Strafgesetze der Islamischen Republik Iran

übersetzt und eingeleitet von Dr. Silvia Tellenbach

Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht, Freiburg i.Br.
ISBN 311 0148846
Walter de Gruyter . Berlin . New York

Die hadd-Strafen

Erstes Kapitel

Die hadd-Strafen für unerlaubten Geschlechtsverkehr 12)

12) Zina: Häufig unrichtig mit Ehebruch oder gar Unzucht übersetzt. Der Begriff bezeichnet jeden Geschlechtsverkehr, der nicht durch Ehe (früher auch durch ein Sklavenverhältnis) legitimiert ist.

ERSTER ABSCHNITT
Definition und Strafgrund bei hadd-Strafen für unerlaubten Geschlechtsverkehr

Art. 63 – Unerlaubter Geschlechtsverkehr ist die geschlechtliche Vereinigung eines Mannes mit einer Frau, mit der ihm diese verboten ist, auch durch Analverkehr oder auf ähnliche Weise, sofern nicht ein Irrtumsfall vorliegt.

Art. 64 – Der unerlaubte Geschlechtsverkehr zieht eine hadd-Strafe nach sich, wenn beim Täter bzw. der Täterin folgende Eigenschaften vorlagen: Mündigkeit, geistige Gesundheit, Freiwilligkeit, Kenntnis der Vorschrift und der Tatsachen.

Art. 65 – Wissen eine Frau oder ein Mann, daß der Geschlechtsverkehr mit dem jeweils anderen verboten ist, weiß dieser das aber nicht, sondern vermutet es nur, so ist die Tat für ihn erlaubt; wer jedoch in Kenntnis des Verbots handelt, wird zu der hadd-Strafe für unerlaubten Geschlechtsverkehr verurteilt.

Art; 66 – Behaupten ein Mann und eine Frau, die miteinander Geschlechtsverkehr haben, sich geirrt oder in Unkenntnis des Verbots gehandelt zu haben, so wird die Behauptung ohne Zeugen und Eid für wahr angesehen, wenn die Wahrscheinlichkeit besteht, daß sie aufrichtig sind, und die hadd-Strafe entfällt.

Art. 67 – Behauptet ein Mann oder eine Frau, daß er bzw. sie zum unerlaubten Geschlechtsverkehr gezwungen worden sei, so wird diese Behauptung für wahr angesehen, wenn das Gegenteil nicht zweifelsfrei feststeht.

ZWEITER ABSCHNITT
Gerichtliche Beweismittel für den unerlaubten Geschlechtsverkehr

Art. 68 Gesteht ein Mann oder eine Frau viermal vor dem Richter den unerlaubten Geschlechtsverkehr, so wird er bzw. sie zu einer hadd-Strafe verurteilt. Wenn er bzw. sie weniger als viermal gesteht, so ist eine taczir-Strafe verwirkt.

Art. 69 – Das Geständnis ist rechtserheblich, wenn beim Gestehenden folgende Eigenschaften vorliegen: Mündigkeit, geistige Gesundheit, Freiwilligkeit und Vorsatz.

Art. 70 – Das Geständnis muß klar oder zumindest so eindeutig zu verstehen sein, daß keine vernünftige Möglichkeit für das Gegenteil besteht.

Art. 71 – Gesteht eine Person einen unerlaubten Geschlechtsverkehr und leugnet ihn später, so entfällt die hadd-Strafe, wenn sie einen unerlaubten Geschlechtsverkehr gestanden hat, auf den Tötung oder Steinigung stehen. In den anderen Fällen läßt ein Leugnen nach einem Geständnis die hadd-Strafe nicht entfallen.

Art. 72 – Gesteht eine Person einen unerlaubten Geschlechtsverkehr, auf den eine hadd-Strafe steht, und bereut ihn später, so kann der Richter einen Antrag auf Begnadigung beim Herrscher 13) stellen oder die hadd-Strafe anwenden.

13)  Wali I-amr. wörtlich: Sachwalter.

Art. 73 – Wird eine Frau schwanger, die keinen Ehemann hat, so begründet die Tatsache der Schwangerschaft allein keine hadd-Strafe, außer wenn mit einem der in diesem Gesetz genannten Beweismittel ein unerlaubter Geschlechtsverkehr bewiesen wird.

