Allahs Fügung und Führung (al-qadar)

Das koranische Konzept von Allahs permanenter Lenkung Seiner Schöpfung ist sinngemäß eng mit Seiner Allmacht verbunden. In der Tat kann Er Seinen Kosmos nur dann entsprechend Seinem Willen lenken, wenn Er darüber auch vollkommen verfügen kann.

Allahs Allmacht
tauhid und die absolute Transzendenz Allahs

Folgen wir den nächsten beiden Versen, muß die Frage nach dem Umfang von Allahs Lenkung dahingehend beantwortet werden, daß Er nicht nur das Leben des Menschen bis ins Detail bestimmt und leitet, sondern daß Er diese Führung (al-qadar) entsprechend den von Ihm in einem deutlichen und offenkundigen Buch vorgenommenen Verfügungen vornimmt.

Sure 6, Vers 59: Und bei Ihm sind die Schlüssel des Verborgenen; Er kennt sie allein; Er weiß, was zu Land und zu Meer ist, und kein Blatt fällt nieder, ohne daß Er es weiß; und kein Korn ist in den Finsternissen der Erde und nichts Grünes und nichts Dürres, das nicht stünde in einem deutlichen Buch.

Sure 10, Vers 61: Du sollst kein Geschäft eingehen und sollst aus dem Koran nichts verlesen, und ihr sollt kein Werk betreiben, ohne daß Wir Zeugen sind, wie ihr euch darin einlasset. Und nicht ist Deinem Herrn das Gewicht eines Stäubchens auf Erden und im Himmel verborgen; und nichts ist kleiner oder größer als dies, das nicht in einem offenkundigen Buch stünde.

Allah hat also den ganzen Weltenverlauf und das Schicksal einer jeden Seele im himmlischen Buch niedergeschrieben. Dieses Buch hat Er schon verfaßt, bevor Er die Welt erschaffen hat.

Inventar der Schöpfung

Alles was je auf dieser Welt geschehen ist oder wird kann sich nur vermittels Allahs Kraft und entsprechend Seiner Führung und Fügung (al-qadar) ereignen. Demnach muß man sich die koranische Beteuerungdas nicht in einem deutlichen Buch stündewie folgt vorstellen:

Sure 3, Vers 26: Sprich: „O Allah, König des Königtums, Du gibst das Königtum wem Du willst, und nimmst das Königtum, wem Du willst; und Du ehrest, wen Du willst, und demütigst, wen Du willst. In Deiner Hand ist das Gute; siehe, Du hast Macht über alle Dinge.
Sure 3, Vers 27: Du lässest die Nacht übergehen in den Tag und lässest den Tag übergehen in die Nacht; und lässest das Tote aus dem Lebendigen erstehen, und versorgst, wen Du willst, ohne Maß.“

Muslim B033 N6418 erzählt von Abdullah b. Amr. al-’As: Allahs Gesandter sagte folgendes: „Wahrlich, alle Herzen der Söhne Adams befinden sich zwischen zwei von den Fingern des barmherzigen Herrn. Er kann diese Schar in jede Richtung weisen die Er will. – Allah, Du Herz(ver)dreher, richte unsere Herzen nach Deinem Gehorsam.“

Auch der islamische Prophet Hud bezeugt von Allah: „Kein Tier ist auf Erden, das Er nicht an seiner Stirnlocke hielte.“

Sure 11, Vers 56: Siehe ich vertraue auf Allah, meinen Herrn und euern Herrn. Kein Tier ist auf Erden, das Er nicht an seiner Stirnlocke hielte. siehe, mein Herr ist auf rechtem Wege.

Tilman Nagel führt zu diesem islamischen Verständnis von Prädestination aus: „Wir stoßen damit auf die wichtigste theologische Folgerung aus der Heilsbotschaft, der zufolge das ganze Diesseits keinen Augenblick aus der allumfassenden Lenkung durch den Schöpfer freigelassen ist: Dieser eine und einzige Schöpfer und Erhalter muß ganz anders als das Diesseits sein, denn sonst hätte er es nicht völlig in seiner Gewalt; er kann in seinem Werk nicht gegenwärtig sein. Nicht Er selber ist in seinem Schöpfungswerk tätig, sondern nur seine Bestimmungsmacht, sein „Geist“, seine „Fügung“. (Tilman Nagel, Islam, WVA-Verlag Skulima, Westhofen, 2001, Seite 41)

Im islamischen Standardwerk „Reliance of the Traveller“ steht im Kapitel:

Glaube an die Vorherbestimmung des Guten und Bösen:

u3.7: „An das Gute und Böse des Schicksals zu glauben bedeutet, daß man überzeugt ist, daß Allah, der Allerhöchste, das Gute und Böse veranlaßt hat noch bevor er die Schöpfung kreierte. Weiter muß man glauben, daß alles, was war und sein wird nur aufgrund von Allahs Dekret, Seinen vorausbestellten Anordnungen und Seinem Willen existiert. Frühe Muslime pflegten jedem, der Schicksalsfragen hatte, folgendes zu antworten: „Es ist das Wissen, daß das, welches dich trifft, sein Ziel niemals verfehlt und daß das, welches dich verfehlt, dich niemals hat treffen sollen.“ (Ahmad ibn Naqib al-Misri, Reliance of the Traveller, amana publications, Beltsville Maryland, USA, 1368/1994, Seite 813)

Der Satz: „Es ist das Wissen, daß das, welches dich trifft, sein Ziel niemals verfehlt und daß das, welches dich verfehlt, dich niemals hat treffen sollen.“ beinhaltet einen gravierenden Denkfehler. So wie er dasteht ist er zwar richtig, aber er beschreibt das Schicksal und nicht die Prädestination. Denn von der Gegenwart auf schon geschehene Ereignisse zurückblickend ist es ja evident, daß sie eingetroffen sind (oder nicht) und zwar eben gerade in meinem Leben. Das sagt aber noch nichts darüber aus, ob sie von Allah vorherbestimmt sind oder nicht. Allahs Prädestination kann man aber nicht beweisen sondern muß daran glauben.

 

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