Der „Heilige Krieg“ und das Tor des ijtihad

Robert Spencer

(Ausschnitt aus dem Artikel „Pure Islam“ and Michael van der Galiën)

Alle orthodoxen Schulen der islamischen Rechtswissenschaft lehren, daß es ein Teil der Verpflichtung der muslimischen Gemeinde sei, Krieg gegen die Ungläubigen zu führen und sie zu unterwerfen.

Shafi’i Schule: Ein Leitfaden der islamischen Rechtsschule der Schafiiten wurde 1991 von den Gelehrten der Al-Azhar Universität – einer der führenden Lehranstalten in der islamischen Welt – als verlässlicher Führer zur orthodoxen sunnitische Lehre erklärt. Er bestimmt, daß „der Kalif mit den Juden, den Christen und den Zoroastriern Krieg führt … bis sie den Islam annehmen oder die Schutzgeldsteuer bezahlen.“ Ein Kommentar von Scheich Nuh ’Ali Salman, einem jordanischen Experten der islamischen Rechtswissenschaft, ergänzt, daß der Kalif diesen Krieg nur „unter der Bedingung führt, daß er zuerst die Juden, Christen und Zoroastrier einlädt, den Islam in Glaube und Praxis anzunehmen. Wenn sie dies nicht tun, dann lädt er sie ein, sich in die soziale Rangordnung des Islam einzuordnen und die Schutzgeldsteuer (giziya) des Nicht-Muslims zu bezahlen und in seiner abgestammten Religion zu bleiben.“ (’Umdat al-Salik, o9.8)

Natürlich gibt es heute keinen Kalifen mehr. Darum hört man oft die Behauptung, daß Osama bin Laden et al. einen illegitimen Krieg führen würden, weil keine Staatsautorität ihren jihad abgesegnet habe. Die jihadisten erklären ihre Handlungen jedoch als defensiven jihad, zu dem auch ohne Staatsautorität aufgerufen werden kann, und der „für jedermann zwingend wird“ (’Umdat al-Salik „Reliance of the Traveller“, o9.3), wenn ein islamisches Land angegriffen wird. Das Ende des defensiven jihad wird jedoch nicht ein friedliches egalitäres Zusammenleben mit Nicht-Muslimen sein: ’Umdat al-Salik legt fest, daß der Krieg gegen die Ungläubigen fortdauern soll, bis sich „die letztendliche Wiederkunft von Jesus“ ereignet hat. Nachher wird von ihnen „nichts mehr als der Islam akzeptiert werden, denn die Eintreibung der Schutzgeldsteuer wird nur bis zu Jesus’ Wiederkunft in Kraft bleiben.“ (o9.8)

Hanafi Schule: ein Leitfaden der islamischen Rechtsschule der Hanafiten wiederholt dieselben Verfügungen. Er betont, daß die Ungläubigen eingeladen werden müssen den Islam anzunehmen, bevor man sie bekämpft. „Denn der Prophet hat seine Kommandanten dahingehend instruiert, die Ungläubigen zum Glauben zu rufen.“ Er betont, daß jihad nicht für ökonomische, sondern nur für religiöse Zwecke geführt werden darf: Durch den Ruf zum Islam „werden die Menschen von nun an verstehen, daß sie um der Religion willen angegriffen werden und nicht, um ihres Vermögens beraubt zu werden oder für die Versklavung ihrer Kinder. Es ist dann möglich, daß sie sich, nachdem sie dies in Betracht gezogen haben, dazu bewegen lassen, dem Ruf zu folgen um den Kriegsleiden aus dem Weg zu gehen.“

Wenn jedoch „die Ungläubigen, nachdem sie den Ruf vernommen haben ihm weder Folge leisten noch die Schutzgeldsteuer bezahlen (giziya), dann liegt es an den Muslimen, Allah um Hilfe zu bitten um die Ungläubigen zu bekriegen, denn Allah ist der Helfer aller, welche Ihm dienen und Er ist der Zerstörer Seiner Feinde, der Ungläubigen und es ist nötig, Ihn bei jeder Gelegenheit um Hilfe anzuflehen. Denn der Prophet gebietet uns, dies zu tun.“ (Al-Hidayah, II.140)  

