Allahs Allmacht und Seine umfassende Prädestination: die dogmatischen Konsequenzen

Koran und Überlieferungen verbreiten die Mär, jede Handlung des Menschen wäre von Gott vorherbestimmt, und ohne Erlaubnis Gottes könne kein Mensch etwas tun. Sein Schicksal sei von Gott besiegelt. Allah bestimme, wer reich und wer arm werde, bestimme, wer Muslim und wer Ungläubiger würde und so fort. Mohammed hat einen Gott kreiert, der beliebig und ungerecht handelt, und wer nicht an ihn glaubt, sei Heide.

Ich meine hingegen: Erst die Selbstverantwortung führt den Menschen zur radikalen Bejahung der eigenen Existenz und zur Freiheit. Dadurch, daß im Islam alles als von Gott gelenkt proklamiert wird, wird der Mensch in die Nichtigkeit, d.h. in die Unmündigkeit und Wertlosigkeit geführt und versinkt in Gleichgültigkeit und Passivität.

Dies kann man in vielen muslimisch geprägten Ländern beobachten. Die negative Wirkung dieser Lehre wird noch dadurch verstärkt, daß viele gläubige Muslime glauben, daß das eigentliche Leben erst im Jenseits gelebt werde. Dieser Irrglaube behindert Wissenschaft, Fortschritt, Aufklärung, Mündigkeit und Freiheit. Abgesehen davon schwächt all dies die Moral, weil dem Menschen die Verantwortlichkeit für seine Taten abgenommen wird.                                              Zehn Gründe, den Islam zu verlassen

 

Reflektiert dieses Verständnis von Allahs Allmacht und Seiner Vorherbestimmung, die wir dem Strategiepapier der deutschen Ex-Muslime:

Zehn Gründe, den Islam zu verlassen    
unter Punkt: 3. Gottesknechtschaft statt Leben in Selbstverantwortung

entnommen haben die muslimische Vorstellung zu diesen Themen korrekt? Lesen Sie unsere Einführung zur islamischen Lehre der Prädestination unter:

Einführung in die islamische Prädestinationslehre

Sie finden dort alle nützlichen weiterführenden ► Links

Zusammenfassung

Folgende beiden Elemente der islamischen theologischen Doktrin:

  • Allahs unumschränkte Allmacht
    Seine vollständige Vorherbestimmung des ganzen Weltenverlaufs 

werden im vorliegenden Kapitel miteinander in Beziehung gebracht. Sie sind grundlegend und greifen bestimmend auf andere dogmatische Forderungen sowie Aussagen über.

Allahs Allmacht und Seine Prädestination sind logisch zwingend miteinander verwoben. In scharfem Gegensatz dazu – und wie wir sehen werden in einem unauflösbaren Gegensatz – steht der freie Wille des Menschen d.h. seine autonome Handlung. Die islamische Idee der Vorherbestimmung des Weltenverlaufs bis ans Ende der Zeit (definitiv festgeschrieben auf der „immerwährenden Tafel hoch über dem siebten Himmel“) beinhaltet nicht nur die Schöpfung insgesamt sondern jedes einzelne Menschenleben. Sie umfaßt also nicht nur die von Allah festgelegte jenseitige Bestimmung zum Heil oder zur Verdammnis, sondern besagt darüber hinaus, daß jegliche erdenkliche Handlung schon vor der Geburt festgelegt ist.

„Vorherbestimmung“ wird in der Fachliteratur oft durch den Begriff „Vorhersehung“ verwässert, um das vertretene Gottesbild damit vermeintlich zu entlasten. Ein „Gott“, der einen Menschen neu schafft und schon beim Schaffungsprozeß dessen gräßliches, unendliches, ewiges Schicksal vorher sieht oder weiß, hat nicht nur ein Vorwissen seiner Tat. Vielmehr ist dieses Vorwissen, kraft seiner unendlichen Machtfülle mit seiner Vorherbestimmung eben dieses Menschenlebens kongruent.