Art. 74 Der unerlaubte Geschlechtsverkehr wird durch vier rechtschaffene männliche Zeugen oder durch drei rechtschaffene männliche und zwei rechtschaffene weibliche Zeugen bewiesen, und zwar sowohl in dem Fall, in dem auf die Tat die hadd-Strafe der Auspeitschung, als auch in dem Fall, in dem auf die Tat die hadd-Strafe der Steinigung steht.

Art. 75 – Steht auf den unerlaubten Geschlechtsverkehr nur die hadd-Strafe der Auspeitschung, so kann er auch durch das Zeugnis von zwei unbescholtenen Männen und vier unbescholtenen Frauen bewiesen werden.

Art. 76 – Das Zeugnis von Frauen allein oder zusammen mit dem Zeugnis eines einzigen unbescholtenen Mannes beweist den unerlaubten Geschlechtsverkehr nicht, vielmehr wird gegen derartige Zeugen die hadd-Strafe wegen Verleumdung angewendet.

Art. 77 – Das Zeugnis des Zeugen muß klar und zweifelsfrei sein und auf eigener Beobachtung beruhen; ein Zeugnis vom Hörensagen ist unbeachtlich.

Art. 78 – Sagen die Zeugen zum Gegenstand ihres Zeugnisses über Einzelheiten aus, so dürfen die Aussagen hinsichtlich Ort und Zeit und vergleichbare Umstände nicht voneinander abweichen. Im Fall von Abweichungen bei den Zeugenaussagen ist der unerlaubte Geschlechtsverkehr nicht nur nicht bewiesen, vielmehr werden die Zeugen noch zu einer hadd-Strafe wegen Verleumdung verurteilt.

Art. 79 – Die Zeugen müssen ihr Zeugnis einer nach dem anderen ablegen. Legen einige von ihnen das Zeugnis ab und erscheinen die anderen nicht unmittelbar darauf oder legen nicht unmittelbar darauf ihr Zeugnis ab, so ist der unerlaubte Geschlechtsverkehr nicht bewiesen. In diesem Fall werden die Zeugen mit einer hadd-Strafe wegen Verleumdung belegt.

Art. 80 – Außer in den Fällen, die in den folgenden Artikeln genannt sind, muß die hadd-Strafe sofort vollstreckt werden.

Art. 81 – Bereut die Frau oder der Mann, die einen unerlaubten Geschlechtsverkehr begangen haben, bevor die Zeugen ausgesagt haben, so entfällt die hadd-Strafe. Bereuen sie dagegen erst nachdem die Zeugen ausgesagt haben, so entfällt die hadd-Strafe nicht.

DRITTER ABSCHNITT
Arten der hadd-Strafe für unerlaubten Geschlechtsverkehr

Art. 82 – In den folgenden Fällen ist die hadd-Strafe die Todesstrafe, wobei es keinen Unterschied macht, ob jemand jung ist oder nicht, 14) oder ob jemand muhsin ist oder nicht. 15)

14) Nach einer Mindermeinung in der schiitischen Lehre sollen Alte (d.h. Erfahrene) noch zusätzlich ausgepeitscht werden.

15) Vgl. die gesetzliche Definition in Art. 83.

a) Der unerlaubte Geschlechtsverkehr zwischen Personen, wenn ein Eheverbot wegen Verwandtschaft besteht;

b) der unerlaubte Geschlechtsverkehr mit der Frau des Vaters führt zur Hinrichtung des Täters;

c) der unerlaubte Geschlechtsverkehr eines Nichtmuslims mit einer Muslimin führt zur Hinrichtung für denjenigen, der den Geschlechtsverkehr vollzieht;

d) der unerlaubte Geschlechtsverkehr unter Anwendung von Gewalt führt zur Hinrichtung für denjenigen, der die Gewalt anwendet.

