sich jedoch bekehren lassen, das Gebet verrichten und die Almosensteuer bezahlen, so laßt sie frei und mischt euch nicht in ihre Angelegenheiten. Allah ist vergebend und voll Gnade gegenüber denen, welche bereuen.

widersprechen. Demnach muß jeder Polytheist erschlagen werden, ob er nun ein Mönch ist oder nicht. Nichtsdestotrotz werden unter anderen folgende ahadith zitiert, welche die Anordnung stützen, daß das Leben der erwähnten Gruppen verschont werden soll:

  • 1. Dawud Ibn al-Hasin hat unter Bezugnahme auf Ikrimah und Ibn Abbas erzählt, daß der Prophet bei der Aussendung einer Armee zu sagen pflegte: „Erschlagt keine Einsiedler“.
  • 2. Auf Anas Ibn Malik geht zurück, der Prophet habe gesagt: „Erschlagt keine Alten und Krüppel, Kinder und Frauen und stehlt nichts von der Kriegsbeute.“ Abu Dawud hat diese Anordnung in seine Hadithsammlung aufgenommen.
  • 3. Malik zitiert Abu Bakr folgendermaßen: „Ihr werdet Menschen finden, die ihr Leben ganz Gott gewidmet haben. Laßt sie und ihre Verpflichtungen in Frieden.“
  • 4. „Erschlagt keine Frauen und Kinder und auch keine Alten.“

Allerdings scheint mir die Ursache des Disputs darin zu liegen, daß der folgende Koranvers:

Sure 2, Vers 190: Und bekämpft in Allahs Pfad, wer euch bekämpft; doch übertretet nicht, indem ihr zuerst den Kampf beginnt; siehe, Allah liebt nicht die Übertreter.

im Widerspruch steht zu:

Sure 9, Vers 5: Sind aber die heiligen Monate verflossen, so erschlaget die Götzendiener, wo ihr sie findet, und packet sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf. So sie jedoch bereuen und das Gebet verrichten und die Armensteuer zahlen, so laßt sie ihres Weges ziehen. Siehe, Allah ist verzeihend und barmherzig.

Einige versichern, daß Sure 9, Vers 5 den Vers 190 aus Sure 2 abrogiert hat, weil es am Anfang (der gewalttätigen Expansion) nur erlaubt war, kriegstaugliche Menschen umzubringen.

Erklärung (Fußnote 35 im Text): Mohammeds Lebenslauf beinhaltet eine graduelle Eskalation in seiner Beziehung zu den Ungläubigen (kafir). Diese Eskalation findet im Koran ihren Niederschlag. In mekkanischer Zeit versuchte er, die Ungläubigen durch Argumente und Überzeugungskraft zu gewinnen. Als dies scheiterte, wurde offenbart, daß die Gläubigen die Ungläubigen meiden sollen. Der Vers, welcher fordert, daß die Polytheisten nur angegriffen werden sollen, wenn sie die Feindseligkeiten eröffnen (2,190), datiert aus der Anfangszeit in Medina. Zuletzt wurden diejenigen Verse offenbart, welche den uneingeschränkten Befehl des Kampfes gegen alle Ungläubigen beinhalten:

Sure 2,  Vers 216: Vorgeschrieben ist euch der Kampf, doch ist er euch ein Abscheu. Aber vielleicht verabscheut ihr ein Ding, das gut für euch ist, und vielleicht liebt ihr ein Ding, das schlecht für euch ist; und Allah weiß, ihr aber wisset nicht.

der Schwertvers:

Sure 9, Vers 5: Sind aber die heiligen Monate verflossen, so erschlaget die Götzendiener, wo ihr sie findet, und packet sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf. So sie jedoch bereuen und das Gebet verrichten und die Armensteuer zahlen, so laßt sie ihres Weges ziehen. Siehe, Allah ist verzeihend und barmherzig.

der Dhimmivers:

Sure 9, Vers 29: Kämpfet wider jene von denen, welchen die Schrift gegeben ward, die nicht glauben an Allah und an den Jüngsten Tag und nicht verwehren, was Allah und Sein Gesandter verwehrt haben, und nicht bekennen das Bekenntnis der Wahrheit, bis sie den Tribut aus der Hand gedemütigt entrichten.

