Abrogation (nasikh)

Das theologische Thema und exegetische Werkzeug der Abrogation – Aufhebung einer zeitlich früher erfolgten Anweisung (Vers) oder eines bisher gültigen Gebotes durch ein zeitlich später ergangenes – ist im Koran allgegenwärtig. Es ist ein indirekter Hinweis darauf, daß die Botschaft Mohammeds nicht als ein einheitliches religiöses Gebäude konzipiert und verkündet wurde, sondern sich im Laufe der Jahre entwickelte und sich in entscheidenden Fragen unter äußerem Einfluß veränderte.

Allerdings finden diese Entwicklungen, folgen wir dem koranischen Zeugnis, entsprechend dem von Allah in Seinem himmlischen Buche genau festgelegten Plan statt.

Die Urschrift

Das Konzept der Löschung bestehender Anordnungen durch Setzung neuer Anweisungen ist allerdings mit dem ebenfalls von Allah aufgestellten Konzept der absoluten Gradlinigkeit und Widerspruchslosigkeit Seines Handelns unvereinbar. Dazu das Lexikon des Islam: „Abrogation ist ein exegetischer Begriff zur Deutung einiger Stellen des Korans oder der prophetischen Überlieferung (hadith). Damit ist die Annahme gemeint, daß Texte bzw. Vorschriften des Korans bzw. der ahadith verändert, aufgehoben oder gar gestrichen werden können. Bereits im Koran findet man als Einwand gegen den göttlichen Ursprung und die Autorität der koranischen Botschaft den Hinweis darauf, daß der Koran Vorschriften verkündet und sie dann wieder zurücknimmt oder durch andere ersetzt, d.h. unter Berufung auf die Autorität Gottes bereits sanktionierte Bestimmungen doch noch verändert und ihnen widerspricht.

Dieser Einwand ist um so ernster zu nehmen, als der Koran selbst immer wieder betont, daß die Worte Gottes, Sein Verhalten und Sein Weg unabänderlich sind:

Sure 6, Vers 34: Und schon vor dir wurden Gesandte der Lüge geziehen, und sie ertrugen die Beschuldigung der Lüge und das Leid, das man ihnen zufügte, bis Unsere Hilfe zu ihnen kam. Und Allahs Worte ändert niemand ab, und wahrlich, schon kam zu dir die Kunde von den Gesandten.

Sure 6, Vers 115: Und vollkommen ist das Wort deines Herrn in Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit. Niemand vermag Seine Worte zu ändern; und Er ist der Hörende, der Wissende.

Sure 17, Vers 77: So war Unser Verfahren mit denen von Unseren Gesandten, die wir vor dir entsandten, und nicht sollst du eine Änderung in Unserem Verfahren finden.

Sure 18, Vers 27: Verlies, was dir von dem Buch deines Herrn geoffenbart ward, dessen Wort niemand verändert, und nimmer findest du außer Ihm ein Asyl.

Sure 33, Vers 62: Das war Allahs Brauch mit denen, die zuvor hingingen, und nimmer findest du in Allahs Brauch einen Wandel.

Sure 35, Vers 43: … Erwarten sie etwa etwas andres als den Lauf des Früheren? Nimmer wirst du in Allahs Weise eine Änderung finden. Und nimmer findest du in Allahs Weise einen Wechsel.

Sure 50, Vers 29: Das Wort wird nicht bei Mir geändert, und Ich tue den Dienern kein Unrecht.

(Digitale Bibliothek: A.T. Khoury, L, Hagemann, P. Heine: Lexikon des Islam, S 56, Verlag Herder, 2004)

Vielmehr mußte der Allmächtige seit Anbeginn Seiner Offenbarungstätigkeit um die nötige Veränderung und Ergänzung von Anweisungen gewußt haben, weshalb Er Seinen Propheten schon früh immer wieder darauf hinwies, daß ein Teil Seiner später offenbarten Verse vorhergehenden Verlautbarungen widersprechen werden. Er selbst hat also das Prinzip der Abrogation definiert und es ist im Koran an vier Stellen erwähnt:

1. Sure 16, Vers 101: Und wenn Wir ein Zeichen (einen Vers) mit einem anderen vertauschen – und Allah weiß am Besten, was Er hinabsendet – sprechen sie: „Du bist nur ein Erdichter.“ Aber die meisten von ihnen sind ohne Einsicht.

