Begriffsdefinitionen zur Prädestination

Ohne Freiheit gibt es keine Sittlichkeit.
Carl Gustav Jung (1875 – 1961)

 

1. Das Schicksal

Zur Definition des Begriffs „Schicksal“ schreibt der Brockhaus:

  1. Das Geschick, das dem Menschen widerfährt.
  2. Die Macht, die den Lebensweg des Menschen bestimmt.

„Schicksal“ ist ein philosophisches und/oder psychologisches Konzept. Es bewertet den Verlauf des menschlichen Lebens gleichsam von einem übergeordneten Standpunkt aus. Schicksal meint demnach, daß ein Menschenleben aufgrund örtlicher und gesellschaftlicher Gegebenheiten sowie intellektueller und innerpsychischer Prädispositionen so und nicht anders abläuft. Der Begriff beinhaltet also nebst persönlichen Voraussetzungen (Schönheit, Leichtgläubigkeit etc.) auch Elemente, die jenseits des Einflußbereichs des Menschen liegen. So kann jemand zum Beispiel in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt werden auf deren Eintritt er keinen Einfluß gehabt hat.

Ist es dem Menschen durch Einsicht, Erfahrung und Willen aber trotzdem möglich, seinem Leben in einem gewissen Masse eine selbstbestimmte Richtung zu geben?

2. Der freie Wille

Die hier aufgeführten Zitate belegen, daß über den Begriff des freien Willens in Kreisen der Philosophen, Psychologen und Schriftsteller mitnichten Einhelligkeit besteht.

„Und es kam der Tag, da das Risiko, in der Knospe zu verharren, schmerzlicher wurde, als das Risiko zu blühen.“ Anais Nin

„Der Mensch kann tun, was er will; aber er kann nicht wollen, was er will.“ Arthur Schopenhauer

„Wage selbst zu denken.“ Immanuel Kant

Sicher hat Wille mit bewußter Hinwendung zu einer bestimmten, als Herausforderung erlebten Situation zu tun. Es wird eine (konzentrierte) denkerische Leistung gefordert und es steht eine Entscheidung an. Das Studium von Schriften sowie Gespräche können den Prozeß der Willensbildung unterstützen. Der Mensch verläßt damit das den Tieren zugeordnete Reiz-Reaktions-Schema. Das Ziel der Willensbildung ist ein bewußter Akt oder die Unterlassung eines solchen. Der Mensch ist also fähig, sich einer Aufgabe durch Gedanken- und Vorstellungstätigkeit/Intuition zu stellen.

Zweifelsohne ist auch eine bewußt getroffene Willensentscheidung nie frei von (teilweise unbewussten) Erfahrungs- und Wunschelementen und kann demnach als mehr oder weniger determiniert angesehen werden. Auch wird kaum ein Entschluß unabhängig von seinen gesellschaftlichen Auswirkungen getroffen werden.

Trotzdem spricht man von freiem Willen, denn er macht sich, eingedenk der erwähnten Beschränkungen und/oder Verhaftungen das bewußte Denken zu eigen. Dem Menschen einen freien Willen im Sinne einer autonomen Denkfähigkeit eben wegen seiner mehr oder weniger stakten Determiniertheit abzusprechen ist unsinnig weil dann unter “freiem Willen” eine völlig abgehobene, vom Leben losgelöste und beliebige Gedankentätigkeit verstanden werden müsste. Der Mensch ist aber grundsätzlich fähig, seine innerpsychischen Prädispositionen (mindestens teilweise) bewusst zu machen und damit an Freiheit zu gewinnen.