Entsprechend der Ansicht der meisten autoritativen Gelehrten abrogieren diese Verse alle vorangegangenen.

Vergleiche

Abrogation
Der Beginn der Expansion – Sure 9, Verse 1 – 37

Konsequenterweise muß man anerkennen, daß Sure 9, Vers 5 eigentlich eine Regel ohne Ausnahme beinhaltet. Trotzdem vertreten andere Gelehrte den Standpunkt, daß Sure 2, Vers 190 nicht als abrogiert zu verstehen sei und daß er Gültigkeit habe für all die erwähnten Gruppen, welche sich nicht am Kampf beteiligen. Er beinhalte also die Ausnahmeregelungen in Bezug auf die Forderung von Sure 9, Vers 5. Shafi’i unterstützt seine Ansicht mit einem Hadith von Sumrah, wonach der Prophet gesagt habe:

  • „Erschlagt die Polytheisten aber verschont ihre Kinder:“

Der einzige Grund, warum man die Feinde töten soll ist ihr Unglaube. Dies trifft für alle Ungläubigen zu. Diejenigen, welche daran festhalten, daß man Bauern nicht erschlagen soll, berufen sich auf Zayd Ibn Wahb:

  • „Wir erhielten einen Brief von Umar der besagte: stehlt nichts von der Kriegsbeute, betreibt keinen Verrat, erschlagt keine Kleinkinder und seid gottesfürchtig gegenüber Bauern.“

Das Verbot, polytheistische Leibeigene niederzumetzeln basiert auf dem verbürgten Hadith von Rabah Ibn Rabiah (der oben schon erwähnt wurde):

  • „Einmal, als sich Rabah Ibn Rabiah  mit dem Propheten zu einer Razzia aufmachte, kamen sie an einer erschlagenen Frau vorbei. Der Prophet hielt an und sagte: „Sie war keine, die gekämpft hätte.“ Er schaute auf seine Begleiter und sagte zu einem von ihnen: „Geh zu Khalid Ibn al-Walid und sag ihm, daß er keine Kinder, Leibeigenen und Frauen erschlagen soll.“

Grundsätzlich entstand die Kontroverse, weil über das Motiv der Tötung der Feinde unterschiedliche Meinungen bestehen. Diejenigen, welche denken, der Grund für den Kampf liege im Unglauben selbst, machen keine Ausnahme für irgendwelche Polytheisten. Andere, welche die kriegerischen Aktivitäten gegen kriegstaugliche Ungläubige gerichtet sehen, machen eine Ausnahme bei ungläubigen Frauen, Krüppeln und solchen, die nicht die Aufgabe haben zu kämpfen, wie Einsiedler und Leibeigene. Feinde sollen nicht gefoltert und ihre Körper nicht verstümmelt werden.

Ergänzung: Anläßlich der Eroberung von Khaybar und der Schlacht bei Badr wurden Gegner in Anwesenheit und mit der Einwilligung Mohammeds gefoltert. Diese Begebenheiten werden in der vorliegenden Abhandlung von Averroes nicht reflektiert.

1. bei Khaybar: Kinana, dessen Gemahlin Safjjeh nach seinem Tod zur neuen Ehesklavin von Mohammed wurde, war einer der Führer der Juden und hatte die Schätze der geflüchteten Banu Nadir in Verwahrung. Man führte ihn vor Mohammed und fragte ihn danach: „Kinana leugnete und sagte, er wisse nicht, wo sie sich befinden. Da wurde ein Jude vor Mohammed gebracht, welcher sagte: „Ich habe gesehen, wie Kinana jeden Morgen um diese Ruine herumging.“ Mohammed sagte zu Kinana: „Darf ich dich töten, wenn wir den Schatz bei dir finden?“ Dieser sagte: „Ja“. Mohammed ließ dann die Ruine aufgraben, und man fand darin einen Teil der Schätze. Er fragte ihn hierauf nach dem Übrigen, und als er sich weigerte es anzugeben, befahl Mohammed dem Zubeir Ibn Alawwan, ihn zu foltern, bis er alles herausgebe. Dieser schlug ihm mit dem Zündholze auf die Brust (d.h. er entzündete ein Feuer auf seiner Brust), bis er dem Tode nahe war, dann übergab er ihn dem Mohammed Ibn Maslama, der ihn für seinen Bruder Mahmud tötete.“(Weil, 2. Band, Seite 163) Damit war auch noch ein hängiger Fall von Blutrache bereinigt.