Die eigentümliche – weil unauflösbare – kognitive Spannung, die durch Allahs Allmacht und  Vorherbestimmung einerseits und der Autonomie des Menschen andererseits entsteht, erzeugt ein existentielles Gefühl der Hilflosigkeit und des Ausgeliefert-Seins. Um diese Spannung abbauen zu können hat Allah Seinen Dienern die ganze scharia übergeben. Durch deren bedingungslose und unhinterfragte Einhaltung kann der gläubige muslim wenigstens jeden Tag seinen guten Willen unter Beweis stellen – wobei natürlich auch dieser Wille von Allah vorherbestimmt ist und sein muß. Das versteht man im Islam unter Seiner Barmherzigkeit.

 

Die verwendeten Grundlagen zum Thema

Das vorliegende Thema wird anhand von zwei islamischen Texten, dem Auszug aus einem wissenschaftlichen Werk von T. Nagel, einem Aufsatz von H. Stieglecker und einer christlichen Internetseite dargestellt.

  • 1. Der erste islamische Text stammt von einer islamischen Internetseite, welche den Islam populär darstellt: ► Wie kann ich dem Islam beitreten?    
    und umfaßt das Kapitel:
    ► Der Glaube (Iman) an das Schicksal und Vorherbestimmung (Qadaa’ und Qadar)
    Wir zerlegen das Kapitel in vier Blöcke, welche einzeln besprochen werden.

    2. Der zweite islamische Text ist die Einführung zum Kapitel 33 über das Schicksal in der hadith-Sammlung von Muslim: ► Kapitel 33: Destiny (Kitab-ul-Qadr)

    3. Das dritte Dokument ist die Einführung von T. Nagel zum Thema der Vorherbestimmung in seinem Buch: Allahs Liebling, Oldenbourg, München, 2008, Seite 404 f

    4. Das vierte Dokument stammt von Hermann Stieglecker und beleuchtet die Glaubenslehre der Aschariten. Es ist entnommen aus: Hermann Stieglecker, Die Glaubenslehren des Islam, F. Schöningh-Verlag, München, 1959, Seite 105f

  • 5. Das fünfte Dokument ist der Ausschnitt aus einer christlichen Internetseite, die sich kritisch mit der Doktrin der Vorherbestimmung auseinandersetzt:
    ► http://www.was-christen-glauben.info/praedestination-vorherbestimmung/

Die Analyse

1. Block:

Diskussion:

1. Allah ist nicht nur der ganze Weltenverlauf bekannt, noch bevor Er ihn geschehen läßt: „Denn alles, was im Universum geschieht, geschehen ist und geschehen wird, ist Allah bekannt“. Vielmehr bewirkt Er alles willentlich: „Er wußte es bereits, bevor es geschah und ließ es nach Seinem Willen und Maß geschehen.

2. Die Grenzen zwischen einfachem Vorherwissen und Vorherbestimmung wird zugunsten der Vorherbestimmung aufgelöst „daß das, was ihn getroffen hat ihn nicht verfehlen konnte, und das, was ihn verfehlt hat ihn nie treffen konnte“. Dies ist wiederum die Konsequenz der „immerwährenden Tafel hoch über dem siebten Himmel“.

Sure 57, Vers 22: Kein Unheil geschieht auf Erden oder euch, das nicht in einem Buch stünde, bevor Wir es geschehen ließen. Siehe, solches ist Allah leicht.

 Die himmlischen Bücher

Auf dieses Buch oder „wohlverwahrte Tafel“ (Al-Lauh-ul-Mahfoudh) wird im folgenden Block hingewiesen:

2. Block:

Diskussion:

1. Wie erwähnt, ist alles auf der „wohlverwahrten Tafel“ niedergeschrieben. Wir haben in unserem Kapitel

 Das Buch des Schicksals

dargestellt, daß das oben erwähnte Schreibrohr (Schreibfeder) “jetzt trocken ist“. Damit ist die Fixierung des Weltenverlaufs vollständig und endgültig: „daß diese Vorkenntnisse Allahs über die wirklich eintreffende Zukunft auf der wohlverwahrten Tafel (Al-Lauh-ul-Mahfoudh) niedergeschrieben sind“. Wie gesagt: Allah hat alles festgelegt – und damit nicht nur vorhergewußt sondern auch vorherbestimmt.