Art. 83 – In den folgenden Fällen ist die hadd-Strafe die Steinigung.

a) Der unerlaubte Geschlechtsverkehr eines Mannes, der muhsin ist, d.h. eines Mannes, der eine ständige Gattin 16) hat, ihr beigewohnt hat und ihr zu jeder Zeit, die er möchte, beiwohnen kann, zieht die Steinigung nach sich;

16) Die Schiiten (nicht aber die Sunniten) kennen zwei Formen von Ehe, die unbefristete Vollehe und die Zeitehe (mut’a), die von vornherein nur für bestimmte Zeit geschlossen wird und der Frau weniger Rechte gibt.

b) der unerlaubte Geschlechtsverkehr einer Frau, die muhsina ist, d.h. einer Frau, die einen ständigen Ehemann hat, der mit ihr die Ehe, während sie geistig gesund war, vollzogen hat und die die Möglichkeit hat, mit ihrem Mann Geschlechtsverkehr zu haben, zieht die Steinigung nach sich, wenn sie unerlaubten Geschlechtsverkehr mit einem mündigen Mann hatte;

Erläuterung: Der unerlaubte Geschlechtsverkehr einer Frau, die muhsina ist, mit einem unmündigen Mann zieht die hadd-Strafe der Auspeitschung nach sich.

Art. 84 – An einem alten Mann bzw. einer alten Frau, die einen unerlaubten Geschlechtsverkehr gehabt haben, und die die Bedingungen des muhsin-Seins erfüllen, wird vor der Steinigung auch die Strafe der Auspeitschung vollzogen.

Art. 85 – Eine vorläufige Scheidung vor Ablauf der Wartefrist entläßt Mann und Frau nicht aus dem Status des muhsin-Seins, sondern erst ihre endgültige Scheidung.17)

17) Je nach der verwendeten Scheidungsformel endet die Ehe sofort oder läßt dem Mann ein Widerrufsrecht bis zum Ende der cidda, d.h. der etwa viermonatigen Frist, während der sich eine verwitwete oder geschiedene Frau nicht wieder verheiraten darf.

Art. 86 – Der unerlaubte Geschlechtsverkehr eines Mannes oder einer Frau, die einen ständigen Ehegatten haben, die aber wegen einer Reise, Haft oder ähnlicher berechtigter Gründe nicht mit ihm zusammen sein können, wird nicht mit der Steinigung bestraft.

Art. 87 – Der verheiratete Mann, der vor dem Vollzug der Ehe einen unerlaubten Geschlechtsverkehr vollzieht, wird zur hadd-Strafe der Auspeitschung, des Kahlscherens des Kopfes und zu einem Jahr Verbannung verurteilt.

Art. 88 – Die hadd-Strafe für den unerlaubten Geschlechtsverkehr von Männern und Frauen, bei denen die Voraussetzungen des muhsin-Seins nicht vorliegen, ist hundert Peitschenhiebe.

Art. 89 – Die Wiederholung des unerlaubten Geschlechtsverkehrs vor der Vollstreckung der hadd-Strafe führt nicht zur Wiederholung der hadd-Strafe, wenn die Strafen gleichartig sind; sind die Strafen jedoch ungleichartig, wenn z.B. ein Teil in Auspeitschung und ein anderer Teil in der Steinigung besteht, so wird vor der Steinigung des Täters die hadd-Strafe der Auspeitschung vollzogen.

Art. 90 – Vollzieht ein Mann oder eine Frau mehrmals einen unerlaubten Geschlechtsverkehr und wurde jedesmal die hadd-Strafe an ihm bzw. an ihr vollstreckt, so wird er bzw. sie beim viertenmal getötet.

Art. 91 – Solange eine Frau schwanger ist oder stillt, wird die hadd-Strafe der Tötung oder Steinigung nicht vollstreckt; dasselbe gilt für die Zeit nach der Niederkunft, wenn das Neugeborene niemanden hat, der für es aufkommt und die Gefahr besteht, daß es stirbt; wird aber jemand gefunden, der für das Kind aufkommt, so wird die hadd-Strafe an der Mutter vollstreckt.

Art. 92 – Ist bei einer Frau, die schwanger ist oder stillt, durch die Vollstreckung der hadd-Strafe der Auspeitschung ein Schaden für das Ungeborene oder den Säugling zu befürchten, so wird die Vollstreckung der hadd-Strafe aufgeschoben, bis die Gefahr einer Schädigung nicht mehr besteht. 