Tafsir al-Jalalayn 16,101: Und wenn Wir einen Vers mit einem anderen austauschen indem Wir ihn abrogieren und – für das Wohl der Diener Gottes – einen anderen offenbaren (Gott weiß ja am besten, was Er offenbart), sagen die Ungläubigen zu dem Propheten: „Du bist ja nur ein Lügenschmied, du erfindest es selbst.“ Nein, die meisten von ihnen kennen die wahre Natur des Korans und den Nutzen der Abrogation für die Diener Gottes nicht.

Die diskrepanten Sprünge innerhalb der koranischen Offenbarung scheinen den Gläubigen aufgefallen zu sein, weshalb sie an der Authentizität des Propheten zu zweifeln anfingen.

2. Sure 13, Vers 39: Allah löscht aus und bestätigt, was Er will, und bei Ihm ist die Mutter der Schrift.

Auch dieser Vers ist ein deutlicher Hinweis auf die Praktik Allahs, neue widersprechende Regelungen einzuführen. Allahs Allmacht beschränkt sich allerdings nicht nur darauf, daß Er auslöscht und bestätigt, was Er will“,

Der Koran ist nicht immer „unerschaffen“

Vielmehr kann Er, wie uns die Verse 6 und 7 aus Sure 86 versichern, Seinen Propheten einzelne Verlautbarungen wieder vergessen lassen.

3. Sure 87, Vers 6: Wir werden dich Offenbarungstexte vortragen lassen, und du wirst nichts davon vergessen,
Sure 87, Vers 7: außer was Gott will! Er weiß, was verlautbart, und was geheim gehalten wird.

In diesen beiden Versen informiert Allah Seinen Propheten, daß Er ihn eine offenbarte Botschaft wieder vergessen läßt, wenn Er will … Um unnötige Verwirrung zu vermeiden, erfolgt dieser Eingriff sinnigerweise, bevor Mohammed die fragliche Offenbarung den Gläubigen zur Kenntnis gebracht hat: Er weiß, was verlautbart, und was geheim gehalten wird.“

Darüber hinaus kann Allah bestimmte Anweisungen nach ihrer Offenbarung physisch im Koran und geistig in der Erinnerung der Gläubigen wieder löschen:

4. Sure 2, Vers 106: Was wir auch an Versen aufheben oder in Vergessenheit bringen, Wir bringen bessere oder gleiche dafür. Weißt du nicht, daß Allah über alle Dinge Macht hat?

Hier werden wir mit zwei unterschiedlichen Lösch/Ergänzungsaktionen Allahs vertraut gemacht: Einerseits hebt der Allmächtige gewisse Verse wieder auf, indem Er bessere oder gleiche dafür bringt (was der Hinweis auf die eigentliche Abrogation ist). Oder Er kann Verse in Vergessenheit bringen. Wie muß man sich nun diesen Vorgang des Vergessens vorstellen? Die Exegese zu diesem Vers meint folgendes:

Tafsir al-Jalalayn 2,106: Als die Ungläubigen begannen, die Abrogation lächerlich zu machen indem sie sagten, daß Mohammed seinen Gefährten eine bestimmte Sache zu verordnen pflegte um sie am nächsten Tag zu widerrufen, offenbarte Allah folgendes: „Und wenn immer Wir einen früher offenbarten Vers, welcher einen Urteilsspruch enthält, abrogieren – entweder nur die Botschaft oder auch seine Rezitation“ so gibt es zwei Möglichkeiten der Lesung: Entweder befiehlt Allah Mohammed oder Gabriel einen Vers zu abrogieren indem ein neuer Befehl offenbart wird – der bisherige aber bestehen bleibt – oder Er läßt dich den alten Vers vergessen. Er löscht ihn aus deinem Herzen und bringt einen neuen, einen besseren dafür, der dir mehr Nutzen bringt. Hat nicht Allah Macht über alle Dinge?

Ferner liegt zur physischen und geistigen Tilgung von Koranversen auch eine Fatwa vor:

Fatwa zu der Frage nach Korantexten, die auf Allahs Anweisung aus dem Koran entfernt wurden

Die Entscheidung zur Entfernung der Texte folgt drei verschiedenen Prinzipien

Von dem Rechtsgutachter und sehr populären muslimisch-sunnitischen Gelehrten und Verkünder des Islam, Muhammad as-Shughbi, der vor allem für seine Beiträge über den schiitischen Islam bekannt ist.
(Institut für Islamfragen, dh, 03.08.2011)

Frage: [des Moderators]: „Wie beurteilen Sie Allahs Aussage [im Koran]: ‚Wenn Wir eine Aya [einen Vers] aufheben oder der Vergessenheit anheim fallen lassen, so bringen Wir eine bessere als diese oder eine gleichwertige hervor.‘? (Sure 2, 106)“