Sure 68, Vers 1: Bei der Feder und was sie schreiben,

Tafsir al-Jalalayn 68,1: … von der Schreibfeder, mit welcher Er die Aufzeichnungen für alle Kreaturen auf der wohlverwahrten Tafel gemacht hat und was die Engel des Guten und Rechtschaffenen darauf eingemeißelt haben.

2. Der vorliegende Text versucht die dramatische kognitive Disharmonie aufzulösen, welche sich durch das Konzept der vollständigen Vorherbestimmung „dies beinhaltet den Glauben daran, daß alles, was Er will, auch geschieht und was Er nicht will, nicht geschieht.“ einerseits und dem „freien Willen“ bzw. der „Selbstverantwortlichkeit“ andererseits ergibt: „Das steht in keinem Gegensatz dazu, daß man sich in diesem Leben bemüht und anstrengt.“

Eben diese eigenen „Bemühungen“ und eigenen „Anstrengungen“ sind ja letztlich deshalb vollständig sinnentleert weil die Fähigkeit ihrer erfolgreichen Erbringung ja schon zum vorherbestimmten psychischen Basisprogramm gehört.

Zum Thema der Allmacht Allahs und dem eben erwähnten „steht in keinem Gegensatz dazu“ konsultieren wir die Einführung zum Buch 33: „Destiny“ von Muslim. Auch dieser Text kommt nicht umhin, die Frage des selbstbestimmten menschlichen Handelns anzusprechen „übertrug den Menschen eine beschränkte Autonomie“:

Kapitel 33: Destiny (Kitab-ul-Qadr)

Das erste Prinzip, welches der Islam in Bezug auf taqdir (Beimessung, Vorherbestimmung) festlegt ist, daß der Mensch weder vollständig der Meister seines Schicksals, noch an das blinde Gesetz der Prädestination gebunden ist. Insofern es die Selbstherrlichkeit von Allahs Wille betrifft ist sie allumfassend und nichts fällt außerhalb ihres Machtbereiches. Nicht einmal ein Blatt treibt ohne Seinen Willen aus:

Sure 42, Vers 49: Allahs ist das Reich der Himmel und der Erde; Er schafft, was Er will, Er gibt wem Er will Mädchen und gibt wem Er will Knaben.
Sure 42, Vers 50: Oder Er paart ihnen Knaben und Mädchen und macht, wen Er will unfruchtbar. Siehe, Er ist wissend und mächtig.

Die Menschen sind demnach vollständig der überragenden Macht Allahs unterstellt, sie können nichts tun ohne daß es Allah wollte.

Sure 18, Vers 17: … Wen Allah leitet, der ist rechtgeleitet, und wen Er irreführt, für den findest du nimmer einen Beschützer noch Führer.

Seine gewaltige Reichweite erfaßt alles. Der barmherzige Herr, der in Seiner unendlichen Weisheit und Gnade jedes Ding erschaffen und dessen Natur und Verlauf vorherbestimmt hat übertrug den Menschen eine beschränkte Autonomie. Demnach ist der Mensch frei, eine bestimmte Sache zu tun oder sie zu unterlassen. Es ist wegen dieser Autonomie, die der Mensch genießt, daß er für seine Taten verantwortlich gemacht werden kann. Das Konzept der menschlichen Verantwortlichkeit wird bedeutungslos, wenn ihm seine Autonomie entzogen wird. Es gibt viele Verse im Koran, welche der menschlichen Autonomie das Wort reden“.

Diskussion:

1. Wie immer man es dreht und wendet. in dem Moment, wo das Dogma die Möglichkeit von (wenn auch bescheidenem) selbstbestimmtem Handeln zuläßt: „Demnach ist der Mensch frei, eine bestimmte Sache zu tun oder sie zu unterlassen“ wird Allahs absolute Allmacht und Seine ebenso absolute Kontrolle über Seine Schöpfung aufgehoben. Das ist aber eine Option, welche dem koranischen tauhid-Glauben direkt widerspricht.