Art. 93 – Wird ein Kranker oder eine übermässig menstruierende Frau zum Tode oder zur Steinigung verurteilt, so wird die hadd-Strafe vollstreckt. Wurden sie aber zur Auspeitschung verurteilt, so wird die Vollstreckung aufgeschoben, bis die Krankheit bzw. Menstruation vorbei ist.

Erläuterung: Die normale Menstruation hindert jedoch die Vollstreckung von hadd-Strafen nicht.

Art. 94 – Besteht bei einem Kranken keine Hoffnung auf Gesundung oder hält es der religiöse Richter aus Gründen des öffentlichen Interesses für angebracht, daß die hadd-Strafe auch im Krankheitsfall vollstreckt wird, so wird der Kranke ein einziges Mal mit einem Bündel aus Peitschen oder Gerten, das aus hundert einzelnen Teilen besteht, geschlagen, auch wenn nicht alle seinen Körper treffen.

Art. 95 – Wird der zu einer hadd-Strafe Verurteilte geisteskrank oder fällt er vom Islam ab, so entfällt die hadd-Strafe nicht.

Art. 96 – Die hadd-Strafe der Auspeitschung darf weder bei sehr kaltem noch bei sehr heißem Wetter vollstreckt werden.

Art. 97 – Die hadd-Strafe wird nicht auf dem Gebiet der Feinde des Islams angewendet.

VIERTER ABSCHNITT
Art der Vollstreckung der hadd-Strafen

Art. 98 – Wird eine Person zu mehreren hadd-Strafen verurteilt, so sind diese derart zu vollstrecken, daß keine von ihnen die Anwendung der anderen ausschließt; wird z.B. jemand zu Auspeitschung und Steinigung verurteilt, so muß zuerst die Auspeitschung vollstreckt werden und dann die Steinigung.

Art. 99 – Wird der unerlaubte Geschlechtsverkehr einer Person, die muhsin ist, durch ihr Geständnis bewiesen, so muß bei der Steinigung der religiöse Richter den ersten Stein werfen, danach erst die anderen Anwesenden. Wurde der unerlaubte Geschlechtsverkehr durch Zeugen bewiesen, so müssen zuerst die Zeugen, danach der religiöse Richter und dann die anderen Anwesenden die Steine werfen.

Erläuterung: Sind der Richter und die Zeugen nicht anwesend oder werfen sie den ersten Stein nicht, so hindert das die Vollstreckung der hadd-Strafe nicht. Diese muß in jedem Fall vollstreckt werden.

Art. 100 – Die hadd-Strafe der Auspeitschung muß ein Mann, der sich eines unerlaubten Geschlechtsverkehrs schuldig gemacht hat, im Stehen und bis auf die Schamteile unbekleidet erleiden; die Peitschenhiebe werden auf seinen ganzen Körper außer auf Kopf, Gesicht und Schamteile geschlagen.

Eine Frau, die sich eines unerlaubten Geschlechtsverkehrs schuldig gemacht hat, wird im Sitzen und bekleidet ausgepeitscht.

Art. 101 – Der religiöse Richter soll die Bevölkerung vom Zeitpunkt der Vollstreckung einer hadd-Strafe unterrichten; bei der Vollstreckung der hadd-Strafe muß eine Anzahl von Gläubigen anwesend sein, die nicht weniger als drei betragen darf.

Art. 102 – Bei der Steinigung wird der Mann bis unter den Gürtel und die Frau bis unter die Brust in eine Grube eingegraben. Dann wird die Steinigung vollstreckt.

Art. 103 – Flieht der zur Steinigung Verurteilte aus der Grube, in die er gesteckt worden ist, so wird er, falls der unerlaubte Geschlechtsverkehr durch Zeugen bewiesen wurde, zur Vollstreckung zurückgebracht. Wurde dieser jedoch durch ein Geständnis bewiesen, so wird er nicht zurückgeholt. 

Erläuterung: Flieht dagegen der zur Auspeitschung Verurteilte, so wird er in jedem Fall zur Vollstreckung der hadd-Strafe der Auspeitschung zurückgeholt.

Art. 104 – Die Steine dürfen bei einer Steinigung nicht so groß sein, dafl die Person getötet wird, wenn sie von einem oder zwei davon getroffen wird und auch nicht so klein, dafl man sie nicht mehr als Stein ansehen kann.