2. bei Badr: „Die Muslime fanden dort Quraisch, welche Wasser holten … Sie führten sie vor Mohammed, welcher gerade betete, und fragten sie aus … sie schlugen sie und mißhandelten sie, bis sie endlich sagten …“ (Weil, 1. Band, Seite 325)

Vergleiche: 
► Sie können bei Bedarf gefoltert werden

 

Ergänzung: Allahs Anordnung, getötete Feinde nicht zu verstümmeln, wurde anläßlich der Schlacht am Berge Uhud offenbart:

Sure 16, Vers 126: Und so ihr euch rächen wollt, so rächt euch in gleichem Maße, als euch Böses zugefügt ward. Und so ihr duldet, so ist dies besser für die Duldenden.

Tafsir al-Jalalayn 16, 126: Nachdem Hamza b.’Abd al-Muttalib getötet und seine Leiche verstümmelt worden war, schaute sich der Prophet das Ganze an und sagte: „Wahrlich, ich werde 70 für dich verstümmeln.“ Daraufhin wurde folgendes offenbart: Falls du dich rächst, so tue dies im selben Maße wie dir Schaden zugefügt worden ist. Wenn du jedoch ausharrst und von Rache absiehst, wahrlich, ausharren ist besser für den Geduldigen. Also hielt sich der Prophet vor Rache zurück und erbrachte Sühne für seinen Schwur, wie von al-Bazzar berichtet wird.

Vergleiche:
 Schlacht am Berge Uhud

Die Muslime vertreten die einhellige Auffassung, daß die Feinde mit Waffen getötet werden dürfen. Eine geteilte Meinung herrscht aber bezüglich der Frage, ob man sie verbrennen darf. Einige finden es tadelnswert, sie zu verbrennen oder sie mit Feuer anzugreifen. Dies ist auch der Standpunkt von Umar. Es wird berichtet, daß Malik eine ähnliche Auslegung vornimmt. Andererseits erachtet es Sufyan al-Thawri als zulässig. Noch andere erlauben das Verbrennen nur, wenn der Feind damit angefangen hat. Auch die Ursache dieses Disputs liegt einmal mehr in der Unvereinbarkeit der generellen und der spezifischen Regel. Die generelle Regel finden wir im Koran:

Sure 9, Vers 5: Sind aber die heiligen Monate verflossen, so erschlaget die Götzendiener, wo ihr sie findet, und packet sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf. So sie jedoch bereuen und das Gebet verrichten und die Armensteuer zahlen, so laßt sie ihres Weges ziehen. Siehe, Allah ist verzeihend und barmherzig.

Dieser Vers schränkt die Art des Tötens nicht ein. Die spezifische Reglementierung finden wir in einem hadith, nach welchem der Prophet gesagt hat:

Bukhari V4 B52 N259, berichtet von Abu Huraira: Allahs Gesandter schickte unser  Kontingent auf eine Mission. Er sagte: „Wenn ihr „so und so“ und „so und so“ findet, verbrennt sie beide mit Feuer.“ Als wir bereit waren loszuziehen, sagte er des weiteren: „ Ich habe euch befohlen, „so und so“ und „so und so“ zu verbrennen; niemand anders als Allah jedoch straft mit Feuer. Wenn ihr sie also findet, so tötet sie.“