2. Die Schöpfung als gigantisches Räderwerk, wo alles gemäß einer festen, vorherbestimmten Verfügung (al-qadar) abläuft – sich einerseits gegenseitig nach Maßgabe Allahs beeinflussend und andererseits vollständig voneinander abhängig machend. Auch nur eine autonome Handlung würde die ganze Mechanik durcheinanderbringen – die Welt danach könnte sich niemals mehr so entfalten, wie es Allah auf seiner „wohlverwahrten Tafel“ festgeschrieben hat.

3. Um nicht einen derartig sinnlosen Weltenentwurf zu verfechten muß man die Autonomie des Menschen irgendwie ins Dogma schmuggeln. Es ist zwar offensichtlich, daß sie dem Alleinherrschaftsanspruch Allahs und der Festlegung des Weltenverlaufs auf der „immerwährenden Tafel hoch über dem siebten Himmel“ als einem der zentralen dogmatischen Eckpfeiler des Islam diametral zuwiderläuft.

4. Wie denn soll man sich diese „beschränkte Autonomie“ vorstellen? Sowohl die in diesem Kapitel vorgestellte Internetseite als auch die Einführung zum Kapitel 33 „Destiny“ von Muslim bleiben eine schlüssige Antwort schuldig.

Die kurzen Ausführungen von Tilman Nagel zum Thema Vorherbestimmung in seinem Buch „Allahs Liebling“ belegen die enormen Schwierigkeiten, mit welchen die islamische Theologie zu kämpfen hat, will sie Allahs Allmacht einerseits mit selbstverantwortlichem menschlichen Handeln andererseits in einem verstehbaren und widerspruchslosen Dogma vereinen:

Abschnitt über die Vorherbestimmung bei Tilman Nagel (in: Allahs Liebling, Oldenbourg, München, 2008, Seite 404 f):

Für Mohammed war es eine ausgemachte Sache, daß es allein an Allah liegt, ob jemand zum Islam findet oder nicht:

Sure 6, Vers 125: Und wen Allah leiten will, dem weitet Er seine Brust für den Islam, und wen Er irreführen will, dem macht Er die Brust knapp und eng, als wollte er den Himmel erklimmen. Also straft Allah die Ungläubigen.

Sure 7, Vers 178: Wen Allah leitet, der ist der Geleitete, und wen Er irreführt, das sind die Verlorenen.

Nur von wem Allah es will, daß er den rechten Weg wandle, der wolle das auch selber:

Sure 76, Vers 29: Siehe, dies ist eine Ermahnung, und wer da will, der nimmt zu seinem Herrn einen Weg.
Sure 76, Vers 30: Doch könnt ihr nicht wollen, es sei denn, daß Allah will. Siehe, Allah ist wissend und weise.

und beim Sieg von Badr waren es nicht Mohammed und die Muslime, die schossen, vielmehr schoß in Wirklichkeit Allah:

Sure 8, Vers 17: Und nicht erschlugt ihr sie, sondern Allah erschlug sie; und nicht warfst du, sondern Allah warf. Und prüfen wollte Er die Gläubigen mit einer schönen Prüfung von Ihm. Siehe, Allah ist hörend und wissend.
Sure 8, Vers 18: Solches geschah, damit Allah die List der Ungläubigen schwächte.

  Schlacht von Badr

Eigene Leistungen das Muslims kennt der Koran nur im Zusammenhang mit dem ertragreichen „Darlehen“, das die Gläubigen Allah geben, indem sie sich in seinem Interesse dem jihad widmen:

Sure 9, Vers 111: Siehe Allah hat von den Gläubigen ihr Leben und ihr Gut für das Paradies erkauft. Sie sollen kämpfen in Allahs Weg und töten und getötet werden. Eine Verheißung hierfür ist gewährleistet in der Tora, im Evangelium und im Koran; und wer hält seine Verheißung getreuer als Allah? Freut euch daher des Geschäfts, das ihr abgeschlossen habt; und das ist eine große Glückseligkeit.

 jihad als Kaufgeschäft

Sure 73, Vers 20: …und andre in Allahs Weg kämpfen. So leset ein bequemes Stück von ihm und verrichtet das Gebet und entrichtet die Armenspende und leihet Allah ein schönes Darlehen. Und was ihr für euch vorausschickt an Gutem, ihr werdet es finden bei Allah. Das ist am besten und bringt den reichsten Lohn. Und bittet Allah um Verzeihung; siehe, Allah ist verzeihend und barmherzig.