Die christlichen Kirchen negieren den freien Willen nicht grundsätzlich. Allerdings wird die Frage, ob sich der Mensch aus eigener Kraft und eigenem Willen Gott zuwenden kann oder ob er für diesen Schritt auf die Gnade Gottes angewiesen ist kontrovers diskutiert. Die katholische Kirche vertritt die Position der Entscheidungsfreiheit des Menschen und lehnt damit jede Art von göttlicher Beeinflussung ab. Der Mensch ist frei, die in der Heiligen Schrift überbrachten Gebote und ethischen Richtlinien anzunehmen oder zu verwerfen, sein Leben danach auszurichten oder nicht. Auch die reformierten Kirchen haben sich heute zu dieser Position durchgerungen. Hingegen ist der freie Wille des Menschen insofern eingeschränkt, als er mit der Erbsünde belastet ist. Die evidente Tatsache, daß alle Handlungen jedes Menschen unvollkommen sind und er immer auch und immer wieder Fehler begeht wird hier in einer Kausalkette auf die dogmatische Behauptung der Erbsünde zurückgeführt.

3. Die Verantwortung

Gesteht ein Gesellschaftsentwurf dem Menschen den freien Willen zu, dann folgert daraus, daß letzterer für seine Taten Verantwortung zu tragen hat. Daher wird in den Rechtssystemen westlicher Demokratien jeder volljährige Bürger und jede volljährige Bürgerin grundsätzlich als mündig und damit rechts- und schuldfähig angesehen.

Demgegenüber muß man einen islamischen Staat als Klassengesellschaft bezeichnen, denn es werden nicht jedem Menschen die gleichen Rechte zugestanden, will heissen Gläubige, dhimmis und Sklaven tragen nicht die selbe gesellschaftliche Verantwortung. Damit ist für die entrechteten Nicht-muslime auch der freie Wille bzw. seine Entfaltung in der Welt eingeschränkt:

Sklaven im Koran
dhimmitude und Schutzgelderpressung

Darüber hinaus sind auch Frauen den Männern rechtlich nicht gleichgestellt. Das kommt in vielen koranischen Bestimmungen zum Ausdruck, unter anderem auch im schariatischen Zeugenrecht, im Erbrecht und im Eherecht.

Das Zeugenrecht in der scharia

So viel zum weltlichen Recht. Gegenüber Allah hat jeder Mensch – insbesondere bezüglich der Glaubensannahme – hingegen die volle Verantwortung. Dies obschon (wie unten ausgeführt) Allah aufgrund Seiner Prädestination alles bewirkt – auch die Taten der Menschen.

4. Das Vorwissen

„Vorwissen“ ist kein philosophischer sondern ein theologischer Begriff. Das Vorwissen Gottes über die in Seiner Schöpfung eintreffenden Ereignisse bis ans Ende der Zeit besagt lediglich, daß er entsprechend Seinem Allwissen den ganzen Weltenverlauf kennt. Auch wenn der Gedanke ungewohnt sein mag: Die Entscheidungsfreiheit des Menschen wird dadurch nicht negiert. Der Allmächtige weiß einfach seit Anbeginn alles, was sich je ereignen wird. Tom Morris schreibt zu diesem scheinbaren Determinismus: „Gott weiß, daß Sie sich für eine Handlung A in Freiheit so entschieden haben. Der Augenblick, kurz bevor Sie dann in Übereinstimmung mit A auch handeln, ist dann kein Augenblick, in dem Ihnen die Wahlmöglichkeit, Kraft oder Gelegenheit fehlt, etwas anderes als A zu tun, sondern vielmehr ein Augenblick, in dem Sie tatsächlich Ihren freien Willen benutzen, um Handlung A zu wählen. Wenn Sie dann gefragt werden: ‚Wie hättest du überhaupt etwas anderes machen können, wenn Gott, der sich ja nicht irren kann, wusste, daß du A auch tun würdest?’, so ist die Antwort darauf: ‚Wenn man etwas anderes als A getan hätte, dann hätte Gott immer schon etwas anderes gewusst als das, was er weiß, nämlich daß Sie sich für etwas anderes als A entscheiden würden.’“ (Tom Morris, Philosophie für Dummies, Wiley-VCH Verlag GmbH, Weinheim, 2012, Seite 159)

Durch dieses postulierte Vorwissen aller Ereignisse, welches selbstredend die Konsequenz von Gottes Allwissen ist, eröffnet sich für die Menschen allerdings ein sehr unbefriedigendes moralisches Spannungsfeld: Was ist der Sinn von Gottes Schöpfung, wenn Er schon am Anfang weiß, daß sie so viel Ungerechtigkeit und Schmerz beinhaltet? Das ist allerdings ein Problem der ► Theodizee und kann hier nicht abgehandelt werden.