Art. 105 – Der religiöse Richter kann bei Rechten Gottes und Rechten der Menschen nach seinem Wissen verfahren und göttliches Recht anwenden. Er muß angeben, worauf sich sein Wissen gründet. Bei Rechten Gottes hängt die Vollstreckung nicht von dem Begehren einer Person ab. Bei Rechten von Menschen ist dagegen die Vollstreckung der hadd-Strafe von dem Begehren des Rechtsinhabers abhängig.

Art. 106 – Der unerlaubte Geschlechtsverkehr zu geheiligten Zeiten wie den schiitischen Festen, dem Ramadan oder dem Freitag und an heiligen Orten wie den Moscheen wird über die hadd-Strafe hinaus auch mit taczir-Strafen belegt.

Art. 107 – Bei der Vollstreckung der hadd-Strafe der Steinigung müssen die Zeugen anwesend sein. Sind sie abwesend, so entfällt zwar die hadd-Strafe nicht, wohl aber wenn sie fliehen.

Zweites Kapitel

Die hadd-Strafen wegen Homosexualität

ERSTER ABSCHNITT
Definition und Strafdrohungen für hadd-Strafen wegen Homosexualität

Art. 108 – Homosexueller Verkehr ist der geschlechtliche Verkehr eines Mannes mit einem Mann durch Eindringen des Gliedes oder beischlafähnliche Handlungen.

Art. 109 – Der aktive und der passive Teilnehmer des homosexuellen Verkehrs werden beide mit hadd-Strafen bestraft.

Art. 110 – Die hadd-Strafe für Homosexualität in der Form des Verkehrs ist die Todesstrafe. Die Tötungsart steht im Ermessen des religiösen Richters.

Art. 111 – Der homosexuelle Verkehr zieht dann die Todesstrafe nach sich, wenn der aktive und der passive Täter mündig und geistig gesund sind sowie aus freiem Willen gehandelt haben.

Art. 112 – Hat ein Mann, der mündig und geistig gesund ist, mit einem Unmündigen homosexuellen Verkehr, so wird er getötet, und der passive Teilnehmer, wenn er nicht gezwungen wurde, mit einer taczir-Strafe von bis zu vierundsiebzig Peitschenhieben bestraft.

Art. 113 – Hat ein Unmündiger mit einem anderen Unmündigen homosexuellen Verkehr, so werden sie mit einer taczir-Strafe von bis zu vierundsiebzig Peitschenhieben bestraft, außer wenn einer von ihnen gezwungen wurde.

ZWEITER ABSCHNITT
Die gerichtlichen Beweismittel für Homosexualität

Art. 114 – Die hadd-Straftat der Homosexualität wird für den Gestehenden durch ein viermaliges Geständnis vor dem religiösen Richter bewiesen.

Art. 115 – Ein weniger als viermaliges Geständnis zieht keine hadd-Strafe nach sich, der Gestehende wird vielmehr mit einer taczir-Strafe bestraft.

Art. 116 – Das Geständnis ist rechtserheblich, wenn der Gestehende mündig und geistig gesund ist und es freiwillig und mit Vorsatz ablegt.

Art. 117 – Ein homosexueller Verkehr wird durch das Zeugnis von vier rechtschaffenen Männern bewiesen, die ihn mit eigenen Augen gesehen haben.

Art. 118 – Legen weniger als vier rechtschaffene Männer Zeugnis ab, so ist der homosexuelle Verkehr nicht bewiesen, und die Zeugen werden wegen Verleumdung verurteilt.

Art. 119 – Das Zeugnis von Frauen beweist für sich allein oder zusammen mit dem von Männern einen homosexuellen Verkehr nicht.

Art. 120 – Der religiöse Richter kann nach seinem Wissen, das er auf allgemein üblichem Wege erlangt hat, ein Urteil fällen.

Art. 121 – Die hadd-Strafe für beischlafähnliche oder vergleichbare Handlungen zwischen zwei Männern ohne Eindringen des Gliedes ist für jeden hundert Peitschenhiebe.