Fast alle Gelehrten sind sich einig, daß Festungen mit Steinwurfmaschinen angegriffen werden dürfen, unbesehen davon, ob sich hinter den Mauern Frauen und Kinder aufhalten oder nicht. Das ist erlaubt, weil der Prophet anläßlich der Belagerung von Taif solche Wurfmaschinen eingesetzt hat. Belagerung von Taif Einige, unter ihnen Awzaii, lehrten, daß Wurfmaschinen nicht eingesetzt werden sollten, wenn sich innerhalb der Festungsmauern gefangene Muslime oder Kinder aufhalten. Andererseits ist Layth der Ansicht, daß dies zulässig sei. Die Argumentation derjenigen, welche es nicht erlauben, Wurfmaschinen einzusetzen geht zurück auf den Koran:

Sure 48, Vers 25: Sie sind diejenigen, welche nicht glaubten und euch von der heiligen Moschee fernhielten, wie auch das Opfer zurückhielten, daß es nicht seine Opferstätte erreichte. Und ohne die gläubigen Männer und Frauen, die ihr nicht erkanntet, so daß ihr sie niedergetreten und ihr auf euch unwissentlich ein Verbrechen geladen hättet, … hätte Er sie euch in eure Hand gegeben, auf daß Allah in Seine Barmherzigkeit einführe, wen Er will. Wären sie getrennt voneinander gewesen, wahrlich, Wir hätten die Ungläubigen unter ihnen mit schmerzlicher Strafe gestraft.

Vertrag von al-Hudaybiya

Diejenigen, welche es erlauben, haben das allgemeine Interesse im Auge. So weit die Erörterungen darüber, welcher Schaden dem Feind zugefügt werden darf.

Die Ansichten variieren darüber, wie groß der Schaden sein darf, den man dem Eigentum der Feinde (Gebäude, Vieherden und Fruchtplantagen) zufügt. Malik verbot das Fällen von Fruchtbäumen, das Rauben von Früchten und das Zerstören von Gebäuden, jedoch erlaubte er das Schlachten von Vieh und das Niederbrennen von Dattelpalmen. Awzaii war betreffend dem Fällen von Fruchtbäumen und der Zerstörung von Gebäuden anderer Ansicht, unabhängig davon, ob es sich um Kirchen handelt oder nicht. Safii erlaubte das Zerstören von Feldern und Bäumen, solange sich der Feind in einer Festung verschanzen kann. Wenn das nicht der Fall ist, erlaubte er das Niederreißen von Gebäuden und das Fällen von Bäumen nicht. Der Grund für diesen Disput liegt in der Tatsache, daß die Vorgehensweise von Abu Bakr im Gegensatz stand zur Erlaubnis Mohammeds, die Palmen der Banu Nadir niederzubrennen. ► Vertreibung der Banu Nadir Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß Abu Bakr gesagt hat:

  • „Fällt keine Bäume und zerstört keine Häuser.“

Einige machen geltend, daß Abu Bakr nur so gesprochen hat, weil er wußte, daß der Prophet  frei war, im Widerspruch zu dieser Regel zu handeln, auch wenn er sie gekannt hätte. Andere geben zu bedenken, daß aus dem Verfahren des Propheten im Zusammenhang mit den Banu Nadir keine allgemeine Regel abgeleitet werden kann, weil die Aggression von ihnen ausgegangen sei. Alle diejenigen, die diese Argumentation unterstützen, anerkennen die Ansicht von Abu Bakr. Andere wiederum folgen ausnahmslos der Praxis des Propheten. Sie behaupten, daß es unmöglich ist, jemandes Worte und Taten als Argument gegen seine Praktiken hervorzubringen und es somit erlaubt sei, Fruchtbäume abzubrennen. Malik unterscheidet Vieherden und Bäume. Nach ihm ist das Abschlachten von Vieh mit Folter gleichzusetzen, was wiederum verboten ist. Zudem habe der Prophet selber nie Vieh abgeschlachtet.

So viel zur Frage, in welchem Ausmaß es erlaubt ist, dem Eigentum der Ungläubigen Schaden zuzufügen.

4. Die Voraussetzungen für einen Krieg

Alle Gelehrten sind sich darüber einig, daß der Feind die Einladung zum Islam (da’wa) erhalten haben muß; es ist also nicht erlaubt, ihn anzugreifen, bevor ihm diese Einladung übermittelt wurde und zwar gemäß:

Sure 17, Vers 15: Wer rechtgeleitet ist, der ist nur rechtgeleitet zu seinem eigenen Besten, und wer irregeht, der geht irre allein zu seinem eigenen Schaden; und nicht soll tragen eine beladene Seele noch eine andre Last. Und Wir strafen nicht eher, als Wir einen Gesandten schickten.