5. Prädestination

Auch „Prädestination“ oder „Vorherbestimmung“ ist ein theologischer Begriff. Er beschreibt nicht das Schicksal sondern die Ursache desselben, indem er als bestimmendes Agens des menschlichen Geschicks Gottes Willen setzt. Er benennt die endgültige Festlegung des menschlichen Lebens schon vor seinem eigentlichen Vollzug und meint demnach die Vorherbestimmung des ganzen menschlichen Lebensverlaufes  oder von dessen Bewertung durch Gott.

Jean Calvin vertrat nicht die Lehre der Vorherbestimmung jeder einzelnen Handlung eines jeden Menschen durch Gott sondern „nur“ der grundsätzlichen Prädestination entweder zur Seligkeit (ohne Verdienst) oder zur Verdammnis (ohne Schuld) als „doppelte Prädestination“. Das ist „die ewige Anordnung Gottes, derzufolge er bei sich beschloss, was aus jedem Menschen werden sollte nach seinem Willen. Denn sie werden nicht alle mit der gleichen Bestimmung geschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis im Voraus verordnet.“ (Johannes Calvin, Institutio Christianae religionis III, XXI, 5) So perfid diese Lehre auch sein mag; es handelt sich dabei „lediglich“ um die vorausbestellte Beurteilung des Menschen beim Jüngsten Gericht und nicht um die grundsätzliche Negierung seines freien Willens. Denn dadurch, daß sich der Gläubige gehörig anstrengt, was immerhin aus seinem freien Willen heraus geschieht (oder aus der Angst vor ewiger Verdammnis) kann er daran glauben zu den Auserwählten zu gehören. Calvin beabsichtigt mit diesem Konzept, die göttliche Allmacht und Unabhängigkeit zu retten. Tatsächlich verkehrt er sie in ihr Gegenteil: Gott schränkt sich durch Seine eigenen Vorentscheidungen selber ein.

In der islamischen Heilsbotschaft finden wir die vollständige Prädestination ausformuliert. Sie ergibt sich aus Allahs Vorherbestimmung des ganzen Weltenverlaufs und eines jeden Lebens in der “Vor-Ewigkeit”. Er hat das alles noch vor Erschaffung der Welt im himmlischen Buch unwiderruflich festgeschrieben.

Die himmlischen Bücher
Das Inventar der Schöpfung

Im islamischen Glaubenssystem ist der dafür verwendete Ausdruck al-qadar, was so viel wie Allahs Verfügung oder Allahs Lenkung bedeutet. „Das Arabische Wort „qadar“ wird vor allem in den ahadith verwendet, „taqdir“ hingegen in den theologischen Schriften. Beide Begriffe bedeuten „zumessen“ oder „vorausbestellen“. (Thomas Patrick Hughes, A Dictionary of Islam, W.H. Allen & CO, 1895). Weil Er alles verfügt hat beansprucht Er logischerweise auch vollständige Bestimmungsmacht über diese Seine Schöpfung. Nichts fällt aus Seiner Kontrolle und Seinen unergründlichen Ratschluss. Demnach bewirkt Er jede Handlung eines jeden Menschen und auch alle Vorkommnisse in der Natur.

Die Vorherbestimmung im Islam besagt also, daß Allah das Schicksal Seiner Kreaturen festgelegt hat. Damit ist es nicht nur vorhergewußt sondern auch vorherbestimmt: „Vorherwissen und Vorherbestimmung scheinen untrennbar zu sein.“ (Encyclopaedia of the Qur’an, Brill, Leiden + Boston, 2006, Seite 244)

