Landnahme von Kanaan

vergleiche: ► Sind Judentum und Christentum so gewalttätig wie der Islam?

Das AT (Alte Testament) ist nicht als Geschichte Alt-Israels zu verstehen, das heißt, die darin beschriebenen Begebenheiten decken sich nur in sehr groben Zügen mit der historischen Wirklichkeit des vorderen Orients zwischen 1500 v.Chr. und der Zeitwende (Christi Geburt). Zweifellos muß man entsprechend dem Stand der heutigen Bibelforschung feststellen: Bei der Kompilation des AT stand die Festschreibung eines religiösen Mythos im Vordergrund. Im babylonischen Exil (ab 587 v.Chr.) erschufen judäische Gelehrte die Grundlagen des Alten Testamentes: Als die Judäer ins Exil gezwungen werden, nehmen sie wahrscheinlich ihre wichtigsten Texte mit, darunter Schriften, in denen geschichtliche Ereignisse, Erzählungen über Moses sowie religiöse Regeln festgehalten sind … Gelehrte und Priester beginnen nun, die überlieferten Texte neu auszulegen, sie systematisch zusammenzustellen und zu erweitern. Sie sind getrieben von der Suche nach einem Sinn für das Leid ihres Volkes, versuchen alles, um die judäische Identität fern der Heimat zu bewahren. Auf diese Weise entstehen große Teile des „Pentateuchs“ – jener fünf Bücher Mose, welche die Schöpfung der Welt, den Ursprung der israelitischen Geschichte und den Werdegang von Moses beschreiben … So formen sie den judäischen Glauben um …“ (GEO EPOCHE, Verlag Gruner + Jahr, Das Heilige Land, Violetta Rudolf, Wie die Bibel entsteht, Seite 54)

So hat die historische Bibelforschung zum Beispiel herausgearbeitet, daß die „eroberten Völker“ in Kanaan bereits in Trümmern lagen, als die Israeliten eingewanderten. Berühmtestes Beispiel ist Amalek. Die Israeliten hat die Amalekiter niemals vernichtet. Sie sind untergegangen, bevor auch nur ein Israelit nach der Wanderung durch die Wüste seinen Fuß in das Land gesetzt hat. Entsprechend der biblischen Saga haben die Israeliten sie mit Mann und Maus umgebracht. Dasselbe gilt für die Amoriter. Historisch ist vermutlich nicht ein ganzes Volk Israel aus der Wüste aus Ägypten rück-eingewandert, sondern eine Gruppe, die sich später mit der kanaanäisch-jebustischen Bevölkerung vermischt hat und nach der Landnahme das Volk Israel bildete. Die kanaanäischen Stadtstaaten waren zu jener Zeit bereits wirtschaftlich am Boden und erlebten durch Israel einen neuen Aufschwung.

Bei der Kompilation dieses neuen zusammenhängenden religiösen Mythos wurden geschichtliche Tatsachen, sofern überhaupt bekannt, zurechtgebogen. Sinn der religiösen Belehrung des teilweise neu erschaffenen Dogmas sollte unter anderem sein, nicht nur die Allmacht des israelitischen Gottes ins Zentrum zu stellen, sondern auch auf Strafen hinzuweisen, welche Er wegen Ungehorsams gegen Seine Gebote über die Welt im Allgemeinen (Sintflut etc.) und über verderbte Völker (Sein auserwähltes Volk eingeschlossen) im Speziellen zu bringen in der Lage ist.

Es macht also Sinn, das AT nicht als Geschichtsbuch zu lesen, sondern als die Heilige Schrift des Judentums. Es wurde, wie erwähnt, von judäischen Schriftgelehrten geschrieben und zwar als Richtschnur für das Volk Israel (und eben nur für die Israeliten), damit sie durch dessen Studium und die Befolgung der dort niedergelegten Gesetze des HERRN ein gottgefälliges Leben führen können  und sollen.

Bezüglich dem Thema dieser Arbeit, dem „Heiligen Krieg“, interessieren allerdings nur die Stellen im Alten Testament, die von Jahwe im Sinne der „Aufforderung zum Krieg gegen Andersgläubige“ offenbart wurden. Dazu untersuchen wir die einzige Begebenheit, welche für die dogmatische Ausarbeitung einer religiös gerechtfertigten Eroberungs- und Unterwerfungsstrategie überhaupt in Frage kommen könnte. Es ist der Auszug der Israeliten aus Ägypten und die Eroberung des Landes Kanaan:

4. Mose, Kapitel 34:1 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 2 Gebiete den Israeliten und sprich zu ihnen: Wenn ihr ins Land Kanaan kommt, so soll das Land, das euch als Erbteil zufällt, das Land Kanaan sein nach diesen Grenzen: 3 Der Südzipfel eures Gebietes soll sich erstrecken von der Wüste Zin an Edom entlang. Eure Grenze im Süden soll ausgehen vom Ende des Salzmeers, das im Osten liegt. 4 Und sie soll südlich vom Skorpionensteig sich hinaufziehen und hinübergehen nach Zin und weitergehen südlich von Kadesch-Barnea und gelangen nach Hazar-Addar und hinübergehen nach Azmon 5 und sich von Azmon ziehen an den Bach Ägyptens und ihr Ende sei an dem Meer.