Aufruf zur Annahme des Islam (da’wa)

Hingegen gibt die Frage zu Diskussionen Anlaß, ob die Einladung zum Islam (da’wa) wiederholt werden muß, wenn der Krieg nach einer Pause wieder aufgenommen wird. Einige halten es für obligatorisch, andere empfehlen es und für noch weitere ist es weder zwingend noch empfehlenswert. Der Disput darüber ist in der Inkonsistenz der Worte und Taten des Propheten zu suchen. Entsprechend einem verbürgten hadith pflegte der Prophet, wenn er eine Armee aussendete zu sagen:

Muslim B19 N4294: Sulaiman bin Buraid wurde von seinem Vater informiert, daß der Prophet Allahs sagte: „ … wenn ihr euren polytheistischen Feinden begegnet, gebt ihnen drei Handlungsmöglichkeiten. Wenn sie auf eine davon eingehen, akzeptiert es und seht davon ab, sie zu bekämpfen. Nun ladet sie ein, ihr Land zu verlassen und ins Gebiet der muhagirun zu ziehen und sagt ihnen, daß sie, falls sie dies tun, alle Privilegien und Verpflichtungen der muhagirun erhalten werden. Falls sie sich weigern, ihre Ländereien zu verlassen, würden sie jedoch genau wie die muslimischen Beduinen behandelt und somit Allahs Befehl genauso unterliegen, wie andere Muslime. Sie würden jedoch keinen Anteil an Kriegsbeute erhalten, außer sie kämpften zusammen mit den anderen Muslimen gegen die Ungläubigen. Falls sie sich weigern, den Islam anzunehmen, verlangt Schutzgeld (giziya) von ihnen. Falls sie sich dazu bereit erklären, akzeptiert dies und haltet euch zurück. Falls sie sich weigern, diese Steuern zu bezahlen, fragt Allah um Hilfe und bekämpft sie …“

Nichtsdestotrotz wird berichtet, daß der Prophet selber nachts oder in der Dämmerung wiederholt Überraschungsangriffe auf den Feind anführte.

Bukhari V4 B52 N193, berichtet von Anas: Wenn immer Allahs Gesandter Feinde angriff, tat er dies nie vor dem Morgengrauen. Falls er den Ruf zum Gebet (adhan) vernahm, verschob er den Angriff. Wenn er jedoch diesen Ruf nicht hörte, griff er den Feind unmittelbar nach dem Anbruch des Tages an. Wir erreichten Khaibar während der Nacht.

Die meisten vertreten die Lehrmeinung, daß des Propheten Taten seine eigenen Worte abrogieren, denn dieser hadith von Muslim datiert aus der frühen Periode des Islam, weil er auch eine Einladung zur Emigration beinhaltet.

Erklärung (Fußnote 44 im Text): Nach der Auswanderung aus Mekka im Jahre 622 (hijra) wurde die zwingende Forderung an alle Muslime gestellt, nach Medina auszuwandern um sich mit den anderen Muslimen (zum jihad) zu vereinigen. Nach der Eroberung von Mekka im Jahre 630 entfiel diese Pflicht. Dies ist die herrschende Auffassung der meisten Gelehrten.

Die hijra

Andere gewichten die Worte des Propheten stärker als seine Taten, weil letztere im Lichte der besonderen Umstände gesehen werden sollten. Durch diese Sichtweise werden die beiden Standpunkte in Übereinstimmung gebracht.

5. Die größte Anzahl von Feinden, gegen die man Widerstand leisten muß

Die größte Anzahl von Feinden, gegen die man Widerstand leisten muß, beträgt das doppelte (der eigenen Truppen). Darüber herrscht Konsens entsprechend dem Koran:

Sure 8, Vers 66: Nunmehr hat es euch Allah leicht gemacht, denn Er weiß, daß in euch Schwachheit ist. Und so unter euch hundert Standhafte sind, überwinden sie zweihundert; und so unter euch tausend sind, überwinden sie zweitausend mit Allahs Erlaubnis. Und Allah ist mit den Standhaften.