 jihad als Darlehen

Allein in diesem Fall erscheint der Gedanke an eine Werkgerechtigkeit und ein selbstverantwortliches Handeln. Auch in frühen nachkoranischen Texten dominiert die Vorherbestimmung unangefochten:

„Was dich trifft, hätte dich nicht verfehlen können.“

Der Glaube an Allahs allzuständige Bestimmungsmacht wird schon damals zu den Grundelementen des Islams gezählt. Das „gute Handeln“ wird dabei mit der Gottesfurcht gleichgesetzt und meint in der Regel kein an einer innerweltlich argumentierenden Ethik orientiertes Wirken, sondern den gewissenhaften Vollzug der Riten. Die Qadariten und als deren Erben die Mu’taziliten schrieben hingegen dem Menschen ein selbstverantwortliches Handeln zu, hatten aber Schwierigkeiten, diese These mit Koranversen zu untermauern. Letzten Endes folgte die Handlungsfreiheit des Menschen aus der mu’tazilitischen Seinslehre und aus deren Einbettung in das Dogma von der Geschaffenheit des Korans, mithin von der Geschichtlichkeit und Diesseitsbezogenheit der göttlichen Botschaft. Keinesfalls verkündete dieser übergeschichtliche Wahrheiten, vielmehr war in ihm lediglich ein auf das Arabien des frühen 7. Jahrhunderts zugeschnittener Mahnruf Allahs zu sehen; Allah hatte die Araber aufgefordert, unter Erwägung seines rational erfaßbaren Schöpfungshandelns die jeweils zuträglichen Normen zu ermitteln und aus eigener Anstrengung zu befolgen, um dementsprechend von Allah im Endgericht beurteilt zu werden.

Im Sunnitentum – desgleichen in weiten Teilen der Schia – hielt man dagegen an der Vorherbestimmung fest. Sich die mu’tazilitische Metaphysik aneignend, argumentierten die Asch’ariten, der Mensch beobachte zwar, wie von ihm selber Handlungen ausgingen; gleichwohl sei er nicht deren Urheber, denn die Fähigkeit, eine Handlung zu vollziehen, schaffe Allah genau in dem Augenblick, in dem diese vollzogen werde. Wäre diese Fähigkeit bereits vorher in dem betreffenden Menschen vorhanden, dann spräche dies für ein wenn auch noch so geringes Maß eigenständiger Seinsmacht. Über eigenständige Seinsmacht verfüge aber ausschließlich Allah. So dürfe man nur sagen, daß der Mensch als Geschöpf die durch Allah an ihm gewirkte Handlung im Augenblick ihres Geschehens „erwerbe“. dergestalt nämlich, daß sie an dem Konglomerat von Substanzpartikeln in Erscheinung trete, das der Handelnde gemäß Allahs unerforschlichem Tatschluß gerade sei.

Diskussion:

1. Natürlich sind auch die von T. Nagel erwähnten „eigenen Leistungen“ des muslims, die er Allah durch seinen Einsatz für den jihad als „Kaufgeschäft“ oder „Darlehen“ erbringt nicht seine freie Entscheidung sondern von Allah bewirkt. Er hat diesen Menschen in Seiner Huld dafür vorgesehen, diese Leistung erbringen zu können so daß er dereinst ohne Grabesqualen und Endgericht direkt ins islamische Paradies eingehen kann.

2. T. Nagel weist auf ein weiteres zentrales Element der islamischen Heilslehre hin: Das „gute Handeln“ wird dabei mit der Gottesfurcht gleichgesetzt und meint in der Regel kein an einer innerweltlich argumentierenden Ethik orientiertes Wirken, sondern den gewissenhaften Vollzug der Riten. Einerseits lebt ein gläubiger muslim mit der Versicherung, daß nicht nur jedes Ereignis auf der „immerwährenden Tafel hoch über dem siebten Himmel“ festgeschrieben ist. Andererseits hat ihm Allah auch eine Unzahl von rituellen Geboten an die Hand gegeben mit deren mechanischer Ausführung er sich versichern kann, daß er nicht aus Allahs Gnade herausfällt – was, wenn es trotzdem geschähe, eigentlich ebenfalls schon vorherbestimmt sein müßte …