6 Aber die Grenze nach Westen zu soll sein das große Meer und seine Küste. Das sei eure Grenze nach Westen. 7 Die Grenze nach Norden zu soll diese sein: Ihr sollt sie ziehen von dem großen Meer bis an den Berg Hor 8 und von dem Berge Hor bis dahin, wo es nach Hamat geht, dass die Grenze weitergehe bei Zedad 9 und auslaufe nach Sifron und ihr Ende sei bei Hazar-Enan. Das sei eure Grenze nach Norden.

10 Und ihr sollt die Grenze nach Osten ziehen von Hazar-Enan nach Schefam 11 und die Grenze gehe herab von Schefam nach Ribla östlich von Ajin. Danach gehe sie herab und ziehe sich hin längs der Höhen östlich vom See Kinneret 12 und komme herab an den Jordan, dass ihr Ende sei das Salzmeer. Das sei euer Land mit seiner Grenze ringsumher.

Die eigentliche Eroberung Palästinas und die Vernichtung der dort lebenden Völker hatten aber eine Vorgeschichte. Der HERR setzte schon Abraham über Seinen diesbezüglichen Plan in Kenntnis und zwar als der Patriarch selber im Lande Kanaan lebte:

1. Mose, Kapitel 13: 13 Die Leute von Sodom aber waren sehr böse und sündig vor dem HERRN. 14 Als nun Lot sich von Abram getrennt hatte, sprach der HERR zu Abram: Hebe deine Augen auf und sieh von der Stätte aus, wo du wohnst, nach Norden, nach Süden, nach Osten und nach Westen. 15 Denn all das Land, das du siehst, will ich dir und deinen Nachkommen geben für alle Zeit. 16 und will deine Nachkommen machen wie den Staub auf Erden. Kann ein Mensch den Staub auf Erden zählen, der wird auch deine Nachkommen zählen. 17 Darum mach dich auf und durchzieh das Land in die Länge und Breite, denn dir will ich’s geben.

Und weiter:

1. Mose, Kapitel 15:13 Da sprach der HERR zu Abram: Das sollst du wissen, daß deine Nachkommen werden Fremdlinge sein in einem Lande, das nicht das ihre ist; und da wird man sie zu dienen zwingen und plagen vierhundert Jahre. 14 Aber ich will das Volk richten, dem sie dienen müssen. Danach sollen sie ausziehen mit großem Gut. 15 Und du sollst fahren zu deinen Vätern mit Frieden und in gutem Alter begraben werden. 16 Sie aber sollen erst nach vier Menschenaltern wieder hierher kommen; denn die Missetat der Amoriter ist noch nicht voll.

Der HERR informiert Abraham sowohl über Seinen Plan, die zwölf Stämme Israels sehr zahlreich zu machen wie Staub auf Erden, als auch über die bevorstehende Versklavung der Israeliten durch die Ägypter vierhundert Jahre“. Ferner eröffnet der HERR Abraham, daß „die Missetat der Amoriter noch nicht vollist. Dieser Hinweis ist wichtig: Offenbar lebten die Völker, die zu Abrahams Zeiten im verheißenen Land wohnten (sie werden an dieser Bibelstelle nicht einzeln aufgeführt und als Amoriter zusammengefaßt) in verwerflicher Sünde und betreiben Götzendienst: „Die Leute von Sodom aber waren sehr böse und sündig vor dem Herrn“.

Der Plan des HERRN geht also dahin, diese verderbten Völker auszurotten und zwar dann, wenn ihr Maß an Sünde so übervoll ist, daß Er sie von der Erdoberfläche vertilgen will. An ihrer Statt sollen die Israeliten, mit denen Er einen Bund aufrichten wird, das Land besiedeln.

Gute vierhundert Jahre später, nach dem Auszug der Israeliten aus Ägypten greift der HERR, gemäß der Saga des Alten Testamentes, Seinen Plan wieder auf und spricht zu Moses:

2. Mose, Kapitel 23: 20 Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege und dich bringe an den Ort, den ich bestimmt habe. 21 Hüte dich vor ihm und gehorche seiner Stimme und sei nicht widerspenstig gegen ihn; denn er wird euer Übertreten nicht vergeben, weil mein Name in ihm ist. 22 Wirst du aber auf seine Stimme hören und alles tun, was ich dir sage, so will ich deiner Feinde Feind und deiner Widersacher Widersacher sein. 23 Ja, mein Engel wird vor dir hergehen und dich bringen zu den Amoritern, Hetitern, Perisitern, Kanaanitern, Hiwitern und Jebusitern, und ich will sie vertilgen. 24 Du sollst ihre Götter nicht anbeten noch ihnen dienen noch tun, wie sie tun, sondern du sollst ihre Steinmale umreißen und zerbrechen. 25 Aber dem HERRN, eurem Gott, sollt ihr dienen, so wird er dein Brot und dein Wasser segnen, und ich will alle Krankheit von dir wenden. 26 Es soll keine Frau in deinem Lande eine Fehlgeburt haben oder unfruchtbar sein, und ich will dich lassen alt werden.