Schlacht von Badr

Gemäß Malik besteht Ibn Madjishun darauf, nicht nur die Anzahl der Feinde zu gewichten.  Vielmehr sollte es einem einzelnen Kämpfer erlaubt sein, vor einem Feind zu fliehen, wenn dieser nicht nur ein besseres Pferd besitzt sondern auch über eine bessere Kriegsausrüstung verfügt und kräftiger ist.

6. Der Waffenstillstand (hudna)

Höchstdauer eines Friedensabkommens: 10 Jahre

Ein Waffenstillstand kann gemäß einigen Gelehrten situationsbezogen und ohne besonderen Anlaß eingegangen werden; vorausgesetzt, der imam schließt ihn im Interesse der Muslime ab. Andere vertreten die Ansicht, daß hudna den Muslimen nur aus Not, d.h. im Falle von Bürgerkrieg oder ähnlichem gestattet ist. Eine Bedingung für hudna kann sein, daß die Ungläubigen sich diesen erkaufen müssen. Dabei handelt es sich nicht um giziya, denn um die Schutzgelderpressung einzuführen, müßten die Ungläubigen schon unter islamischer Herrschaft sein. Eine solche Vereinbarung ist aber nicht zwingend. Für Awzai ist es sogar denkbar, daß sich die Muslime einen Waffenstillstand erkaufen, wenn sie dazu gezwungen sind, wie eben z.B. durch einen Bürgerkrieg. Gemäß Shafi’i ist es hingegen undenkbar, daß die Muslime den Ungläubigen jemals etwas geben außer erstere befinden sich in Todesgefahr, bei großer Überlegenheit des Feindes oder im Falle einer Katastrophe. Unter denen, welche  dem imam das Abschließen eines Waffenstillstandes erlauben, sind Malik, Shafi’i und Abu Hanifah. Shafi’i besteht darauf, daß die Dauer eines Waffenstillstandes nicht länger sein darf als derjenige, welcher der Prophet mit den Ungläubigen bei al-Hudaibiya abgeschlossen hat.

Vertrag von al-Hudaybiya

Die Unstimmigkeit darüber, ob ein Vertrag auch ohne zwingenden Grund abgeschlossen werden kann, ist in der offenkundigen Forderung des Koranverses:

Sure 9, Vers 5: Sind aber die heiligen Monate verflossen, so erschlaget die Götzendiener, wo ihr sie findet, und packet sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf. So sie jedoch bereuen und das Gebet verrichten und die Armensteuer zahlen, so laßt sie ihres Weges ziehen. Siehe, Allah ist verzeihend und barmherzig.

zu suchen, welcher jedoch einer weiteren Stelle widerspricht:

Sure 8, Vers 61: Sind sie aber zum Frieden geneigt, so sei auch du zu ihm geneigt und vertrau auf Allah; siehe, Er ist der Hörende, der Wissende.

Einige halten dafür, daß der Schwertvers (9,29), in welchem gefordert wird, die Ungläubigen solange zu bekämpfen bis sie konvertieren oder sich der Schutzgelderpressung (giziya) unterwerfen, den Friedensvers (8,61) abrogiert. Konsequenterweise erlauben sie den Waffenstillstand nur in dringenden Fällen. Andere erkennen im Friedensvers lediglich eine Ergänzung der beiden Verse 9,5 und 9,29. Demnach kann der imam bei Bedarf einen Waffenstillstand abschließen. Sie untermauern ihre Ansicht mit der Vorgehensweise des Propheten, der den Vertrag von al-Hudaibiya ohne zwingende Notwendigkeit abgeschlossen hat. Shafi’i vertritt das Prinzip, Ungläubige müßten bekämpft werden, bis sie sich dem Islam oder der Schutzgelderpressung unterwerfen. Das Vorgehen des Propheten bei al-Hudaibiya war eine Ausnahme dieses Prinzips. Also darf ein Waffenstillstand nie die Zeitspanne überschreiten, die der Prophet damals gewählt hat. Noch immer wird darüber debattiert, wie lange diese Dauer zu sein hat. Einige plädieren für vier, andere für drei oder zehn Jahre; Shafi’i vertritt zehn Jahre.