Maliki Schule: Ibn Khaldun (1332-1406) war ein bahnbrechender Historiker, ein Philosoph und ein Rechtsgelehrter der Schule der Malikiten. In seinem berühmten Werk Muqaddimah, das erste in geschichtlicher Theorie, erklärt er, daß “in der muslimischen Gemeinde der heilige Krieg eine religiöse Pflicht ist. Der Grund dafür ist die weltumspannende muslimische Mission und Verpflichtung, jedermann zum Islam zu bekehren, entweder durch Überzeugung oder durch Gewalt.“ Im Islam ist die Person welcher die religiösen Geschäfte obliegt, in „Machtpolitik“ verwickelt, denn der Islam „hat die Verpflichtung, Macht über andere Nationen zu erlangen.“

Hanbali Schule: Der bedeutende mittelalterliche Theoretiker Ibn Taymiyya (Taqi al-Din Ahmad Ibn Taymiyya) war ein Jurist der Hanbali-Schule und Vater desjenigen Islams, der heute als radikal oder fundamentalistisch bezeichnet wird. Er ordnete an, daß „weil gesetzlich erlaubte Kriegsführung grundsätzlich jihad ist, und weil dessen Ziel es ist, daß die Religion allein Allah gehört und Sein Wort das Höchste ist, alle Muslime diejenigen bekämpfen müssen, welche diesem Ziel im Weg stehen.“

Natürlich sind dies alles extrem alte Autoritäten; man könnte also vernünftigerweise annehmen, daß es – was immer sie auch gesagt haben – heute unmöglich noch die übereinstimmende islamische Lehrmeinung sein kann. Die amerikanischen Gesetze haben sich seit der Einführung der Konstitution – welche zwischenzeitlich selbst abgeändert worden ist – beträchtlich entwickelt. Warum könnte dies nicht auch für die islamische Gesetzgebung gelten? Viele Beobachter nehmen an, daß dem so ist, und daß die Abkehr der zeitgenössischen jihadisten von der allgemeinen islamischen Lehrmeinung in ihrer Vorliebe für die Schriften der althergebrachten und nicht der modernen Juristen liegt. Unglücklicherweise unterlassen es diese Beobachter, die Auswirkungen der geschlossenen Tore des ijtihad in Betracht zu ziehen.

ijtihad ist der Prozess der Entscheidungsfindung für ein spezifisches islamisches Gesetz durch das Studium des Koran, und der Sunnah. Seit den Anfängen des Islam war das autoritative Studium solcher Quellen für eine auserwählte Anzahl von Schriftgelehrten, welche sich durch gewisse Qualifikationen auszeichnen, reserviert. Diese Qualifikationen beinhalten eine umfassende Kenntnis von Koran und sunnah, das Wissen über die Prinzipien analogen Denkens (qiyas), durch dessen Anwendung Gesetze hergeleitet werden, sowie Kenntnis des Konsens (ijma) über beliebige Fragen betreffend Mohammed, seine nächsten Gefährten und die Schriftgelehrten der Vergangenheit. Zu dieser Liste kommt noch die Forderung nach einer untadeligen Lebensführung dazu. Die Begründer der islamischen Rechtsschulen sind in dieser kleinen Gruppe von Schriftgelehrten, den mujtahedin zu finden. Nur sie sind qualifiziert, Ijtihad auszuüben. Sie alle lebten jedoch vor langer Zeit. Während vieler Jahrhunderte ist den Muslimen abgeraten worden, das eigenständige Studium von Koran und sunnah zu pflegen. Es wird vielmehr von ihnen erwartet, daß sie sich an die Regeln dieser etablierten Schulen halten. Seit dem Tod von Ahmed ibn Hanbal (nach ihm wurde die Schule gleichen Namens benannt) im Jahre 855 A.D. wurde niemand mehr von der Gemeinde der Sunniten als ein herausragender mujtahid  anerkannt. Das heißt als jemand, der qualifiziert ist, eigene Gesetzgebungen zu erlassen, welche direkt auf dem Koran und der sunnah und nicht auf den Befunden von früheren mujtahedin basieren. 

Der islamische Schriftgelehrte Cyril Glasse bemerkt, daß „das Tor von ijtihad schon seit 900 Jahren geschlossen ist und daß seither die Rechtswissenschaft (fiqh) lediglich Kommentare über Kommentare und Marginalien geliefert hat.“

Quelle: www.jihadwatch.org/archives/2007/11/018752print.html

Comments are closed.