3. Aus der Unzahl ritueller Anweisungen entnehmen wir dem islamischen Grundlagenwerk „Reliance of the Traveller“ als Beispiel das Verbot betreffend Goldschmuck für Männer, das einzuhalten ist. Allah fordert im Unterkapitel „Ungesetzliche Kleidung und Schmuck“ (Oberkapitel „Beten“) folgendes:

f17.6 Es ist gesetzeswidrig wenn Männer Goldschmuck tragen, auch wenn es sich lediglich um die Goldfassung eines Edelsteines handelt. (Anders als bei Seide kommt es beim Gold nicht darauf an, um welche Menge es geht) Männer dürfen auch keine Objekte tragen welche mit Gold bemalt oder mit Goldplättchen belegt sind. Wenn aber letztere angelaufen sind so daß das Gold nicht mehr sichtbar ist, ist dies erlaubt. (Ahmad Ibn Naqib al-Misri, Reliance of the Traveller, Amana Publications, Beltsville, Maryland USA Seite 200)

T. Nagel erwähnt die von den Asch’ariten vertretene „Aneignungstheorie“ (kasb): „So dürfe man nur sagen, daß der Mensch als Geschöpf die durch Allah an ihm gewirkte Handlung im Augenblick ihres Geschehens ‚erwerbe’.

Zu dieser Sichtweise, daß „der Mensch zwar beobachte, wie von ihm selber Handlungen ausgingen; gleichwohl sei er nicht deren Urheber, denn die Fähigkeit, eine Handlung zu vollziehen, schaffe Allah genau in dem Augenblick, in dem diese vollzogen werde“ erläutert H. Stieglecker folgendes:

Zur Vermeidung jeder Unklarheit in dieser schwer verständlichen Lehre sei noch ein Wort über

                  „die Kraft“

gesagt, die nach ascharitischer Anschauung beim Zustandekommen der menschlichen Werke von Gott im Menschen erschaffen wird. Diese Kraft … ist eben die Kraft, durch welche die Werke der Menschen zustande kommen, mit deren Hilfe z.B. ein Schlag geführt wird. Nach unserer Vorstellung steht diese Kraft dem Menschen unter gewöhnlichen Umständen immer zur Verfügung, und er benutzt sie, wann er will. Diese Auffassung ist für den Aschariten gänzlich unannehmbar, denn wenn sie der Mensch jederzeit nach Belieben gebrauchen könnte, dann wäre er ja in diesem Stück von Gott unabhängig, wäre bei seinem Handeln auf den Schöpfer nicht angewiesen; das ist in den Augen dieser Theologen ein ganz ungeheuerlicher Gedanke, eine wenigstens teilweise Gleichsetzung des Menschen mit Gott, ein teilweises Anteilnehmen an rein göttlichen Rechten und nur Gott zukommenden Machtbefugnissen. Denn aus eigener Macht Werke schaffen kommt nur Gott zu.

Und damit auch beim Werk selber die unmittelbare göttliche Allwirksamkeit nicht geschmälert werde, lehren sie, wie schon gesagt, daß die Wirksamkeit dieser Kraft überhaupt nur Schein ist, denn durch diese nur im Augenblick der Handlung vorhandene Kraft wird die Tat gar nicht hervorgebracht, sondern der einzige wirkliche Schöpfer des Werkes ist Gott so wie überall in der Natur … So viele Werke der Menschen, so viele besondere Schöpfungen.“

Man hält den Aschariten folgende Schwierigkeit vor Augen: nach ihrer Lehre kommt die Verantwortlichkeit des Menschen für das Werk durch die Aneignung (kasb) zustande, dadurch, daß er sich mit dem Werk einverstanden erklärt. Wie entsteht nun die Aneignung, die Zustimmung des Willens? Ist sie ein Werk Gottes oder ein Werk des Menschen? Wenn sie ein Werk Gottes ist, welches er dem Menschen anerschafft, also ein Werk, das nur scheinbar Menschenwerk ist, dann kann von einer freien Willensentscheidung keine Rede sein, dann ist die Aneignung ein von Gott erzwungenes Werk, demnach ist der Mensch für sein Werk nicht verantwortlich und kann dafür weder belohnt noch bestraft werden.“ (Hermann Stieglecker, Die Glaubenslehren des Islam, F. Schöningh-Verlag, München, 1959, Seite 105f)