Die Ansicht einiger Gelehrter, in dringenden Fällen (wie Bürgerkrieg oder ähnlichen Zwischenfällen) dürften Muslime dem Feind (für das Einwilligen in einen Waffenstillstand) einen bestimmten Betrag bezahlen, geht auf das Vorbild des Propheten zurück. So soll er sich in Medina einmal ernsthaft überlegt haben, den dritten Teil der Dattelernte einer Gruppe von angreifenden Polytheisten zu geben, unter der Bedingung abzuziehen. Jedoch versicherte ihm Allah den Sieg, bevor er diese Übereinkunft abgeschlossen hatte.

Grabenkrieg

Die Meinung derjenigen, die behaupten, Muslime dürfen einen Waffenstillstand nur abschließen, wenn sie unter der tödlichen Angst vor Vernichtung stehen, ist in einem  Analogieschluß aus der Regel begründet, wonach muslimische Gefangene freigekauft werden dürfen, wenn ihre Truppe so stark dezimiert ist, daß sie sich in einer Position von Gefangenschaft befindet.

7. Die Ziele des „Heiligen Krieges“

Die Muslime sind einhellig der Meinung, daß das Ziel des Krieges gegen die „Schriftbesitzer“ (mit Ausnahme der arabischen Christen und der Quraisch) zweifacher Natur ist: entweder Annahme des Islam oder Unterwerfung unter die Schutzgelderpressung (giziya). Die Grundlage ist:

Sure 9, Vers 29: Kämpfet wider jene von denen, welchen die Schrift gegeben ward, die nicht glauben an Allah und an den Jüngsten Tag und nicht verwehren, was Allah und Sein Gesandter verwehrt haben, und nicht bekennen das Bekenntnis der Wahrheit, bis sie den Tribut aus der Hand gedemütigt entrichten.

dhimmitude und Schutzgelderpressung

Die meisten Rechtsgelehrten sind sich einig, daß die giziya auch von Zoroastriern (madjus) eingefordert werden muß, entsprechend den Worten des Propheten:

  •  „Behandelt sie wie die Leute der Schrift“

Uneinigkeit herrscht über die Frage, ob man auch Polytheisten, die nicht zu den „Schriftbesitzern“ gehören, der Schutzgelderpressung unterstellen kann. Manche, wie z.B. Malik lehren, daß von jedem Polytheisten Schutzgeld eingetrieben werden kann. Andere machen eine Ausnahme für arabische Polytheisten.

Shafi’i, Abu Thawr und einige andere vertreten die Ansicht, daß giziya nur von den „Schriftbesitzern“ und den Zoroastriern eingefordert werden darf. Einmal mehr entspringt die Kontroverse über dieses Thema dem Widerspruch zwischen der allgemeinen und der besonderen Regelung. Die allgemeine Regel findet sich in zwei Koranversen:

Sure 2, Vers 193: Und bekämpfet sie, bis die Verführung zum Unglauben aufgehört hat, und der Glaube an Allah da ist.

Sure 8, Vers 39: Und kämpfet wider sie, bis kein Bürgerkrieg mehr ist und bis alles an Allah glaubt. Stehen sie ab, siehe, so sieht Allah ihr Tun;

und in folgender Hadithstelle:

Bukhari V4 B52 N196, berichtet von Abu Hureira: Allahs Gesandter sagte: „Es wurde mir befohlen mit den Menschen zu kämpfen, bis sie sagen, daß niemand das Recht hätte, angebetet zu werden außer Allah. Und wer immer dies proklamiert, dessen Leben und Besitz werde ich schützen innerhalb des islamischen Gesetzes, und sein Konto wird bei Allah sein (entweder für Strafe oder Vergebung).“