Erläuterung: Falls der aktive Teil ein Nichtmuslim ist und der passive Teil ein Muslim, ist die hadd-Strafe für den aktiven Teil die Todesstrafe.

Art. 122 – Werden die beischlafähnlichen oder vergleichbaren Handlungen dreimal wiederholt und ist jedesmal eine hadd-Strafe verhängt worden, so ist die hadd-Strafe beim viertenmal die Todesstrafe.

Art. 123 – Liegen zwei Männer, die nicht miteinander blutsverwandt sind, ohne Notwendigkeit nackt unter derselben Decke, so werden beide mit einer taczir-Strafe von bis zu neunundneunzig Peitschenhieben bestraft.

Art. 124 – Wer einen anderen aus Wollust küßt, wird mit einer taczir-Strafe von bis zu sechzig Peitschenhieben bestraft.

Art. 125 – Wurden der homosexuelle Verkehr oder die beischlafähnlichen oder vergleichbaren Handlungen durch das Geständnis einer Person bewiesen und später bereut, so kann der Richter beim Herrscher einen Antrag auf Begnadigung stellen.

Art. 126 – Bereut eine Person, die homosexuellen Verkehr, beischlafähnliche oder vergleichbare Handlungen begangen hat, bevor die Zeugen ausgesagt haben, so entfällt die hadd-Strafe; bereut sie dagegen, nachdem die Zeugen ausgesagt haben, so entfällt die hadd-Strafe nicht.

Drittes Kapitel

Lesbische Liebe

Art. 127 – Lesbische Liebe ist das homosexuelle Spiel von Frauen mit einem Geschlechtsteil einer anderen Frau.

Art. 128 – Die gerichtlichen Beweismittel der lesbischen Liebe sind dieselben wie für Homosexualität.

Art. 129 – Die hadd-Strafe für lesbische Liebe ist für jeden hundert Peitschenhiebe.

Art. 130 – Die hadd-Strafe für lesbische Liebe wird gegen eine Person verhängt, die mündig und geistig gesund ist und aus freiem Willen und mit Vorsatz handelt.

Erläuterung: Bei der lesbischen Liebe gibt es keinen Unterschied zwischen aktiver und passiver Teilnehmerin, ebensowenig zwischen Muslimin und Nichtmuslimin.

Art. 131 – Wurde die lesbische Liebe dreimal wiederholt und ist jedesmal eine hadd-Strafe verhängt worden, so ist die hadd-Strafe beim viertenmal die Todesstrafe.

Art. 132 – Bereut die Täterin der lesbischen Liebe, bevor die Zeugen ausgesagt haben, so entfällt die hadd-Strafe; bereut sie dagegen, nachdem die Zeugen ausgesagt haben, so entfällt die hadd-Strafe nicht.

Art. 133 – Wird die lesbische Liebe durch das Geständnis einer Person bewiesen, die später bereut, so kann der religiöse Richter beim Herrscher einen Antrag auf Begnadigung stellen.

Art. 134 – Liegen zwei Frauen, die nicht miteinander blutsverwandt sind, ohne Notwendigkeit nackt unter derselben Decke, werden sie mit einer taczir-Strafe von unter hundert Peitschenhieben bestraft. Im Falle der Wiederholung der Tat und der taczir-Strafe erhalten sie beim drittenmal hundert Peitschenhiebe.

Viertes Kapitel

Kuppelei

Art. 135 – Die Kuppelei besteht darin, zwei oder mehr Personen zum unerlaubten Geschlechtsverkehr oder zum homosexuellen Verkehr zusammenzuführen.

Art. 136 – Die Kuppelei wird durch zweimaliges Geständnis bewiesen, wenn der Gestehende mündig und geistig gesund ist und es freiwillig und mit Vorsatz ablegt.

Art. 137 – . Die Kuppelei wird durch das Zeugnis zweier rechtschaffener Männer bewiesen,

Art. 138 – Die hadd-Strafe für Kuppelei besteht für einen Mann aus fünfundsiebzig Peitschenhieben und der Verbannung von drei Monaten bis zu einem Jahr, für eine Frau nur aus fünfundsiebzig Peitschenhieben.