Antwort:„Das Prinzip des Entfernens von Koranversen folgt drei verschiedenen Möglichkeiten:

1. Sowohl der Text [eines Koranverses], als auch die Lehre dieses Textes [der Inhalt; die Botschaft] wurden entfernt, er [der Koranvers] wurde komplett entfernt. Zum einen existiert der Vers nicht mehr im Korantext, zum anderen ist sein Inhalt für uns nicht mehr gültig. Der Beweis für diese Art der Auslöschung ist eine authentische Überlieferung [arab. hadith sahih] von Imam Ahmad. Sie besagt: ‚… Einer der Zeitgenossen des Propheten – Allahs Segen und Heil seien auf ihm – lernte eine Koransure auswendig. Er wollte diese Sure beim Nachtgebet rezitieren. Allerdings fiel ihm nichts mehr davon ein. Zwei andere Muslime hatten ebenfalls diese Koransure vergessen [nachdem sie diese auch auswendig gelernt hatten]. Alle [drei] gingen [darauf hin] zu Allahs Propheten – Allahs Segen und Heil seien auf ihm. Allahs Prophet – Allahs Segen und Heil seien auf ihm – kam auf sie zu und sie berichteten ihm davon [dass sie die Sure vergessen hatten]. Es … sagte ihnen Allahs Prophet – Allahs Segen und Heil seien auf ihm: ‚Diese Koransure wurde gestern [von Allah aus dem Korantext] entfernt.‘ Also, der Koranvers wurde überall entfernt, sowohl aus dem Gedächtnis derjenigen, die sie auswendig gelehrt haben, als auch aus dem Korantext.

2. Der Korantext wurde entfernt, sein Inhalt/die Lehre aber ist noch gültig. Z. B. der Koranvers zur Steinigung: Dieser [Koranvers] besagt: ‚Wenn ein Erwachsener oder eine Erwachsene unehelichen sexuellen Umgang haben, steinigt sie bis zum Tod.‘ Der Inhalt dieses Koranverses ist gültig [obwohl der Koranvers selbst nicht mehr im Korantext existiert]. Also, die Steinigung eines Verheirateten, der Ehebruch begeht, ist [heute noch] verpflichtend. Der Bericht dieses [Koranverses] wurde in der authentischen Überlieferung von al-Bukhari [arab. sahih al-Bukhari] erwähnt. Hier spricht Umar Ibn al-Khattab [einer der Schwiegersöhne Muhammads und der zweite Kalif nach ihm] darüber.

3. Ein Koranvers ist nicht mehr verpflichtend, obwohl er noch im Korantext existiert.“

Quellen:

www.youtube.com/watch?v=m77a3HwaZic
http://www.islaminstitut.de/Nachrichtenanzeige.4+M51d2d93541f.0.html

Textanalyse:

Punkt 1: Da wir, entsprechend der absoluten Vollkommenheit Allahs ausschließen können, daß Ihm im Gefüge Seiner Offenbarungen ein Irrtum unterlaufen ist, muß der Herniedersendung und anschließenden vollständigen physischen und geistigen Tilgung von Koranversen eine Logik zugrunde liegen. Weil die entsprechenden Verse aber nicht mehr abrufbar sind, kann der Sinn dieser göttlichen Verkündigungs- und Löschaktionen nicht mehr nachvollzogen werden. Allerdings läßt die Vorstellung, daß Allah unpassende Offenbarungen aus der Welt schaffen muß an der Vollkommenheit der Urschrift erhebliche Zweifel aufkommen.

Punkt 2: der oben stehenden fatwa bezieht sich auf den Umstand, daß die ► hadd-Strafe bei Ehebruch durch Steinigung nicht mehr im Koran erwähnt wird, aber trotzdem Teil der scharia ist. Wir haben diese dogmatische Spezialität schon erläutert:

Vorehelicher Sexualverkehr und Ehebruch

Punkt 3: der fatwa bezieht sich auf die Abrogation, so wie sie uns noch heute im koranischen Dogma begegnet. Gemäß Koranübersetzung von Max Henning, Fußnote zu Sure 2, Vers 106 geht die islamische Theologie davon aus, daß 225 Koranverse abrogiert sind.