Diskussion:

1. Die von den Aschariten entwickelte Theorie der „Kraft“ und der „Aneignung“ löst das durch das dogmatische Postulat von Allahs uneingeschränkter Allmacht entstandene Problem der Selbstverantwortlichkeit des Menschen und seines freien Willens keinesfalls. Sie ist – mit allem Respekt – nicht viel mehr als ein Taschenspielertrick, der die grundlegende Thematik  von einer Hosentasche in die andere zaubert.

2. Zusammen mit der Doktrin der „immerwährenden Tafel hoch über dem siebten Himmel“ entsteht eine in der Tat unzerstörbare dogmatische Legierung. Dies ist deshalb so dramatisch, weil es – wie in unseren diversen Kapiteln zum Thema herausgearbeitet wurde – bei der islamischen (wie übrigens auch christlichen) Vorherbestimmung letztlich nicht um alltägliche Kleinigkeiten geht sondern um die Vorherbestimmung zum Glauben bzw. Unglauben und damit um das Seelenheil nach dem Tod:

Sure 10, Vers 99: Und wenn dein Herr gewollt hätte, so würden alle auf der Erde insgesamt gläubig werden. Willst du etwa die Leute zwingen, gläubig zu werden?
Sure 10, Vers 100: Und keine Seele kann gläubig werden ohne Allahs Erlaubnis; und Seinen Zorn wird Er über die senden, welche nicht begreifen.

Tafsir al-Jalalayn 10,99: Und wenn euer Herr gewollt hätte so würden alle Menschen auf dieser Erde zusammen gläubig sein. Würdest du nun Leute zwingen, das zu machen, was Allah nicht will, nämlich gläubig zu werden? Nein!
Tafsir al-Jalalayn 10,100: Und keine Seele kann gläubig sein ohne daß Allah es ihr willentlich erlaubt. Er wird Abscheuliches veranlassen und züchtigend über diejenigen herfallen, welche kein Verständnis dafür haben, Allahs Zeichen zu reflektieren.

Erhellend sind in diesem Zusammenhang die Reflexionen einer christlichen Internetseite, die als fünfte Grundlage für dieses Kapitel herangezogen wurde. Sie befaßt sich kritisch mit dem Thema der Prädestination und gelangt zu einigen grundlegenden bekenntnisübergreifenden Schlußfolgerungen:

Schlußfolgerungen aus dieser Lehre        Quelle 

Falsches Gottesbild: Wenn Gott ungeachtet des Willens der Menschen vorherbestimmt, wer gerettet sein wird und wer nicht, würde es bedeuten, daß Gottes Zorn auf denen liegt, welche er nicht rettet, und daß er die Menschen straft, die er in Wirklichkeit nicht retten wollte.

Prädestination behauptet, daß alles nach Gottes Plan geschieht, den er von Ewigkeit her gefaßt hat. Dies würde zur Folge haben, daß Gott für Menschen nicht nur das Gute nicht wollte, sondern das Böse aktiv anstrebte. Dadurch wird er zum Urheber der Sünde.

Es gibt verschiedene Lehren über Prädestination – die einfache und doppelte Prädestination. In Wirklichkeit ist dieser Unterschied nicht entscheidend. Beide Lehren schließen den freien Willen aus. Wenn Gott „nur“ die erwählt, die zur Ewigkeit mit ihm bestimmt sind, dann gehen die anderen automatisch in die Hölle. Dadurch ist Gott selbst an der Verdammung derer, die er nicht rettet, schuldig.

Wer Prädestination lehrt, sollte sich darüber im Klaren sein, daß er das Wesen des Menschen falsch versteht. Er wertet das Menschsein ab indem er seine Personhaftigkeit leugnet. Ein Mensch zu sein heißt fähig und verpflichtet zu sein, aus freiem Willen und Verstand bestimmten Motiven und Zielen zu folgen, dabei Zugang zur Frage nach dem Sinn des Lebens zu erlangen und auch die Konsequenzen eines Lebens zu tragen, das er selbst gewählt hat.