Die spezifische Regel findet sich in folgendem schon oben erwähntem hadith, den Mohammed den Anführern seiner Truppen jeweils verkündete, bevor er sie auf eine razzia gegen die polytheistischen Araber aussendete:

Muslim B19 N4294: Sulaiman bin Buraid wurde von seinem Vater informiert, daß der Prophet Allahs sagte: „ … wenn ihr euren polytheistischen Feinden begegnet, gebt ihnen drei Handlungsmöglichkeiten. Wenn sie auf eine davon eingehen, akzeptiert es und seht davon ab, sie zu bekämpfen. Nun ladet sie ein, ihr Land zu verlassen und ins Gebiet der muhagirun zu ziehen und sagt ihnen, daß sie, falls sie dies tun, alle Privilegien und Verpflichtungen der muhagirun erhalten werden. Falls sie sich weigern, ihre Ländereien zu verlassen, würden sie jedoch genau wie die muslimischen Beduinen behandelt und somit Allahs Befehl genauso unterliegen, wie andere Muslime. Sie würden jedoch keinen Anteil an Kriegsbeute erhalten, außer sie kämpften zusammen mit den anderen Muslimen gegen die Ungläubigen. Falls sie sich weigern, den Islam anzunehmen, verlangt Schutzgeld (giziya) von ihnen. Falls sie sich dazu bereit erklären, akzeptiert dies und haltet euch zurück. Falls sie sich weigern, diese Steuern zu bezahlen, fragt Allah um Hilfe und bekämpft sie …

razzia und Kriegsbeute (faj)

In diesem hadith wird die giziya auch erwähnt. Nun machen einige Gelehrte geltend, daß die allgemeine Regel die spezielle abrogiert, wenn die erstere zu einem späteren Zeitpunkt offenbart wurde. Sie akzeptieren das Schutzgeld von keiner anderen Gruppe als von den Leuten der Schrift, weil die Koranverse später datieren als die erwähnte Hadithstelle. Der allgemeine Befehl, die Polytheisten zu bekämpfen, findet sich in Sure 2 („die Kuh“ – al-baqara), welche anläßlich der Eroberung von Mekka offenbart wurde. Der erwähnte hadith jedoch muß auf eine Zeit vor der Eroberung von Mekka zurückgehen und zwar deshalb, weil er auch den Aufruf zur Emigration (hijra) enthält.

Die hijra

Andere wiederum fordern, daß allgemeine Regeln immer in einem inhaltlichen Zusammenhang mit den spezifischen interpretiert werden müssen, auch wenn die eine jüngeren Datums ist als die andere. Letztere unterstellen jeden Polytheisten der Schutzgelderpressung. Die „Schriftbesitzer“ befinden sich allerdings in einer außergewöhnlichen Lage gegenüber den Polytheisten, weil sie von der eben erwähnten allgemeinen Regel

  • „und bekämpfet sie, bis die Verführung zum Unglauben aufgehört hat“

ausgeschlossen sind und zwar wegen der Formulierung in der spezifischen Anweisung:

  • „denen, welchen die Schrift gegeben ward, … bis sie den Tribut aus der Hand gedemütigt entrichten.“

Die giziya und die spezifischen Reglementierungen dazu werden im nächsten Kapitel behandelt. So viel zu den Prinzipien der Kriegsführung.

Eine wichtige Frage muß noch behandelt werden: Ist es erlaubt, in Feindesgebiet vorzudringen und dabei eine Kopie des Korans mitzutragen? Die meisten Gelehrten verneinen dies aufgrund eines verbürgten hadith des Propheten:

Bukhari V4 B52 N233, berichtet von ‚Abdullah bin ‚Umar: Allahs Gesandter untersagte den Muslimen, mit Kopien des Korans feindliches Territorium zu betreten.

Abu Hanifah jedoch erlaubt es unter der Bedingung, daß der Koran durch eine starke und sichere Armee geschützt ist. Diese Kontroverse entstand wegen folgender Fragestellung: War das Verbot allgemein gehalten, damit es universell und ohne Ausnahme angewendet werden kann oder war es in allgemeiner Formulierung gehalten obwohl es als spezifische Regel beabsichtigt war?

 

Comments are closed.