Eine (mögliche) Liste mit den abrogierten Versen finden Sie hier in Englisch:

List of Abrogations in the Quran

Entsprechend dieser Zusammenstellung wird klar, daß vor allem der „Schwertvers“:

Sure 9, Vers 5: Sind aber die heiligen Monate verflossen, so erschlaget die Götzendiener, wo ihr sie findet, und packet sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf. So sie jedoch bereuen und das Gebet verrichten und die Armensteuer zahlen, so laßt sie ihres Weges ziehen. Siehe, Allah ist verzeihend und barmherzig.

frühere „friedliche“ Verse abrogiert, d.h. aufhebt. Die Widersprüchlichkeit und Uneindeutigkeit des Korans ist also vor allem für das Hauptthema dieser Internetseite, den „Heiligen Krieg“ ► jihad von Bedeutung. Alle mekkanischen Verse, welche die Koexistenz und freie Glaubensentscheidung propagieren sind durch die später erfolgten, den „Heiligen Krieg“ betreffenden abrogiert (aufgehoben) worden. Das heißt nicht, daß sie nicht angewendet werden können; im Gegenteil: In einer Position der relativen Schwäche sind sie sehr dienlich (d.h. wenn sich muslime im „Hause des Krieges“ in der Minderheit befinden), weil mit diesen Versen die kuffar (Ungläubigen) über die wahren Absichten des Islam getäuscht werden können.

Ein schönes Beispiel eines solchen Verses, mit welchem muslime die „Friedfertigkeit“ des Islam „beweisen“ findet sich in:

Sure 25, Vers 63: Und die Diener des Erbarmers sind diejenigen, welche auf Erden sanftmütig wandeln; und, wenn Toren (ungläubige Mekkaner) sie anreden, sprechen sie: “Frieden!“

Auch dieser Vers aus der mekkanischen Periode Mohammeds hat keine weitere Relevanz als daß er die bedrängten wenigen Nachfolger des Gesandten anhält, nicht unnötigerweise weiteren Hass der wesentlich machtvolleren Mekkaner auf sich zu ziehen. Er kann, entsprechend der islamischen Doktrin der taqiyya auch heute in einer Position der relativen Schwäche verwendet werden. Grundsätzlich aber ist er abrogiert.

Islamische Toleranz
taqiyya

Wir betrachten dazu auch noch den oft zitierten Vers 256 aus Sure 2 und die diesbezüglichen exegetischen Ausführungen von Zamahsari, einem islamischen Theologen:  

Sure 2, Vers 256: „In der Religion gibt es keinen Zwang. Der rechte Weg des Glaubens ist durch die Verkündigung des Islam klar geworden, so dass er sich von der Verirrung des heidnischen Unglaubens deutlich abhebt. Wer nun an at-Tagut nicht glaubt, an Gott aber glaubt, der hält sich damit an dem festen Band, bei dem es ein Reissen nicht gibt. Und Gott hört und weiss alles.“

„In der Religion gibt es keinen Zwang“:

das heisst: Gott lässt den Glauben nicht durch Zwang und Nötigung geschehen, sondern durch Befähigung und freie Wahl. Dementsprechend hat er gesagt:

Sure 10, Vers 99: „Und wenn dein Herr gewollt hätte, so würden alle auf der Erde insgesamt gläubig werden. Willst du etwa die Leute zwingen, gläubig zu werden?“

Das heisst: Wenn er gewollt hätte, hätte er sie zum Glauben gezwungen. Aber das hat er eben nicht getan, sondern den Glauben auf die Grundlage freier Wahl gestellt. Diese Interpretation läuft auf den Sinn hinaus: Man kann niemanden gegen seinen Willen zum rechten Glauben zwingen. Der Mensch ist willensfrei.

„Der rechte Weg des Glaubens ist durch die Verkündung des Islam klar geworden.“:

Der Glaube ist vom Unglauben durch deutliche Hinweise unterschieden.

„Wer nun an at-Tagut nicht glaubt …“:

Wer sich frei dafür entscheidet, nicht an den Satan und die Götzen, sondern an Gott zu glauben.

„… der hält sich damit an dem festen Band.“:

Diese Ausdruckweise hängt zusammen mit dem fest gedrehten Strick. Er ist das Band, bei dem man sich vor dem Reissen, das heisst der Zertrennung, sicher fühlt. Er wird das durch Einsicht und Schlussfolgerung gewonnene Wissen des Glaubens mit etwas konkret Wahrgenommenem vergleichen, so dass derjenige, der dies hört, es sich vorstellt, als würde er es unmittelbar betrachten. So werden seine Überzeugung und seine Gewissheit darüber gefestigt.