Im nächsten, dritten Teil der islamischen Internetseite wird sogar die Wirkung einer Arznei dahingehend interpretiert, daß sie Teil des vorherbestimmten Schicksals ist.

3. Block:

Im letzten, vierten Teil ihrer Ausführungen zu Schicksal und Vorherbestimmung führt die islamische Internetseite noch einige Vorteile des islamischen kismet-Glaubens auf:

1. Geborgenheit in Allahs Willen
2. Zufriedenheit
3. Erleichterung bei Schicksalsschlägen
4. Vermehrung des Guten und Auslöschung der Sünden

4. Block:

Diskussion:

1. Die Frage der „Auslöschung von Sünden“, die in Punkt 4 beleuchtet wird, ist im Zusammenhang mit der Prädestination auf eine geradezu diabolische Art und Weise zwiespältig. Woher kommen denn die Sünden?

2. Die in Punkt 3 hervorgehobene „Erleichterung bei Schicksalsschlägen“ kommt einer allgemeinen menschlichen Schwäche sehr entgegen: keine Verantwortung  übernehmen zu wollen.

3. Entsprechend der Lehre der Vorherbestimmung kann ein muslim ohnehin nur die „Mittel in Anspruch nehmen“, die Allah für ihn vorhergesehen hat.

 

Epilog

Jaya Gopal schreibt zu Allahs Allmacht: „Dieser Gott, der Mann und Frau aus Lehm erschuf, sie formte, ins Paradies oder in die Hölle schickte, wie es ihm gerade beliebte, hat nichts von elterlicher Fürsorge und Liebe an sich. Er leitet seine „Kinder“ nicht dazu an, Verantwortung zu übernehmen um ein sinnvolles, erfülltes und freies Leben führen zu können. Solches Lebensglück versagt der moslemische Gott seinen Geschöpfen, noch bevor sie geboren sind; Furcht, Unterwerfung und absoluter Gehorsam sollen ihr Leben bestimmen und werden als höchste Tugenden gepriesen.“ (Jaya Gopal, Gabriels Einflüsterungen, Ahriman-Verlag, Freiburg, 2004, Seite 126)

H. Stieglecker bringt die unumschränkte Machtfülle Allahs mit dem orientalischen absolutistischen Herrscherideal in Verbindung, von dem man annehmen muß, daß es auch das Denken Mohammeds prägte: „Neben der stark betonten Alleinherrlichkeit Gottes im Koran hat noch ein zweiter Umstand dazu beigetragen, islamische Theologen nach der deterministischen Richtung hin zu drängen und das war das absolutistische Herrscherideal.

Dieses Ideal färbte ohne Zweifel auf die Ansichten der islamischen Theologen ab und begünstigte den Sieg eines göttlichen Absolutismus, der dem menschlichen freien Willen und Wirken wenig oder gar keinen Raum zugestand. Diese selbstherrliche Stellung Gottes dem Menschen gegenüber kommt im Sinne des absolutistischen Herrscherideals recht bezeichnend auch in der Tatsache zum Ausdruck, daß in theologischen Werken „Mensch“ gefaßt in seinem Verhältnis zu Gott, gewöhnlich nicht mit dem zu Gebote stehenden „insan“ angegeben wird, sondern regelmäßig mit „abd“ Knecht, Sklave: der Mensch ist in erster Linie nicht Kind Gottes sondern: Knecht Gottes, ein Knecht, mit welchem der Herr tun kann, was er will. Von dieser Seite her gesehen ist also diese Gottesvorstellung im Islam nicht Eigengut dieser Religion, sondern entspricht der Denkart verschiedener Völker, die gewisse geschichtliche Entwicklungsstufen hinter sich haben und bei diesem Herrscherbegriff angelangt sind.

Daß das gewöhnliche islamische Volk stark im Banne deterministisch-fatalistischer Vorstellungen steht, ist nach all dem nur begreiflich.“ (H. Stieglecker, Die Glaubenslehren des Islam, F. Schöningh-Verlag, München, 1959, Seite 105f)

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