27 Ich will meinen Schrecken vor dir her senden und alle Völker verzagt machen, wohin du kommst, und will geben, daß alle deine Feinde vor dir fliehen. 28 Ich will Angst und Schrecken vor dir her senden, die vor dir her vertreiben die Hiwiter, Kanaaniter und Hetiter.

Der Befehl des HERRN zur Landnahme von Kanaan durch die Israeliten (so wie das Ereignis im Alten Testament dargestellt ist) ist also zweifellos der Befehl zum Genozid an ganzen Volksstämmen. Dies weil sie so sündig leben und vor allem andere Götter anbeten. Es wird in den aufgeführten Belegstellen auch der genaue Umfang des Gebietes definiert, das die Israeliten zu erobern haben.

Aber der HERR gebietet Seinem Volk nicht nur, das Land Kanaan in Besitz zu nehmen. Er warnt es auch immer und immer wieder, Seine Gebote nicht zu korrumpieren, den Bund nicht zu brechen und Götzen anzubeten. Sonst droht ihm das gleiche Schicksal, wie den Völkern, die zu vernichten es ausgesendet wurde. So spricht Moses:

5. Mose, Kapitel 4: 23 So hütet euch nun, daß ihr den Bund des HERRN, eures Gottes, nicht vergeßt, den er mit euch geschlossen hat, und nicht ein Bildnis macht von irgendeiner Gestalt, wie es der HERR, dein Gott, geboten hat. 24 Denn der HERR, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer und ein eifernder Gott.

25 Wenn ihr nun Kinder zeugt und Kindeskinder und im Lande wohnt und versündigt euch und macht euch Bildnisse von irgendeiner Gestalt, so daß ihr übel tut vor dem HERRN, eurem Gott, und ihn erzürnt, 26 so rufe ich heute Himmel und Erde zu Zeugen über euch, daß ihr bald weggerafft werdet aus dem Lande, in das ihr geht über den Jordan, um es einzunehmen. Ihr werdet nicht lange darin bleiben, sondern werdet vertilgt werden.

Die mannigfachen göttlichen Befehle zu Gewaltanwendung gegen diese bestimmten – namentlich erwähnten – verderbten Völker, sie zu bekriegen und auszurotten, müssen als Willen des israelitischen Stammesgottes Jahwe interpretiert werden; als gezielte einmalige göttliche Strafaktion einer historisch klar abgegrenzten Periode, die vor mehr als 2500 Jahren ihren Abschluß gefunden hat. Kraft Seiner unumschränkten Macht steht es gemäß dem alttestamentarischen Glaubensverständnis dem HERRN frei, gewaltsam in die Geschicke der Menschen einzugreifen. Genau dies zu demonstrieren war, wie Eingangs erwähnt, Zweck der Glaubenslehre des neuen schriftlich fixierten Dogmas und des Berichtes über die Landnahme von Kanaan.

Entsprechend der Einmaligkeit dieses Ereignisses kann (und soll) es keine dogmatische Grundlage zugunsten einer Doktrin religiös legitimierter Gewaltanwendung zur Glaubensverbreitung abgeben. Man kann aus den deskriptiven Berichten des Alten Testamentes kein Recht und keine Pflicht ableiten, wonach der HERR von den Juden erwartet hätte, „Heilige Kriege“ zu führen.

Es geht beim alttestamentarischen Bericht über die Landnahme von Kanaan nicht um einen mit dem jihad vergleichbaren „Heiligen Krieg“, sondern um die Belehrung des eigenen Volkes über seinen omnipotenten, zu dramatischen Strafen fähigen HERRN und um die Suche nach Gerechtigkeit durch Mythifizierung der Vergangenheit und deren Einbindung in eine religiöse Legende. Dabei wird die Allmacht des israelitischen Stammesgottes Jahwe ins Zentrum aller Ereignisse stellt.

Dementsprechend sind die Juden auch nie im Sinne eines „Heiligen Krieges“ ausgezogen, wie es die Nachfolger Mohammeds getan haben (und bis auf den heutigen Tag tun). Kommt noch dazu, daß dem Judentum der Missionsgedanke (Im Islam: da’wa als die eigentliche Voraussetzung und Vorstufe zum jihad) fremd ist.

Kein Jude ist berechtigt, seine Hand gegen einen Andersgläubigen zu erheben. Im Gegenteil:

2. Mose, Kapitel 22: 20: Den Fremden sollst du weder unterdrücken noch bedrängen, denn Fremde seid ihr im Lande Ägypten gewesen.

 

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