Man sagt, es handle sich hier um eine Kundgabe im Sinn eines Verbotes, nämlich: Übt in der Religion keinen Zwang aus! Doch sagen einige Leute, dies sei getilgt (abrogiert) durch Gottes Wort:

Sure 9, Vers 73: „O du Prophet, streite wider die Ungläubigen und Heuchler und verfahre hart mit ihnen. Und ihre Herberge ist dschahannam, und schlimm ist die Fahrt dorthin.“

Sure 66, Vers 9: „O Prophet, eifere im Streit wider die Ungläubigen und die Heuchler und sei hart wider sie, denn ihre Wohnung ist dschahannam, und schlimm ist die Fahrt dorthin.“

Man sagt auch, das Verbot des Zwanges gelte speziell hinsichtlich der Leute der Schrift, da sie sich durch das Entrichten von Tribut gegen Zwang gefeit hätten. Es ist überliefert, dass einer der Helfer der Banu Salim Auf zwei Söhne besass, welche das Christentum angenommen hatten, bevor der Gesandte Gottes geschickt wurde. Beide kamen nach Medina. Ihr Vater war dauernd um sie und sprach: „Bei Gott, ich werde euch nicht eher weglassen, als bis ihr euch zum Islam bekannt habt.“ Die beiden weigerten sich indessen, und nun kamen sie alle drei mit der Streitfrage vor den Gesandten Gottes. Der Helfer sagte: „Gesandter Gottes! Soll ein Teil von mir ins Höllenfeuer kommen und ich es mit ansehen?“ Darauf kam der vorliegende Vers herab und der Vater liess die beiden gewähren.

(H. Gätje, Koran und Koranexegese, Seite 283 f, Artemis Verlag, Zürich, 1971)

Anzumerken ist, daß der hier zitierte muslimische Schriftgelehrte in seinen Betrachtungen die Frage der ► Apostasie nicht berücksichtigt hat, denn durch das Abrogationsprinzip wird die Gültigkeit von Vers 256 aus Sure 2 auch bei Glaubensabfall vollständig aufgehoben.

Wie erwähnt, stellt sich im Koran die Frage der Abrogation in dieser Deutlichkeit vor allem im Zusammenhang mit dem in Medina eingeführten Konzept des „Heiligen Krieges“, denn gerade dadurch wurden

– Gewalt an sich,
– das Gebot der unbedingten Expansion,
– die Drohung gegen alle Ungläubigen, entweder den Islam anzunehmen, den Tod zu
erleiden oder, wie im Falle der Christen und Juden, in die unterworfene Position der
dhimmis zu fallen und darüber hinaus einer Tributabpressung ausgeliefert zu sein,

dhimmitude und Schutzgelderpressung

in das Glaubensgebäude des Islam eingefügt und damit sakral legitimiert:

Sure 9, Vers 5: Sind aber die heiligen Monate verflossen, so erschlaget die Götzendiener, wo ihr sie findet, und packet sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf. So sie jedoch bereuen und das Gebet verrichten und die Armensteuer zahlen, so laßt sie ihres Weges ziehen. Siehe, Allah ist verzeihend und barmherzig.

Sure 9, Vers 29: Kämpfet wider jene von denen, welchen die Schrift gegeben ward, die nicht glauben an Allah und an den Jüngsten Tag und nicht verbieten, was Allah und Sein Gesandter verboten haben, und nicht bekennen das Bekenntnis der Wahrheit, bis sie den Tribut aus der Hand gedemütigt entrichten.

Sure 2, Vers 193: Und bekämpfet sie, bis die Verführung zum Unglauben aufgehört hat, und der Glaube an Allah da ist.

Sure 9, Vers 32: Verlöschen wollen sie Allahs Licht mit ihrem Munde; aber Allah will allein Sein Licht vollenden, auch wenn es den Ungläubigen zuwider ist.

Sure 2, Vers 216: Vorgeschrieben ist euch der Kampf, doch ist er euch ein Abscheu. Aber vielleicht verabscheut ihr ein Ding, das gut für euch ist, und vielleicht liebt ihr ein Ding, das schlecht für euch ist; und Allah weiß, ihr aber wisset nicht.

Sure 9, Vers 33: Er ist’s, der entsandt hat Seinen Gesandten mit der Leitung und der Religion der Wahrheit, um sie sichtbar zu machen über jede andere Religion, auch wenn es den Ungläubigen zuwider ist.

Koranverse zum „Heiligen Krieg“ mit Exegese

Die allfällige Weigerung von Ungläubigen, den Islam anzunehmen wird also nicht mehr, wie in mekkanischer Zeit, als Verstocktheit hingenommen und beiseite gelegt.

Vielmehr reduziert sich die Einladung zum Islam auf die Möglichkeiten

– Bekehrung
– Entrechtung

– Tod

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