In diesem Sinne kann man Allahs Prädestination folgendermaßen beschreiben: eigener Wille und autonome Entscheidungsfreiheit des Menschen sind eigentlich gar nicht gegeben, denn sein Leben wird von Allahs Fügung und Führung (al-qadar) geleitet und permanent bestimmt. Die göttliche Prädestination funktioniert, um es in der Computersprache auszudrücken, als grundlegendes Betriebssystem welches jegliche Handlungsmöglichkeiten vorgibt bzw. einschränkt: „Allah zeigte dann auf einige der Nachkommen, welche Er aus Adam und seinen Kindern hervorgebracht hatte, dabei sagte Er: ’Ich habe diese Leute für das Paradies erschaffen und sie werden die Taten der Leute des Paradieses vollbringen.’ Danach zeigte Er auf den Rest und sagte: ’Ich habe diese Leute für das Höllenfeuer erschaffen und sie werden die Taten der Bewohner der Hölle vollbringen.’ Als der Prophet dies sagte, fragte einer der Gefährten: ’O Gesandter Allahs, was ist denn der Sinn, gute Taten zu vollbringen?’ Der Prophet antwortete: ’Wahrlich, wenn Allah einen Seiner Diener für das Paradies erschaffen hat, hilft Er ihm, die Taten der Leute des Paradieses zu tun, solange, bis er eine solche Tat vollbringt und stirbt. Dann setzt Er ihn wegen dieser Tat ins Paradies. Wenn Er aber einen Menschen für das Höllenfeuer erschaffen hat, hilft Er ihm, die Taten der Bewohner der Hölle zu erfüllen, solange, bis dieser eine solche vollbringend stirbt, dann wirft Er ihn deswegen ins Feuer.’“ (aus der authentischen Überlieferung von Umar Ibn al-Khattab, gesammelt von Abu Dawud, at-Tirmindhi und Ahmad, in: Hasan, Ahmad, Sunan Abu Dawud, Band 3, Seite 1318, Nr. 4686)

Zur Lenkung einer jeden Handlung des Menschen durch Allah schreibt der Islamwissenschaftler A. Th. Khoury: „Es hat nämlich den Anschein, als ob der Koran in bezug auf die menschliche Handlung zwei Ebenen unterscheiden würde. Auf der menschlichen Ebene bringt der Mensch seine Taten frei zustande und ist folglich für sie verantwortlich. Auf der Ebene der göttlichen Wirkung ist alles von Gott vorherbestimmt und wird auch von ihm unbeachtet der Mitwirkung des Menschen ausgeführt.“ (A. Th. Khoury, Der Koran, Übersetzung und Kommentar, Band 2, 1996, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, Seite 181)

Khoury versucht, die oben beschriebene, den Menschen zu einer Art Roboter degradierenden Konsequenz der islamischen Prädestinationslehre zu beschönigen; tatsächlich verschlimmert er die Situation noch, indem er behauptet, auf „der menschlichen Ebene“ bringe dieser „seine Taten frei zustande“. Der Mensch jedoch zappelt wie eine Marionette auf der Erde herum wobei Allah die Fäden in der Hand hält und den Menschen entsprechend Seiner Verfügung (al-qadar) zu dessen Schicksalsbestimmung führt – ein Schicksal, das Er schon vor der Geburt festgelegt hat.

 Einführung in die islamische Prädestinationslehre
 Prädestination und freier Wille

Wobei ja eben gerade und insbesondere die Befähigung, ein gottgefälliges Leben als muslim zu führen – oder eben nicht – vorherbestimmt ist. Entsprechend der Wichtigkeit dieses zentralen Themas in der islamischen Heilslehre präzisiert der Koran die Prädestination der Ungläubigen zum Unglauben in unzähligen Versen. Sie behandeln eine spezielle Version fortgesetzter göttlicher Einflußnahme: Allahs Irreleitung der Ungläubigen:

Irreleitung
Verse zur Irreleitung

Durch das Postulat von Allahs unumschränkter Bestimmungsmacht in Verbindung mit Seiner vollkommenen Prädestination muß man auch hier (wie bei Calvin) auf einen paradoxen Umstand hinweisen: Allah schränkt Sich und Seine Allmacht durch die von Ihm gesetzte Vorherbestimmung selber ein.

 

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