Fünftes Kapitel

Verleumdung 18)

18) Qadf

Art. 139 – Die Verleumdung besteht darin, einem anderen einen unerlaubten Geschlechtsverkehr oder einen homosexuellen Verkehr nachzusagen.

Art. 140 – Die hadd-Strafe für Verleumdung ist achtzig Peitschenhiebe, gleichgültig ob der Verleumder ein Mann oder eine Frau ist.

Erläuterung 1: Die Verhängung der hadd-Strafe für Verleumdung hängt von einem Antrag des Verleumdeten ab.

Erläuterung 2: Sagt jemand einem anderen zwar nicht unerlaubten Geschlechtsverkehr oder Homosexualität nach, jedoch z.B. lesbische Liebe oder sonstige verbotene geschlechtliche Betätigung, so wird er zu höchstens vierundsiebzig Peitschenhieben verurteilt.

Art. 141 – Die Verleumdung muß klar und unzweideutig sein, und der Verleumder muß sich des Sinns seiner Worte bewußt sein, sogar wenn derjenige, der sie hört, sie nicht kennt.

Art. 142 – Sagt jemand zu seinem legitimen Sohn „Du bist nicht mein Sohn“, so wird er zu der hadd-Strafe für Verleumdung verurteilt, ebenso wird zur hadd-Strafe für Verleumdung wegen unerlaubten Geschlechtsverkehrs verurteilt, wer zum legitimen Sohn eines anderen sagt: „Du bist nicht sein Sohn.“

Erläuterung: Wenn in den obengenannten Fällen Anzeichen dafür gegeben sind, dafl keine Verleumdungsabsicht bestand, so wird die hadd-Strafe nicht verhängt. 

Art. 143 – Behauptet jemand gegenüber einem anderen, dieser habe mit einer Frau X unerlaubten Geschlechtsverkehr oder mit einem Mann Y homosexuellen Verkehr gehabt, so ist das eine Verleumdung des Angesprochenen, und derjenige, der sie ausspricht, wird zu einer hadd-Strafe verurteilt.

Art. 144 – Sagt jemand in der Absicht, einem anderen einen unerlaubten Geschlechtsverkehr vorzuwerfen, zu ihm z.B. Hurenweib, Hurenschwester oder Hurenmutter, so wird er in bezug auf die Person, der er den unerlaubten Geschlechtsverkehr nachsagt, zur hadd-Strafe für Verleumdung verurteilt und in bezug auf die angesprochene Person, die er mit diesem Schimpfwort beleidigt hat, zu einer taczir-Strafe von höchstens vierundsiebzig Peitschenhieben verurteilt.

Art. 145 – Jede Beleidigung, die verletzend auf denjenigen wirkt, der sie hört, aber keine Verleumdung erkennen läßt (wie z.B., daß jemand zu seiner Frau sagt, sie wäre keine Jungfrau mehr gewesen), zieht eine Verurteilung des Beleidigers zu höchstens vierundsiebzig Peitschenhieben nach sich.

Art. 146 – Eine Verleumdung zieht eine hadd-Strafe nach sich, wenn der Verleumder mündig und geistig gesund ist, freiwillig und mit Vorsatz handelt und wenn der Verleumdete ebenfalls mündig und geistig gesund ist, ferner Muslim und unbescholten. Fehlt dem Verleumder oder dem Verleumdeten eine der obigen Eigenschaften, so wird keine hadd-Strafe verhängt.

Art. 147 – Verleumdet jemand, der unmündig, aber einsichtsfähig ist, einen anderen, so wird er nach dem Ermessen des Richters gezüchtigt. Ebenso wird jemand, der mündig und geistig gesund ist und einen Unmündigen oder einen Nichtmuslim verleumdet, mit einer taczir-Strafe von höchstens vierundsiebzig Peitschenhieben belegt.

Art. 148 – Ist der Verleumdete hinsichtlich der ihm zur Last gelegten Tat offensichtlich nicht unbescholten, so wird keine hadd- oder taczir-Strafe gegen den Verleumder verhängt.

Art. 149 – Verleumden Verwandte einander, so werden sie zu hadd-Strafen verurteilt.

Erläuterung: Verleumdet der Vater oder der väterliche Großvater seinen Abkömmling, so wird er mit einer taczir-Strafe bestraft.

Art. 150 – Verleumdet ein Mann seine bereits gestorbene Ehefrau und hat diese keinen Erben aufler den Abkömmlingen mit diesem Mann, so wird keine hadd-Strafe verhängt. Hat die Frau aber einen Erben außer den Abkömmlingen mit diesem Mann, so wird eine hadd-Strafe verhängt.

Art. 151 – Verleumdet eine Person mehrere andere einzeln, so wird wegen der Verleumdung jedes einzelnen jeweils eine hadd-Strafe verhängt, sei es, daß alle zusammen die hadd-Strafe verlangen, sei es, daß sie sie einzeln fordern.

Art. 152 – Verleumdet eine Person mehrere andere mit einem einzigen Ausspruch, so wird, wenn jeder von ihnen einzeln eine hadd-Strafe fordert, für die Verleumdung eines jeden jeweils eine hadd-Strafe verhängt; verlangen sie dagegen gemeinsam die hadd-Strafe, so wird nur eine hadd-Strafe verhängt.

Art. 153 – Eine Verleumdung wird durch ein zweimaliges Geständnis oder durch das Zeugnis zweier rechtschaffener Männer bewiesen.

Art. 154 – Ein Geständnis ist rechtserheblich, wenn der Gestehende mündig und geistig gesund ist und es freiwillig und mit Vorsatz ablegt.

Art. 155 – Die Peitschenhiebe werden auf die übliche Bekleidung und mit mittlerer Stärke geschlagen.

Art. 156 – Die Peitschenhiebe dürfen nicht auf Kopf, Gesicht und Schamteile des Verleumders geschlagen werden.

Art. 157 – Hat jemand mehrmals verleumdet und ist jedesmal eine hadd-Strafe verhängt worden, so wird er beim viertenmal getötet.

Art. 158 – Sagt ein Verleumder nach Vollstreckung der hadd-Strafe:

„Was ich gesagt habe, ist wahr“, so wird er mit einer taczir-Strafe von bis zu vierundsiebzig Peitschenhieben bestraft.

Art. 159 – Wer jemanden mehrmals wegen derselben Sache, z.B. wegen unerlaubten Geschlechtsverkehrs, verleumdet, wird mit einer einzigen hadd-Strafe bestraft.

Art. 160 – Wer jemanden mehrmals wegen verschiedener Dinge z.B. wegen unerlaubten Geschlechtsverkehrs und Homosexualität verleumdet, wird mit mehreren hadd-Strafen bestraft.

Art. 161 – Die hadd-Strafe wegen Verleumdung entfällt in folgenden Fällen:

  1. wenn der Verleumdete den Verleumder bestätigt;

  2. wenn die Zeugen in der notwendigen Zahl die Tatsache, die Gegenstand der Verleumdung ist, bezeugen;

  3. wenn der Verleumdete oder alle seine Erben dem Verleumder verzeihen;

  4. wenn ein Mann gegen eine Frau nach der Verleumdung den lican 19) schwört.

19) Lican: Ein altertümliches Schwurverfahren, das bei dem Vorwurf des Ehebruchs angewendet wird, den ein Ehegatte gegen den anderen erhabt. Beschwört ein Ehegatte, der andere Ehegatte habe die Ehe gebrochen, und weist der andere diesen Vorwurf unter Eid zurück, so gilt die Ehe als aufgelöst. Damit ist das Verfahren erledigt, und keiner der Ehegatten wird wegen Ehebruchs oder Verleumdung bestraft.

Art. 162 – Verleumden zwei Personen sich gegenseitig, sei es mit gleichartigen, sei es mit verschiedenen Verleumdungen, dann entfällt die hadd-Strafe und jeder wird mit einer taczir-Strafe von bis zu vierundsiebzig Peitschenhieben bestraft.

Art. 163 –  Wird eine hadd-Strafe weder vollstreckt noch Verzeihung gewährt, so wird der Strafspruch auf den Erben übertragen.

Art. 164 –  Das Recht, eine hadd-Strafe für Verleumdung zu verlangen, wird auf alle Erben außer den Ehemann und die Ehefrau übertragen, und jeder Erbe kann sie verlangen, auch wenn die anderen Erben verzeihen haben.

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